Switzerland

Fassungslos – und dennoch gefasst

Am Vorabend der Altweiberfasnacht in Deutschland kommt es an mehreren Stellen im südhessischen Hanau zu einem Terroranschlag mit elf Toten. Auch der Amokläufer stirbt in der Nacht auf Donnerstag. Am Vormittag und Mittag werden die Tatorte noch von Einsatzkräften, Reporten und Schaulustigen dominiert. Ein Augenschein. 

Die Polizei sichert den Tatort, während die Spurensicherung Beweismittel sichert.

Die Polizei sichert den Tatort, während die Spurensicherung Beweismittel sichert.

Michael Probst / AP

Der mutmassliche Attentäter von Hanau wollte offenbar Spuren hinterlassen: In einem überdachten Durchgang zwischen zwei Geschäften ist an eine weisse Wand die Webseiten-Adresse von Tobias R. gesprayt. Der Verdacht liegt nahe, dass der Täter selbst diesen Schriftzug keine 50 Meter vom zweiten Tatort entfernt hinterlassen hat – bestätigt ist das von der Polizei aber noch nicht. Der zweite Tatort ist das Lokal «Arena Bar & Café», das sich in der Ladenzeile im Erdgeschoss eines zehnstöckigen Mehrfamilienhauses befindet. Vor der Tür ist ein grosser Parkplatz für den neben dem Haus gelegenen Discount-Supermarkt von Lidl. In dem Lokal sollen mehrere Menschen erschossen worden sein und auf dem Parkplatz soll ein Mensch in seinem silbernen Mercedes ermordet worden sein. Der Mercedes ist inzwischen von einem roten Zelt der Feuerwehr Hanau vor Blicken geschützt.

Schaulustige kannten einige Opfer

Am Vormittag dieses grauen und regnerischen donnerstags, an dem in Deutschland in vielen Gegenden die Altweiber-Fasnacht startet, befinden sich vor dem Tatort beinahe mehr Reporter und Polizisten als Neugierige oder Anwohner. Ein 30-jähriger Türke, der seinen Namen nicht sagen möchte, erzählt, er sei selbst öfters in dem Shop gewesen und erkenne mehrere Opfer. Ein ermordeter sei ein Afghane gewesen, dessen Bruder liege mit einem Halsschuss im Krankenhaus. Der junge Mann hat sogar noch ein altes Foto des Verletzten auf dem Handy. Er ist es auch, der von dem Schriftzug an der Wand in der nahen Passage erzählt. Er sei sprachlos, meint der 30-Jährige weiter, die Gegend sei immer ruhig gewesen. Dass sich so ein Verbrechen in Hanau ereignet, konnten sich viele der herumstehenden Anwesenden bis zum heutigen Tag nicht vorstellen.

Fassungslos und dennoch gefasst, so wirken fast alle der anwesenden Betroffenen und Schaulustigen. Direkt zwischen dem Lidl und einem nur 20 Meter entfernt gelegenen Seiteneingang des Mehrfamilienhauses unterhalten sich offenbar Bekannte der Opfer mit Polizisten, nur getrennt durch ein rot-weisses Absperrband, das die Polizei weiträumig um den Tatort gezogen hat. Vor Ort sind auch Beamte der sogenannten Einsatzabschnitts-Betreuung, die für Angehörige und Freunde als Ansprechpartner fungieren. Sie dürfen den Betroffenen gesicherte Informationen weitergeben.

Zugriff der Polizei offenbar um drei Uhr nachts

Der Multikulti-Stadtteil ist überwiegend gekennzeichnet von Mehrfamilienhäusern mit schätzungsweise sechs bis zehn Wohnungen und wenigen grossen Wohnblöcken mit offenbar bis zu 60 Einheiten. Dazu gesellen sich versprengt kleinere Reihenhaus-Zeilen oder etwas heruntergekommen wirkende Bungalows. Die Weststadt gehört nicht zu den beliebtesten Adressen im südhessischen Hanau. Die Leiche des Täters und seiner Mutter wurde nur 5 Gehminuten vom zweiten Tatort in einer Reihenhaus-Siedlung gefunden. Ob es sich um die Wohnung des Täters oder seiner Eltern handelt, scheint noch unklar zu sein. Eine Anwohnerin erzählt jedenfalls im Gespräch, es sei die Wohnung der Eltern, der Vater habe dort die kranke Mutter des Täters gepflegt. Der Vater, über den bisher nichts bekannt ist, gelte in der Nachbarschaft als etwas eigensinniger Mensch mit kleinem Hang zum Querulantentum.

