Switzerland

Die Wirtschaftskrise kommt über Nacht und trifft eine verwöhnte Gesellschaft

Singapurs Wirtschaft steht wegen des Coronavirus vor einem jähen Einbruch. Aus Vorsicht werden Kongresse abgesagt, und Firmen schalten auf Krisenmodus. Nach einem Infektionsfall bei der DBS-Bank wurde im Geschäftsviertel ein ganzer Tower evakuiert. 

Singapur weist unter den südostasiatischen Ländern mit nunmehr 58 Infektionen weit vor Hongkong und Thailand die bisher grösste Anfälligkeit auf.

Singapur weist unter den südostasiatischen Ländern mit nunmehr 58 Infektionen weit vor Hongkong und Thailand die bisher grösste Anfälligkeit auf.

How Hwee Young / EPA

Der Stadtstaat Singapur ist sauber, feucht und heiss. Das Coronavirus überlebt in diesem Umfeld nur kurz. Doch das Virus scheint sich darum nicht gross zu kümmern: Die kleine Republik weist unter den südostasiatischen Ländern mit nunmehr 58 Infektionen weit vor Hongkong und Thailand die bisher grösste Anfälligkeit auf. Was den Behörden hier besonders Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass weit über die Hälfte davon durch lokale Übertragungen infiziert worden ist. 

Ungewohnte Reisewarnungen

Er könne nicht sagen, ob Singapur jetzt eine Rezession bevorstehe, meint Premierminister Lee Hsien Loong am Freitag. Die Ausbreitung rückt den Stadtstaat aber auf jeden Fall in eine völlig ungewohnte Position: Das Land zählt plötzlich zu den Reisedestination, die es zu meiden gilt. Südkorea, Israel, Katar, Kuwait und der malaysische Gliedstaat Sarawak haben entsprechende Warnungen ausgegeben; Indien und Grossbritannien haben Vorsichtsmassnahmen wie freiwillige Isolation empfohlen, falls man aus dieser Gegend anreist. Über die Jahrzehnte hat sich die einheimische Bevölkerung hierzulande an Reisewarnungen gewöhnt, weil andere Destinationen wie Hongkong, Thailand oder Indonesien oft als unsicher galten. Jetzt steht man plötzlich selbst im Gerede. 

Die Verunsicherung hat gewissermassen über Nacht Einzug gehalten und hat nach einem Infektionsfall bei der örtlichen Grossbank DBS das mondäne Geschäftsviertel erfasst. Mit der Warnstufe «Orange», die die Regierung schon am vergangenen Freitag ausgegeben hat, sind Unternehmen, Verbände und Schulen aufgefordert worden, auf grössere Versammlungen zu verzichten und zusätzliche Vorsichtsmassnahmen einzuleiten. Dazu gehören die Einführung von örtlich getrennten Schichten, Pensen für Heimarbeit, Videokonferenzen und Chatrooms statt Meetings und Reisen sowie obligatorisches Fiebermessen vor Arbeitsbeginn und beim Betreten von Gebäuden. Speziell gross ist derzeit die Vorsicht im neuen Finanzdistrikt Marina Bay Financial Centre (MBFC). Bankfilialen messen bei Kunden nicht mehr nur die Temperatur, sondern erfassen auch die Personalien. 

Pleitegeier in den Konsumtempeln

Einschneidender als diese Vorsichtsmassnahmen am Arbeitsplatz sind die wirtschaftlichen Folgen: Der Mice-Bereich – ein Akronym für Meetings, Incentives, Conferences, Exhibitions –, hierzulande ein wesentlicher Teil des Tourismus, bricht derzeit zusammen. Die Singapurer Airshow, an der schweizerische Aussteller wie Ruag, Aerolite, SR Technics und Kopter Group sowie der Rüstungschef Martin Sonderegger und der Brigadier Hugo Roux teilnehmen, schrammte knapp an der Annullierung vorbei; die Ausstellung erlitt Absagen von rund 15%, unter anderem von grossen amerikanischen Herstellern. Inzwischen sind unzählige andere Konferenzen abgesagt oder vertagt worden, darunter Events der Swiss Chamber of Commerce (SwissCham) sowie das auf Ende Februar terminierte Stars-Symposium. Die auf Anfang März angesetzte Food & Hotel Asia, zu der 80 000 Personen erwartet wurden, fällt aus. 

