Switzerland

«Du hast deine Mutter doch gefunden, was ist dein Problem?»

Beim ersten Kontakt war Sarah Andres völlig überfordert. Da war ein grosses Glücksgefühl. Doch sie verspürte auch Angst. Angst vor Enttäuschung. Nähe. Verlust. War die Frau, mit der sie über Video sprach, Schweiz hier, Sri Lanka dort, tatsächlich ihre leibliche Mutter? Oder behauptete diese es nur, weil sie einst dafür Geld erhalten hatte? Hatte sie in Wirklichkeit ein anderes Kind weggegeben?

«Ich freute mich, mit ihr zu reden, doch blieb auf Distanz», erinnert sich Sarah Andres an den Videoanruf im August 2018. Die 34-Jährige sitzt in einem Café im bernischen Langenthal, wo sie zusammen mit einem ebenfalls aus Sri Lanka adoptierten Buben aufgewachsen ist. Ihre Kindheit sei fröhlich gewesen, die Adoptiveltern liebevoll und herzlich, sagt sie und lächelt. Und doch habe sie sich Fragen gestellt: Wer ist meine Mutter? Warum hat sie mich weggegeben? Wie geht es ihr heute? Als Sarah Andres 2012 mit ihren ersten Tochter schwanger ist, werden die Fragen immer drängender.

Nach einer mehrjährigen erfolglosen Suche mithilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes kontaktiert sie 2018 Back to the Roots, die Intereressenvertretung für Adoptierte aus Sri Lanka. Innert kurzer Zeit findet eine Kontaktperson in Sri Lanka eine Frau, die behauptet, ihre leibliche Mutter zu sein. Beim ersten Videoanruf fällt Sarah Andres auf, wie sehr ihre zweite Tochter, damals dreieinhalb Jahre alt, der Frau gleicht – doch wie verlässlich sind Ähnlichkeiten, wenn sie mit Hoffnung gespickt sind? Was stimmt wirklich, wenn man sich etwas sehnlichst wünscht?

Wenig Hoffnung – und doch so viel

Sarah Andres bleibt skeptisch, auch weil sie weiss, dass die Herkunftssuche für Adoptierte aus Sri Lanka in den allermeisten Fällen im Sand verläuft. Weil die Papiere aus den Achtzigerjahren falsche Namen, Geburtsdaten oder Spitäler enthalten. Oder alles zusammen. Weil Frauen zum Teil dafür bezahlt wurden, sich im Adoptionsverfahren als leibliche Mutter auszugeben – unter Angabe einer falschen Identität. Wenn Adoptierte heute nach ihren Müttern suchen, treffen sie oft auf die falschen Frauen. Acting mothers werden sie genannt, Schauspielmütter. Sarah Andres hat über Back to the Roots viele solche Erfahrungsberichte gehört, als sie sich 2018 mithilfe des Vereins auf die Suche macht. Hat wenig Hoffnung – und doch so viel.

Drei Monate später dann die Gewissheit: Bei der Frau, mit der sie telefoniert hatte, handelt es sich tatsächlich um ihre leibliche Mutter. Ein DNA-Test liefert der Bernerin das Ergebnis online, abrufbar in einer Datenbank. «Mother – Daughter» stand da geschrieben. Mutter – Tochter. Dazu gewonnen hatte Sarah Andres auch eine Halbschwester und drei Halbbrüder, dutzende Cousinen, Cousins, Onkel und Tanten, wie sie später erfahren sollte. Nach ein paar Tagen dann: Glücksgefühle, endlich.

Die Umarmung!

Bereits gut einen Monat später, es war nun Ende 2018, kommt es in einem kleinen Dorf in Sri Lanka zum ersten Treffen. Sarah Andres erinnert sich vor allem an die Umarmung. Die Umarmung! Eng. Nicht enden wollend. Tränenreich. «Ich spürte eine unglaubliche Nähe. Fühlte mich zu Hause. Eigentlich kann ich es gar nicht in Worte fassen. Es war so unwirklich, was sich zwischen uns abspielte.» Sie blickt einen unvermittelt an. Sagt dann: «Am liebsten hätte ich sie immer berührt.»

Seither hat sich für die gelernte Gastronomiefachassistentin, heute Teilzeit als kaufmännische Angestellte tätig, viel verändert. Sie ist angekommen – bei einem Teil von ihr, der ihr immer gefehlt hatte, wie sie es formuliert. Gleichzeitig hat sie die Begegnung mit ihrer leiblichen Mutter bis ins innerste Mark erschüttert. Zwar freute sie sich auf das Wiedersehen mit ihrem Mann und den beiden Töchtern, doch gleichzeitig verspürte sie bei ihnen angekommen einen «stechenden Schmerz». Sie erklärt: «Meine Mutter hatte mir beim Treffen gesagt, sie habe mich wenige Tage nach der Geburt weggeben müssen. Ihre Familie habe sie extrem unter Druck gesetzt. Zur Abtreibung gedrängt. Als ich sie verliess, um in die Schweiz zurückzufliegen, hatte ich das Gefühl, erneut von ihr getrennt zu werden. Wie damals als Baby.»

