Switzerland

Das Ringen zwischen Bundesrätin Amherd und der Schweizer Industrie um die Kompensationsgeschäfte beim Kampfjet-Kauf geht in die letzte Runde

VBS-Vorsteherin Amherd hat mit ihrer Entscheidung, beim Kampfjet-Kauf nur 60 Prozent Gegengeschäfte zu verlangen, die Schweizer Industrie düpiert. Am Montag wird der Nationalrat darüber entscheiden, wem er folgen will.

Bundesrätin Viola Amherd hat bei den Gegengeschäften mit einer Tradition gebrochen.

Bundesrätin Viola Amherd hat bei den Gegengeschäften mit einer Tradition gebrochen. 

Joël Hunn / NZZ

Verhaltener Applaus ertönt, als Bundesrätin Amherd an diesem Novembertag die Bühne betritt. Ziemlich verhalten dafür, dass eine Bundesrätin eine Ansprache halten wird und in den Rängen mehrere hundert Firmenchefs neben einigen hochrangigen Armeeangehörigen sitzen. Amherd beginnt ihr Plädoyer. Ihr Ziel: die Schweizer Unternehmer zur Vernunft zu bringen. Schon heute gingen jährlich rund 300 Millionen Franken Offset-Geschäfte an die Schweizer Industrie, erklärt sie gleich zu Beginn der Jahrestagung der Armasuisse in Bern. Air2030, das Beschaffungsprojekt zum Kauf neuer Kampfjets, sei ein Milliardengeschäft, das die Auftragssumme in den kommenden Jahren nochmals deutlich steigern werde – auch mit lediglich 60 Prozent Kompensation. Es gelte also, das grosse Ganze nicht aus den Augen zu verlieren: «Gegengeschäfte sind das eine. Das andere ist die Sicherheit der Schweiz.» Darauf sei auch die Industrie zwingend angewiesen, um weiterhin Geschäfte machen zu können. Und dafür brauche es Kampfjets.

Amherd fürchtet, dass 100 Prozent Offset dem Projekt an der Urne zum Verhängnis werden könnten – und will das auch der Industrie zu verstehen geben: «Wenn wir dieses Mal nicht liefern, müssen wir die Luftwaffe abschaffen.» Im Publikum ist wiederholt Gemurmel zu hören. Doch nur zwei Herren trauen sich, die Bundesrätin auch mit ihren Einwänden zu konfrontieren.

Billige Offsets sollen wegfallen

Bereits im Vorfeld der Jahrestagung hatte die Schweizer Industrie mit Bundesrätin Amherd das Gespräch gesucht. Swissmem hat wenig überraschend keine Freude an der Kehrtwende der Bundesrätin. Die Industrie möchte den 6 Milliarden Franken teuren Kampfjet-Kauf zu 100 Prozent kompensiert sehen. Schliesslich hätten Gegenleistungen im vollen Kaufvolumen in der Schweiz Tradition.

«Ich verstehe nicht, weshalb der Bundesrat just auf jenen Teil der Offset-Geschäfte verzichten möchte, der am billigsten zu haben ist», sagt Matthias Zoller, Verantwortlicher für Aeronautics, Security and Defence bei Swissmem. Zoller spricht auf die 40 Prozent indirekte Offsets an. Solche könnten gemäss der gängigen Schweizer Praxis vom Lieferanten der neuen Kampfjets relativ frei in der hiesigen Industrie platziert werden. Diese Aufträge müssen nicht direkt mit dem Flugzeug zu tun haben und auch nicht in sogenannte sicherheitsrelevante Branchen fliessen. «Gerade bei diesen Geschäften ist das Risiko, das Strukturerhaltung betrieben wird, extrem klein», sagt Zoller. Denn schliesslich müssten die angebotenen Produkte hier besonders konkurrenzfähig sein.

Etwas anders sieht dies bei den sogenannten direkten Offsets aus. Diese Aufträge, die unmittelbar mit der Fertigung oder Wartung der Rüstungsgüter zu tun haben, brechen vielfach bestehende Fertigungsketten auf. Die der Schweiz zur Auswahl stehenden Kampfjets fliegen bereits, die Zulieferer einzelner Flugzeugkomponenten arbeiten seit Jahren mit den Generalunternehmern zusammen. In diese Symbiose neu einzusteigen, ist ein zeit- und kostspieliges Unterfangen. In der Regel gilt denn auch: Je direkter der Offset-Auftrag mit dem Rüstungsgut zusammenhängt, desto teurer wird es für den Käufer. Auch die Kampfjetanbieter werden die so entstehenden Zusatzkosten auf den Kaufpreis der einzelnen Kampfjets abwälzen. Wie hoch diese Mehrkosten sein werden, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Dank den Schweizer F/A-18 in der Branche Fuss gefasst

