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Die «Crew Dragon» meistert den ersten Teil eines historischen Fluges

SpaceX bringt seit Jahren Fracht zur Internationalen Raumstation. Jetzt transportiert das private Raumfahrtunternehmen erstmals zwei Nasa-Astronauten. Der Demonstrationsflug ist wegweisend für die bemannte Raumfahrt.

Der geglückte Start der Falcon-9-Rakete lässt die Herzen in Amerika höher schlagen.

Der geglückte Start der Falcon-9-Rakete lässt die Herzen in Amerika höher schlagen.

Steve Nesius / Reuters

Die Nasa hatte schon immer ein Gespür dafür, griffige Slogans aus dem Hut zu zaubern, wenn grosse Ereignisse anstehen. «Launch America» nennt die amerikanische Raumfahrtbehörde den Versuch, erstmals seit dem Ende der Spaceshuttle-Ära vor neun Jahren wieder amerikanische Astronauten mit einer amerikanischen Rakete in den Weltraum zu schicken. Sollte dieser Slogan patriotische Gefühle wecken, so ist das bestimmt kein Zufall.

Eigentlich hätte die «Crew Dragon»-Kapsel bereits am 27. Mai in den Weltraum starten sollen. Doch schlechtes Wetter zwang die Nasa quasi in letzter Minute dazu, den historischen Flug zu verschieben. Im zweiten Anlauf hat es nun geklappt. Am Samstagabend um 21 Uhr 22  mitteleuropäischer Zeit erhob sich eine Falcon-9-Rakete mit Getöse in den Himmel über Florida und gewann rasch an Höhe. Nach 2 Minuten und 40 Sekunden löste sich die erste Raketenstufe. Im Kontrollzentrum gab es das erste Mal Applaus. Jetzt trat die zweite Raketenstufe in Aktion und katapultierte die Astronauten in den Weltraum. Zwölf Minuten nach dem Start wurde auch die zweite Raketenstufe abgetrennt. Zu diesem Zeitpunkt war die erste Raketenstufe bereits sicher auf einer im Meer schwimmenden Plattform gelandet und steht für einen weiteren Einsatz bereit.

In einer ersten Stellungnahme zeigte sich der Nasa-Administrator Jim Bridenstine erleichtert über den geglückten Start. Feiern werde er allerdings erst, wenn die beiden Astronauten sicher zur Erde zurückgekehrt seien. Bridenstine bedankte sich bei der Regierung Trump für die Unterstützung der Raumfahrt und lobte vor allem die Gründung des National Space Council. Amerika habe schon lange nicht mehr so starke Führerschaft im Weltraum gezeigt. Sein Chef wird es mit Wohlwollen vernommen haben.

Die Rakete beschleunigt in einer Minute auf 1000 Kilometer pro Stunde.

Jonathan Ernst / Reuters

Auf dem Weg zur ISS

In den nächsten Stunden wird sich die «Crew Dragon»-Raumkapsel mit den beiden Nasa-Astronauten Doug Hurley und Bob Behnken an Bord aus eigener Kraft auf eine höhere Umlaufbahn schrauben, um an die Internationale Raumstation anzudocken. Diese kreist in einer Höhe von 400 Kilometern um die Erde. Das Andockmanöver soll am Sonntag gegen 16 Uhr 30 stattfinden.

Veteranen im Weltraum

Für die beiden Nasa-Astronauten Doug Hurley und Bob Behnken ist das bereits der dritte Besuch auf der ISS. Vor allem für Hurley ist die Rückkehr ein besonderer Moment. Er gehörte zu den letzten Astronauten, die im Juli 2011 mit einem Spaceshuttle zur ISS geflogen waren.

Bemannte Flüge seit 1961

Von Routine kann jedoch keine Rede sein. Zum einen ist es das erste Mal seit bald 40 Jahren, dass in den USA ein neues Raumschiff an den Start geht. Das ist für Astronauten immer eine besondere Herausforderung. Zum anderen ist es das erste Mal überhaupt, dass eine staatliche Raumfahrtbehörde das Schicksal ihrer Astronauten in private Hände legt. Sowohl die Falcon-9-Rakete als auch die «Crew Dragon»-Raumkapsel wurden von Ingenieuren des Raumfahrtunternehmens SpaceX gebaut. Zwar überprüfte die Nasa im Vorfeld des Demonstrationsfluges penibel, ob das Transportsystem ihren strengen Sicherheitsstandards genügt. Auf die Entwicklung nahm sie jedoch kaum Einfluss.

Das bedeutet einen Bruch mit jahrzehntealten Traditionen. Zwar wurden auch die Mercury-, die Apollo-Kapseln oder die Spaceshuttles unter Mithilfe von amerikanischen Unternehmen gebaut. Die Fäden liefen jedoch stets bei der Nasa zusammen. Jetzt begnügt sich die amerikanische Raumfahrtorganisation damit, Sitzplätze in einer Raumkapsel zu mieten, die SpaceX nach eigenen Vorstellungen gebaut hat. Das ist ein Meilenstein in der Geschichte der bemannten Raumfahrt.

