Switzerland

Churer Wahlmänner widersetzen sich dem Papst

Franziskus will einen moderaten Kleriker als Bischof von Chur durchdrücken, doch die konservativen Falken proben den Aufstand: So lautet eine populäre Deutung der Ereignisse vom Montag. Doch womöglich liegen die Gründe für den Eklat der Nichtwahl woanders.

Anderthalb Jahre nach dem Rücktritt von Vitus Huonder hat das Bistum Chur immer noch keinen neuen Bischof.

Anderthalb Jahre nach dem Rücktritt von Vitus Huonder hat das Bistum Chur immer noch keinen neuen Bischof.

Gian Ehrenzeller / Keystone

«Sowohl in Washington wie auch in Chur klammert sich eine extrem rechte Führungscrew verzweifelt an die Macht. Dies, obwohl sie weiss, dass jetzt die Amtszeiten ablaufen.» So kommentiert Adrian Loretan, Professor für Kirchenrecht, die missglückte Bischofswahl im Bistum Chur. Diese endete am Montag mit einem Knall. Blossgestellt wurde nämlich niemand Geringerer als Papst Franziskus. Der Mehrheit des Wahlgremiums, das aus 22 Domherren besteht, war keiner der drei von Rom auf eine Liste gesetzten Kandidaten genehm.

«Päpstlicher als der Papst»

Mit Führungscrew meint Loretan die konservativen Kleriker, die unter dem zurückgetretenen Bischof Vitus Huonder in den letzten Jahren den Kurs des Bistums Chur bestimmt haben. Als Strippenzieher sieht Loretan Generalvikar Martin Grichting, der schon unter Huonder der eigentliche starke Mann gewesen sei und seine Stellung in den letzten Monaten noch einmal ausgebaut habe. «Mit dem Entscheid vom Montag ist das Bistum Chur päpstlicher als der Papst. Das ist absurd.» Chur akzeptiere nicht, was in der Kirche in Bezug auf die Würde jedes Menschen und seine Menschenrechte inzwischen als Lehre gelte. So etwa die offenere Haltung von Franziskus zur Homosexualität.

Eine oft gehörte Interpretation der Vorfälle vom Montag lautet denn auch so: Die drei Kandidaten seien den überwiegend konservativen Domherren zu moderat gewesen. Doch es gibt auch Stimmen, die sagen, es sei nicht um ideologische Differenzen gegangen, sondern die Anwärter seien aus anderen Gründen nicht genehm gewesen. So erklärt Rudolf Nussbaumer, Pfarrer in der Schwyzer Gemeinde Steinen und Dekan des Dekanats Innerschweiz, der Vatikan habe das Wahlgremium «verarscht». Realistischerweise sei keiner aus dem Trio infrage gekommen – dies, obwohl der päpstliche Gesandte Thomas Gullickson dem Klerus des Bistums eine echte Auswahl versprochen habe.

Joseph Bonnemain hätte wohl die besten Karten gehabt, wenn es zu einer Wahl gekommen wäre. Zum Verhängnis wurde ihm aus Sicht von Nussbaumer nicht seine politische Haltung; der Opus-Dei-Mann sei flexibel, mit ihm wären die Anhänger unterschiedlicher theologischer Richtungen ausgekommen. «Aber er ist zu alt», betont Nussbaumer. Im nächsten Juli wird Bonnemain 73-jährig. Mit 75 müsste er beim Papst bereits wieder ein Rücktrittsgesuch einreichen. «In zweieinhalb Jahren dann wieder derselbe Krampf, ich verstehe, dass die Domherren das nicht wollten», sagt Nussbaumer.

Das Alter – Vor- oder Nachteil?

Urban Fink, Geschäftsleiter der Inländischen Mission und intimer Kenner der katholischen Kirche, hingegen sieht Bonnemain gerade wegen seines Alters als idealen Kandidaten. «Er könnte die relativ kurze Zeit im Amt nutzen, um die Verhältnisse im Bistum in Ordnung zu bringen – und dann einer jüngeren Kraft Platz machen.» Bonnemain bewege sich in der Mitte zwischen Konservativen und Progressiven. Und er habe als Delegierter des Bistums für die Beziehungen zu den staatskirchenrechtlichen Organisationen und den Kantonen bewiesen, dass er den Dialog suche – anders als Grichting, der das duale System, welches die absolute Macht des Klerus beschneide und auch die Laien einbeziehe, am liebsten loswerden würde.

