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Corona-Krisenherd Copacabana

Kaum ein Stadtviertel von Rio de Janeiro zählt derart viele Corona-Todesopfer wie die Copacabana. Dafür gibt es eine Erklärung: Das Quartier verzeichnet den höchsten Anteil alter Menschen in ganz Brasilien.

Die Coronavirus-Pandemie hat die weltberühmte Copacabana besonders hart getroffen.

Die Coronavirus-Pandemie hat die weltberühmte Copacabana besonders hart getroffen.  

Bruna Prado / Getty Images South America

Die Pandemie hat in Rio de Janeiros Stadtviertel am weltberühmten Strand Copacabana besonders hart zugeschlagen: Die reichere Südzone des Quartiers,  bewegt sich auf den obersten Plätzen der offiziellen Rangliste von Corona-Todesfällen der Stadt. Dafür gibt es eine Erklärung: Laut dem letzten Zensus von 2010 verzeichnet die Copacabana den höchsten Anteil alter Menschen in Brasilien. Der Epidemiologe Alexandre Kalache behauptet sogar, in ganz Lateinamerika verzeichne kein anderes Stadtviertel eine derart hohe Dichte von Senioren. Der 74-jährige Brasilianer muss es wissen. Er ist ein weltweit führender Alterungs-Experte und innig mit der Copacabana verbunden.

30 Prozent Risikogruppe

Kalache wuchs in der Copacabana auf und wohnt nach einer 43-jährigen Karriere im Ausland wieder in dem Gebäude, in dem er als Kind mit seinen Eltern lebte. Als Direktor des globalen Alterungsprogramms der Weltgesundheitsorganisation (WHO) machte er das Quartier vor Jahren zu seinem Labor. An dessen Beispiel untersuchte er, wie ein urbaner Raum den Bedürfnissen einer älteren Bevölkerung angepasst werden könnte. «Die Copacabana hat dieselbe demografische Struktur wie Japan», erklärt er am Telefon und verweist darauf, dass das asiatische Land die älteste Bevölkerung weltweit habe. Laut dem letzten Zensus sind rund 30 Prozent der 140 000 Copacabana-Bewohner über 60 Jahre alt. In Zeiten von Corona heisst das: sie alle gehören der Risikogruppe an.

Der Strand und die Praça Serzedelo Correia im Herzen des Quartiers, wo sich die Senioren in Normalzeiten gerne die Zeit vertreiben, sind deshalb gesperrt: Die Fitnessgeräte, extra für ältere Semester, stehen vereinsamt da, genauso wie die einbetonierten Schachtische. Die Stadt bittet die Bevölkerung Zuhause zu bleiben, damit sich das Virus nicht weiter ausbreitet. Doch wie in ganz Brasilien nehmen die Neuinfektionen auch in Copacabana weiter zu. 

Die Mittel-und Oberschicht habe das Virus von ihren Europa-Reisen eingeschleppt und Kindermädchen, Kassierer sowie Portiers angesteckt, erklärt Kalache. Diese wohnen in Favelas, auf engem Raum und unter prekären hygienischen Zuständen, wo sich das Virus rasch ausbreitet. Der gesamte Dienstleistungssektor von Copacabana hänge von Favela-Bewohnern ab, führt er weiter aus. Aus finanziellen Gründen würden diese auch mit Symptomen weiter arbeiten, nicht selten als Haushälter oder Pfleger für Betagte und diese wiederum mit der Krankheit anstecken.

Experten sind sich einig, dass die Dunkelziffern um ein Mehrfaches höher liegen. In Favelas, wo noch weniger Corona-Test durchgeführt werden als sonst im Land, dürfte das Problem laut Karache ausgeprägter sein. Dass Armenviertel trotz höherer Ansteckungsrate im Verhältnis weniger Todesfälle verzeichnen als die Copacabana, hat seiner Meinung nach mit der Altersstruktur der Anwohner zu tun. «In den Favelas leben viel mehr Junge als in der Copacabana», sagt er. Dort wohne eine alte Bevölkerung auf relativ dichtem Wohnraum. «Darum die vielen Todesfälle.» 

