Switzerland

Fussballromantik in Suhr oder warum der 2.-Liga-Auftakt sogar das 8:2 von Bayern übertraf

Das erste Tor der neuen Saison wird wegen Offsides aberkannt. «Ich habe nichts gesehen, aber der Entscheid war richtig», sagt Luigi Ponte. Der Präsident des Aargauischen Fussballverbandes ist gut gelaunt. Endlich wieder Fussball. Endlich wieder fachsimpeln live im Stadion, endlich wieder den Duft von Pommes Frites in der Nase, während das Bier gezapft wird.

«Eine so lange Zeit ohne Fussball habe ich noch nie erlebt», sagt Ponte. «Ich habe im ersten Jahr als Präsident wohl schon mehr erlebt als alle meine Vorgänger zusammen.» Wegen Corona. 

290 Tage oder 9 Monate und 16 Tage nachdem letztmals ein 2.-Liga-Spiel im Kanton Aargau abgepfiffen wurde, treffen am Freitagabend mit dem FC Suhr und dem FC Gränichen wieder zwei Teams in einem Wettbewerbsspiel auf Amateuerstufe aufeinander. «Ich habe immer daran geglaubt, dass wir pünktlich am 14. August und damit als erster Regionalverband in der Schweiz in die erste Saison nach Corona starten. Trotzdem ist es ein wunderbares Gefühl, hier zu stehen und ein Spiel zu sehen», sagt Ponte.

Der Geruch von Muskelgel

Die Sehnsucht nach Fussball ist gross und spürbar an diesem Abend. Im Garderobenge­bäude des FC Suhr hängt der Duft von Muskelgel, der – obwohl eigentlich beissend – eben doch vermisst wurde. Und als die Spieler dann wenig später auf den Platz schreiten, ist es endlich wieder da, jenes gute Gefühl, das Fussball fern von Glamour und Geld erzeugt. 

Im Vereinsrestaurant wird zwar Bayern gegen Barcelona übertragen und ein paar wenige schauen lieber dort zu. Doch an diesem Abend sind für einmal mehr Zuschauer live dabei, wenn Suhr und Gränichen ihr Derby austragen als wenn die Stars in der Champions League spielen. Während in der Königsklasse keine Zuschauer erlaubt sind,  spielen die Amateure in Suhr vor 620 Menschen. Das sind in etwa doppelt so viele wie ein Kickoff-Spiel sonst in der 2. Liga AFV anlockt.

Das Ziel: Den Vereinen zeigen, was möglich ist

Noch sind in der Schweiz an Veranstaltungen maximal 1000 Personen erlaubt. Entsprechend musste der FC Suhr ein Konzept erstellen. Der Zuschauerbereich wurde in 9 Sektoren a maximal 100 Personen unterteilt. Nachdem die Besucher an einem der beiden Eingänge ihren Namen und eine Telefonnummer hinterlegten, erhielten sie ein Armband mit einem der neun Sektorfarben.

Trotzdem hätte Suhr-Präsident Hansueli Bircher lieber darauf verzichtet, einen Kickoff-Event im gewohnten Rahmen durchzuführen:«Der Aufwand für die Durchführung war enorm. Sowohl in Arbeitsstunden wie auch finanziell.» Doch der Fussballverband wollte am besonderen Event festhalten. «Wir wollten zeigen, dass es möglich ist. Dass wir Konzepte haben, die Fussball mit Fans auch während der Coronazeit möglich machen», sagt Ponte.

Bircher rechnet mit Mehrkosten von rund 4000 Franken. Der Verband beteiligte sich mit 800 Franken und half bei der Ausarbeitung des Konzepts. «Wir wollten eine Benchmark setzen und den Vereinen aufzeigen, was alles möglich wäre», sagt Verbands-Geschäftsführer Hannes Hurter. «Natürlich muss nicht jedes Spiel so organisiert werden wenn nur 50 bis 100 Zuschauer kommen. Aber es zeigt, dass es geht.»

Grobe Verletzungen werden nicht toleriert

In Suhr ist das Publikum vorbildlich. Die Sektoren werden eingehalten. «Wir sind immer darauf angewiesen, dass sich die Fans selbstverantwortlich verhalten», sagt Ponte. Probleme kann es immer geben, darin sind sich alle Beteiligten einig. Doch Bircher sagt: «Wenn wir hier in Suhr je Menschen haben, die grob gegen unser Konzept verstossen, werde ich rechtlich gegen diese vorgehen.» Pingelig will zwar niemand sein, aber allen ist klar: Ein nochmaliger Abbruch wäre fatal.

So wunderbar es für viele ist, wieder Fussball zu erleben. Das Spiel zeigt, dass die Pause lange war und die Präzision noch fehlt. Gränichen gewinnt am Ende 1:0. Weil Rafed Bayazi einen Penalty versenkt und Suhr vom Punkt scheitert. 

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