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Switzerland

«Dann ist es das Ende des Fussballs»

Der Schweizer Fussball braucht wieder einmal einen grossen Wurf – und mehr Zusammenarbeit. Eine Reise an Orte, wo die Menschen anders denken, ausserhalb der Machtzentren bei Verband und Liga.

Der Schweizer Fussball ist geprägt von Modusfragen und Personalwechseln – doch vielleicht muss alles hinterfragt werden, damit auf den Plätzen wieder mehr Leben herrscht.

Der Schweizer Fussball ist geprägt von Modusfragen und Personalwechseln – doch vielleicht muss alles hinterfragt werden, damit auf den Plätzen wieder mehr Leben herrscht.

Simon Tanner / NZZ

Seit Monaten ist im Schweizer Fussball von Umbauten die Rede, der Präsident des Schweizerischen Fussballverbands ist ausgewechselt worden, der Generalsekretär, der Kommunikationschef. Bald wird der Technische Direktor abtreten. Ende 2018 ging auch die langjährige Trainerin des Frauen-Nationalteams einen anderen Weg. Hingegen ist ein neuer Job geschaffen worden: der Posten des Nationalteam-Managers. Und die Swiss Football League, die die höchsten beiden Ligen vereint, sucht verzweifelt nach einem neuen Modus.

Im Sommer 2019 stellte sie für die Super League ein Format mit zwölf Teams nach österreichischem Vorbild vor. Ende Januar folgte der nächste Vorschlag, auch mit zwölf Teams, diesmal à la Schottland. Im März soll entschieden werden. Nicht wenige Personen gehen davon aus, dass alles so bleibt, wie es ist, mit zehn Teams, einem Absteiger und einer Barrage für den Neuntplatzierten. Doch was sagen diese Wechsel und dieses Hadern aus? Fehlt der Liga der Mut? Und dem Verband eine Vision, die über Personalwechsel hinausgeht, sowie Pioniergeist für einen echten Aufbruch? Eine Reise an Orte, wo die Menschen anders denken, ausserhalb der Machtzentren bei Verband und Liga.

Markus Lüthi: Klar sagen, was andere tuscheln

Markus Lüthi, welcher Modus müsste es sein?

«Ich bin für jedes Format, solange es nicht wettbewerbsverzerrend ist.»
Markus Lüthi.

Markus Lüthi ist auch an diesem Februarmorgen um 5 Uhr 30 aufgestanden, hat seine Zen-Meditationen gemacht. Einige Stunden später empfängt er im Business Center eines Biopioniers in der Berner Innenstadt. Der Präsident des FC Thun ist ein Querdenker, aber er denkt nicht nur, er redet. Lüthi spricht Dinge aus, über die andere tuscheln. Er wehrte sich, als die Swiss Football League (SFL) im August 2019 bekanntgegeben hatte, ab 2021 solle in neuem Modus gespielt werden. Lüthi prangerte an, die Klubs seien überrumpelt worden. Er warnte davor, dass im neuen Format jedem Super-League-Klub rund 500 000 Franken verloren gingen – und er löste eine Dynamik aus, die eine Zwölferliga nach dem Modell Österreichs zum Scheitern brachte.

Lüthi findet ebenso seltsam, dass Mitglieder des SFL-Komitees wegen Sitzungen auch mal im Fünf-Sterne-Hotel übernachten, «haben wir es wirklich geschafft – sind wir wirklich so gut?», fragt er. Lüthi gewinnt der Liga-Führung wenig Gutes ab, den dominierenden Kräften um den SFL-Präsidenten Heinrich Schifferle und Ancillo Canepa, den Präsidenten des FC Zürich. Es geht nicht um menschliche Schwächen, sondern um Führungsschwächen.