Der Traum Copacabana

Warum so viele Senioren in Copacabana wohnen, hat mit der glamourösen Vergangenheit des Viertels zu tun. Der berühmte Stadtteil war ein isolierter Fleck am Meer, bis Ende 19. Jahrhundert ein Tunnel durch den Fels «Morro de Vila Rica» gebohrt wurde. Die Copacabana wurde so mit dem Rest der Stadt verbunden. Es entstand ein schickes Quartier am Strand, an dem Politiker, Intellektuelle und Musiker wegen seiner atemberaubenden Lage rasch Gefallen fanden. Sein goldenes Zeitalter erlebte es zwischen 1930 und 1950. Discos, Kinos, Bars schossen wie Pilze aus dem Boden. Ins damalige In-Viertel Rios zog es viele Junge mit finanziellen Möglichkeiten; unter ihnen auch die Eltern von Epidemiologe Karache. 

«Es war der Traum meines Vaters in Copacabana zu wohnen», sagt der Sohn eines syrischen Einwanderers und einer Brasilianerin aus Belo Horizonte rückblickend. Seine Mama wohnt noch immer da - im Haus neben ihm. «Sie ist 102 Jahre alt und eine Überlebende jener Generation, die als Junge nach Copa gezogen ist», meint Karache am Telefon. Seine Geschwister und er verliessen das Quartier, als sie Zuhause auszogen. Im Alter kehrte er wieder zurück.

Karaches Familiengeschichte zeigt beispielhaft, was mit dem Stadtteil passiert ist: Jüngere Generationen, die in Copacabana aufgewachsen waren, verliessen das Quartier, um sich in neuen Trend-Vierteln niederzulassen. Geblieben ist, wer in Glamour-Zeiten hingezogen war. 

Alles ist vorhanden

Auch Ilse Block hat die Copacabana damals kennengelernt. Die 80-Jährige aus Rio Grande do Sul war als junge Frau für eine Ausbildung nach Rio gekommen. Bis heute erinnert sie sich an den Moment, als sie erstmals am Strand von Copacabana stand: «Noch nie in meinem Leben hatte ich so etwas schönes gesehen», schwärmt sie am Telefon. Sie habe damals gewusst, dass sie hier alt werden wolle. Später kaufte sie sich eine Eigentumswohnung, in der sie seit nun 35 Jahren wohnt. 

Block zählt am Telefon auf, weshalb sie die Copacabana mag: Zwei Blocks von ihrem Haus entfernt befinde sich ihr Zahnarzt, auf demselben Stockwerk gehe sie drei Mal die Woche zum Pilates-Training. Der Orthopäde sei in derselben Ecke und auch ihr Lieblingsrestaurant. Sie erreiche alles zu Fuss, ein Spital sei in der Nähe und sie könne die Strandpromenade entlang spazieren. In anderen Stadtvierteln wäre das ihrer Meinung nach alles viel komplizierter. «Copacabana bietet älteren Menschen viel», meint sie. 

Seit Mitte März hat sich auch ihr Leben verändert. Wegen des Virus verlässt sie  nicht mehr ihre Wohnung. «Angst davor habe ich keine», stellt sie klar. Sie würde sich jedoch schützen und niemanden ins Haus lassen. Die Einkäufe, welche ihre Nichte oder der Portier ihres Wohngebäudes für sie erledigen, werden ihr vor die Tür gestellt. Für Letzteren hat sie nur lobende Worte: Selbst um die Bankgeschäfte ihrer betagten Nachbarin aus dem fünften Stock kümmere sich dieser.

Was Block schildert, deckt sich mit den Erkenntnissen der WHO-Studie von Alexandre Kalache über das Quartier. Er bezeichnet die Portiers als beste Freunde der Senioren von Copacabana. Oft seien diese Vertrauenspersonen und immer zur Stelle. Zudem lebten ältere Semester gerne in dem Viertel, weil alles in Reichweite und der Strand vor der Türe sei. Womöglich trifft das auch auf ihn selber zu. Kalache, der sich seit Mitte März ebenfalls in seinen vier Wänden in Copacabana eingesperrt hat, erwähnt beim Telefongespräch gleich zu Beginn, wie herrlich sein Meeresblick sei.

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