Am Flughafen verzeichnet man pro Tag bereits 20 000 Ankünfte weniger als zu normalen Zeiten. Die Singapurer Tourismusbehörde, die für 2019 kürzlich die Rekordzahl von 19,1 Mio. Einreisenden bekanntgeben konnte, rechnet für 2020 nunmehr mit einem Einbruch um 25 bis 30%. Angesichts der entsprechenden Einnahmen von 27 Mrd. sing. $ (rund 19 Mrd. Fr.) dürften sich die Verluste auf mehrere Milliarden beziffern. Davon betroffen ist vor allem die Hotellerie, darunter das von chinesischen Besuchern abhängige Kasino Marina Bay Sands (MBS), aber auch Restaurationsbetriebe und der Detailhandel, dessen Umsatz im abgelaufenen Kalenderjahr bereits um 2,8% einbrach. Besonders im überdimensionierten Angebot der Shoppingcenter geht der Pleitegeier denn auch seit längerem um.         

Symbol der Verunsicherung: Hamsterkäufe

Bezüglich gesamtwirtschaftlicher Folgen wirken Vergleiche mit Sars immer etwas handgestrickt, weil Chinas Wirtschaft inzwischen 14 000 statt wie damals 1500 Mrd. $ zählt. Doch sie liefern Anhaltspunkte, die die Verwundbarkeit offener kleiner Volkswirtschaften zeigen: So fiel Singapurs Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2003 (gegenüber dem Vorjahreszeitraum) um 0,3%. Das wirkt zunächst wenig dramatisch. Die Einbruch war letztlich aber gewaltig, hatte das BIP im Quartal zuvor doch noch um 4,3% zugelegt. Nimmt man den Zuwachs von 0,7% im vierten Quartal 2019 als entsprechende neue Basis, ist für die kommenden Monate ein Absturz in den tiefroten Bereich programmiert.      

Für die an Wachstum und Erfolgsmeldungen gewöhnte Singapurer Bevölkerung – besonders die jüngere Generation, für die Rezession und Sars Fremdwörter sind – handelt es sich um ganz neue Erfahrungen. Dazu gehört insbesondere ein Phänomen, das man hierzulande nicht für möglich hielt – nämlich Hamsterkäufe und leere Regale. Denn nachdem die Regierung die Warnstufe angehoben hatte, kam es in Supermärkten zu einem Ansturm besorgter Konsumenten, die sich mit Nudelsuppen, Toilettenpapier und ähnlichen Produkten eindeckten. Dies wiederum rief am Sonntag den Premierminister auf den Plan, der sich an die Nation richtete und versicherte, dass genügend essenzielle Güter in Pflichtlagern vorhanden seien.          

Indonesien und Thailand – ungenauere Erfassungen? 

Zwar wächst derzeit auch in anderen Ländern der Region die Sorge – und die Hysterie. Thailand hat dieser Tage den 33. Erkrankungsfall verzeichnet; als Reaktion und aus Sorge um eine Einschleppung des Virus haben die Behörden in Bangkok dem Kreuzfahrtschiff «Westerdam» mit 1455 Passagieren an Bord das Anlegen in dem nahe Pattaya gelegenen Hafen Laem Chabang untersagt – dies, obwohl kein Krankheitsfall an Bord gemeldet wird. Im Vergleich zum zehnmal kleineren Singapur hält sich die Infektionsrate in Thailand ohnehin in engen Grenzen. 

Das trifft indessen noch mehr auf Indonesien zu: Ungeachtet der hohen Touristenzahlen auf Bali und trotz dem regen Geschäftsverkehr zwischen China, Jakarta und Surabaya wurde von dort bisher noch keine einzige Ansteckung gemeldet. Das führt auch zu Spekulationen. Etwa zur Vermutung, dass in dem vergleichsweise unterentwickelten Gesundheitssystem des Landes allfällige Ansteckungen vielleicht gar nicht erfasst werden.  

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