Switzerland

Der Inbegriff des Bösen – wie zwei Kommunisten zum berüchtigtsten Gangsterduo der Schweizer Kriminalgeschichte wurden

Maschinenpistolen, Mord und Raub: Anfang der 1950er Jahre verschreckten Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann die Schweiz mit brutalen Verbrechen «amerikanischen» Typs – ein Blick zurück.

Polizisten führen Ernst Deubelbeiss zur Tatortbesichtigung ins Reppischtal, wo er mit Kurt Schürmann den Bankier Armin Bannwart umgebracht hat.

Polizisten führen Ernst Deubelbeiss zur Tatortbesichtigung ins Reppischtal, wo er mit Kurt Schürmann den Bankier Armin Bannwart umgebracht hat.

Keystone

Wer an diesem schaurigen Spektakel dabei sein will, muss früh aufstehen. Die Zuschauertribüne im Zürcher Schwurgerichtssaal fasst zwar 250 Personen, doch die Menschenschlange, die am Morgen des 6. Februars 1953 trotz Schneegestöber vor dem Gebäude Einlass begehrt, ist lang. Auf dem Programm steht der Prozess gegen «zwei Gangster gefährlichster Art», wie es in den Zeitungen heisst. Deren Verbrechen seien «um viele Nuancen dunkler, diabolischer» als die bisher in der friedlichen Schweiz begangenen Taten, schreibt ein Gerichtsreporter. Von einer «Entmenschung» ist gar die Rede. Und die NZZ erinnert daran, dass bei der Ergreifung des Duos ein «fühlbares Aufatmen» durch die Bevölkerung gegangen sei. 

Um 8 Uhr 15 werden die Angeklagten in den Saal geführt, einzeln und in Handschellen. Schon der Klang ihrer Namen löst bei manchen Zuschauern mulmige Gefühle aus: Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann. Es ist ein sonderbares Paar, das sich wegen dreier Hauptdelikte – Mord, versuchter Mord und Raub – sowie über fünfzig Nebendelikten verantworten muss. Deubelbeiss, 31-jährig, Garagistensohn aus Belp, erst Schulversager, dann Mechaniker, ist lang und hager, seine Stirn hoch, die Nase prägnant – eine Physiognomie, die laut einem Psychiater in der «Schweizer Illustrierten» einen «pathologischen und brutalen Charakter» erwarten lasse. Schürmann, 27-jährig, Spross einer Arbeiterfamilie aus Winterthur, hat sich in der Fremdenlegion versucht und sich dann mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, ist im Vergleich geradezu schmächtig, sein Haar ist dicht, das Gesicht fein geschnitten. Ihr gemeinsamer Weg hat dort begonnen, wo er nun auch wieder enden wird – in einer Strafanstalt. 

Stalin und Yoga

Im Waadtländer Zuchthaus Bochuz lernen sie sich Mitte der 1940er Jahre kennen. Sie sitzen beide wegen Einbruchs und sind die einzigen Deutschschweizer Insassen. Beide sind kommunistisch gesinnt: Deubelbeiss ist kurze Zeit Mitglied der Partei der Arbeit gewesen, Schürmann verehrt Stalin, liest Marx und Lenin, wettert gegen die Bourgeoisie. Nach ihrer Entlassung treffen sie sich in Zürich wieder. Deubelbeiss arbeitet mittlerweile als Hauswart und «Mädchen für alles» in einer Versuchsanstalt in Schlieren. Seine Vermieterin bezeichnet ihn später als «en Gschpässige». Er trinke und rauche nicht, befasse sich mit Yoga und esse nur vegetarisch. Zusammen mit Schürmann, der Hilfsarbeiter ist, beginnt er im Frühjahr 1951 «krumme Dinger» zu drehen. Ihr erster grosser Coup ist der Einbruch in ein Zeughaus der Schweizer Armee in Höngg, wo sie 15 Maschinenpistolen und fast 10 000 Schuss Munition erbeuten. Für ihr Diebesgut legen sie im Wald Verstecke an, vergraben eigens abgedichtete Fässer. 