Lüthi vermisst eine Strategie, gezielte Überlegungen, wo die Liga sein wolle in vier bis sechs Jahren. Lüthi ist ein erfahrener Unternehmer, gemeinsame Wertevereinbarungen sind für ihn «etwas Zentrales», dafür brauche man «nicht tagelang mit Kerzlein in der Mitte zusammensitzen». Für ihn geschieht zu wenig «Gemeinsames» in der SFL, die 20 Klubs würden zu wenig angehört – aber es exponieren sich auch nicht alle so wie Lüthi. Als es im November um die Verlängerung der Amtszeiten für Komitee-Mitglieder von einem Jahr auf zwei Jahre ging, erhob Lüthi das Wort dagegen – die Abstimmung aber endete 2:18, nur Servette hatte sich der Thuner Meinung angeschlossen.

Lüthi findet ungebrochen, längere Amtszeiten könne sich die Liga nicht leisten, nicht in diesen Zeiten der Unsicherheit, bei Unklarheiten um den Modus der Zukunft und um den Präsidenten Schifferle, der im Oktober 2019 vom Bezirksgericht Winterthur der ungetreuen Geschäftsbesorgung in mehreren Punkten schuldig gesprochen worden war. Es ist bemerkenswert, dass Schifferle derart selbstverständlich im Amt bleiben darf, fast niemand stellt etwas in Zweifel, nicht nur in der Liga, auch medial. Einzig die NZZ forderte, dass Schifferle als Liga-Präsident in den Ausstand treten müsse.

Für Lüthi steht der Schweizer Fussball an einer Wegscheide – «wenn man bereit ist, eine Modusänderung zu beschliessen, ohne zu wissen, ob es mehr TV-Gelder gibt, einfach so, dann verliert man den Bezug zur Basis, zu diesen Leuten, denen am Matchbesuch schon eine Bratwurst von 5 Franken 80 zu teuer ist. Und dann ist es das Ende des Fussballs.»

Lüthi muss überlegen, aber schliesslich sagt er: Natürlich habe er ein Bild des Klubfussballs der Zukunft – «wir müssen den Fussball und das Umfeld weitgehend straffrei machen. Wie im Schwingen müsste es sein – dass Familien gerne an die Spiele kommen, dass die Leute danach auch noch länger bleiben, dass das Stadion zu einem Begegnungsort wird.» Aber Lüthi macht die Erfahrung, dass gar nicht erst diskutiert wird über solche Ideale, «ich sage es doch: Es gibt keine Strategie.»

Kurt Zuppinger: Wieder einmal etwas Verrücktes

Kurt Zuppinger, welcher Modus müsste es sein?

«Ich hätte alle an einen Tisch gesetzt, um zu reden. Aber im hiesigen Fussball fehlt die Kultur, dass über etwas diskutiert wird.»
Kurt Zuppinger.

Kurt Zuppinger hatte sich im Mai 2019 für das Verbandspräsidium beworben und war dem heutigen Verbandschef Dominique Blanc unterlegen. Es gibt mehrere Leute, die wissen wollen, dass gerade Profiklubs Blanc wählten statt Zuppinger, weil sie Zuppinger für weniger beeinflussbar hielten. Zuppinger will nicht als der schlechte Verlierer dastehen, aber die Strömungen im Schweizer Fussball beschäftigen ihn nach wie vor, er denkt mit. Zuppinger wäre vielleicht der Dynamiker gewesen und der Macher, den heute viele vermissen. Er ist strammen Schrittes unterwegs, wenn er durch die Räume im Haus der SBB-Geschäftsführung schreitet. Zuppinger leitet bei den Bundesbahnen das Arbeitsmarktcenter.

Früher war Zuppiger Spitzenschiedsrichter, später leitete er die 1. Liga, von 2006 bis 2014 gehörte er dem Zentralvorstand an, dem Steuerungsorgan des SFV. Nach der ersten Sitzung sagte er zu seiner Frau, «das darf nicht wahr sein», es habe sich angefühlt wie in einem eiskalten Raum. Der damalige Präsident Ralph Zloczower war sich gewohnt, dass vor Sitzungen annonciert wurde, wer zu welchem Traktandum was zu sagen gedenke. Zuppinger sagte: «Ich werde dann schon sagen, was ich finde.»

