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Der Mensch hat sich selber gezähmt

Durch die Anwendung tödlicher Gewalt hat sich der Mensch zum zivilisierten Wesen entwickelt – das ist eine irritierende These. Der Primatenforscher Richard Wrangham macht sie in seinem Buch plausibel.

Aggressives Verhalten ist im Verlauf der menschlichen Geschichte erfolgreich eingedämmt worden, trotzdem ist der Mensch weiterhin zu Grausamkeit fähig.

Aggressives Verhalten ist im Verlauf der menschlichen Geschichte erfolgreich eingedämmt worden, trotzdem ist der Mensch weiterhin zu Grausamkeit fähig. 

Lee Jin Man / AP

Um die These dieses Buches verstehen zu können, muss man seine Vorgeschichte kennen. Sie handelt von der immer wieder aufs Neue aufgeworfenen Frage, ob Gewalt, ob Krieg an sich «schlecht» sei oder ob es nicht auch sein könne, dass daraus «Gutes» entstehe – und zwar nicht anlassbezogen, sondern grundsätzlich. Darüber wird in jüngerer Zeit regelmässig auch in Buchform gestritten – historisch, politisch, philosophisch.

Vor sieben Jahren etwa fachte Ian Morris mit seinem Buch «Krieg. Wozu er gut ist» die Debatte an. Der in Stanford lehrende Historiker machte in der kriegerischen Geschichte der Menschheit vier positive Langzeitentwicklungen aus: Erstens hätten Kriege zu zahlenmässig grösseren Gesellschaften höherer Ordnung geführt und diese zu einem verminderten Risiko, dass eines ihrer Mitglieder eines gewaltsamen Todes sterbe. Zweitens sei Krieg zwar die denkbar schlimmste Methode zur Schaffung grösserer, friedfertigerer Gesellschaften, dabei aber die einzige, auf die der Mensch gekommen sei. Drittens hätten die vom Krieg geschaffenen grösseren Gesellschaften den Menschen durch wirtschaftliches Wachstum auch reicher gemacht. Und viertens glaubte Morris, dass sich der Krieg heute selbst um sein Geschäft bringe – zu destruktiv seien die Waffen geworden, zu effizient die Organisation.

Bereits ein Blick auf die Nachrichtenlage des Jahres 2013 machte deutlich, dass Morris’ Argumentation zu kurz griff. Den asymmetrischen Krieg, der in den damaligen Konfliktregionen Afghanistans, Afrikas und des Nahen Ostens dominierte und zu einem ganz eigenen Politik- und Geschäftsmodell von langer Dauer geworden war, blendete er aus.

Bald darauf folgte der Krieg in der Ukraine, im Irak und in Syrien breitete sich die Terrormiliz Islamischer Staat aus, und auch mit Blick auf die blutigen Bürgerkriege und die damit verwobenen Stellvertreterkonflikte in Libyen und Jemen sowie den mit bestialischer Gewalt geführten Drogenkrieg in Mexiko verwundert jetzt das Erscheinen eines weiteren Buches, das die These aufstellt, Gewalt habe den Menschen gezähmt, ihn friedlicher gemacht.

Vergleichsweise friedlich

Wie Morris scheinen auch Richard Wrangham die aktuellen Statistiken nicht zu beeindrucken: Derzeit gibt es auf fünf von sieben Kontinenten bewaffnete Konflikte. Nach unterschiedlichen Schätzungen sind 2014 weltweit zwischen hundertsechzigtausend und zweihundertzwanzigtausend Menschen direkt in Kampfhandlungen gestorben, so viele wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Dieser Trend setzte sich in den Folgejahren fort. Wie kann man vor diesem Hintergrund davon sprechen, dass der Mensch sich im Laufe der Evolution durch die Anwendung tödlicher Gewalt zu dem zivilisierten Wesen entwickelt habe, das er heute sei?

Bei Wrangham könnten diese Widersprüche damit zu erklären sein, dass er sich bisher weniger dem Menschen, dafür umso intensiver einem anderen, dem Menschen nahen Lebewesen gewidmet hat. Der Professor für biologische Anthropologie an der Harvard University gilt als einer der weltweit führenden Primatenforscher, bekannt geworden durch seine langjährigen Studien mit wildlebenden Schimpansen in Afrika; in den siebziger Jahren hat Wrangham als Doktorand in Jane Goodalls Forschungsprojekt in Tansania gearbeitet.

