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Ein russischer Aktivist streut pikante Videos und Screenshots, um die Verlogenheit von Politikern anzuprangern. Nun steht Macrons Partei im Kampf um Paris ohne Kandidaten da

Noch vor kurzem hatte die Bewegung des französischen Präsidenten zwei Bewerber um das Bürgermeisteramt in Paris – nun gar keinen mehr. Macrons Favorit Benjamin Griveaux stolpert über intime Videos.

Benjamin Griveaux hat überraschend seine Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters von Paris zurückgezogen.

Benjamin Griveaux hat überraschend seine Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters von Paris zurückgezogen.

Benoit Tessier / Reuters

In etwas mehr als vier Wochen werden in Frankreichs knapp 35 000 Gemeinden die Bürgermeister neu gewählt. Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt dabei das Rennen um das Pariser Rathaus; jeder Präsident hofft darauf, in dem symbolbehafteten Amt einen Vertrauten installieren zu können. Für Emmanuel Macrons Bewegung La République en marche (LREM) könnte es derzeit nicht viel schlechter laufen. Am Freitagmorgen hat sein Kandidat Benjamin Griveaux überraschend seine Kandidatur zurückgezogen.

Am Mittwoch zuvor waren im Internet intime Videos und Screenshots von Konversationen aufgetaucht, die er im Frühjahr 2018 vermeintlich mit einer Frau – nicht der seinen – ausgetauscht haben soll. Griveaux soll laut Medienberichten am Donnerstagmorgen davon gewusst haben. Er entschied sich aber dennoch dazu, wie geplant sein Wahlprogramm öffentlich vorzustellen. Am Freitagmorgen zog er sich dann aber schliesslich zurück – um seine Familie zu schützen, wie er sagte. Sein Anwalt teilte mit, sein Klient werde womöglich Klage wegen Verletzung der Privatsphäre einreichen.

Russischer Aktivist an der Quelle

Der Urheber des politischen Sturms hat sich zu erkennen gegeben. Pjotr Pawlenski, ein russischer Aktivist, der seit 2017 als anerkannter politischer Flüchtling in Paris lebt, meldete sich bei der Redaktion der Zeitung «La Libération». Er gab an, die Videos und Screenshots von einer Person erhalten zu haben, die ein einvernehmliches Verhältnis mit Griveaux gehabt habe. Wie er auch auf seiner Website erklärt, wollte er mit dieser Aktion die Verlogenheit des Politikers zeigen, der in seiner Kampagne einen Schwerpunkt auf die Familie lege. Auf seiner Website zitiert Pawlenski mehrere Aussagen von Griveaux, in denen er über seinen Alltag mit seiner Frau und den drei Kindern spricht. Pawlenski ist in Frankreich kein Unbekannter. 2017 wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er ein Gebäude der Banque de France in Brand gesetzt hatte. Er reklamierte die Aktion als politische Kunst. Noch in Russland hatte er sich einst den Mund zugenäht, um gegen die Verurteilung von Mitgliedern der Punkband Pussy Riot zu demonstrieren.

Griveaux äusserte sich nicht zu der Authentizität der Videos. Er bekam dennoch nicht nur aus seiner Partei Zuspruch, sondern auch aus allen politischen Lagern. Während ein Vertreter der linken Bewegung von La France insoumise die Amerikanisierung der französischen Politik beklagte, teilte der Sprecher des rechtsextremen Rassemblement National mit, man suche einen Politiker, nicht einen Pfarrer. Auch Griveaux’ wichtigste Konkurrentinnen, die sozialistische Amtsinhaberin Anne Hidalgo sowie die Konservative Rachida Dati, beklagten das raue Klima beziehungsweise die Verletzung der Privatsphäre.

Niemand drängt sich vor

Für beide war Griveaux bis zuletzt keine ernsthafte Konkurrenz gewesen. Der Kandidat von Macrons Partei lag in den Umfragen deutlich hinter den beiden Frauen. Der 42-Jährige hatte sich als Erster als Kandidat zu erkennen gegeben und dafür bereits im vergangenen Frühling seinen Posten als Regierungssprecher aufgegeben. Doch trotz seiner minuziösen Vorbereitung und medialer Omnipräsenz schien er bei den Wählern nicht zu überzeugen. Bis vor zwei Wochen hatte er zudem einen innerparteilichen Konkurrenten. Als dieser sich selbst nach einem Gespräch mit Emmanuel Macron weigerte, Griveaux zu unterstützen, wurde er aus der Partei ausgeschlossen. 

Nur rund zwei Wochen später steht LREM nun ganz ohne Kandidat da. Wie schon im Europawahlkampf, wo Macrons Spitzenkandidatin Nathalie Loiseau eher durch ihre hölzerne Art als durch Eloquenz auffiel und schliesslich einen Skandal am Bein hatte, entpuppte sich Griveaux als schlechte Wahl für eine derart wichtige Position. Sein Nachfolger oder die Nachfolgerin wird die undankbare Aufgabe haben, sich in kurzer Zeit für einen Kampf zu exponieren, der schon so gut wie verloren scheint. Zwei Ministerinnen, die im Gespräch waren, haben bereits öffentlich abgesagt.