Von Zloczower reden viele, von diesem langjährigen SFV-Patron, der prägend war und klar. Ob damals oder heute: Auch Zuppinger spricht von fehlender Zusammenarbeit in der Szene, einmal steht er mitten im Gespräch auf und malt die SFV-Organisation auf ein grosses Blatt, das berühmt-berüchtigte Dreikammer-System mit der Profiliga SFL, 1. Liga, Amateure. «Wir stellen das System so kompliziert dar, dass Aussenstehende Angst haben, darin mitzuarbeiten», sagt Zuppinger. So sei es vor einem Jahr Quereinsteigern ergangen, die Interesse gehabt hätten am Präsidentenamt.

Zuppinger wünschte sich, im Schweizer Fussball würde wieder etwas Verrücktes gewagt, eine Bewerbung für einen Grossanlass. Utopisch? Vielleicht. Aber Hauptsache: Aufbruch. «Wir probieren nichts Neues mehr aus, wir versuchen nichts eigenes mehr. So schleift sich eine Kultur ein, in der du keine Fehler machen darfst». Der Schweizer Fussball müsse sich helfen lassen, um sich weiterzuentwickeln, sagt Zuppinger. Er denkt an einen Beirat mit verbandsfernen Persönlichkeiten, aus Klubs oder aus Branchen, die die leitenden Funktionäre von heute nicht entmachten würden, aber aus der Komfortzone locken. «Es geht nicht darum, die Führungsleute zu entfernen, sondern darum, dass sie sich beraten lassen. So geht man in der Wirtschaft vor, in der Politik, warum nicht auch im Fussball?»

Edmond Isoz: Mit Mut und Überzeugung

Edmond Isoz, welcher Modus müsste es sein?

«Man müsste jene Klubs schützen, die sich Profifussball mit einem Jahresbudget von beispielsweise 10 Millionen Franken leisten wollen und können. Das sind 12 bis 14 Teams. Diese sind verankert und haben moderne Stadien, eine Elite-Nachwuchs-Abteilung sowie Frauenfussball. Schützen heisst: Liga vergrössern und den direkten Abstieg durch eine Barrage ersetzen.»
Edmond Isoz.

Isoz war ein Mann, der vorausging. Er sitzt in einem Restaurant in Lausanne und redet auch als 70-Jähriger voller Passion. Und voller Sorge um den Schweizer Fussball, der den Anschluss zu verlieren droht. Isoz ist so gut mit den Zahlen vertraut, als würde er immer noch die Liga führen − wie zwischen 1993 und 2012. Mittlerweile gilt er in der Liga als persona non grata, so wird es intern und extern erzählt, denn Isoz ist ein kritischer und unbequemer Geist geblieben, «ein Politiker», heisst es auch, jedenfalls hat er seine Fäden in die Klubs nie abreissen lassen. Isoz sagt: «Ich wurde vor der Modusänderung 2003 auch scharf kritisiert. Aber man braucht Mut und Überzeugungskraft für Veränderung. Die Annahmen waren damals nicht alle richtig: Wir wussten nicht, wie teuer neue Stadien im Unterhalt und im Betrieb werden.» Aber die Liga ging den Schritt zu etwas Neuem, er habe damals sogar den SFV-Präsidenten Ralph Zloczower zu überzeugen vermocht – eine Aussage als Abbild seines damaligen Einflusses. Heute sagt Isoz: «Ich begreife die ängstliche Liga-Führung nicht. Sie hätte die Modus-Debatte früher und offener führen sollen.»