«Was ist dein Problem?»

Kam dazu, dass kaum jemand in der Schweiz sie verstanden habe, sagt Sarah Andres. «Du hast deine Mutter doch gefunden», habe sie zu hören bekommen. Oder: «Was ist denn jetzt noch dein Problem?» Das Problem sei ihre Zerrissenheit gewesen, sagt sie. Die zwei Identitäten. Die zwei Familien. Die zwei Heimaten. Eigentlich alles. Erst mit der Zeit habe sie gemerkt, dass sie professionelle Hilfe brauche. Heute sei sie in Therapie und froh darüber. «Es ist ein Trauma, von der Mutter getrennt zu werden – ich kann es nicht anders sagen. Alleine hätte ich es nicht geschafft.»

Längst nicht alle Betroffenen können und wollen psychologische Hilfe annehmen. Da sind die Kosten zum einen. Da ist die psychische Instabilität zum anderen. Auch sie habe anfangs nicht die Kraft und den Mut gehabt, sich eine Psychologin zu suchen, sagt Sarah Andres. Da war der Alltag, die Familie, der Job. Sie funktionierte nur noch. Auch deshalb fordert sie heute, dass Betroffene bei der Herkunftssuche durch eine unabhängige Fachstelle unterstützt und psychologisch begleitet werden – kostenlos.

«Es braucht kostenlose DNA-Tests für die Adoptierten und suchende Mütter.» Sarah Andres

Zusammen mit Back to the Roots hat Andres weitere Forderungen formuliert. So sollen Mütter in Sri Lanka auf der Suche nach ihren Kindern ebenfalls unterstützt werden. Wie ein gestern veröffentlichter Bericht im Auftrag des Bundesamts für Justiz zeigt, wurden die Adoptierten von ihren biologischen Müttern aufgrund von massivem gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Druck weggegeben – wie im Fall von Sarah Andres. In einigen Fällen wurden die Kinder gar gestohlen. Sie sagt: «Es braucht kostenlose DNA-Tests für die Adoptierten und suchende Mütter.»

Ihre Adoptiveltern haben Sarah Andres bei der Herkunftssuche immer unterstützt. Das sei überhaupt nicht selbstverständlich, sagt sie. Sie kenne Betroffene, die nur schon darum kämpfen müssten, die Dokumente ausgehändigt zu bekommen. In ihrem Fall sei die Beziehung zu den Adoptiveltern bis heute sehr eng. Über ihre Adoption hätten sie stets sehr offen geredet.

Mami – Bauchmami

Nun kramt sie zwei Fotos hervor. Lächelt erneut. «Schauen Sie, das bin ich.» Zu sehen ist ein kleines Baby, mit dunklen Augen und Haaren, ein paar Wochen alt erst. «Mein Mami hat es kurz nach meiner Ankunft in die Schweiz aufgenommen.» Mami – das ist ihre Mutter in Langenthal. Bauchmami – das ist ihre Mutter in Sri Lanka.

Sarah Andres als Baby. Foto: Adrian Moser

Neben den Fotos besitzt Sarah Andres einen Pass, ausgestellt einen Monat nach ihrer Geburt am 8. Juli 1985. Ob sie wirklich an diesem Tag geboren wurde, weiss sie nicht. Sie besitzt auch eine angebliche Einwilligungserklärung zur Adoption. Wo eigentlich die Unterschriften ihrer leiblichen Eltern stehen sollten, prangt ein Stempel. Was das bedeutet – auch das weiss sie nicht. Vieles – etwa, wer ihr Vater ist – hat sie ihre Mutter noch nicht fragen können. Zu gross ist, zumindest im Moment, die sprachliche und kulturelle Barriere. Einem ersten Treffen folgte im Herbst 2019 ein zweites. Im kommenden Herbst nun reist Sarah Andres ein drittes Mal nach Sri Lanka.

Stempel statt Unterschrift: Der Pass von Sarah Andres. Foto: Adrian Moser

Die 34-Jährige weiss: Sie hatte viel Glück. Nur die wenigsten Adoptierten aus Sri Lanka finden heute, als Erwachsene, ihre leiblichen Eltern. Auch deshalb wolle sie den Leuten, die ihr bei der Suche geholfen haben, etwas zurückgeben. Sie engagiert sich ehrenamtlich bei Back to the Roots. Der Verein mit seinen rund 500 Mitgliedern begleitete sie durch die ganze Herkunftssuche und ist bis heute eine wichtige Stütze für sie.

«Wir Adoptierten haben alle unsere eigene Geschichte», sagt Sarah Andres. «Unsere eigenen Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche. Gemeinsam ist uns aber eines: Wir wurden wie eine Ware gehandelt.» Wenn sie sich mit anderen Adoptierten trifft, fühlt sie sich aufgehoben und verstanden. Zu Hause.