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Die Rache Gottes an den Frauen – Jón Kalman Stefánssons Roman «Ástas Geschichte» funkelt und sprüht vor Lebenswitz aus Island

Dass Jón Kalman Stefánsson regelmässig auf den Shortlists zum Literaturnobelpreis auftaucht, kam einem zunächst spanisch vor. Doch Roman für Roman belegt der isländische Schriftsteller, dass er das Zeug zu Höherem hat. «Ástas Geschichte» belegt das eindrücklich.

Auch Splitter von simuliertem Kitsch gehören zur raffinierten Strategie dieses Romans. Ebenso die Anklänge an biedere Ratgeberliteratur wie im Untertitel «Wohin geht man, wenn es keinen Weg aus der Welt gibt?». Aber was dann in «Ástas Geschichte» folgt, ist ein Feuerwerk des Erzählens von einem Frauenleben, in dem es «zahllose Baustellen gibt»: eine Patchworkfamilie über drei Generationen von meist armen Schluckern, ein Kreuz und Quer von Lieben und anderen Plagen. Aufgeboten werden zudem faszinierende Menschengeschichten aus mehr als einem halben Jahrhundert, jede Menge Hinweise auf isländische Literatur und ein sprachfunkelnder Lebenswitz, mit dem der Autor Jón Kalman Stefánsson schon durch viele andere Romane zu einem Anwärter auf den Nobelpreis geworden ist.

Island in all seinen Farben und Facetten spiegelt sich in Jón Kalman Stefánssons grossem, traurig-komischem Roman «Ástas Geschichte».

Island in all seinen Farben und Facetten spiegelt sich in Jón Kalman Stefánssons grossem, traurig-komischem Roman «Ástas Geschichte».

bna.

Ihren Vornamen verdankt die weibliche Hauptfigur Ásta Sigvaldadóttir einem Roman des isländischen Nobelpreisträgers Halldór Laxness. Ausserdem lernen wir: «Ást, das heisst Liebe. Ástfanginn, verliebt. In Liebe gefangen.» Die Geschichte ihrer Liebesgefangenschaft wird erzählt in mutwilligen Zeitsprüngen eines namenlosen Erzählers, der selbst eine Figur dieses Romans ist, eine von Ástas verflossenen Lieben, was aber nur langsam klar wird in dem narrativen Nebel. Dieses Dickicht der Erzählstimmen und Zeitebenen zu lichten, wäre sehr mühsam, hätte der Autor nicht die Gabe, wunderbar leichthändig und flinkfüssig zu sein beim Spinnen seines poetischen Garns. Selbst die schlimmsten Schläge, die Ásta im Lauf ihres Lebens einstecken muss, werden mit witziger Grazie erzählt, im Durcheinander der Gefühlslagen und der Jahrzehnte.

Heillose Textverwirrung

Nach einigem Lesen und vielem Kopfrechnen wird klar, dass Ásta um das Jahr 1951 geboren wurde, dass sie folglich in der neuesten Erzählgegenwart (Trump ist bereits US-Präsident) eine erfolgreiche Mittsechzigerin ist, die an der Universität von Reykjavík «ein Seminar über Søren Kierkegaard gibt», die sich selbst als «knallharte Feministin» sieht und zudem ausgestattet ist «mit einer so sarkastischen scharfen Zunge, dass manche Kerle Angst vor mir haben». Was sie aber nicht daran hindert, Liebesbettelbriefe zu schreiben, eben an jenen Erzähler, mit dem sie immerhin einst dreissig Jahre zusammengelebt hat, der nun in einem Leuchtturm lebt und schreibt und diese Briefe hineinmontiert in den Roman «Ástas Geschichte». Diese heillose Textverwirrung strengt an, macht aber Spass, denn der Autor hat alle seine Kreaturen mit gutem Mundwerk und Mutterwitz versehen.

Der schönen Ásta wird im Leben übel mitgespielt, aber auch sie erspart ihren Lieben nichts. Ihre spitze Zunge richtet sie in bester Ironie auch gegen sich und gegen den Schöpfer höchstselbst, wenn sie im fortgeschrittenen Alter klagt, dass dieser «unsere Hintern im Lauf der Jahre breiter werden oder sacken lässt»; das sei geradezu «eine Rache Gottes an vielen von uns Frauen». Solche Jammerkomik gelingt der reifen Ásta besser; als junge Frau neigte sie eher zu radikaler Tragik bis hin zum «missglückten Selbstmordversuch». Aber, fragt hier der sprachbewusste Erzähler: «Ist es gerechtfertigt, das so zu formulieren?» Wo es doch ein Glück war, dass sie überlebt hat!

