Switzerland

Die Corona-Krise ist ein Weckruf für die Schweizer Berufswelt

Weshalb Büroberufe zu den Verlierern der Corona-Krise gehören, die Polarisierung am Arbeitsmarkt zunimmt und Frauen bei der Lösung des Fachkräftemangels eine Schlüsselrolle spielen: Ein Gespräch mit Monica Dell’Anna, Chefin der Adecco-Gruppe Schweiz, und Reto Savoia, CEO von Deloitte Schweiz.

In der gegenwärtigen Krise werden vakante Bürojobs nicht mehr so schnell neu besetzt.

In der gegenwärtigen Krise werden vakante Bürojobs nicht mehr so schnell neu besetzt.

Annick Ramp / NZZ

Die Situation am Arbeitsmarkt spitze sich zu, erklären Monica Dell’Anna, CEO der Adecco-Gruppe Schweiz, und Reto Savoia, CEO Deloitte Schweiz, im Interview am Hauptsitz des Beratungs- und Prüfunternehmens in Zürich. Bestimmte Jobprofile würden noch schneller überflüssig, während andere an Bedeutung gewännen. «Das Ungleichgewicht und damit auch die sozialen Probleme werden zunehmen, wenn die Schweiz nichts unternimmt», ist Savoia überzeugt.

Vor allem bei den Reinigungskräften, im Gastgewerbe, im Bau sowie im Handel gibt es laut dem neusten Fachkräftemangel-Index der Adecco-Gruppe Schweiz und der Universität Zürich deutlich mehr Stellensuchende als Vakanzen.

Das grösste Überangebot besteht allerdings im kaufmännischen Bereich: bei den traditionellen Büroberufen. Sie gehören zu den Verlierern der Corona-Krise. Die Automatisierung und die Digitalisierung haben sich noch einmal beschleunigt, was repetitive und maschinell ausführbare kaufmännische Tätigkeiten besonders hart trifft. Wie Dell’Anna ausführt, werden ausserdem in der gegenwärtigen Notlage vakante Positionen nicht mehr so schnell besetzt. «Im Gegensatz zu den Stellen im Verkauf tragen Büroberufe nicht direkt zur Umsatzsteigerung bei», fügt die Chefin der Adecco-Gruppe Schweiz an.

Die Knappheit an Fachkräften wird weiter zunehmen

Dagegen herrscht in anderen Bereichen nach wie vor grosse Knappheit wie bei den Ingenieur-, Technik- und Informatikberufen oder Ärzten und Ärztinnen. Allgemein hat der Mangel bei den Fachkräften gegenüber den Vorjahren zwar etwas abgenommen, doch in einigen hochspezialisierten Bereichen, so etwa der Medizinaltechnik, hat er sich sogar noch verschärft. «Die Knappheit wird weiter zunehmen», sagt Dell’Anna. Auch bei Deloitte sieht man keinen Grund zur Entwarnung.

Ingenieure, Techniker und Ärzte sind gesucht

Anzahl Stellenausschreibungen im Verhältnis zu den Stellensuchenden

Rang 2020 Fachkräftemangel-Index Schweiz
1 Ingenieurberufe Mangel
2 Techniker Mangel
3 Treuhandwesen Mangel
4 Humanmedizin und Pharmazie Mangel
5 Berufe der Informatik Mangel
6 Technische Zeichenberufe Kein Mangel
7 Technische Fachkräfte Kein Mangel
8 Chemie- und Kunststoffverfahren Kein Mangel
9 Rechtswesen Kein Mangel
10 Holzverarbeitung sowie Papierherstellung Kein Mangel

Savoia befürchtet, dass die Umwälzungen die Schweiz als teuren Standort vergleichsweise hart treffen werden. Aufgrund der positiven Erfahrungen mit dem Home-Office stelle sich manch ein Unternehmen die Frage, ob nun tatsächlich alle Tätigkeiten in einem Hochlohnland ausgeübt werden müssten. «Wenn ein Universitätsabsolvent in der Schweiz ein Anfangssalär von 85 000 Franken erhält, in Deutschland hingegen bloss 45 000 Euro, dann muss der hiesige Berufseinsteiger sehr spezifische Fähigkeiten mitbringen», sagt der Deloitte-Schweiz-Chef.

Die lebenslange Anstellung gibt es nicht mehr

Problematisch werde es für nichtinnovative Berufe und für Tätigkeiten, für die es keine persönlichen Interaktionen brauche. Für seinen eigenen Berufsstand hält Savoia gleichzeitig fest: «Ich glaube nicht, dass Deloitte in Zukunft eine Art ‹Uber-Unternehmensberater› sein wird und nur noch auf einer Plattform operiert.» Es gebe auch noch übergeordnete Ziele und eine Kultur, die man im Unternehmen und im persönlichen Austausch mit Kunden gemeinsam leben müsse.

Monica Dell’Anna: «Frauen wird systematisch abgeraten, Mint-Berufe zu ergreifen.»

