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Er tötete zehn Menschen in Hanau: Das zerrissene Leben von Tobias R.

Bevor er zum Massenmörder wurde, führte Tobias R.* (†43) ein normales Leben. Er war Amateurfussballer, Sportschütze und beruflich erfolgreich. Doch dann veränderte er sich und wurde zum kaltblütigen Killer. R. ermordete am Mittwoch in Hanau (D) zehn Menschen – neun von ihnen hatten einen Migrationshintergrund. Zuletzt tötete er seine eigene Mutter. Dann richtete er sich selber.

Doch wie konnte aus dem normalen Jungen aus Hanau ein rechtsextremer Massenmörder werden?

Teil einer «Multikulti-Truppe»

Tobias R. wird am 17. Februar 1977 in Hanau geboren. Er wächst unter guten Bedingungen auf, seine Eltern tun alles für ihn. Sein Vater ist Betriebswirt, seine Mutter (†72) Hausfrau, wie ein langjähriger Freund gegenüber «Bild» erzählt. Die beiden verbrachten viel Zeit miteinander. «Wir waren eine Gruppe von fast 30 Jugendlichen, die coolste Multikulti-Truppe von Hanau», sagt der Jugendfreund. Im Abi-Jahrbuch beschreiben ihn seine Mitschüler aber auch so: «Einer der durchgeschossensten Leute des Jahrgangs. Macht auf obercool und Karriere. Schwallt oft ohne Inhalt und Ziel. Schwankt zwischen lieb und hyperaggressiv», heisst es etwa.

Laut «Bild» spielte R. Fussball im Nachwuchs von Eintracht Frankfurt, zeitweise sogar unter dem heutigen Star-Trainer Jürgen Klopp. Eine Knieverletzung beendete seine Karriere aber abrupt – ein schwerer Schlag für ihn. Zu dieser Zeit soll er sich verändert haben, sagt sein Jugendfreund. R. sei mit dem Auto durch Hanau gerast, habe mit einer Schreckschusspistole auf Leute gezielt und gesagt: «Die kriegen wir alle.» Er sei ein zerrissener Typ gewesen, der ein Leben zwischen Spiessertum und Gangsta-Rap führte.

«Er war total unauffällig»

Nach seinem BWL-Studium machte er Karriere in einem Versicherungskonzern. Vor zwei Jahren trennte er sich im Streit von seinem Arbeitgeber. Bis zu seinem Tod wohnte er bei seinen Eltern. Zudem soll er nie eine Freundin gehabt haben – das war für Bekannte auffällig. Durch eine rechtsextreme Gesinnung fiel er offenbar aber nicht auf. Im Sportschützenverein Diana Bergen-Enkheim, in dem er Mitglied war, sah man keine Anzeichen für die kommende Katastrophe. Nach Angaben des Vereins sei er nie mit fremdenfeindlichen Übergriffen in Erscheinung getreten. «Er war total unauffällig», sagt der Vorsitzende Claus Schmidt gegenüber «Stern».

Im November letzten Jahres trat Tobias R. zum ersten Mal bei den Behörden in Erscheinung. Damals erstattete er Strafanzeige gegen eine unbekannte geheimdienstliche Organisation. Die Anzeige war 19 Seiten lang und soll mehrere Passagen seines Abschiedsmanifests beinhaltet haben – jenes Manifest, das er kurz vor seinem Angriff im Internet veröffentlichte. Ermittlungen gab es keine.

Offene Fragen

Dann wird sein Verhalten immer wirrer, nimmt paranoide Züge an. Er glaubt, er werde überwacht. Auf seiner Internetseite veröffentlicht er seine Ansichten über die Welt. Aus seinen Schriften geht hervor, dass er der Meinung war, gewisse Völker müssten vernichtet werden. Dabei nennt er Länder wie Syrien, Marokko, Vietnam und Laos. Vier Tage vor seiner Tat nimmt er ein Video auf und spricht darin von unsichtbaren, geheimen Gesellschaften.

Am gleichen Tag filmt ihn eine Überwachungskamera in einem Wettbüro – spionierte er ein mögliches Anschlagsziel aus? Man weiss es nicht. Es ist eine von vielen offenen Fragen, deren Antworten R. vielleicht für immer mit ins Grab genommen hat.