Switzerland

Corona-Sperre für Erntehelfer: «Ohne Ausländer funktioniert unsere ganze Gesellschaft nicht mehr», klagt ein Spargelbauer

Über systemrelevante Spargelstecher und drohende Nahrungsmittelknappheit: 300 000 Saisonarbeitskräfte braucht die deutsche Landwirtschaft pro Jahr. Nur ein Bruchteil davon ist bisher ins Land gelangt. Ein Besuch im brandenburgischen Beelitz.

Saisonarbeiter ernten Spargeln auf einem Feld bei Beelitz bei Berlin.

Saisonarbeiter ernten Spargeln auf einem Feld bei Beelitz bei Berlin. 

Jens Schlueter / EPA

Draussen weht ein eisiger Wind über die sandigen Äcker der Mittelmark. Minus 9 Grad hatte es in der Nacht, alles ist steifgefroren. Drinnen brennt an diesem Morgen bereits die Luft. Ernst-August Winkelmann sitzt in seiner Kaffeeküche und treibt seine Mitarbeiter an. 30 000 Liter Desinfektionsmittel haben sie in Polen besorgt und nach Brandenburg geschafft. Sie lächeln zufrieden. In Zeiten wie diesen ist das ein Coup, der schwieriger zu landen ist als der perfekte Bankraub. Dem Chef ist das dennoch zu wenig: «Das reicht nicht. Wir brauchen mehr!», drängt er.

Wir brauchen mehr. Der Satz klingt wie ein Motto, das sich Tausende Bauernhöfe in Deutschland derzeit ungewollt teilen. Denn vor exakt einer Woche hat ein Sprecher des Bundesministeriums des Inneren in nüchternem Amtsdeutsch Folgendes verlautet: «Saisonarbeitskräften und Erntehelfern wird die Einreise nach Deutschland im Rahmen der bestehenden Grenzkontrollen ab heute, 25.03.2020, 17:00 Uhr, nicht mehr gestattet.»

Im Corona-Ausnahmezustand

Damit geriet Knall auf Fall auch die Landwirtschaft in den Corona-Ausnahmezustand. Ohne die insgesamt 300 000 Hilfskräfte, die pro Jahr aus Polen, Rumänien, Südosteuropa oder der Ukraine für einige Monate ins Land kommen, bringen die Bauern ihre Saat nicht aus und ihre Ernte nicht ein. Zu warten, bis die ärgsten Pandemiefolgen vorbeiziehen, ist keine Option für sie. Vor allem am Spargelhof Klaistow in Beelitz nicht.

Ernst-August Winkelmann hat den grössten Agrarbetrieb in der Region aufgebaut.

Ernst-August Winkelmann hat den grössten Agrarbetrieb in der Region aufgebaut.

Christoph Prantner

Ernst-August Winkelmann baut hier, rund 50 Kilometer westlich von Berlin, auf 800 Hektar Land Spargel an. Die Ernte läuft in diesen Tagen an. 5000 Tonnen feinste Ware sind es jedes Jahr, die bis Juni von Hand aus der Erde geholt werden. Neben den 100 Mitarbeitern, die er permanent auf dem Spargelhof beschäftigt, braucht Winkelmann 800 Saisonkräfte dafür. Nur gut die Hälfte davon stehen ihm derzeit zur Verfügung.

«Ende April wird's eng»

«Mit der Mannschaft kommen wir bis Mitte, Ende April. Je nach Wetterlage. Dann wird's eng», sagt der grosse, runde Mann. Seine flinken Augen, die permanent nach guten Gelegenheiten zu suchen scheinen und ihrem Gegenüber gerne zuzwinkern, starren diesmal ins Leere. Wie er alle seine Spargel vom Acker bekommen soll, kann sich auch ein Das-lösen-wir-schon-irgendwie-Typ wie Winkelmann derzeit kaum vorstellen.

Dabei hat der Bauernsohn aus Rahden, einer Kleinstadt am nördlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens, schon einiges gesehen. Am 9. November 1989 fiel die Mauer, am 11. November 1989 sei er per Zufall in Klaistow angekommen. «Auf den Berliner Ring rauf, erste Ausfahrt runter», sagt er. Inzwischen hat Winkelmann hier geheiratet, Kinder bekommen und den grössten Agrarbetrieb in der Region aufgebaut: Seine Spargeln, Erdbeeren, Heidelbeeren liefert er nach ganz Deutschland, Exporte gehen vor allem nach Skandinavien. Daneben gibt es einen Streichelzoo, ein Wildtiergehege, einen Erlebnisspielplatz, einen Hofladen und ein grosses Restaurant – auch das alles ist derzeit geschlossen.

Gecharterte Boeing für Erntehelfer

Irgendwie habe er mit so einer Krise gerechnet, sagt der 56-Jährige als er durch die Grossküche eilt und seine Kellnerinnen Bibi und Emmi, die in diesen Tagen den Boden schrubben statt Bestellungen aufzunehmen, aufmunternd begrüsst. Das Ausmass der Folgen aber, das habe er sich nicht vorstellen können.

Dabei war Winkelmann vorsichtig. Einige Landwirte in Westdeutschland mussten Stunden bevor die Grenzen dicht machten noch eine Boeing chartern, um 100 Erntehelfer aus dem rumänischen Iasi nach Hamburg zu fliegen. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits vorgesorgt. Als die Pandemie in Italien aus dem Ruder läuft, kontaktiert er seine Leute in Polen und Rumänien und holte viele früher ins Land. In der ehemaligen Kaserne, in der sie untergebracht sind, sind sie nun in Kontaktgruppen eingeteilt – gemäss Zimmern, Fluren, Bussen. Wenn ein Corona-Fall auftritt, soll er sofort isolierbar sein. Sogar ein eigener Lebensmittelladen ist eingerichtet, damit die Arbeiter nicht Gefahr laufen, sich in den umliegenden Dörfern anzustecken.