Isoz trägt seine klare Sicht auch in die Klubs. Er konfrontierte sie mit der Idee einer 14er-Liga und teilt die Meinung vieler sportlicher Verantwortlicher, dass die Challenge League revidiert werden müsse. Erstens ist sie ökonomisch in einem lamentablen Zustand. Zweitens: «Wir müssen unseren Nachwuchs mehr fordern. Das ist der einzige Weg. Die zweitoberste Liga muss von der Profiliga getrennt und zur Heimat einiger U-23-Teams der grossen Vereine werden.»

Christoph Spycher: Alles hinterfragen

Christoph Spycher, welcher Modus müsste es sein?

«Ich sehe keine bessere Lösung als den Modus von heute.»
Christoph Spycher

Christoph Spycher ist der Sportchef des Schweizer Meisters YB, es ist ein Vormittag Anfang Februar, er sei «ein wenig müde», sagt Spycher, wieder einmal liegen aufreibende Transferverhandlungen hinter ihm, der Stürmer Roger Assalé ist nach Leganés ausgeliehen worden, nachdem es lange geheissen hatte, er wechsle nach Montpellier. Seit Spychers Start als Sportchef 2016 gehört YB zu den wenigen selbsttragenden Projekten im Schweizer Profifussballs. In den letzten Jahren haben die Berner mehrere Spieler für viele Millionen ins Ausland transferiert: Denis Zakaria, Kasim Nuhu, Sékou Sanogo, Djibril Sow, Kevin Mbabu.

Für den Moment haben die Young Boys ein Geschäftsmodell gefunden, das funktioniert. Aber sie wissen auch, wo die Grenzen sind, bei den TV-Geldern zum Beispiel, die vor einigen Jahren um beachtliche 70 Prozent erhöht worden sind, auf total 40 Millionen Franken für die SFL pro Jahr. Aber sogar in Ligen mit ähnlicher Grösse bringt der TV-Markt nach wie vor mehr ein. Wenn YB um einen ausländischen Spieler buhle und zugleich ein belgischer Klub wie Genk, «dann weiss ich in der Regel früh, wohin der Spieler wechseln wird», sagt Spycher – «nicht zu uns».

Spycher ist bewusst, dass andere Schweizer Klubs diese Ohnmacht noch viel mehr spüren, er macht die Erfahrung, dass Challenge-League-Klubs manchmal nicht einmal die Leihgebühr für einen ausgeliehenen Spieler zahlen können. Und er sagt auch: «Eine oberste Liga mit 14 Teams wäre des Guten zu viel.» Spycher bezweifelt, dass es 14 Klubs gäbe, die die wirtschaftliche Kraft hätten für eine Existenz in der höchsten Liga. Er verweist auf finanzielle Sündenfälle der Vergangenheit, auf folgenschwere Engagements ausländischer Investoren, bei Xamax, bei Servette, in Wil, Lausanne, Lugano.

Das schottische Modell würde der SFL zwei Spielrunden mehr bringen, 38 statt 36, doch Spycher fragt sich, wo man diese Spieltage unterbringen könnte in der Agenda der Schweizer Fussballmeisterschaft, die jetzt schon Mitte Juli beginnt und bis Mitte, Ende Mai dauert. «Angenommen, die Winterpause würde verkürzt – dann müssten wir den Spielern zur Erholung im Sommer mehr Ferien geben.

Mehr Sommerferien hiesse aber auch, dass die Schweizer Klubs nicht bereit wären, wenn sie im Juli die ersten Qualifikationsspiele in den europäischen Wettbewerben absolvierten.» Was keine gute Idee wäre in Zeiten, in denen alle davon reden, wie weit die Schweizer in der Länderwertung des Kontinentalverbands Uefa abgestürzt sind.

