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Ein Jahr nach dem Unfalltod auf der Baustelle: Yves' Familie wünscht sich Gerechtigkeit

Engelsfiguren, Pusteblumen und Kerzen verteilen sich um das weiss eingerahmte Foto, auf dem ein lächelnder junger Mann abgebildet ist. Auf der anderen Seite der Fernsehkommode erhellt eine Laterne das Wohnzimmer. Auch hier findet sich das gleiche Motiv: Der fröhliche Teenager blickt einem entgegen. «Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich dich vom Himmel holen», steht auf der Laterne geschrieben. «Er war ein toller Sohn, mein zweitjüngster», sagt Christian Radakovits. Die Rede ist von Yves. Am 5. Dezember 2019 verunglückte der damals 15-jährige Maurerlehrling aus Geroldswil tödlich auf einer Baustelle in Dietikon, als er von einer rund zwei Tonnen schweren Betonplatte erschlagen wurde (die «Limmattaler Zeitung» berichtete). Am Sonntag, 24. Januar, würde Yves seinen 17. Geburtstag feiern, wenn der tragische Vorfall nicht passiert wäre.

Ein Jahr nach dem Unfall beschäftigt Yves’ Tod die Familie noch immer. «Ich stehe morgens auf und denke daran und gehe abends zu Bett und denke daran», sagt Christian Radakovits. Seiner Ex-Frau Nicole und seinen drei anderen Kindern geht es gleich. Die Fragen nach dem Warum lässt die Hinterbliebenen nicht los. «Warum standen die Betonelemente ungesichert in der Baugrube?», «Warum fiel dies niemandem auf der Baustelle auf?», «Warum wurde Yves befohlen, neben den ungesicherten Platten den Boden zu spitzen?»

Antworten haben die Radakovits’ bisher keine erhalten – weder von den beiden beteiligten Baufirmen (Namen der Redaktion bekannt) noch von der Zürcher Staatsanwaltschaft, die den Unfallhergang untersucht. «Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind noch immer im Gange. Innerhalb von einem Jahr wurden lediglich drei Einvernahmen durchgeführt. Wir verstehen nicht, weshalb das so schleppend vorwärtsgeht», sagt Radakovits. Bereits nach ein paar Monaten habe die Staatsanwaltschaft vergangenes Jahr Corona-Kredit-Betrüger zur Anklage gebracht. «Weil es um Geld ging, konnte die Angelegenheit schnell abgewickelt werden. Das ist für uns ein Hohn. Es kommt uns vor, als wäre Yves ein Stück Holz gewesen, das kaputtgegangen ist. Die Unmenschlichkeit der beteiligten Firmen, Behörden und der Anwälte tut uns weh und macht uns wütend.»

«Yves’ Tod wäre vermeidbar gewesen»

Es handle sich bei Yves’ Unfall schliesslich nicht um einen Krimi, der erst noch gelöst werden müsse, sagt Radakovits. «Die beteiligten Firmen und die Angestellten, die an diesem Tag vor Ort waren, sind bekannt.» Für den Vater, der selbst als Planer in der Baubranche arbeitet, ist klar: Yves’ Tod wäre vermeidbar gewesen. «Es gibt Unfälle, die man nicht verhindern kann. Doch diesen schon. Arbeiter und die Bauleitung hätten sehen müssen, dass die Platten nicht senkrecht und ungesichert in der Baugrube stehen dürfen. Zudem hätten sie Yves, der erst seit drei Monaten für die Firma tätig war, nicht dort arbeiten lassen sollen, wenn die Platten bewegt werden», sagt Radakovits. Es sei ihm klar, dass auf Baustellen ein grosser Zeitdruck herrsche. Alles müsse schnell gehen, aber nicht auf Kosten der Sicherheit.

Enttäuscht ist die Familie vom Verhalten von Yves’ Lehrlingsbetrieb und der anderen beteiligten Baufirma. «Yves’ Lehrmeister ist einen Tag nach dem Unfall bei uns vorbeigekommen und hat uns kondoliert. Das war das einzige Mal, dass er auf uns zukam. Von der anderen Firma haben wir bis heute nichts gehört», sagt Radakovits. Dies, obwohl Yves’ Grossvater seit 30 Jahren für das Unternehmen arbeite. Zu Beginn habe man fast noch Mitleid mit den Firmen und Yves’ Kollegen gehabt, die das Unglück miterlebten. «Doch als wir bei den Einvernahmen merkten, dass sie so tun als sei nichts Schlimmes passiert, teilweise sogar die Aussagen verweigerten und Yves die Schuld in die Schuhe schieben wollten, waren wir fassungslos. Wie kann man so herzlos und kalt sein?»

