Switzerland

Die genormte Frau

Sie besingen Diversity, aber praktizieren die Einheitsmeinung. Die postmoderne Frauenbewegung kennt nur eine Marschrichtung: mehr Staat, mehr Regeln, mehr Kontrollen, mehr Umerziehung. Diesen Kanon beherrschen Wirtschaftsfrauen genauso gut wie Gewerkschaftsfunktionärinnen.

 Die politische Vielfalt in der organisierten Frauenpolitik verkümmert zusehends, «dissidente» Stimmen, die Lösungen lieber in der Eigeninitiative als im Staat suchen, werden zur Ausnahmeerscheinung.

Die politische Vielfalt in der organisierten Frauenpolitik verkümmert zusehends, «dissidente» Stimmen, die Lösungen lieber in der Eigeninitiative als im Staat suchen, werden zur Ausnahmeerscheinung.

Nathan Laine / Imago

Nach Wochen des Lockdowns kommt sie ein Stück weit zurück, die Normalität. Das spürt auch die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen und erwacht zu neuen Taten. Es gelte nun, Beobachtungen zur Corona-Krise «auch aus Frauen- und Geschlechterperspektive» festzuhalten, «Entwicklungen zu reflektieren» und – besonders wichtig – «Handlungsbedarf zu benennen». Warum sonst sollte sich die Kommission die ganze Mühe machen? Etwa um zu konstatieren, dass alles gar nicht so schlecht ist, so, wie es ist? Niemals! Eine solche Krise darf man nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen.

Und so informiert uns die Kommission mit einer dreiteiligen Artikelserie über ihre Beobachtungen, Reflexionen und Wünschbarkeiten. Als Verfasser der Artikel firmieren Mitglieder der Kommission, wobei die Stimmen der Gewerkschaften besonders zur Geltung kommen. Im ersten Teil dürfen gleich zwei von ihnen ihre Ansichten vortragen, namentlich Travail Suisse und – indirekt in der Person der SP-Politikerin und Privatdozentin Karin Schwiter – der linke Think-Tank Denknetz, beziehungsweise der VPOD.

Das Thema ist «Care-Arbeit», und was bei diesen Reflexionen herauskommt, hat man schon dutzendfach anderswo gelesen. Es geht um vermeintlich unterbezahltes Pflegepersonal, um angeblich unterfinanzierte, aber systemrelevante Kinderkrippen, um die von der Corona-Pandemie scheinbar besonders betroffenen Frauen. Kurz: Es geht um mehr Geld und um mehr Staat.

Auch im zweiten Teil der Artikelserie darf man sich über gewerkschaftliche Betrachtungen freuen – es kommt die Zentralsekretärin des Gewerkschaftsbunds zu Wort –, während für den dritten Teil unter anderem die ehemals gutbürgerliche Frauendachorganisation Alliance F angekündigt ist. Alliance F, präsidiert von der grünen Ständerätin Maya Graf und der grünliberalen Nationalrätin Kathrin Bertschy, deklariert sich selber als «die politische Stimme der Frauen in der Schweiz», als seien alle Schweizerinnen ein einig Völkchen von staatsgläubigen Gleichgesinnten links der Mitte.

Für die organisierte Frauenbewegung trifft die Selbstdeklaration von Alliance F allerdings zu. Man zelebriert zwar Diversity, praktiziert aber die Einheitsmeinung. Frauenquoten, mehr Subventionen für Kitas, Lohnkontrollen und Vaterschaftsurlaub – diesen Kanon der Staatseingriffe beherrschen Wirtschaftsfrauen genauso gut wie Gewerkschaftsfunktionärinnen. Einigen – zum Beispiel Flavia Kleiner von der Operation Libero – gelingt sogar das Gedankenkunststück, solcherart Staatsausbau als «klassisch liberal» umzudeuten, als wäre es das Ziel des klassischen Liberalismus, möglichst viel zu verstaatlichen und die Bürger zu besseren Menschen zu erziehen.

Die neue Präsidentin der FDP-Frauen, die St. Galler Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher, schwärmt von der Frauenquote als «Augenöffner», während sich ihre Parteikollegin Claudine Esseiva, Berner Stadträtin, für den Vaterschaftsurlaub ein möglichst gutes Abstimmungsergebnis wünscht. Esseiva ist Präsidentin des Wirtschaftsfrauenverbands BPW Schweiz, der artig das Gendersternchen einsetzt und beherzt im Chor der Einigen mitsingt: für mehr Quoten, für mehr Krippen.

Was sich beim letztjährigen Frauenstreik offenbarte, setzt sich damit fort: Dem linksfeministischen Etatismus ist es gelungen, die Inhalte der postmodernen Frauenbewegung weitgehend zu monopolisieren. Die politische Vielfalt in der organisierten Frauenpolitik verkümmert zusehends, «dissidente» Stimmen, die Lösungen lieber in der Eigeninitiative als im Staat suchen, werden zur Ausnahmeerscheinung. Das ist erstens ziemlich langweilig. Und zweitens eine schlechte Nachricht für eine lebendige Demokratie.

Claudia Wirz ist freie Journalistin und Autorin.

Claudia Wirz ist freie Journalistin und Autorin.

Football news:

Intelligenter Ticketverkauf in Polen: die Mitbewohner sitzen nebeneinander, die Sozialstation wird automatisch eingerichtet, die Teilnahme steigt um 20 Prozent
Ein schwuler Spieler aus der APL schrieb einen anonymen Brief, der in The Sun veröffentlicht wurde: ich Hoffe, dass ich eines Tages gestehen kann. Ich fühle mich gefangen
Zinedine zidane: Was Courtois in jedem Spiel macht, ist phänomenal
Tottenham-Fans starten ein Flugzeug mit einem Levy – Banner-zum Ausgang des Spiels gegen Arsenal
Zinedine zidane: ich würde mir wünschen, dass VAR nicht benutzt wird
Tottenham – FC Arsenal. Wer gewinnt: Mourinho oder Arteta?
Zinedine zidane: wenn der Schiedsrichter einen Elfmeter setzt, dann ist das ein Elfmeter