Ganz generell vermisst Spycher «ein ganzheitliches Denken – mit der Ausbildung im Zentrum». Es heisse immer, dass die Schweizer Liga eine Ausbildungsliga sei – also müsse doch der Ausbildung noch mehr Gewicht verliehen werden. Spycher räumt ein, er habe auch kein Patentrezept. Aber vielleicht biete eine Erhöhung der Challenge League mit regionaler Aufteilung einen Ansatz – oder aber die Integration der U-21-Mannschaften in die Challenge League, ein Modell, das in den Niederlanden gepflegt wird, wo Jong Ajax, Jong PSV, Jong Utrecht und Jong AZ in der zweithöchsten Liga spielen. «Eigentlich müsste alles hinterfragt werden», sagt Spycher. Auch, ob das Dreikammer-System noch zeitgemäss sei.

Claudia Lässer: Der Blick nach Italien

Claudia Lässer, welcher Modus müsste es sein?

«Tendenziell sind wir für den Modus von heute - Super League mit zehn Teams und Barrage, damit sind wir happy. Wir finden: Wenn etwas verändert wird, muss das Neue wirklich besser sein.»
Claudia Lässer.

Claudia Lässer leitet «Teleclub Sport» und «Teleclub Zoom». «Teleclub» verkauft den Schweizer Fussball in einer umfassenden Art, wie es zuvor bei keinem TV-Sender der Fall gewesen war, «mit viel Liebe», wie Lässer sagt. Es ist eine Hingabe, die zu spüren und zu sehen ist – mit Talks vor und nach den Meisterschaftsrunden, mit der Live-Übertragung der Super-League-Spiele und sogar mit der Abdeckung eines Challenge-League-Spiels pro Runde. Dadurch wird der Schweizer Fussball manchmal vielleicht schöner, grösser, wichtiger gemacht, als er ist. Aber Lässer sagt, sie würden den Schweizer Fussball nicht künstlich beleben. «Er hat viel zu tun mit unserer Kultur und unserer Gesellschaft, finden wir immer Geschichten.» Sie verweist auf den FC St. Gallen, den überraschenden Leader, «es ist doch wunderbar, dass so etwas möglich ist». Lässer merkt es an sich selber, was der Fussball mit den Menschen und der Gesellschaft zu tun hat, sie erinnert sich an die WM 1994, an Georges Bregys Tor gegen die USA. Sie war damals 17 Jahre alt, «war ich total stolz, Schweizerin zu sein, auf den Fussball bezogen».

Heute ist es quasi zu Lässers Beruf geworden: Schweizerinnen und Schweizer stolz zu machen auf deren Fussball, «natürlich versuchen wir, die Liga attraktiv rüberzubringen», sagt Lässer. «Aber dazu muss die Liga auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.» Auch Lässer redet weniger vom Modus, Hauptsache, er sei «fair und für die Zuschauer nachvollziehbar» – was auch als Votum für das bestehende Format zu verstehen ist.

Aus Teleclub-Optik gibt es andere Verbesserungsansätze, bei den Anspielzeiten zum Beispiel, die idealerweise gestaffelt wären, damit sich die TV-Konsumenten am Sonntagnachmittag um 16 Uhr nicht für ein einziges Spiel entscheiden müssten. «Für uns sind die Anspielzeiten im Moment nicht ideal», sagt Lässer. Sie verweist auf Italien, wo die sechs Sonntagsspiele auf vier Uhrzeiten verteilt sind. «Diesen Punkt müssen wir mit der Liga anschauen». Es ist ein anderer Ansatz: dass die Liga attraktiver wird, indem sie vor dem TV attraktiver wird.

Aber darauf, dass daraus viel mehr TV-Gelder heraussprängen, sollten sich die Schweizer Klubs keine allzu grossen Hoffnungen machen. In der Öffentlichkeit reden die «Teleclub»-Leute nicht detailliert über Zahlen, sie geben keine Auskunft darüber, wie viel Leidenschaft und wie viele Pay-TV-Abonnemente zurückkommen von dieser Liebe, die sie geben. Doch was sagt Lässer auf die Frage, ob der «Teleclub» zu noch mehr finanziellem Aufwand bereit sei: «Ich bezweifle, dass wir bereit sein werden, in Zukunft mehr für die Übertragungsrechte zu bezahlen, als wir dies heute tun. Die Rechtekosten sind bereits heute auf einem ausserordentlich hohen Niveau.»

