Switzerland

Das aussergwöhnliche Leben von Italo-Star Francesco Acerbi: «Der Krebs hat mir mein Leben gerettet»

Luca Bianchin, Gazzetta dello Sport, Alain Kunz

Es ist das Führungstor der Italiener gegen die Schweiz. Giorgio Chiellini machts. Ausgerechnet er, der 36-jährige Captain mit Wirtschaftsabschluss. Aber das Tor zählt nicht! Der Mann aus Livorno hat die Hand kurz am Ball. Und es wird noch bitterer: Mit Muskelproblemen muss «Chiello» raus!

Es schlägt die Stunde des Francesco Acerbi. Er ersetzt Grande Giorgio. Nicht ein Jungspund. Ganz im Gegenteil. Acerbi spielt bei Lazio Rom und ist bereits 33, ein Jahr jünger als Leo Bonucci. Die Italo-Innenverteidigung wird so immerhin drei Jahre jünger. Von 70 auf 67 …

Acerbi macht seine Sache in seinem 15. Länderspiel tadellos. Seferovic hat keinen Stich. Auch Embolo, Shaqiri, Gavranovic nicht. Und nun steht Acerbi im Rampenlicht. Gegen Wales steht er in der Startformation. Sein Debüt in der Squadra Azzurra macht er 2016. Bei einem 1:4 gegen Deutschland. Danach ist er lange kein Thema mehr. Erst Roberto Mancini nimmt ihn 2018 in sein Casting-Programm auf. Er nutzt die Chance. Und ist seither immer mit von der Partie.

Mitglied einer Ultragruppe

Das alles ist alles andere als selbstverständlich. Der Mailänder ist ein Strassenfussballer. Und ein Tifoso der AC. «Ich war Teil der Fossa dei Leoni, der Mailänder Ultragruppe», erzählt Francesco. Aber er hat Talent. Mit 22 spielt er in der Serie B. Ein Jahr später in der Serie A, bei Chievo Verona. Und doch sagt er, er habe das alles für seinen Vater getan. Nicht für sich selber. Der Vater stirbt 2012. Francescos Karriere aber wird immer bedeutender. «Dabei habe ich eher gefeiert als trainiert. Ich habe viel getrunken und ernsthaft überlegt, mit dem Fussball aufzuhören.» Und dies, obwohl er mittlerweile bei der AC Milan gelandet ist. Zuoberst. Cesare Prandelli beruft ihn 2012 dreimal in die Nazionale. Zum Einsatz kommt er indes nicht.

«Der Krebs ist eine Chance»

Im Juli 2013 der Schicksalsschlag. Bei Acerbi, mittlerweile bei Sassuolo gelandet, wird Hodenkrebs diagnostiziert. Der Tumor wird entfernt, taucht aber bald darauf wieder auf und zwingt Acerbi, sich drei Monate lang einer Chemotherapie zu unterziehen. «Angst hatte ich nicht. Ich habe mich nur gewundert, dass der Krebs mich nicht verändert hat. Dann hatte ich einen seltsamen Traum. Es war, als wären mein Vater und Gott ein und dieselbe Person, die mich zur Besserung drängte. Ich weinte und erkannte, dass der Krebs eine Chance war. Ich hatte wieder etwas, gegen das ich kämpfen konnte.»

Ein neues Leben beginnt. All die Nächte im Freien weichen einem regelmässigen Lebensstil, Training und ruhigen Abenden zu Hause. Kein Alkohol, nur Wasser, Gemüse, Obst, Reis und Bresaola. Acerbi absolviert von 2015 bis 2019 149 Spiele in Folge und kommt nahe an den Rekord von 162 Spielen von Inter-Legende Javier Zanetti heran. Keine Pause, keine Sperre, keine einzige Verletzung in mehr als drei Jahren.

Fischerboote zusammenbauen und Ton modellieren

Leicester meldet sich, aber «Ace» sagt Nein. Er will Sassuolo nicht verlassen, den Familienverein, der immer zu ihm stand. Francesco beginnt, Zeit mit behinderten Menschen und krebskranken Kindern zu verbringen. Jeden Donnerstagmorgen sieht man ihn in einem Arbeitskittel mit behinderten Arbeitern Fischerboote zusammenbauen und Ton modellieren. «Ich fühle mich hier zu Hause», sagt er. «Diese Leute umarmen sich, sagen immer ‹Danke› und urteilen nicht über andere Menschen. Sie helfen mir, das Leben aus der richtigen Perspektive zu sehen.»

Nun füllen katholische Werte Aces Leben aus

Im Jahr 2018 wechselt Francesco zu Lazio und spielt in der Champions League. Seine Prioritäten haben sich jedoch nicht geändert. Er besucht immer noch regelmässig kranke Kinder und betet zu seinem Vater. Er führt ein von katholischen Werten inspiriertes Leben. Sein WhatsApp-Profilfoto ist das gleiche geblieben, ein Bild von ihm und Elia, einem kleinen Jungen, der den Kampf gegen den Krebs verloren hat. «Er ist mein Löwe, er ist im Kampf gestorben», schreibt Francesco nach dem Verlust seines kleinen Freundes. Der Löwe wird für ihn zum Symbol. Er tätowierte sich das Tier auf die Brust und den rechten Arm. Die Lazio-Fans rufen ihn seither König der Löwen.

Nun kann er König von Italien werden. Aber gross feiern würde er selbst einen Europameistertitel nicht. Und immer noch Fischerboote zusammenbauen.

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