Switzerland

Frauen werden in der Medizin oft behandelt, als wären sie Männer. Das will Antonella Santuccione Chadha ändern

Viele Hirnerkrankungen treffen Frauen stärker als Männer. Das wird in der Forschung aber kaum berücksichtigt. Um dies zu ändern, haben Wissenschafterinnen das Women’s Brain Project gegründet.

Nebel hängt über dem See, Regen ist angesagt. Doch den Wetterbericht hat Antonella Santuccione Chadha nicht konsultiert, oder zumindest hat er ihre Kleiderwahl nicht beeinflusst. In einem leicht gewebten roten Wollmantel und ebenso roten Ballerinas steuert sie um die Pfützen, ihre telefonierende Stimme ist schon von weitem zu hören.

Rot sei ihre Lieblingsfarbe, erklärt sie. Vor einigen Jahren habe sie für eine internationale Konferenz über Alzheimer aus Versehen nur rote Kleider in den Koffer gepackt. «Jeden Tag in Rot. Die müssen gedacht haben, ich sei ein Freak», sagt sie lachend. Aber wie ein Freak wirkt sie nicht, sondern wie eine Frau, die sich leidenschaftlich für ihre Mitmenschen und für die Forschung einsetzt.

Besonders am Herzen liegt ihr das Women’s Brain Project. Dieses hat sie mit drei Kolleginnen gegründet, um die weiblichen Besonderheiten bei Hirnerkrankungen zu erforschen. Denn Männer und Frauen sind nicht gleich, das hat auch die Pandemie gezeigt. Männer erkranken häufiger und schwerer an Covid-19 als Frauen. Bei vielen psychischen oder neurologischen Krankheiten ist es umgekehrt, beispielsweise sind Frauen häufiger von Depressionen, Angsterkrankungen, multipler Sklerose, aber auch von einigen Formen von Hirntumoren betroffen. Dieser Unterschied werde in der Forschung viel zu wenig beachtet, findet Santuccione.

Antonella Santuccione Chadha liegen die Patienten am Herzen.

Antonella Santuccione Chadha liegen die Patienten am Herzen.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach geehrt: 2019 von der Zeitschrift «Women in Business» als Woman of the Year in Switzerland, 2020 mit dem World Sustainability Award und kürzlich mit dem Nationalpreis Medicina Italia. Letztgenannten erhält die Italienerin auch für ihren Einsatz in ihrer Heimat während der Corona-Krise.

Die weltberühmte Forscherin aus Pescara

Santuccione lebt seit vielen Jahren in der Schweiz, mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Thalwil. Aufgewachsen ist sie aber in einem kleinen Dorf in den Abruzzen. Sie lebte auf dem Hof ihrer Grosseltern, denn die Mutter arbeitete als Lehrerin, und der Vater war als Polizist viel unterwegs. Aus ihrem Zimmerfenster sah sie die Kühe auf der Weide und die Schwalben, die sich jedes Jahr ein neues Nest unter dem Stalldach bauten.

Als im vergangenen Februar die Covid-19-Patienten massenweise in die Spitäler strömten, machte sie sich grosse Sorgen. Von befreundeten Ärzten hörte sie von den Zuständen in den Spitälern in Bergamo. Es fehlte an allem, an Betten, Personal und an Schutzkleidung. Sie fürchtete um das Leben der Freunde und ihrer Eltern. Deshalb wurde sie aktiv: Sie recherchierte, lieferte Informationen, stellte Verbindungen her, um Schutzmaterial aufzutreiben. Und sie überredete den Regierungspräsidenten der Abruzzen, Marco Marsilio, ein Spital für Covid-19-Patienten zu bauen. Bei der Einweihung des Gebäudes erzählte er wenige Wochen später: Die Einrichtung sei auch Santuccione, der weltberühmten Forscherin aus Pescara, zu verdanken, die ihn mit Anrufen und SMS bombardiert habe.