Und wo liegt das Problem bei den anderen beiden Kandidaten, den Ordensmännern Vigeli Monn und Mauro Giuseppe Lepori? Dekan Nussbaumer kritisiert, dass sie «Fremde» seien, also nie in den Pfarreien der Diözese gewirkt haben. «Wir haben doch so viele gute Priester im Bistum, es kann nicht sein, dass man da niemanden findet.» Während Monn als Abt des Klosters Disentis immerhin in der Region verankert ist, hatte der Tessiner Lepori bisher tatsächlich kaum einen Bezug zu Chur. Seit zehn Jahren ist er weltweiter Generalabt des Zisterzienserordens. Jemand, der ihn gut kennt, sagt, Lepori sei meilenweit von der kirchlichen Realität in der Schweiz entfernt und kenne das hiesige duale System kaum.

Monn wiederum wäre zwar ein guter Bischof für Graubünden gewesen, kenne aber das urbane Leben etwa im Kanton Zürich praktisch gar nicht, sagen kritische Stimmen. Ausserdem sei er ein schlechter Kommunikator, was fatal wäre für ein Bistum, das jetzt einen Mann brauche, der auf alle Gläubigen zugehen könne.

Auch Externe können die Wahl schaffen

Dass ein Papst externe Kandidaten auf die Dreierliste, die Terna, setzt, ist keine Ausnahme. So war es auch 2007, als sich Vitus Huonder gegen zwei «Auswärtige» durchsetzte. Und 1998 gab es gar keine dem Pontifex genehmen Anwärter aus dem Churer Bistum. Die Domherren wählten deshalb Amédée Grab. Er hatte zwar Bezüge zur Diözese, weil er in Zürich geboren und in Einsiedeln zum Mönch geworden war, doch er war in Genf aufgewachsen und amtierte ab 1995 als Bischof des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg.

Dass es bei der Nichtwahl zumindest teilweise doch auch um kirchenpolitische Auseinandersetzungen gegangen ist, suggeriert die konservative Website Kath.net. Die Mehrheit des Domkapitels habe die Dreierliste als Versuch einer «feindlichen Übernahme» des Bistums Chur durch die als eher progressiv geltenden Bischöfe von Basel und St. Gallen und den Abt von Einsiedeln verstanden. Diese hätten im Vorfeld der Bischofsernennung gemeinsam mit Vertretern des staatskirchenrechtlichen Systems versucht, Einfluss auf die Wahl zu nehmen.

«Man möchte weiterhin mit Zeitgeistpolitik das umstrittene Kirchensteuer der Schweiz retten», schreibt Kath.net. «Unbequeme Stimmen wie die des Bistums Chur, die vom gesellschaftlichen Mainstream abweichen, sollen jetzt endgültig zum Schweigen gebracht werden.» In den Bistümern St. Gallen und Basel heisst es, man kommentiere solche Gerüchte nicht. Dass aber insbesondere der Basler Bischof Felix Gmür seinen Einfluss in Rom geltend gemacht hat, halten Eingeweihte für plausibel.

Gmür, der derzeit die Bischofskonferenz präsidiert, dürfte es ein Anliegen sein, dass das Bistum nach Wolfgang Haas und Huonder nicht erneut einen polarisierenden Bischof erhält, sondern einen Brückenbauer. Denn die Churer Wirren sind ein Reputationsrisiko für die gesamte katholische Kirche in der Schweiz – und könnten dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Kirchenaustritte 2019 so hoch lag wie noch nie in der Geschichte.

«Bocken nützt nichts»

Der Kirchenhistoriker Markus Ries findet es ärgerlich, dass das Bistum Chur weiterhin auf einen neuen Bischof warten muss. Man demontiere das System, wenn man sich auch anderthalb Jahre nach dem Rücktritt Huonders nicht auf eine Nachfolge einigen könne. «Damit signalisiert das Domkapitel, dass es eigentlich auch ohne Bischof geht. In einer Gemeinde wäre das unmöglich, dort funktioniert es nicht ohne einen Gemeindepräsidenten.» Ries sieht generellen Reformbedarf im Bistum Chur. «Statt auf die Geheimhaltung der vorgeschlagenen Namen zu pochen, würde man besser auf ein offenes Wahlverfahren setzen, wie es im Bistum Basel oder für den Abt von Einsiedeln gebräuchlich ist.»

Die meisten Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass der Papst nach der Abfuhr aus Chur keine neue Kandidatenliste erstellt, sondern von seinem Recht Gebrauch macht und einen Bischof einsetzt. Pfarrer Nussbaumer rät dem Domkapitel, nun mit dem Papst das Gespräch zu suchen und eine Delegation nach Rom zu schicken. Sie müssten Franziskus erläutern, warum die Terna aus ihrer Sicht keine richtige Auswahl geboten habe. «Wenn die Domherren stattdessen bocken, bockt wohl auch der Papst, und dann ist nichts gewonnen. Das Schlamassel hält einfach an.»

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