Hansruedi Hasler: Eine Frage der Trainer

Hansruedi Hasler, welcher Modus müsste es sein?

«Ich mag es nicht mehr hören.»
Hansruedi Hasler.

Hansruedi Hasler sitzt in einer Beiz in Biel, er ist in die Stadt gekommen von seinem Wohnsitz etwas ausserhalb, er habe es nicht mehr pressant, sagt er. Hasler ist pensioniert. Er ist der Mann des letzten grossen Wurfs. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre führte er als Technischer Direktor ein Nachwuchskonzept ein. Der SFV investierte mit der Hilfe der Credit Suisse stark in den Unterbau. 2002 gewannen die Schweizer den U-17-EM-Titel, 2009 den U-17-WM-Titel, ab 2004 war die A-Auswahl an jeder Endrunde dabei – ausser 2012. Auch Hasler spricht von Zloczower, dem Präsidenten, der 2001 den Mut aufbrachte, auf ihn zu hören und den U-21-Auswahltrainer Köbi Kuhn zum Nationalcoach zu befördern. Zloczower sei der «perfekte Präsident» gewesen, «er dachte strategisch, redete nicht drein, fragte nach». Jeden Mittwoch sei Sitzung gewesen, mit Zloczower, Hasler und dem damaligen Generalsekretär Peter Gilliéron (später Präsident). «Und immer wieder zückte Ralph diese eine verdammte Liste und fragte ab: Wo stehen wir mit dem Projekt Karriereplanung? Wo stehen wir mit dem Projekt Trainingscenter XY? So, Punkt für Punkt.»

Hasler reist als Berater des Weltfussballverbands Fifa oft durch die Welt. So hat er Einblick erhalten in rund 150 Landesverbände. «Uns geht es immer noch recht gut», sagt er, leise und bestimmt. «Ich weiss beim besten Willen nicht, was organisatorisch oder strukturell noch verändert werden könnte.» Und doch: «Ja, der SFV stagniert», nicht im Breitenfussball mit rund 14 000 Mannschaften, sondern im Spitzenfussball mit rund 200 Teams, Elite-Nachwuchs inklusive. Auf diese Unterscheidung legt Hasler Wert.

Hasler braucht immer wieder dasselbe Wort: Qualität. Die Qualität müsse verbessert werden, in erster Linie: die Qualität der Juniorentrainer in den Profiklubs und im Verband. Hasler denkt an die Trainer der U-Teams, als er die Technische Abteilung des SFV führte. Die Trainer, die mit ihm arbeiteten, hatten sehr oft Erfahrung in der Führung eines Schweizer Teams auf höchster Stufe – Bernard Challandes, Markus Frei, Yves Débonnaire, Gérard Castella, Pierluigi Tami, Martin Trümpler oder der langjährige A-Team-Assistent Hans-Peter Zaugg. Heute fehlt mehreren Nachwuchs-Nationalcoachs die Erfahrung aus der Super League. Auch im Unterbau von Profiklubs, vor allem auf den Stufen bis U 15, habe es «zu viele Möchtegern-Trainer mit zu wenig Routine, das ist jedenfalls mein Eindruck».

Es gehe nicht um Fragen des Modus. Ob zehn oder zwölf Klubs zur höchsten Liga gehörten, sei einerlei, sagt Hasler. Wer in den Wettbewerbsstrukturen suche, suche am falschen Ort, davon ist er überzeugt – «man muss bei den Menschen ansetzen, die für alles zuständig sind. Aber mir ist klar, dass es einfacher ist zu untersuchen, ob eine Meisterschaft mit zehn oder zwölf Teams ausgetragen werden sollte. Es ist viel schwieriger herauszufinden, wie gut die Nachwuchstrainer der Super-League-Klubs arbeiten, was sie gut beherrschen, was weniger.»