Netzwerke pflegen und Informationen austauschen gehört zu Santucciones beruflichem Alltag. Sie arbeitete einige Jahre für den Pharmakonzern Roche und ist seit kurzem für die Biotechfirma Biogen tätig. Als Head of Stakeholder Engagement im Bereich Alzheimer pflegt sie Beziehungen zu anderen Firmen, zu Patientenorganisationen, Ärzten und Fachgesellschaften. Es gehe ihr dabei immer nur um die Patienten, sagt sie. Diese brauchten viel mehr Unterstützung und gute Medikamente, die es leider noch nicht gibt. Und das klingt aus ihrem Mund so authentisch, dass man sofort die Ärztin in weissem Kittel vor sich sieht, die sie einmal war.

Sechs Jahre arbeitete sie in der Psychiatrie am Universitätsspital Zürich. Sie betreute damals nicht nur Patienten. Im Labor von Christoph Hock und Roger Nitsch verfolgte sie auch hautnah mit, wie ihre Kollegen einen Antikörper gegen Alzheimer entwickelten. Sie ahnte damals nicht, dass sie später für Biogen arbeiten würde, die Firma, die den Schweizern die Patente abkaufen sollte, mit dem Ziel, das Medikament zur Zulassung zu bringen.

Ein Fötus ohne Gehirn

In ihrer Freizeit engagiert sich die 46-Jährige vor allem für das Women’s Brain Project. Sie will damit etwas in Bewegung bringen, und das möglichst schnell. Das hat auch mit einem persönlichen Erlebnis zu tun. Sie war etwa 30 Jahre alt, als sie das erste Mal schwanger wurde. «Ich war so glücklich, als ich auf dem ersten Ultraschallbild mein Kind sah, ein Mädchen», erzählt sie. Ihre Ärztin zeigte auf dem Bildschirm die Beine, den Bauch, die Arme, die Augen – dann stockte sie plötzlich. Das Mädchen hatte kein Gehirn.

Santuccione treten Tränen in die Augen, als sie davon erzählt. Als Ärztin sei sie auf vieles gefasst gewesen, Down-Syndrom, Autismus – aber kein Gehirn? «Die totale Ironie des Schicksals: Eine Hirnforscherin bekommt ein Kind ohne Gehirn.» Sie musste die Schwangerschaft abbrechen, das Kind hätte nicht überleben können. Später habe sie herausgefunden, dass diese sehr seltene Krankheit bei weiblichen Föten häufiger sei als bei männlichen. Woran das liegt, weiss man nicht – noch nicht.

Aber dieses Erlebnis ist nicht der einzige Grund, weshalb Santuccione die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in den Fokus rücken will. Von 2014 bis 2018 arbeitete sie beim Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic und prüfte Dossiers für die Zulassung von neuen Medikamenten. Von daher weiss sie, dass Frauen in klinischen Studien oft unterrepräsentiert sind. Besonders in den frühen Phasen, in denen wichtige Informationen über die Dosierung und die Toxizität der Wirkstoffe gewonnen werden. Das hat Folgen: Schwerwiegende Nebenwirkungen bei Frauen sind bei acht von zehn Medikamenten, die nach einer Zulassung zurückgezogen werden, der Grund.

Dass Frauen teilweise anders auf Medikamente reagieren als Männer, ist mittlerweile bekannt, deshalb sollten neue Wirkstoffe immer an beiden Geschlechtern getestet werden. 2019 wurde ein HIV-Medikament zugelassen, allerdings nur für Männer, weil der Wirkstoff in den klinischen Studien nicht an Frauen getestet worden war. Diese Ungerechtigkeit ist für Santuccione untragbar.

Grössere Beachtung erzielte das Women’s Brain Project erstmals mit einer wissenschaftlichen Publikation über die geschlechtsbedingten Unterschiede bei der Alzheimerkrankheit. Doppelt so viele Frauen wie Männer erkranken daran. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass mehr Frauen ein hohes Alter erreichen. Aber das allein reicht nicht aus, um die ungleiche Verteilung zu erklären.