Bankier kaltblütig liquidiert

Der Zeughaus-Diebstahl sorgt für Schlagzeilen: Ob es sich etwa um eine internationale Bande handle, die in der Schweiz ihr Unwesen treibe, fragen sich Ermittler und Medien. Während die Armee beschliesst, ihre Depots besser zu sichern, hecken Deubelbeiss und Schürmann bereits das nächste Verbrechen aus. Nach den Waffen wollen sie nun an Geld kommen, richtig viel Geld. Sie kundschaften die Bank Winterstein in Zürich aus und lauern am Abend des 4. Dezembers 1951 deren Teilhaber, Armin Bannwart, auf. Sie überwältigen ihn in seinem Auto, doch der Bankier trägt just an diesem Tag nicht wie üblich den Tresorschlüssel auf sich. Die Gangster zwingen ihn, aus einer Telefonkabine seine Frau zu verständigen, dass er nicht zum Essen komme, sowie seinen Prokuristen zu informieren, dass er sofort den Tresorschlüssel benötige. Der Ehefrau und dem Mitarbeiter ist das nicht geheuer, sie alarmieren die Polizei. Als Deubelbeiss und Schürmann mit ihrem Opfer bei der Bank vorfahren, sehen sie, dass der Prokurist nicht alleine ist. Sie werden misstrauisch und ergreifen die Flucht. Bei einem Halt im Reppischtal schlägt Deubelbeiss dem gefesselten Bannwart mit der Maschinenpistole auf den Kopf, bevor Schürmann ihn mit zwei Schüssen liquidiert. Mit der Leiche auf dem Rücksitz rasen sie zu einem Waldrand, lassen den Wagen ins Dickicht rollen, nehmen dem Toten die Brieftasche mit 215 Franken Inhalt ab – und machen sich aus dem Staub.

Die herrschende Ordnung stürzen: Kurt Schürmann, beim Augenschein am Tatort im Reppischtal.

Die herrschende Ordnung stürzen: Kurt Schürmann, beim Augenschein am Tatort im Reppischtal.

Keystone

Als ein Polizist wenig später den grausigen Fund macht, ist die Hölle los: Der Wissenschaftliche Dienst weist nach, dass der Familienvater Bannwart mit einer Maschinenpistole erschossen worden ist – einer automatischen Handfeuerwaffe mit 9-mm-Kaliber, wie sie im Krieg verwendet wird und im Zeughaus in Höngg gestohlen wurde. Die brutale Bluttat verstört die Öffentlichkeit. Von Gangstermethoden, die bisher nur aus den USA bekannt seien, schreiben die Medien. Hat es so etwas hierzulande schon einmal gegeben? Die Polizei tappt vorerst im Dunkeln, rüstet aber auf: Maschinenpistolen, Panzerwesten, Stahlhelme, schnelle Eingreiftruppen. 

108 Patronenhülsen

Einige Wochen danach sorgen Deubelbeiss und Schürmann für die nächsten Schlagzeilen. In der Nacht auf den 25. Januar 1952 schrecken im aargauischen Reinach ein Versicherungsagent und seine Ehefrau aus dem Schlaf. Geräusche dringen aus dem Postgebäude, das direkt unter ihrer Wohnung liegt. Tatsächlich macht sich dort gerade Deubelbeiss mit einem Schweissgerät am Tresor zu schaffen, während Schürmann Wache steht. Der Anwohner alarmiert den Dorfpolizisten, der sofort mit dem Velo ausrückt. Als dieser am Tatort aufkreuzt, türmen die beiden Gangster. Und wie: Sie ballern sich regelrecht den Weg frei mit ihren Maschinenpistolen, deren Läufe der geschickte Mechaniker Deubelbeiss so verkürzt hat, dass sie sich gut unter einem Mantel verbergen lassen. Nach dem Gefecht werden auf dem Postplatz in Reinach 108 Patronenhülsen sichergestellt. Es ist die grösste Schiesserei in der Geschichte der Schweiz, wie der Historiker Willi Wottreng in seinem Standardwerk über Deubelbeiss und Schürmann konstatiert. Ein Wunder, dass es keine Toten gibt.

