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Corona, du Sauhund! Mein Weg in die Krise und zurück

Wie man sich fühlt, wenn plötzlich das gewohnte Leben abhanden kommt. Bild: Shutterstock

Kommentar

Corona, du Sauhund! Mein Weg in die Krise und zurück

Eines Tages werden wir mit Beklemmung auf diese Krisenzeit zurückblicken. Wir wissen einfach nicht, wann dieser Tag kommen wird. Darum fällt es schwer, sich mit dem Ausnahmezustand zu arrangieren.

Wie wertvoll etwas ist, erkennt man häufig erst, wenn es nicht mehr da ist. Auf diesen Aphorismus könnte man die Erfahrung der letzten drei Monate reduzieren. Ende Februar hatte der Bundesrat Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen verboten. Es war ein sehr deutliches Signal: Das Coronavirus ist angekommen. Es geht auch uns etwas an.

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Verstanden wurde es trotzdem nur bedingt. Zu surreal wirkte die Bedrohung. Die Spanische Grippe war das letzte Phänomen dieser Art, mit dem unsere Gesellschaft konfrontiert war. Das ist 100 Jahre her, nur eine Handvoll Menschen kann sich eventuell daran erinnern. Wir hatten seither sehr viel Glück. Zu viel wahrscheinlich.

Spanische Grippe – die Mutter aller Pandemien

Wer nicht hören will, muss fühlen. Am 16. März legte der Bundesrat das Land weitgehend still und versetzte es in eine Art Schockstarre. Mit den heutigen tiefen Fallzahlen fragen sich manche, ob der Lockdown nötig war. Hätten Händewaschen und Social Distancing nicht gereicht? Physiologisch vielleicht. Psychologisch aber haben wir diesen Hammer gebraucht.

Man vergisst heute leicht, dass damals mehr als 1000 Corona-Infektionen pro Tag registriert wurden. Wir haben es vermutlich knapp geschafft, italienische Zustände in den Spitälern zu verhindern. Im Tessin waren wir nahe dran. Der Lockdown machte uns den Ernst der Lage bewusst. Er hat wohl so manches Menschenleben gerettet. Aber der Preis dafür war hoch.

Wie eine Gefangenschaft

Meine Kollegin Simone Meier hat das Ende der Normalität betrauert. Auch ich tat mich anfangs schwer damit. Mir war auf einmal bewusst, wie privilegiert ich in den ersten 57 Jahren meines Lebens war, wie viele Annehmlichkeiten ich geniessen konnte, was mir alles offen stand. Genau einen Tag nach meinem Geburtstag war Schluss damit.

Der Bundesrat erklärt die «ausserordentliche Lage»

Video: watson/nico franzoni

Viele Dinge, die zuvor selbstverständlich waren, mussten dicht machen. Selbst das Land konnte man nicht mehr verlassen. «Bleiben Sie zuhause!» forderte der Bund ultimativ. Zur Arbeit wurde man ins Homeoffice «verbannt». Es erinnerte an eine Gefangenschaft und fühlte sich auch so an. Ich habe es akzeptiert, aber der Weg in die Krise war hart.

Corona, du Sauhund!

Der Mensch aber ist nicht nur ein soziales Wesen, sondern auch ein Gewohnheitstier. Mit der Zeit fand ich mich im Heimbüro gut zurecht. Ich vermisste das Kollegium, war aber auch ganz froh, nicht ständig unter Beobachtung zu stehen. Es ist ein Vorteil unseres Berufs: So lange der Output stimmt, kann man machen, was man will.

Die Arbeit allerdings war eine Erfahrung für sich. Als Journalist fühle ich mich verpflichtet, die Mächtigen kritisch zu begleiten, gerade in Krisenzeiten, wenn sie mit Notrecht regieren. Die Reaktionen in unseren Kommentaren und den sozialen Medien waren von einer teilweise irritierenden Heftigkeit. Sie zeigten, wie blank die Nerven bei vielen lagen.

Die bedingungslose Unterstützung des Bundesrats und die Abneigung gegen Kritik sind auf gewisse Weise verständlich. In Krisenzeiten wünschen sich viele Menschen eine ordnende Hand, die ihnen den Weg weist. Im konkreten Fall hat der Bund trotz teilweise schwacher Kommunikation vieles richtig gemacht. Aber an anderen Orten und zu anderen Zeiten hat diese Mentalität Übles verursacht.

