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Das unterschätzte Leiden

Für Regula Roth* sind Blasenentzündungen ein ständiges Thema. Bereits ab dem 18. Altersjahr war die Zürcherin immer wieder mit dem lästigen Übel konfrontiert: «Ich hatte Schmerzen im Unterleib und starken Harndrang, auch wenn ich gerade erst auf der Toilette war», erzählt die heute 44-Jährige. Besonders häufig traten die Symptome nach dem Geschlechtsverkehr auf. Immer wieder musste sie deswegen Antibiotika schlucken.

Zwar ­beruhigte sich die Situation zwischen 25 und 40 ein wenig. Doch dann begann es von neuem. Manchmal spürt sie gar kein Brennen, sondern bemerkt die Entzündung erst, wenn der Urin trüb wird, zu riechen beginnt und sie Fieber bekommt. In solchen Momenten sei es jeweils höchste Zeit für einen Arzt­besuch, weiss Roth. Denn Fieber ist ein Hinweis darauf, dass der Infekt aufgestiegen ist und sich bereits zu einer Nierenbeckenentzündung ausgewachsen hat.

Oft macht sich das Übel nach dem Geschlechtsverkehr bemerkbar, weil Bakterien dabei in die Harnröhre gedrückt werden. 

Bei Frauen liegen die Körperöffnungen im Intimbereich nahe beieinander. Dies führt dazu, dass Bakterien vom Damm und aus dem Darmbereich leicht in die Harnröhre gelangen können. Weil diese bei Frauen zudem ­einiges kürzer ist als bei Männern, leiden sie viel häufiger an Blasenentzündungen. Oft macht sich das Übel nach dem Geschlechtsverkehr bemerkbar, weil Bakterien dabei in die Harnröhre gedrückt werden.

Etwas anfälliger sind Frauen auch in der Schwangerschaft, weil sich die Harnwegsorgane unter dem Einfluss des Hormons Progesteron leicht weiten. Zudem drückt die Gebärmutter mit zunehmendem Gewicht immer stärker auf die Blase, womit sich diese leicht absenkt. In Ausnahmefällen kann die Entzündung auch ­ältere Männer mit vergrösserter Prostata befallen.

Meist Frauen betroffen

In der Praxis der Basler Gynäkologin Anna Wagner sind Blaseninfekte an der Tagesordnung. «Es gibt zwei Peaks im Leben einer Frau», weiss die Ärztin. «Die erste Häufung tritt auf, wenn die sexuelle Aktivität beginnt. Man spricht auch von Honeymoon-Infektionen.»

Die zweite Häufung komme dann in der Abänderungsphase. Mit der hormonellen Umstellung werden die Schleimhäute in der Vagina und auch in der Harnröhre dünner. Somit können Keime besser aufsteigen. Die unterschiedliche Anatomie im Intimbereich mit kürzerem oder längerem Damm sei vermutlich auch der Grund, weshalb einige Frauen sehr häufig mit dem Problem konfrontiert sind und andere verschont bleiben, erklärt Wagner.

«Besonders anfällig sind Frauen, wenn ihre sexuelle Aktivität beginnt – und in den Wechseljahren.»

Bei einer Blasenentzündung besteht stets die Gefahr, dass die Keime durch den Harnleiter in das Nierenbecken aufsteigen, wo sich der Urin sammelt, bevor er in die Harnblase rinnt. Eine ­Nierenbeckenentzündung ist eine ernsthafte Krankheit. Meist macht sie sich durch ein Ziehen im mittleren Rücken bemerkbar sowie durch Fieber, reduzierten Allgemeinzustand und Appetitlosigkeit. Lässt man die Infektion anstehen, droht schlimmstenfalls ein Nierenversagen.

Um solche Risiken auszuschliessen, verordnen viele Ärzte bereits bei einer Blasenentzündung Antibiotika. In letzter Zeit sind sie aber vorsichtiger geworden. Ein allzu grosszügiger Umgang mit den Wundermitteln hat dazu ­geführt, dass viele Bakterien heute resistent geworden sind.

Oft geht es ohne Antibiotika

Bei jungen Frauen könne man eine Blasenentzündung auch ohne Antibiotika behandeln, sagt Gynäkologin Anna Wagner. «Man weiss heute, dass ein reines Schmerzmittel gleich effektiv ist.» Die ­Infektion heile dann von selbst wieder ab. Unterstützend wirken können rezeptfreie Mittel auf Basis von Mannose-­Zucker oder Hibiskus. Voraussetzung für diese sanfte Therapie sei aber, dass sich kein Blut im Urin finde ­sowie dass keine Symptome wie Fieber oder ­Rückenschmerzen vorhanden seien, betont die ­Gynäkologin. Sonst sei eine gründliche Abklärung angezeigt.

Sind dennoch Antibiotika ­nötig, sollten Ärzte gezielt vorgehen und eine Urinprobe abnehmen. Diese wird auf einen Nährboden gegeben, auf dem sich die Bakterien vermehren. Nach einigen Tagen können die Labormitarbeiter ablesen, auf welches Mittel die Keime ansprechen. So kann vermieden werden, dass unwirksame Antibiotika verabreicht werden und ­damit die Bildung von Resistenzen gefördert wird. Bei schwerem Krankheitsbild geben Ärzte aber sogleich ein sogenanntes Breitbandantibiotikum ab, das den Grossteil der gängigen Keime zu bekämpfen vermag.

Abwehr stärken mit Impfung

Treten Blasenentzündungen immer wieder auf, stehen weitere Behandlungsmethoden zur Verfügung. Gute Erfahrungen macht Anna Wagner etwa mit einer Impfung, die verhindert, dass Keime über die Harnröhre in die Blase wandern. Sie wird in Form von Kapseln über drei Monate hinweg eingenommen.

Seit kurzem kommt bei häufigen Infektionen auch eine Blaseninstillation infrage. Dabei wird die Schleimhaut in der Blase mit Hyaluronsäure gezielt wieder aufgebaut. Dabei handelt es sich um eine körpereigene Substanz, die ein wichtiger ­Bestandteil der Schutzschicht an der Blaseninnenwand ist und auch in der Gelenkflüssigkeit enthalten ist. Bei der Behandlung wird das Gel über einen dünnen Katheter in die Blase gespritzt. Nach einer halben Stunde darf man auf die Toilette gehen. Die Therapie muss mehrmals wiederholt werden.

Die beiden Ansätze könnten manchmal einen Teufelskreis durchbrechen, sagt Anna Wagner. «Mit jedem Infekt wird die Schutzschicht etwas mehr geschädigt. Es kommt zu wunden Stellen, die bluten können. Durch diese können Keime erneut gut eindringen.»

Vor einer entsprechend unguten Entwicklung fürchtet sich auch Regula Roth. Weil sie in ihrem Leben schon so viele Blasenentzündungen durchgemacht hat, ist sie stets auf der Hut. «Ich achte immer darauf, dass ich ­genügend trinke, und nehme im Herbst prophylaktisch ein Mannose-Präparat ein.» Denn in der kühlen Jahreszeit trete das Problem noch häufiger auf. Sie sitzt deshalb auch nie direkt auf eine kalte Bank oder einen Stein, sondern schützt sich immer mit einer Zeitung. Zudem hält sie die Nierengegend warm und wechselt den nassen Badeanzug nach dem Schwimmen. Dass Kälte die Entzündung auslöse, sei jedoch nicht erwiesen, stellt Gynäkologin Anna Wagner klar. «Aber es schadet bestimmt nicht, wenn man den Pullover in die Hose stopft.»

* Name geändert