Kaum erforschte Unterschiede

Für ihren Bericht durchkämmten die Forscherinnen viele Studien, auf der Suche nach Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Sie zeigten, dass der kognitive Verfall bei Frauen schneller voranschreitet als bei Männern und dass das Hirngewebe bei ihnen stärker abgebaut wird. Hormonelle Unterschiede werden als eine mögliche Ursache diskutiert. Die Wissenschafterinnen legten zudem dar, dass viele bekannte Risikofaktoren für eine Alzheimerkrankheit, wie ein tiefer Bildungsgrad, Armut oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, unterschiedlich verteilt sind. Es sind nicht nur biologische Unterschiede, sondern auch soziokulturelle Faktoren, die das Risiko erhöhen. Beispielsweise scheinen die Pflege eines Alzheimerpatienten und der damit verbundene Stress das Risiko zu erhöhen, selbst an Alzheimer zu erkranken. Die Pflege wird heutzutage meist von weiblichen Angehörigen übernommen.

Vor allem aber wiesen die Wissenschafterinnen darauf hin, dass die Unterschiede kaum erforscht sind, obwohl sie so offensichtlich sind. Die Publikation brachte der Organisation viel Beachtung. Mit dem Erfolg kamen auch erste Geldgeber, Philanthropen und Forschungsförderer wie der Schweizerische Nationalfonds. Noch arbeiten fast alle Mitarbeiter – wie Santuccione auch – unentgeltlich, aber die Organisation wächst. Und mittlerweile kommt auch Anerkennung von Kollegen, die es anfangs für unnötig erachteten, auf diese Unterschiede zu fokussieren.

Auch im Privaten scheinen Unterschiede Santuccione anzuziehen. 2006 verliebte sie sich in einen in Deutschland aufgewachsenen indischen ETH-Absolventen. Bald wurden sie ein Paar, der Ingenieur aus einer grossen indischen Ingenieursfamilie und die Ärztin aus einem kleinen Dorf in den Abruzzen. Beide Familien liefen Sturm. Sie fürchteten, die kulturellen Unterschiede seien für das Paar längerfristig unüberwindbar. Doch diese Angst war unbegründet. «Natürlich streiten wir, wie jedes Paar, aber nie über kulturelle Unterschiede oder die Erziehung», sagt Santuccione.

Wie unkompliziert diese kulturelle Vereinigung gelebt wird, zeigt sich im gemeinsamen Heim in Thalwil. Fein verzierte Holztruhen aus Indien kontrastieren mit einer klassischen Vitrine, in der weisses Porzellan glänzt – das Hochzeitsgeschenk der italienischen Eltern. Ihr Mann serviert Chai, später kocht er Spaghetti mit Sugo.

In letzter Zeit unterstützt er seine vielbeschäftigte Frau viel. Aber die klassische Doppelbelastung der Frau kennt Santuccione nur zu gut. Als ihr erster Sohn geboren wurde und sie als Ärztin in Zürich arbeitete, nahm ihr Mann in Deutschland eine Stelle an. «Das war eine harte Zeit», sagt sie, und ein leiser Vorwurf ist in ihrer Stimme zu hören.

Hohe Ziele

Als Feministin sieht sich Santuccione nicht. Ihr gehe es nur um Gerechtigkeit. In feministischen Kreisen war es lange verpönt, biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu beschreiben, aus Angst, dass diese zur Zementierung traditioneller Rollen benutzt würden. Santuccione verfolgt einen anderen Ansatz. Indem sie die Unterschiede erforscht, will sie eine bessere und gleichwertige Gesundheitsbehandlung erreichen.

Dafür steckt sie sich hohe Ziele. Mit dem Women’s Brain Project will sie ein Forschungsinstitut gründen, das sich voll und ganz der Erforschung von geschlechtsbedingten Unterschieden bei Hirnerkrankungen widmet. Sie ist im Gespräch mit verschiedenen Geldgebern. «Wir brauchen viel Geld dafür, aber ich glaube, wir bekommen es», sagt sie.

In ihrem Keller reihen sich die Gläser mit eingemachtem Gemüse aneinander – von der Mamma aus Italien. Santuccione erzählt, sie wolle später auch einmal Gemüse anbauen und den Hof ihrer Eltern übernehmen. Doch dann fällt der Blick auf eine architektonische Zeichnung eines römischen Gebäudes in beeindruckender Detailtreue. Stundenlang habe sie vor den Häusern gesessen und gezeichnet. «Ich hätte Künstlerin werden sollen», sagt sie mit einem Anflug von Wehmut. Das Leben sei einfach zu kurz.

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