Switzerland

Der Pop-Star der extremen Rechten in den Niederlanden verkündet einen halben Rückzug

Thierry Baudet, der Chef des Forums für Demokratie, will bei den Parlamentswahlen im März nicht mehr als Spitzenkandidat antreten. Am Wochenende war bekanntgeworden, dass junge Parteimitglieder in Chats Nazi-Bücher gelobt und Hetze gegen Juden betrieben hatten.

Thierry Baudet im September im niederländischen Parlament.

Thierry Baudet im September im niederländischen Parlament.

Imago

Sein Platz als Liebling der Medien war Thierry Baudet spätestens im Sommer 2018 sicher. Der Gründer und Chef des rechtsnationalen Forums für Demokratie (FvD) hatte ein Nacktfoto von sich auf Instagram veröffentlicht. Im Jahr zuvor hatte der «Dandy von Den Haag» eine Rede auf Latein im niederländischen Parlament gehalten und war ein anderes Mal in militärischer Kluft vor den Abgeordneten erschienen. Gut aussehend, gebildet, rebellisch – diese Mischung kam bei vielen gut an.

Üble Propaganda

Mit Angriffen auf «linke Eliten», auf die EU und auf die Klimaschutzbewegung zog Baudets Partei 2017 erstmals in die Zweite Kammer des Parlaments ein. Zwei Jahre später wurde sie bei den Regionalwahlen sogar stärkste Kraft. Dabei ist das FvD am rechten Rand der zersplitterten niederländischen Parteienlandschaft keineswegs allein, auch der nicht minder schillernde «Islamkritiker» Geert Wilders tummelt sich dort. Rund ein Fünftel der Wählerstimmen sagen Umfrageinstitute dem FvD und der Wilders-Partei PVV für die Parlamentswahlen am 17. März voraus.

Am Montagabend zog Baudet allerdings die Reissleine: Weil Berichte über antisemitische und rechtsradikale Sprüche in Chat-Gruppen der Jugendbewegung des FvD aufgetaucht waren, verkündete der 37-Jährige in einer Videobotschaft seinen Rückzug als Spitzenkandidat der Partei. Die Berichte seien «schrecklich», so Baudet. Dann fügte er gleichwohl hinzu, dass man den Medien nicht trauen könne und hier seiner Partei noch vor einer Untersuchung der Vorfälle «der Prozess gemacht» worden sei.

Ans Licht gebracht hatte den Skandal die Amsterdamer Regionalzeitung «Het Parool». Sie dokumentierte am Samstag anhand von Screenshots, worüber sich junge Parteimitglieder in ihren Chat-Gruppen so austauschen: Beispielsweise über die Nazi-Schrift «Der Untermensch», die einer als «Meisterwerk» lobte. Oder über die Juden, die laut einem anderen Chat-Teilnehmer «internationale Pädo-Netzwerke haben und Frauen massenhaft in die Pornografie drängen».

Für den niederländischen Politologen Chris Aalberts kommen die Berichte nicht überraschend. Schon im Frühjahr seien vergleichbare Protokolle aufgetaucht, in denen antisemitisch gehetzt und der Nationalsozialismus verherrlicht worden sei. Auch müsse man daran erinnern, dass Baudet selber immer wieder mit faschistischen Begriffen jongliere – wenn er beispielsweise in Reden von der «borealen Welt» spreche, die er verteidigen möchte. Rein wörtlich bedeutet boreal nördlich. Rechtsextreme Ideologen benutzen den Begriff allerdings als Codewort für «arische» oder «weisse Rassenreinheit».

Zenit überschritten?

Tatsächlich pflegt Baudet seit Jahren Kontakte zur extremen Rechten. So traf er sich unter anderem mit dem französischen Holocaust-Leugner Jean-Marie Le Pen, mit dem Vordenker der amerikanischen «Alt-Right-Bewegung», Jared Taylor, und mit dem russischen Publizisten Alexander Dugin, der von einem Endkampf der Kulturen schwärmt. Recht erfolgreich habe sich Baudet als kultivierter Bildungsbürger und Konservativer vermarktet, meint Aalberts. «Ich selbst würde ihn aber eher als Extremisten bezeichnen.»

Forderungen aus der eigenen Partei, die Jugendorganisation aufzulösen und deren radikalen Chef Freek Jansen zu entlassen, hatte Baudet bis zuletzt ignoriert. Jansen gehört zu seinen Vertrauten. Am Sonntag jedoch trat der Jugendvorstand geschlossen zurück. Ob das die inneren Machtkämpfe befrieden kann, ist fraglich. Baudet jedenfalls entschied sich vorerst nur für einen halben Rückzug. Er wolle Vorsitzender bleiben, erklärte er am Montag, und vielleicht über einen der hinteren Listenplätze auch wieder ins Parlament einziehen. Wenn es die Partei denn wünsche.

Dem Brüssel-Korrespondenten Daniel Steinvorth auf Twitter folgen.

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