Monica Dell’Anna: «Frauen wird systematisch abgeraten, Mint-Berufe zu ergreifen.»

Bild: Oliver Oettli

Laut Dell’Anna ist die erhöhte Flexibilität für einige Erwerbstätige eine Chance. Andere müssten sich daran gewöhnen, dass es nicht länger die lebenslange Anstellung im selben Beruf gebe. Auch was den Fachkräftemangel im Bereich der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint) betrifft, hat sie eine klare Meinung: «Wenn man die Mint-Fächer gegenüber den Frauen gezielt fördern würde, liesse sich das Knappheitsproblem massiv entschärfen.»

Die Untervertretung der Frauen hänge mit den fest verankerten Rollenbildern zusammen. «Wie kann es sein, dass allen Frauen das gleiche Talent nachgesagt wird, nämlich Hausarbeit und Kinderbetreuung?», lautet ihre provokative Frage.

Frauen werde systematisch davon abgeraten, Mint-Berufe zu ergreifen. Die Schweiz schneide hier im internationalen Vergleich schlecht ab – zum Beispiel gegenüber einzelnen arabischen Ländern, die beinahe gleich viele Ingenieurinnen wie Ingenieure ausbildeten. Eine wichtige Rolle kommt laut der Adecco-Gruppe-Schweiz-Chefin den Schulen zu: «Allein schon wenn Ingenieurinnen oder Pilotinnen in Klassenzimmer eingeladen werden, um von ihrem Beruf zu erzählen, verändert sich die Wahrnehmung der Kinder.»

Es braucht mehr Frauen in Technologie- und Ingenieurberufen. Im Bild: Lebensmittelingenieurinnen an der Arbeit in der Joghurt-Produktion der Migros in Estavayer-le-Lac.

Es braucht mehr Frauen in Technologie- und Ingenieurberufen. Im Bild: Lebensmittelingenieurinnen an der Arbeit in der Joghurt-Produktion der Migros in Estavayer-le-Lac.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Savoia stimmt ihr zu. Aber es muss seiner Ansicht nach auch gelingen, mehr Männer für eine Mint-Ausbildung zu begeistern. Auch er sieht hier die Schulen in der Pflicht. Kochen und Stricken seien in den Stundenplänen stärker verankert als Mint- oder Wirtschaftsfächer, kritisiert der Deloitte-Schweiz-Chef. Aber auch Arbeitgeber sollten bei der Rekrutierung offener sein: «Wir können nicht erwarten, dass jeder schon ein Astrophysiker ist, wenn er für einen normalen Technologie-Job angestellt wird», sagt Savoia.

Reto Savoia: «Vielversprechende Zukunftsjobs wandern ins Ausland ab.»

Reto Savoia: «Vielversprechende Zukunftsjobs wandern ins Ausland ab.»

Bild: Oliver Oettli

Ausserdem müsse sich die Schweiz besser positionieren, um Talente aus dem Ausland anzuziehen. «Warum tun wir uns so schwer wegen 1000 bis 1500 zusätzlicher Top-Spezialisten aus Drittstaaten, die überall auf der Welt ein Jobangebot erhalten, aber auch gerne bei uns arbeiten würden?», entrüstet sich Savoia. Junge Menschen aus China, den USA oder Indien schlössen an der ETH ein Studium ab und dürften dann in der Schweiz kaum einmal ein Praktikum absolvieren. Aufgrund der restriktiven Arbeitsbewilligungen wanderten vielversprechende Zukunftsjobs und Projekte im Bereich Nachhaltigkeit, Blockchain oder generell Forschung und Entwicklung ins Ausland ab – unter anderem nach Singapur oder Deutschland.

Umschulung von Piloten zu Zugführern?

Initiativen, die den Transfer von Arbeitskräften in Richtung Mangelberufe erleichtern – wie beispielsweise die (vorübergehende) Beschäftigung von Flugbegleitern der Swiss als Contact Tracer – hält Dell’Anna für vielversprechend. «Eine solche Mobilität hätten wir uns vor ein paar Jahren nicht vorstellen können. Aber wir lernen dazu, das ist einer der positiven Effekte der Krise.»

Ähnliche Massnahmen seien beispielsweise bei den Piloten vorstellbar, ergänzt Savoia. Diese könnten zu Zugführern umgeschult werden. Nicht zuletzt müsse auch jeder Erwerbstätige Verantwortung übernehmen, damit er oder sie dank kontinuierlicher Weiterbildung arbeitsmarktfähig bleibe. Ohne verstärkte Mobilität werde es nicht möglich sein, das Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt zu beheben. Die durch die Corona-Krise verschlechterte wirtschaftliche Situation ist seiner Ansicht nach ein Weckruf. Sowohl Dell’Anna als auch Savoia hoffen, dass die Schweiz rechtzeitig erwacht und sich den Herausforderungen bei der Aus- und Weiterbildung, der verstärkten beruflichen Integration von Frauen und der Rekrutierung internationaler Spitzenkräfte stellt.

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