Den beiden Schwerverbrechern gelingt zwar in ihrem gestohlenen Chevrolet die Flucht. Doch sie hinterlassen Spuren am Tatort, etwa ein Stück Schwammgummi, den nur wenige Betriebe in der Schweiz verwenden. Zudem suchen und finden die Untersuchungsbehörden Hilfe bei der Bevölkerung. Wie schon nach dem Mord an Bankier Bannwart werden in Zeitungen und im neuen Massenmedium Radio Zeugenaufrufe gebracht. «Wer ist vorige Nacht nicht zu Hause gewesen? Wer ist heute morgen verspätet zur Arbeit erschienen?», fragt der Landessender Beromünster vor den Mittagsnachrichten.

Daraufhin meldet der Chef von Deubelbeiss einen Verdacht: dass nämlich der Hauswart seines Betriebs zu spät zur Arbeit gekommen sei und es weitere Seltsamkeiten zu berichten gebe. So weise die Schweissnaht am Tresor in Reinach gemäss Polizeifoto ähnliche handwerkliche Fehler auf wie die in der Firma ausgeführten Schweissarbeiten. Zudem habe Deubelbeiss seit einigen Wochen seine Baskenmütze nicht mehr aufgehabt – und eine solche habe laut Zeugenaussage einer der Entführer des ermordeten Bannwart getragen. Der Rest ist Formsache: Die Polizei observiert Deubelbeiss tagelang, stösst so auch auf Schürmann und verhaftet beide am 11. Februar 1952. 

Politische Revolutionäre?

In der Untersuchungshaft werden die einstigen Komplizen zu Gegnern. Schürmann zeigt sich kooperativ und gibt alles zu. Deubelbeiss, der zwei Suizidversuche unternimmt, bestreitet alles, legt dann ein Geständnis ab, widerruft es aber wieder, weshalb es überhaupt zu einem Prozess vor den Geschworenen kommt. Derweil diskutieren Kriminalisten und Politiker über härtere Strafen angesichts solcher «neuer» Verbrechen, selbst die Wiedereinführung der Todesstrafe wird Thema im Parlament.

Der «Gangsterprozess vor Zürcher Schwurgericht» (NZZ) vom Februar 1953 ist ein Medienspektakel und dauert 13 Tage. Eine «Tatortbesichtigung» in Reinach wird zum makabren Volksfest, für das im Dorf sogar die Schulen geschlossen werden. Die beiden Angeklagten inszenieren sich als politische Revolutionäre. Sie hätten mit dem Geld und den Waffen eine Untergrundpartei gründen wollen mit dem Ziel, die herrschende Ordnung zu stürzen. Nur, das nimmt ihnen von links bis rechts niemand ab – die Faktenlage sei klar: Es handle sich um brutale Kriminelle, die sich hätten bereichern wollen. Das Urteil des Gerichts vom 18. Februar lautet denn auch: lebenslang Zuchthaus für beide. 

Kurt Schürmann wird zum Musterhäftling und 1970 aus der Strafanstalt Regensdorf entlassen. Ernst Deubelbeiss bleibt renitent, sticht gar einmal mit einem Küchenmesser auf den Gefängnisdirektor ein und kommt erst 1978 frei. Später lebt er unauffällig unter einem neuen Namen. Der alte hallt noch nach, etwa in der Drohung von Eltern: «Wenn du nicht brav bist – dann holt dich der Deubelbeiss!»