Hinter diesem epochalen Schritt steckt wirtschaftliches Kalkül. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Jungunternehmen im Weltraum durchaus mit staatlichen Institutionen wie der Nasa, der ESA oder Roskosmos konkurrieren können. Besonders hervorgetan hat sich dabei SpaceX. Das Raumfahrtunternehmen wurde 2002 von dem schillernden Unternehmer Elon Musk gegründet, der durch den Verkauf des Online-Bezahldienstes Paypal zu Geld gekommen war. In der Vergangenheit musste SpaceX zwar immer wieder Rückschläge wegstecken und stand mehrmals kurz vor dem finanziellen Ruin. Doch Musk liess sich nicht beirren und hielt an seiner Vision fest, die Raumfahrt erschwinglich zu machen. Diese Hartnäckigkeit hat sich bezahlt gemacht. Heute ist SpaceX eine feste Grösse im Geschäft mit Raketen und Raumkapseln.

Die Falcon-9-Rakete mit der «Crew Dragon»-Raumkapsel an der Spitze wird für den Start vorbereitet.

Die Falcon-9-Rakete mit der «Crew Dragon»-Raumkapsel an der Spitze wird für den Start vorbereitet.

Nasa

Eines der Erfolgsrezepte von SpaceX ist die Wiederverwendung von Raketenteilen und Raumkapseln. Dadurch kann das Unternehmen Frachtdienste in den erdnahen Weltraum kostengünstiger anbieten als die Konkurrenz. Das wissen nicht nur Satellitenbetreiber zu schätzen. Auch die Nasa hat ihre anfängliche Skepsis überwunden. Inzwischen nimmt sie regelmässig die Dienste von SpaceX in Anspruch, um Ausrüstung und lebenswichtige Güter zur ISS zu bringen. Insofern ist es nur konsequent, dass die amerikanische Raumfahrtbehörde nun den nächsten Schritt macht und auch beim Transport ihrer Astronauten mit einem kommerziellen Anbieter kooperiert.

Das kommt nicht zuletzt dem amerikanischen Steuerzahler zugute. SpaceX hat im Rahmen des Commercial Crew Programms der Nasa insgesamt 3,1 Milliarden Dollar für die Entwicklung der «Crew Dragon» erhalten. Der Konkurrent Boeing bekam sogar 4,8 Milliarden Dollar für die Entwicklung des Starliner-Raumschiffs. Das sind erhebliche Summen. Die Erfahrungen aus dem Spaceshuttle-Programm zeigen aber, dass es wahrscheinlich sehr viel teurer gekommen wäre, wenn die Nasa die Entwicklung eines Transportsystems selbst in die Hand genommen hätte. Auch die russische Raumfahrtagentur Roskosmos kann nicht mit SpaceX konkurrieren. Für einen Sitz in einer Sojus-Raumkapsel muss die Nasa 90 Millionen Dollar an Roskosmos überweisen. Ein Platz in der «Crew Dragon» soll hingegen für 60 Millionen Dollar zu haben sein. Zudem bleibt dieses Geld im eigenen Land.

Baldige Zertifizierung des Raumschiffs

Von dem Demonstrationsflug der «Crew Dragon» zur Internationalen Raumstation hängt ab, wie es mit der kommerziellen Raumfahrt weitergeht. Verläuft er ohne Komplikationen, dürfte eine Zertifizierung des Transportsystems für bemannte Flüge nur noch eine Formsache sein. SpaceX könnte dann bereits in diesem Jahr den regulären Flugbetrieb zur ISS aufnehmen. Der Vertrag mit der Nasa sieht neben dem Demonstrationsflug sechs weitere Flüge mit jeweils vier Astronauten vor.

Zudem hat SpaceX Verträge mit zwei Firmen abgeschlossen, die im Weltraumtourismus Fuss fassen wollen. So will das Start-up Axiom Space im Jahr 2021 drei Privatpersonen mit der «Crew Dragon» zur Internationalen Raumstation bringen. Und das Unternehmen Space Adventures möchte vier zahlungskräftige Touristen auf einen Flug schicken, der weit über die Umlaufbahn der Internationalen Raumstation hinausgehen soll. Das zeigt, dass SpaceX nicht nur für staatliche Institutionen wie die Nasa ein attraktiver Partner ist.

Derzeit ist das allerdings Zukunftsmusik. Zunächst einmal muss der Demonstrationsflug reibungslos über die Bühne gehen. Nach dem erfolgreichen Start stehen der «Crew Dragon» noch zwei weitere heikle Momente bevor: Das Andocken an der Internationalen Raumstation und die Rückkehr zur Erde. Wann diese erfolgt, ist derzeit noch unklar. Denn auf der ISS herrscht Personalknappheit. Die «Crew Dragon» kann theoretisch bis zu 120 Tage im Weltraum bleiben, bevor ihre Solarzellen zu ermüden beginnen. Sollten die Nasa und SpaceX diese Zeit ausreizen, wird es noch einige Monate dauern, bis man von einer neuen Epoche der Raumfahrt reden kann.

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