Kathrin Lehmann: Spielfreude für das Volk

Kathrin Lehmann, welcher Modus müsste es sein?

«Er muss fair sein. Wer absteigt, muss auch die Chance haben, als Sieger der unteren Liga aufzusteigen. So, wie es heute ist.»
Kathrin Lehmann Einstige Torhüterin des Schweizer ­Fussballnationalteams

Kathrin Lehmann Einstige Torhüterin des Schweizer ­Fussballnationalteams

SRF

Gäbe es den Corona-Virus nicht, wäre Kathrin Lehmann jetzt für den FC Bayern München in China bei einem Scouting-Projekt. Bei den Münchnern beendete sie einst die Karriere als Spielerin, heute managt sie deren Seniorinnen-Abteilung. Lehmann war eine Sport-Pionierin. Sie spielte für die Schweizer Nationalteams im Fussball als Goalie und im Eishockey als Stürmerin. Sie legte mehrere Studien ab und führt in Deutschland eine eigene private Hochschule für Sport-Business. Für Radio SRF ist sie Co-Kommentatorin bei Fussballländerspielen. Lehmann kennt die Schweiz von innen, aber sie hat auch eine Aussensicht auf das Land und viele überraschende Gedanken. Sie vereint vieles, was andere denken; dass der Schweizer Fussball wieder einmal etwas Verrücktes wagen müsste, wie Zuppinger sagt; dass er sich auf die eigenen Werte besinnen sollte, wie Lüthi sagt; dass der Wert des Breitenfussballs gross sei, wie Hasler sagt.

Lehmann würde im Breitenfussball anfangen. D, der Vereinsfussball müsse überdacht werden, mit der Förderung der allgemeinen Begeisterung von Jugendlichen bis zu den Seniorinnen und Senioren. Der Breitensport dürfe nicht gefangen sein in einem Korsett von Jahresbeiträgen und drei Trainings pro Woche. Der SFV sei der grösste Sportverband des Landes, er müsste könnte vorangehen auf neuen Wegen, er müsste aufzeigen, dass es um das Spiel gehe, um Freude und Kreativität, nicht einfach um Taktik. «Fussball ist ein Ball-Rumgeschiebe geworden», sagt Lehmann, «wenn es so weitergeht, sagen Coaches bald jeden Spielzug voraus. Jene Nation, die es schafft, der Bevölkerung die Spielfreude zurückzubringen, wird Erfolg haben – und Erfolg heisst nicht: WM-Titel. Erfolg heisst: breite Euphorie.»

Viele von Lehmanns Gedanken gehen nicht zum Modus ganz oben, sondern an die Basis, dahin, wo sich die Sportarten gegenseitig die Kinder auszuspannen versuchten, «obwohl die frühkindliche Spezialisierung etwas vom Dümmsten ist, das es gibt». Sie lobt OYM («On your marks»), die neue Sportakademie in Zug, ermöglicht von Hans-Peter Strebel, dem Präsidenten des EV Zug. Lehmann sagt: «Da wird so vieles gebündelt, was die Schweiz hat, so viel Wissen vor allem. Warum ging dieses Projekt von einer Privatperson aus, nicht von einem Verband?»

Wieder so eine Frage.

Und Lehmann erzählt vom FC Bayern, der sogenannte Event-Trainer beschäftige, die kleinere Klubs für spezifische Trainings engagieren könnten.

Wieder so eine Idee.

Das Feld wäre bereit für den Aufbruch des Schweizer Fussballs, für Innovationen, für ein nächstes grosses Spiel. Fehlt noch der Anpfiff.

Mitarbeit: Peter B. Birrer

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