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Das wahre Risiko von Evergrande

China 1 Jahr nach Ausbruch des Coronavirus

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China 1 Jahr nach Ausbruch des Coronavirus

quelle: keystone / ng han guan

Hier werden 15 Wohntürme auf einmal gesprengt

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Sieht sich in der Tradition von Mao, Marx und Lenin: Präsident Xi Jinping.

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Bild: keystone

Analyse

Das internationale Finanzsystem ist wegen eines sich abzeichnenden Zusammenbruchs des chinesischen Immobiliengiganten nicht in Gefahr.

Man kann die jüngsten Turbulenzen um Evergrande, den chinesischen Immobiliengiganten, auf zwei Arten betrachten: kapitalistisch oder sozialistisch. Hier zunächst die kapitalistische Sicht:

Immobilien sind der bedeutendste Bereich der chinesischen Volkswirtschaft – der Anteil am Bruttoinlandprodukt beträgt rund 20 Prozent –, Evergrande ist der grösste Player. Wenn dieser Player mehr als 300 Milliarden Dollar Schulden hat und diese nicht mehr bedienen kann, dann ist Feuer im Dach. Hunderttausende von Mitarbeitern bangen um ihre Jobs, Lieferanten fürchten, dass ihre Rechnungen nicht bezahlt werden und Banken sitzen auf einem Berg von faulen Krediten.

Das wiederum kann einen Dominoeffekt auslösen, und weil China die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt ist, macht sich dieser Effekt rund um den Globus bemerkbar: Rohstoffpreise rasseln in den Keller, internationale Banken geraten in Schwierigkeiten, weil sie ebenfalls zu viele chinesische Risiken in ihren Büchern haben.

Ein Evergrande-Wohnkomplex in Peking.

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Bild: keystone

Weil gleichzeitig die Börsen Höchststände aufweisen und weil die US-Notenbank mit einem Mini-Tapering droht – einem vorsichtigen Aussteigen aus dem massiven Aufkaufen von Staats- und anderen Schulden –, und weil wieder einmal eine Zahlungsunfähigkeit des amerikanischen Staates möglich wird, werden die Investoren nervös – und Journalisten sprechen von einem Lehman-Moment.

Doch ist der Crash von Evergrande tatsächlich vergleichbar mit dem Crash der amerikanischen Investmentbank, die 2008 beinahe das internationale Finanzsystem zu Fall brachte? Höchstwahrscheinlich nicht. Deshalb wenden wir uns der zweiten Sicht der Dinge zu, der sozialistischen.

In der marxistisch-leninistischen Doktrin ist der Kapitalismus eine notwendige Zwischenstufe auf dem Weg ins sozialistische Paradies. Als die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg in China an die Macht kamen, war die Wirtschaft noch weit von dieser Zwischenstufe entfernt. Maos missglückte Wirtschafts-experimente – allen voran der Grosse Sprung vorwärts – endeten in einem Desaster, das gegen 60 Millionen Hungertote kostete.

Nach Maos Tod machte sich China unter der Leitung von Deng Xiaoping daran, die notwendige kapitalistische Zwischenstufe zu erreichen, will heissen: Die Kommunistische Partei Chinas (KPC) entfesselte die Marktkräfte und liess privates Unternehmertum zu. Um das Gesicht zu wahren, nannte man das «Sozialismus mit chinesischen Charakteristiken».

Über einem Riesenposter von Mao winkt Präsident Xi den Massen zu.

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Bild: keystone

Der Erfolg war durchschlagend. China erlebte in den letzten vier Jahrzehnten das grösste Wirtschaftswunder, das die Welt je gesehen hat. Das einst bettelarme Land hat hunderte von Millionen Menschen aus grösster Armut in den Mittelstand geführt, hat eine der modernsten Infrastrukturen der Welt und ist im Begriff, zum führenden Player auf dem Gebiet von Hi-Tech und künstlicher Intelligenz zu werden.

Chinas Umweg über den Kapitalismus hat jedoch auch zu hässlichen Auswüchsen geführt: Extreme Ungleichheit – nirgends wurden in den letzten Jahren mehr Milliardäre geschaffen als im Reich der Mitte – und grassierende Korruption. Beidem hat Präsident Xi Jinping den Kampf angesagt – und er greift jetzt energisch durch. «China hat eine neue Entwicklungsstufe erreicht», erklärte Xi in einer Rede im Januar. Es sei nun Zeit, eine «moderne sozialistische Supermacht» zu formen.

Das waren keine leeren Worte. Die ersten, die dies zu spüren bekamen, waren die IT-Giganten Alibaba, Tencent und Didi. Ihnen wurden die Flügel gestützt, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Das «Wall Street Journal» schreibt dazu:

«Mr. Xis Politik-Wechsel hat für Unternehmer wie Alibabas Jack Ma oder Tencents Pony Ma zur Folge gehabt, dass mehr als eine Billion Dollar Vermögenswerte an den Finanzmärkten vernichtet wurden. Private Unternehmer und ihre Eigentümer werden dazu angehalten, im grossen Stil für wohltätige Zwecke zu spenden. Allein Alibaba hat sich für eine Spende in der Höhe von 15,5 Milliarden Dollar verpflichtet.»

Der Immobilienmarkt ist ebenfalls seit Jahren ein Sorgenkind der Regierung. Die Preise sind wegen ungebremster Spekulation in die Höhe geschossen. Nun hat die KPC die Nase voll. Sie will mit Evergrande ein Exempel statuieren und damit ein für alle Mal mit der Wild-West-Mentalität in diesem Bereich aufräumen.

Evergrande ist damit ein weiteres Opfer auf Chinas Weg ins sozialistische Paradies. Es wird noch andere Verlierer geben. Die Aktionäre werden wohl mit einem Totalverlust rechnen müssen. Mitarbeiter und die vielen Kleinen, die dem Immobiliengiganten Geld geliehen haben, können hoffen, mit einem blauen Auge davonzukommen.

Und was ist mit den Schulden? Dieses Problem wird die KPC im Verbund mit der Bank of China auf ihre Art regeln. Schulden sind im Reich der Mittel ohnehin relativ. Oder wie es Robert Armstrong in der «Financial Times» ausdrückt:

«Das beinahe in sich geschlossene chinesische Finanzsystem hat zur Folge, dass der grösste Teil der Schulden innerhalb des Systems bleibt. Die Partei hat die Kontrolle über dieses System, und Schulden sind letztlich, was die Partei beschliesst, was Schulden sein sollen.»

Vor einem Lehman-Moment müssen wir uns daher nicht fürchten. Hingegen sollten wir uns darauf gefasst machen, dass die Ära des «Sozialismus mit chinesischen Charakteristiken» vorbei ist. Xi ist offensichtlich entschlossen, sein Land zu einem Musterstaat im Sinne von Marx und Lenin machen. Deshalb stellte er kürzlich auch klar: «Sozialismus mit chinesischen Charakteristiken ist Sozialismus – nicht irgendein ‹ismus›.»

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