Bei aller Wirrnis des Erzählens hat zumindest der Romananfang seine zeitliche Logik: «Ástas Geschichte» beginnt mit ihrer Zeugung mitten im Frost des Kalten Krieges, auf einem soliden, selbstgezimmerten Küchentisch in einer «sehr akzeptablen Kellerwohnung» in Reykjavík. Auch die bewegten Lebensgeschichten ihrer Eltern und die von deren Vorfahren werden in weiten Verzweigungen ausgebreitet. Ihre Mutter, die «unverzeihlich schöne» Helga, verfällt in Illusionen und in den Suff. Ihr Vater, der gutmütig simple Sigvaldi, fährt als Fischer zur See, macht sich dann als Maler und Anstreicher selbständig, findet sogar eine zweite, handfeste Frau in Norwegen. Dort fällt er im vorgerückten Alter bei der Arbeit von einer Leiter – und sein Monolog als Sterbender ist eine der vielen Erzählstimmen dieses von Lebenswitz funkelnden Romans.

Lebens- und Liebesnöte

Wie auch ihre Schwester kommt Ásta als kleines Kind zu einer Ziehmutter, der herzensguten und etwas beschränkten Steinvör, deren plötzlicher Tod die Halbwüchsige noch einmal ganz aus der Bahn wirft. Eine böse Erfahrung macht sie auch mit einem Jungen, dem sie die Nase bricht, weil er sie begrabscht, worauf sie zur Strafe einen Sommer lang zu Bauern in die Westfjorde verschickt wird – deren düstere Lebens- und Liebesnöte einen weiteren Erzählstrom bilden. In dieser Bauernöde lernt sie den fast gleichaltrigen, brillant widerborstigen Jósef kennen, den Einzigartigen, «der Steine in Flüche verwandeln konnte». Er wird ihr ganzes Leben prägen, und doch ist es «keineswegs sicher, dass die Welt jemals wieder gut wird».

Nein, nicht alles wird wieder gut, jedenfalls nicht für immer. Erschrocken von ihrer tobenden Liebe zu Jósef, igelt Ásta sich ein, geht auf Distanz zu ihm und wird «Sommermädchen» in einer Zeitungsredaktion. Dort lernt sie den Schriftsteller Guðjón kennen, vermeintlich «ein grundanständiger Mann», dessen Leben sie arg durcheinanderwirbelt, von dem sie schwanger wird, der die Unschlüssige (immer noch in den bereits toten Jósef verliebte Ásta) jedoch böse abserviert: «Mit deiner Pussy wirst du es noch weit bringen.» Diese Sentenz hallt durch den Rest ihres Lebens.

Ásta ist etwa zwanzig, als ihre Tochter Sesselja zur Welt kommt, die sie bei ihrem Grossvater Sigvaldi und dessen zweiter Frau zurücklässt. Sie geht zum Studium der Theaterwissenschaften nach Wien, «diese Stadt, die so endlos weit vom Meer entfernt liegt», die sie noch unglücklicher macht, obwohl sie Erfolg bei Männern hat, auch bei ihrem Professor (ein intellektueller Star mit Mundgeruch). Immer noch setzt ihr der Verlust Jósefs zu, und die Nachricht vom Tod ihrer Schwester trifft sie wie ein weiterer Fluch: «Wen die Götter lieben, den lassen sie früh sterben. Wir weniger Geliebten verüben Selbstmord.»

Die eigene Familiengeschichte geplündert

Es folgen zehn Tage Psychiatrie in Wien, dann ein Studium in Prag und Oslo, drei Hochschulabschlüsse, die Arbeit für die Literaturbeilage einer wichtigen Zeitung und die Universität, das Zusammenleben mit «einem sehr guten Mann», bei dem sie «glauben wollte, es sei Liebe». Erst ganz zum Schluss und sehr nebenbei erfahren wir, wie sie schliesslich den Mann kennenlernt, der sie dreissig Jahre später verlassen und ihr Leben aufschreiben wird; der sah bei einem Skiunfall «dermassen hilflos aus», dass sie sich sofort in ihn verliebte. – Dieser zerstückelt erzählte Frauenlebenslauf ist aber nur ein Teil des Romans «Ástas Geschichte», in dem der Autor und seine vielen Figuren auch ständig in quirligem Dialog sind mit isländischer Dichtkunst und Realität.

In einem Interview sagt Jón Kalman Stefánsson, er habe für diesen Roman auch seine Familiengeschichte geplündert, besonders die einer Tante. Manches von ihm selbst steckt vermutlich in der Figur des Erzählers von «Ástas Geschichte», der sich an eine abgeschiedene Küste verkrochen hat, wo ihn ein findiger Vermieter wie ein exotisches Tier für Touristen ausstellen will mit dem Werbespruch: «Das Haus des Dichters, der den Leuchtturm betreibt.» Nicht alles dreht sich um Ástas Lebensfuror und Liebespein. Auch das moderne Island, das von Massentourismus, Fischerei und Dichtkunst zu leben scheint, wird liebevoll verspottet in diesem grossen, traurig-komischen Roman.

Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte. Roman. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Piper-Verlag, München 2019. 459 S., Fr. 39.50.

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