Krebspatientin wünscht sich mehr Solidarität

Video: watson/Jara Helmi, Emily Engkent

Ein solcher «Kadavergehorsam» geht in der Regel einher mit einem Verlust an Empathie. Mehr noch als die Kritik an meiner Arbeit beschäftigt mich deshalb die Gleichgültigkeit gegenüber jenen Menschen, die nicht durch das Virus, sondern durch den Lockdown in existentielle Nöte gestürzt wurden. Es sind oft jene, die sonst schon kämpfen müssen.

Wenn die Kur schlimmer ist

Für nicht wenige hat die Kur schlimmere Folgen als die Krankheit. Dennoch habe ich auch kein Verständnis für die «Rebellen», die auf der Strasse demonstrieren und dem Bundesrat vorwerfen, er habe eine «Diktatur» errichtet. Seine Notverordnungen basieren auf dem Epidemiegesetz und der Bundesverfassung, die in einer Volksabstimmung angenommen wurden.

Dieses Phänomen betrifft eine Minderheit, aber immer mehr Menschen fragen sich, ob das alles nötig war und das neuartige Coronavirus wirklich so schlimm ist. Sie blenden nicht nur die Verwüstungen aus, die es andernorts angerichtet hat, sondern unterschätzen sein Gefahrenpotenzial auch für jüngere und gesunde Menschen.

In den meisten Fällen mag eine Infektion glimpflich oder sogar symptomfrei verlaufen. Aber es gibt Menschen, die es heftig trifft und die teilweise traumatische Erfahrungen machen und im schlimmsten Fall bleibende Schäden davontragen. Denn Covid-19 befällt nicht nur die Atemwege und die Lunge. Auch andere Organe können geschädigt werden.

Corona, du bist ein Sauhund! Und vor allem unberechenbar.

Das muss man bedenken, wenn wir uns nun in die neue Normalität hinein wagen. Ab dem 6. Juni wird sehr vieles wieder möglich sein. Das ist ein Grund zur Freude, doch es wird eine andere Normalität sein, mit vielen Einschränkungen. Die Möglichkeit, etwas spontan zu unternehmen und unter die Leute zu gehen, bleibt erschwert.

Gleichzeitig überlasst der Bund die Schutzkonzepte weitgehend den betroffenen Branchen und Organisationen. Es ist richtig, dass er vom Mikromanagement wegkommen will, aber das Vertrauen auf Eigenverantwortung wirkt blauäugig. In der Realität funktioniert sie kaum, sei es beim Maskentragen im öffentlichen Verkehr oder beim Hinterlassen der Kontaktdaten.

Es ist der vielleicht irritierendste Befund der Krise. Obwohl die Gesundheit einen enormen Stellenwert hat, legen viele im Umgang mit dem Virus eine bedenkliche Sorglosigkeit an den Tag. Es ist die Kehrseite unseres Erfolgs bei der Senkung der Fallzahlen und unserer fehlenden Erfahrungen mit Pandemien, die uns schon zu spät darauf reagieren liess.

Es droht die Ernüchterung

Man muss es noch einmal festhalten: Die Gefahr ist nicht vorbei. Eine zweite Welle ist möglich. Ob sie kommt, wissen wir nicht, wie wir so vieles über das neuartige Virus nicht wissen. So ist es auch unklar, ob und wann wir einen Impfstoff haben werden. Wer frohen Mutes davon ausgeht, dass 2021 alles gut sein wird, könnte die grosse Ernüchterung erleben.

Jede Pandemie war irgendwann vorbei. Wirksame Antikörpertests und eine brauchbare Tracing-App könnten helfen, uns der «alten» Normalität anzunähern. Zu grosser Optimismus aber ist nach den Erfahrungen der ersten drei Monate nicht angebracht. In gewisser Weise befinden wir uns immer noch am Anfang der Krise. Der Weg zurück wird lang und hart sein.

Ja, man gewöhnt sich an vieles. Aber ein Gefühl der Wehmut lässt sich nicht vertreiben. Es bleibt die Hoffnung, dass wir irgendwann wieder ohne diese verfluchten Distanzregeln leben können. «Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!» heisst es in Goethes «Faust». Wie wertvoll das ist, habe ich erst jetzt erkannt.

Corona, du Sauhund!

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