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Echt jetzt? Ja! Der nächste Zürcher «Tatort» ist ... super!

Polizeiexperten bestätigen: In Realität geraten Ermittelnde niemals so oft in Lebensgefahr wie im «Tatort». Gottseidank! Bild: SRF/Sava Hlavacek

Review

Echt jetzt? Ja! Der nächste Zürcher «Tatort» ist ... super!

Höchstens ein halber Mini-Spoiler! Nein, eigentlich keiner.

Ich machte mich missgünstig an diesen Job. Ich war entschlossen, auch den zweiten Zürcher «Tatort» schlecht zu finden. Mindestens so schlecht wie den ersten, vielleicht noch etwas schlechter. Ich fragte mein Liebesleben: «Willst du mit mir sehen?» Es fragte: «Was?» – «Den neuen Zürcher ‹Tatort›.» – «Spinnst du? Da musst du alleine durch.» Kurz zuvor hatte ich einen deutschen Journalisten getroffen, der sagte: «Schweizer ‹Tatort›? Unschaubar. Komische Fälle, komische Schauspieler, unterirdische Dialoge.»

Als ich meine Homeoffice-Wabe nach 90 Minuten wieder verliess und die Homeoffice-Wabe meines Liebeslebens durchquerte, fragte es: «Und?» – «Super», sagte ich, «total super.» Es gibt nichts Schöneres als positiv überrascht zu werden. Und obwohl die Crew hinter «Schoggiläbe» (okay, man darf sich nicht vorstellen, wie sehr sich das deutsche Publikum wohl über die Schweizer Titel lustig macht, es ist zu demütigend) die gleiche ist wie hinter «Züri brännt», kommen einem die beiden Fälle vor wie Tag und Nacht.

«Züri brännt» war hektisch verzettelt gewesen im Versuch der Zürcher Geschichtsaufarbeitung, war unglaubhaft in der Motivation und mit unendlich verästelten Nebenhandlungen überladen. Zudem mussten sich die beiden neuen Kommissarinnen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) und Tessa Ott (Carol Schuler) direkt im Klischeezustand des Zickenkriegs begegnen.

Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) vor dem ungewöhnlich blutverspritzten Vorhang einer Zürichberg-Villa. Bild: SRF/Sava Hlavacek

«Schoggiläbe» (das heisst «ein Leben auf der Sonnenseite», klärt uns die «Tatort-Page der ARD auf) handelt vom Tod eines Schoggibarons. Oje, dachte ich mir, schlimmer kanns eigentlich nicht mehr werden, die Uhrenschweiz haben wir in Gestalt von Isabelle Grandjean schon, deren Uhrmacher-Vater in La Chaux-de-Fonds zum Opfer der Uhrenindustriekrise wurde. Die Käseschweiz war noch kein Thema, aber jetzt die Schoggischweiz? Zum Glück ist die Schoggi dann gar kein Thema, es könnte sich beim Toten Herrn Chevalier auch um irgendeinen anderen Zürichberg-Millionär handeln. Wichtig sind nämlich:

1. Ziemlich exaltierte dynastische Verstrickungen zwischen Chevaliers Mutter und seiner eisig-ehrgeizigen Tochter. Zwei Rollen, die mit faszinierenden Schauspielerinnen besetzt sind. Sibylle Brunner (Schweizer Filmpreis als beste Darstellerin in «Rosie») ist eine derart grundböse alte Dame, dass Dürrenmatt sich vor ihr in den Staub werfen würde, wenn er noch lebte. Und Elisa Plüss als ungeliebte Tochter ist sowas wie ein tiefgefrorenes Schneewittchen. Und eine perfekte junge Widergängerin der Schweizer Schauspiellegende Anne-Marie Blanc. Die beiden liefern sich ein fein ziseliertes Psycho-Duell.

Grossmutter (Sibylle Brunner) und Enkelin (Elisa Plüss) vor dem Hintergrund eines feudalen Schoggi-Headquarters. Bild: SRF/Sava Hlavacek

2. Das melancholische, libidinöse Schicksal des Schoggibarons.

3. Das Klaffen der Klassenwunde zwischen denen am Züriberg und denen weiter unten. Also auch zwischen der Superreichen-Tochter Tessa Ott (die mit der Schoggiprinzessin aufwuchs) und dem Uhrmacher-Kind Isabelle Grandjean. Überhaupt ist die Dynamik zwischen den beiden Kommissarinnen jetzt sehr viel differenzierter und geht tiefer als in «Züri brännt». So tief, dass mir beim Finale Tränen in den Augen standen. Ehrlich.

4. Fein dosierte Zugaben von geheimnisvollen Anspielungen, Spannung, Ironie und Surrealem. In nicht weiter eingeführten, kurzen Ego-Spots werden etwa die Kernprobleme von Ott, Grandjean und der Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) zusammengefasst. Das wirkt erfrischend meta.

Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) besitzt eine reichlich schrullige Verhörmethode. Bild: SRF/Sava Hlavacek

Es ist, als wäre «Schoggiläbe» mit einer ruhigeren, sensibleren, konzentrierteren und sehr viel abgründigeren Feder geschrieben worden als «Züri brännt». Und als hätte Regisseurin Viviane Andereggen plötzlich Vertrauen in ihr Ensemble gefasst und ihm Zeit gegeben, aus dem plakativen Korsett schneller Schraffuren herauszukommen und sich zu entwickeln. Die Kamera von Martin Langer war auch beim letzten Mal schon souverän und ist es geblieben.

Nur eins ist leicht seltsam: Dass ausgerechnet La Chaux-de-Fonds, von dem jahrelang nie in irgendeiner SRF-Fiktion die Rede war, plötzlich der einzige Ort im Welschland zu sein scheint. «Wilder III» spielte schon dort, und Isabelle Grandjean muss allzu oft an zuhause denken. Aber wenn's weiter nichts ist, ist alles gut. Viel Vergnügen!

Die «Tatort»- Folge «Schoggiläbe» läuft am 28. Februar.

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