Switzerland

Digitale Verstopfung auf dem WC

Vom Corona-Virus blieb unser Land zum Glück bislang verschont. In den Skiferien im Berner Oberland sind aber sogar mir die indirekten Folgen aufgefallen: Der grosse Parkplatz für die Touristenbusse zum Beispiel blieb halb leer. Die aufs Jungfraujoch pilgernden Reisegruppen aus Asien, mit denen sich die Skifahrer die Züge auf die Kleine Scheidegg teilen, waren kleiner als üblich.

Bei der Fahrt bergauf wird in diesen Gruppen geplaudert, fotografiert und am Smartphone getippt, was das Zeug hält. Bei der Talfahrt wird es hingegen ruhiger. Die schnell überwundene Höhendifferenz und die Dichte an Eindrücken fordern ihren Tribut. Der Schlaf übermannt halbe Waggons.

Bei einer Bergfahrt hatte ich aus Jux einmal die Sitzreihen abgeschritten, um den Anteil an Passagieren am Smartphone zu zählen. Egal ob asiatische Höhenjäger oder europäische Skifahrer, jeder hatte ein Gerät in den Händen. Diese kleinen Wunder der Elektronik haben in den letzten Jahren einen enormen Stellenwert in unserem Alltag erreicht und unbestrittenermassen menschliches Verhalten verändert. Über diese digitale Revolution wurde viel geschrieben und debattiert.

Was mir als Freund der Verdauung speziell aufgefallen ist und sich bestimmt wissenschaftlich messen liesse: Die Menschen verbringen mehr Zeit auf dem WC. Während des Geschäfts noch schnell die Whatsappgruppe informieren oder die Newsapp besuchen. Wie oft ist es wohl schon passiert, dass vor lauter Tippen und Hantieren das Plumpsen im Klo vom aus der Hand entglittenen iPhone stammte?

Ein Blick in die Statistik bei den Handyversicherungen wäre bestimmt erhellend: «Liebe Mobiliar ...». Früher gab es noch diese typischen Blechaschenbecher an den Toilettenwänden, später blieben davon nur noch die Dübellöcher übrig. Mein Vorschlag: Es könnten an dieser Stelle Handyablagen montiert werden.

Der toilettarische Kulturwandel besteht nicht nur in längeren Sitzungen. Nein, es gibt auch einen Bedeutungsverlust für die in vielen Haushalten früher auf dem stillen Ort verfügbaren Magazine und Witzbücher. Mir waren diese zerknitterten Drucksachen aus hygienischen Überlegungen immer etwas suspekt und ich dürfte manche Pointe in den letzten Jahrzehnten verpasst haben. Dem trauere ich nicht nach. Doch der Verlust einer weiteren, kulturellen Nische schmerzt mich: die WC-Poesie. Was habe ich schon für originelle Sprüche lesen dürfen, wenige sind mir geblieben: «Ich möchte wirklich gerne wissen, warum ihr dichtet, statt zu pissen?» oder «Nieder mit dem Reissverschluss!» waren bei weitem nicht die Lustigsten.

Die Geistreichsten fanden sich während meiner Studienzeit auf der Toilette der Universitätsbibliothek, hingekritzelt mit Bleistift in die schmalen Fugen zwischen den Kacheln der Wände. Ich hoffe, ein Sprachwissenschaftler hat diese Kultur mal festgehalten. So könnte ich beim nächsten Mal auf dem WC auf meinem Smartphone danach suchen.