Online-Jobbörse für Freiwillige

Laut Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) liegt der Bedarf an Erntehelfern im März bei 30 000, im Mai würden 80 000 gebraucht. Abwenden konnte die Ministerin den dennoch Einreisestopp nicht. Die Bundesregierung hat aber immerhin die Aufenthaltsbeschränkungen für jene erweitert, die bereits im Land sind. Und die Zuverdienstgrenzen für die Arbeitswilligen wurden angehoben, die freiwillig auf den Äckern und Feldern arbeiten wollen.

Für sie haben Bundeslandwirtschaftsministerium und die Landwirte-Vereinigung Maschinenring eine Jobbörse online gestellt. Mehr als 40'000 Inserate waren am Dienstag auf daslandhilft.de zu finden. Von dieser Hilfsbereitschaft zeigt sich Winkelmann «tief beeeindruckt». Er selbst habe mehr als 200 Bewerbungen als Spargelstecher bekommen. Von Menschen auf Kurzarbeit oder einfach denjenigen, die trotz des Arbeitskräftemangels gerne Spargel essen wollen. Die Zuschriften sichtet der Bauer derzeit und will sehen, ob er auch jemand einstellen kann.

Seit Jahrhunderten Wanderarbeiter

Das grundsätzliche Problem, sagt Bauer Winkelmann, löse das aber nicht. Wenn die Kurzarbeit ausläuft, sei der Kurzarbeiter wieder weg, der grosse Teil der Ernte aber noch nicht eingefahren. Saisonarbeit sei seit Jahrhunderten der Job von Wanderarbeitern gewesen. Diese hätten sich für wenige Monate für harte Feldarbeit verdingt und dabei einen guten Teil ihrer Jahreseinkommen erwirtschaftet. Das sei heute nicht anders. 

Ohne seine polnischen und rumänischen Arbeiter könne er seine Ernte nicht einbringen, sagt der Spargelhof-Chef. Die sicherten die Arbeitsplätze aller seiner deutschen Mitarbeiter. Und: «Übertragen sie das vom Spargelhof in die Gesellschaft: Ohne Ausländer würde unser Betrieb nicht laufen, ohne Ausländer funktioniert unsere ganze Gesellschaft nicht mehr.» Vor allem im Pflegebereich oder Medizinsektor trifft diese Diagnose ohne Zweifel zu, dort ist vorwiegend Personal aus Südosteuropa in Deutschland beschäftigt.

Katharina Ivan kam vor 16 Jahren das erste Mal aus Krakau auf den Spargelhof, um für polnische Spargelstecher zu dolmetschen.

Katharina Ivan kam vor 16 Jahren das erste Mal aus Krakau auf den Spargelhof, um für polnische Spargelstecher zu dolmetschen. 

Bild: Christoph Prantner

500 polnische Saisonkräfte

Katharina Ivan hat nicht die typische Biografie für eine Wanderarbeiterin. Aber fest steht, dass der Spargelhof Klaistow ohne sie deutlich weniger reibungslos funktionieren würde. Vor 16 Jahren kam sie das erste Mal aus Krakau hierher, um für polnische Spargelstecher zu dolmetschen. Sie blieb, weil es ihr «so gut gefallen hat». Heute ist sie in Klaistow verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter, sagt sie, die schon mit fünf Monaten das erste Mal bei einer Spargelernte dabei war.

Ivan ist Vorarbeiterin für insgesamt rund 500 polnische Saisonkräfte. Ein paar Steinwürfe vom Spargelhof entfernt deckt sie Erdtunnel ab und kontrolliert die ersten herausbrechenden Spitzen. In einer Woche, schätzt sie, werde es richtig losgehen mit der Ernte. Gute Spargelstecher stächen dann an die 200 Kilo pro Tag. Sie bekommen dafür 9,55 Euro Mindestlohn (brutto für netto) und einen Zuschlag für die geerntete Menge in Kilo. Auf bis zu 15 Euro netto pro Stunde kann der Lohn so anwachsen.

Geld für Laptop oder die Renovierung

Ihre Kollegen aus Polen seien vorwiegend Hausmänner oder Hausfrauen, sagt Ivan, rüstige Rentner oder Studenten, die sich etwas dazuverdienen wollten. Die Arbeit ist hart und man muss geübt sein. Viele von den Spargelstechern kommen schon seit Jahren nach Klaistow. Die Meisten haben das, was sie hier verdienen werden, schon verplant. Für die Renovierung, für einen neuen Laptop, für die Schulsachen der Kinder. Dafür arbeiten sie sechs Tage in der Woche.

Genau diese Einsatz fehlt nun in den deutschen Ackerkrumen. Das wissen auch die Bauernvertreter. Der Chef des Deutschen Bauernverbandes Joachim Rukwied hält Versorgungslücken bei Obst und Gemüse für möglich. Der stellvertretende Direktor der Welternährungsorganisation FAO, Maximo Torero, befürchtet sogar eine Nahrungsmittelknappheit in der EU aufgrund des Cortona-Einreisestopps für die Erntehelfer.

Nahrungsmittelengpass befürchtet

Die EU-Kommission hat am Montag die Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert, die Freizügigkeit für Saisonarbeitskräfte in der Corona-Krise nicht einzuschränken. Erntehelfer sollten in der Krise wie medizinisches Personal oder Sicherheitskräfte als systemrelevant eingestuft werden, sagte eine Sprecherin. Spargelbauer Winkelmann und seine Vorarbeiterin Katharina Ivan würden das sofort unterschreiben.

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