Laut der Anwohnerin – gepflegt, grauhaarig und um die 50 Jahre alt, habe die Weststadt in Hanau ein negatives Image. Im Quartier hätte es quasi zwei Gruppen von Meinungen über den immer stärkeren Zuzug von Ausländern und Deutschen mit Migrationshintergrund gegeben. Die einen hätten gemeint, man vertrage sich doch wunderbar, die andern hätten sich über die zunehmende Anzahl von Ausländern in der Gegend mokiert. Eine weitere, orientalisch aussehende Anwohnerin erklärt einem Reporter, sie sei nachts um drei von einem lauten Knall wach geworden. Zu diesem Zeitpunkt hatte offenbar die Polizei das Haus gestürmt. Über dem Stadtteil sei ein Helikopter gekreist. Viel mehr habe sie jedoch nicht mitbekommen, sagt die erschüttert wirkende Frau.

Hessens Innenminister Beuth informiert sich vor Ort

Der Stadtteil liegt bestenfalls zehn Fahrminuten vom ersten Tatort in der Hanauer Innenstadt entfernt. In der Strasse Heumarkt, fast direkt Ecke Krämerstrasse, startete der Attentäter nach bisherigem Kenntnisstand seinen Amoklauf in der Shisha-Bar «Midnight». Nach noch unbestätigten Angaben soll es auch in einer Bar zwei Geschäfte weiter ein Opfer gegeben haben. Vor der Tür dieser Bar namens «La Votre» befinden sich am Mittag jedenfalls noch Markierungen der Spurensicherung. Kurz nach 12 Uhr verlässt gerade der hessische Innenminister Peter Beuth den Tatort, nachdem er sich dort von Beamten über den Tathergang hat informieren lassen. Das Midnight und La Votre liegen direkt gegenüber dem nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebauten «Hotel zum Riesen», in dem Napoleon anno 1812 offenbar mal eine Nacht verbracht hat – für die Hanauer ein kleiner Ort mit Geschichte.

Heutzutage ist die Gegend geprägt von typischen Lokalitäten der Nachtschwärmer – Bars, Spielhallen, Imbissen, Shops für Sportwetten und Nachtklubs. Die Strasse Heumarkt ist am Donnerstagmittag von der Polizei noch weitgehend abgesperrt. Vereinzelt schauen Anwohner immer wieder auf die Szenerie von Polizisten, Fernsehkameras und Schaulustigen. Ein paar Jugendliche erzählen Reportern, sie würden selbst in Lokalen in der Nähe jeweils bis nachts um zwei Uhr oder drei Uhr arbeiten. Die nächsten Schichten würden sie wohl schon mit einem beklemmenden Gefühl zur Arbeit gehen, meint einer der Jugendlichen, der die Multikulti-Stadt Hanau für die Offenheit gegenüber Migranten und Flüchtlingen lobt. Die Polizeidirektion Main-Kinzig ist nur wenige Minuten vom Tatort entfernt, weswegen sich einer der Anwesenden über die angeblich lange Dauer bis zum Eintreffen der Polizei beschwert. Verifiziert sind solche Einschätzungen von Schaulustigen natürlich nicht.

Karnevalsumzug in Hanau abgesagt

Hanau mit seinen knapp 100 000 Einwohnern ist an diesem Donnerstag sicherlich im Ausnahmezustand, wenngleich man davon abseits der Tatorte wenig bemerkt. Doch natürlich haben die Menschen nur ein Thema, die Wahnsinnstat mit elf Toten. Der geplante Karnevalsumzug in der Stadt im Regierungsbezirk Darmstadt ist bereits abgesagt, in Hessen sowie ganz Deutschland hängen die Fahnen an öffentlichen Gebäuden auf Halbmast und im ganzen Land gibt es Schweigeminuten. Die Menschen müssen das Geschehene nun verarbeiten. Doch dieser Prozess dürfte erst anfangen, wenn an den Tatorten das derzeit noch überall präsente Flatterband der Polizei eingerollt ist.

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