Die Radakovits’ wünschen sich Gerechtigkeit. «Die Firmen sollen zu ihren Fehlern stehen und Verantwortung übernehmen. Es geht uns nicht ums Geld. Kein Geld der Welt bringt uns unseren Yves zurück», sagt der Vater. Wichtig ist den Hinterbliebenen, dass die Unternehmen dafür sorgen, dass einem Lehrling nie wieder so etwas widerfährt wie Yves.

Die Ungewissheit ist für die Familie nur schwer zu ertragen. «Wir können mit dem Ganzen nicht abschliessen, da wir noch immer keine Klarheit haben, was das Rechtliche anbelangt», sagt Radakovits. Seit der Beerdigung seines Sohnes besuchen er und sein ältester Sohn Mike jeden Tag das Grab von Yves auf dem Weininger Friedhof. «Es ist zu einem Ritual geworden, dass wir jeden Abend Kerzen anzünden. Ich fühle mich Yves näher an seinem Grab.»

Die Familie am Grab

Die Ungewissheit ist für die Radakovits' nur schwer zu ertragen. Seit der Beerdigung besuchen Vater Christian Radakovits und sein ältester Sohn Mike jeden Tag das Grab von Yves auf dem Weininger Friedhof. «Es ist zu einem Ritual geworden, dass wir jeden Abend Kerzen anzünden. Ich fühle mich Yves näher an seinem Grab», sagt der Vater. 

Dass ihr Sohn vor ihnen gehen musste, ist für Radakovits und seine Ex-Frau eine Bürde, die sie ihr ganzes Leben tragen müssen. «Er hatte noch sein ganzes Leben vor sich. Meine Eltern, die 82 Jahre alt sind, sagen oft, dass sie gerne mit ihm getauscht hätten.» Seinen anderen Kindern zuliebe, versucht Radakovits weiterzumachen. «Doch ich muss sagen, dass ich nach Yves’ Tod weniger am Leben hänge, weil ich etwas habe, was danach auf mich wartet und darauf freue ich mich.»
Yves wäre am 24. Januar 17 Jahre alt geworden. «Geburtstage und Weihnachten sind besonders schlimm für uns. Ich habe nur einen Tag nach Yves’ Geburtstag. Wir feierten immer zusammen», sagt Radakovits. Auch sonst sei sein Sohn ihm sehr ähnlich gewesen. «Es war so, als würde sich meine Jugend nochmals vor meinen Augen abspielen.»

Er kümmerte sich um seinen behinderten Bruder

«Yves war ein sehr sozialer, liebenswerter und empathischer Mensch», beschreibt ihn sein Vater. Eine besondere Beziehung hatte er zu seinem vier Jahre jüngeren Bruder Len. «Sie waren unzertrennlich so wie Zwillinge. Len ist mittelschwer geistig behindert. Yves hat sich um ihn gekümmert, ihn überall mitgenommen und ihn in seinem Kollegenkreis integriert», sagt Radakovits. Die Brüder hätten immer zusammen in einem Bett geschlafen. «Yves machte das nicht, weil er musste, sondern weil er es gern tat. Als Len Yves einmal sagte, dass er das nicht mehr wolle, war Yves nämlich sehr traurig», erinnert sich Radakovits.

Yves war beliebt bei seinen Kollegen und bei Bekannten, spielte einige Zeit Fussball beim FC Oetwil-Geroldswil. «Er war intelligent, ab der Oberstufe aber ein fauler Schüler. Deshalb entschied er sich auch für eine Maurerlehre. Eigentlich wollte er Informatiker werden.» Yves sei ein tolles Kind gewesen, eines, das sich immer für die Schwächeren eingesetzt habe. «Es ist umso trauriger, dass sich nun niemand für ihn und für uns einsetzt», sagt Radakovits und blickt auf Yves’ Bild und dann auf die Pusteblume, die danebensteht. «Er hat mal eine riesige Pusteblume seinem Mami nach Hause gebracht. Sie verkörpert ihn jetzt symbolisch.» Auf Yves’ weissem Grabstein soll eine solche eingemeisselt werden, verrät Radakovits. «Hinzu kommen sechs Samen, die um die Blume fliegen. Eine ist bereits etwas weiter weg. Das ist Yves.»

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