Dass aus Offset-Aufträgen längerfristige Geschäftsmöglichkeiten für die hiesige Industrie erwachsen können, zeigen verschiedene Beispiele vergangener Rüstungsgeschäfte. So profitierte beispielsweise die Sauter Bachmann AG aus Netstal (Kanton Glarus) nachhaltig von direkten Gegengeschäften. Das Familienunternehmen, das ursprünglich in der Produktion von hochpräzisen Zahnrädern tätig war, wurde 1993 beim Kauf der neuen F/A-18-Flotte Offset-Partner. Der US-Konzern General Electric Aviation (GE) übertrug dem Unternehmen im Rahmen der Offset-Vereinbarungen den Auftrag zur Fertigung von 80 sogenannten Power-Take-off-Getrieben (PTO) für das F/A-18-Triebwerk F404. «Wir waren sicher an die 25 Mal in den USA bei GE», sagt Martin Sauter, Inhaber von Sauter Bachmann, über die Anfangszeit der Zusammenarbeit. Nach 80 gelieferten Getrieben lief die Offset-Verpflichtung schliesslich aus.

Doch schon kurz darauf gewann Sauter Bachmann eine internationale Ausschreibung von GE für die Herstellung von weiteren 250 PTO-Getrieben. «Dass wir zuvor makellose Produkte geliefert hatten, hat uns diesen Folgeauftrag beschert», sagt Sauter überzeugt. Das Unternehmen mit rund 130 Mitarbeitern wurde in der Folge zum alleinigen Lieferanten für PTO. Mittlerweile produziert das Unternehmen auch für andere Flugzeugtypen. 2006 bezog es Produktionsanlagen in Netstal. Die Firma musste ihre Kapazitäten ausbauen, um die zahlreichen neuen Aufträge aus der Aviatikbranche überhaupt abwickeln zu können.

Ringen um politische Unterstützung

Wenn am Montagnachmittag der Nationalrat die Zukunft der Schweizer Luftwaffe verhandelt, dann werden nicht nur die Armeevertreter gespannt auf den Ausgang der Abstimmung blicken, sondern auch Unternehmer wie Martin Sauter, der im Vorstand von Swissmem sitzt. Schliesslich geht es um viel Geld. Geld, das gemäss dem Bundesrat der gesamten Schweiz zukommen soll. Dafür hat er einen Verteilungsschlüssel ausgegeben, wie die Offset-Aufträge den Industrien in den verschiedenen Landesteilen zugutekommen sollen: 65 Prozent sollen in die deutschsprachige, 30 Prozent in die französischsprachige und 5 Prozent in die italienischsprachige Schweiz fliessen.

Zoller, der diese Verteilung begrüsst, sagt aber auch: «Die vom Bundesrat vorgeschlagenen 60 Prozent Offset müssen allesamt im Sicherheitsbereich platziert werden, ein Drittel davon in der Westschweiz und dem Tessin. Dies ist nach unserer Beurteilung kaum möglich.» Die Sicherheitsindustrie der Schweiz ist vornehmlich in der Deutschschweiz beheimatet. Das Tessin und die Romandie weisen nur bedingt Industrieunternehmen im Sicherheitsbereich auf, welche so grosse Auftragsvolumen überhaupt absorbieren können. «Bei 100 Prozent Offset, welche dann auch Aufträge an Firmen umfassen, die nicht im Sicherheitsbereich tätig sind, würde die Verteilung ganz sicher einfacher», sagt Zoller. 

Wie Bundesrätin Amherd an der Jahrestagung der Armasuisse gegenüber den Industrievertretern durchblicken liess, befürchtet sie, dass ein zu üppiges Offset sich an der Urne rächen könnte. Swissmem sieht dies umgekehrt. Gerade ein Umfang von 100 Prozent würde auch dafür sorgen, dass der Kampfjet-Kauf in sämtlichen Landesteilen überhaupt politische Unterstützung erhalte. «Sie können der Westschweiz mit dem Militärflugplatz Payerne nicht einen Grossteil der Lasten der Militärfliegerei aufbürden, den betroffenen Regionen dann aber im Gegenzug nichts anbieten», so ist Zoller überzeugt. Swissmem ist es zusammen mit den Volkswirtschaftsdirektoren der Westschweiz bereits gelungen, den Ständerat auf seine Seite zu ziehen. Am Montag entscheidet der Nationalrat. 

Mitarbeit: Larissa Rhyn

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