Aus diesen Beobachtungen heraus ist bei Wrangham über die Jahrzehnte eine Erkenntnis gereift, die er nun einer breiteren Öffentlichkeit vorlegt: Verglichen mit den meisten wilden Säugetieren sei der Mensch ausgesprochen friedlich. Er habe die auffällige Eigenschaft, innerhalb seiner Gemeinschaften verhältnismässig selten mit seinen Artgenossen zu kämpfen.

Eine Wirkung der Todesstrafe

Wranghams grosses Thema ist die menschliche Fähigkeit zur «Selbstdomestizierung». Dabei verschweigt er keinesfalls, wie sehr Gewalt die gesamte menschliche Gesellschaft bis heute durchdringt. Im Gegenteil: Er selbst betont diesen Widerspruch. Umso mehr interessiert ihn die Frage, wie sich beim Menschen domestizierte Eigenschaften und die Fähigkeit zu grausamer Gewalt unter einen Hut bringen lassen.

Auf der Suche nach Antworten gelangt Wrangham zu Aussagen, die sehr wohltuend sind und aufhorchen lassen sollten: Die Fähigkeit zu Grausamkeit und Gewalt sieht Wrangham auch heute nicht auf bestimmte Gruppen beschränkt. Zwar könne eine Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg in aussergewöhnlichem Frieden gelebt haben, während eine andere von aussergewöhnlicher Gewalt erschüttert worden sei. Aber für Wrangham ist dies kein Hinweis auf angeborene psychische Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Regionen oder Epochen. Nach seiner Beobachtung scheinen sie alle dieselbe Anlage zu Tugend und Gewalt mitzubringen.

Aber wie hat nun Gewalt zu Tugend geführt? Wrangham vertritt die These, dass der Homo sapiens seit seinen Anfängen vor rund 300 000 Jahren ein sogenanntes Domestizierungssyndrom aufweise und sich evolutionär hin zu einer relativ toleranten und sanftmütigen Spezies mit einer schwach ausgeprägten Neigung zu reaktiver Aggression entwickelt habe. Eine Schlüsselrolle auf diesem Weg der menschlichen Selbstdomestizierung weist Wrangham der Todesstrafe zu. In ihr erkennt er ein Mittel, durch das aggressives Verhalten benachteiligt und dominante Männer gezwungen wurden, sich egalitären Normen unterzuordnen.

Keine Langzeitprognose

Dies mag ein Faktor für die innere Selbstdomestizierung von Gesellschaften gewesen sein – aber für die äussere Selbstdomestizierung, für die Frage von Krieg und Frieden? Hier sieht sich Wrangham zunächst von der historischen Entwicklung an sich bestätigt. Wohl werden bis heute viele Kriege ausgetragen, doch der Anteil der Kriegstoten ist seit der Vorgeschichte immer weiter zurückgegangen. Für Wrangham sieht es folglich danach aus, als würde sich die Menschheit in die richtige Richtung entwickeln.

Dies führt er zum einen auf statistische Gründe zurück: Die Gesellschaften seien im Laufe der Zeit immer grösser geworden, und in grösseren Gesellschaften sei ein kleinerer Teil der Bevölkerung direkt an Kampfhandlungen beteiligt. Und mit der Zahl der Nationen habe auch die Zahl der Kriege abgenommen. Zum anderen macht Wrangham die völkerrechtlichen Anstrengungen, die Beziehungen zwischen den Staaten zu kontrollieren, für den Rückgang kriegerischer Gewalt verantwortlich – es ist also hier, anders als der Titel des Buches suggeriert, nicht die Gewalt selbst, die «uns friedlicher gemacht hat».

Eine Prognose, ob diese Langzeitentwicklung anhalten wird, wagt Wrangham nicht. Hier sei ihm die Lektüre von Barbara Kuchler empfohlen. Die Bielefelder Soziologin hat 2013 eine luzide Gesellschaftstheorie gewaltsamer Konflikte entworfen. Laut ihr hat sich die Wahrnehmung des Krieges dadurch entscheidend verändert, dass er im Verlauf der Geschichte zunehmend auch aus der Perspektive der Zivilisten, der unschuldig leidenden Opfer oder der indirekt Betroffenen beurteilt wurde – und immer weniger allein aus der Sicht der Kriegführenden. Unter dieser Prämisse sei die Negativbewertung von Kriegen unausweichlich geworden. Und die Zähmung des Menschen durch die Wirkung von Gewalt scheint so auch nicht mehr widersprüchlich.

Richard Wrangham: Die Zähmung des Menschen. Warum Gewalt uns friedlicher gemacht hat. Eine neue Geschichte der Menschwerdung. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019. 496 S., Fr. 42.90.

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