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BVB-Goalie Bürki exklusiv vor dem Bayern-Knaller: «Es gibt zurzeit Wichtigeres als den Titel»

Mittwochnachmittag vor Auffahrt. Roman Bürki sitzt in seinem Haus am Dortmunder Phoenix-See. Endlich wieder. Vor der Wiederaufnahme der Bundesliga am Samstag zuvor war die Mannschaft auf Weisung der Deutschen Fussball Liga eine Woche lang in Quarantäne.

Bürki geht sofort ans Handy.

BLICK: Das ging aber schnell.
Roman Bürki: Wir Bundesliga-Spieler sind ja immer noch quasi in häuslicher Quarantäne, sollen so wenig wie möglich nach draussen unter Leute gehen. Da ist es doch klar, dass man sich viel mit technischen Hilfsmitteln zu Hause beschäftigt. Aber es ist schon sehr schön, wieder auf der eigenen Couch liegen zu können.

Wie war es für Sie, eine Woche komplett kaserniert zu sein?
Am Anfang ehrlich gesagt relativ cool. Du bist mit den Jungs unterwegs, es fühlt sich wie im Trainingslager an. Aber je näher das Spiel kommt, desto mehr freust du dich auch darauf, dass du danach nach Hause kannst. Da kannst du auch mal in die Küche gehen und dir was zu essen holen. Aber es gibt Schlimmeres im Leben. Kein Grund zur Klage!

Zahnpasta und Hautcreme hatten Sie dabei?
(Lacht) Ja, ja, wir waren gut versorgt. Und wenn man etwas brauchte, wurde es ins Trainingscenter geliefert.

Wie haben Sie sich abgelenkt?
Man ist viel am Handy, schaut Serien. Und ich habe jeden Tag einen Mittagsschlaf gemacht. Und man spricht über Facetime mit der Familie, die ich monatelang nicht mehr persönlich gesehen habe. Und natürlich mit meiner Freundin.

Wie hat Ihre Freundin Marlen Valderrama-Alvarez eigentlich Ihren 4:0-Sieg über Schalke überstanden? Sie soll ja Anhängerin der Königsblauen sein.
Sie ist in einer komplett fussballverrückten Familie aufgewachsen. Dort sympathisierte man mit Schalke. Aber unser Derbysieg war überhaupt kein Problem für sie. Für sie ist entscheidend, dass ich glücklich nach Hause komme. Und glauben Sie mir, das kam ich.

Es gab Gerüchte, sie hätte sogar ein Schalke-Tattoo.
Die kann ich definitiv dementieren. Ich mag ihre Tattoos – aber eines von Schalke ist nicht dabei.

Sie ist Model. Kann sie überhaupt arbeiten?
Sie macht zurzeit keine Shootings, weil sie ja bei mir wohnt und die häusliche Quarantäne auch befolgen sollte. Das respektieren wir, es ist eine Frage der Selbstdisziplin. Sie besucht zum Beispiel ihre Familie aktuell auch nicht mehr. Wir gehen auch nicht in ein Café oder einkaufen.

Wie funktioniert das bei den Bundesliga-Profis denn nun mit dem Einkaufen?
Wir können via Whatsapp unsere Einkaufsliste senden, dann wird es uns nach Hause gebracht. Einfach damit wir die Anzahl der Kontakte in Corona-Zeiten reduzieren.

Kochen Sie dann selber?
Wir trainieren meist am Morgen, bekommen dann ein Lunch-paket für den Mittag mit. Und Abendessen können wir auch bei unserem Koch bestellen.

Haben Sie persönlich Angst, sich anzustecken?
Eigentlich gar nicht. Ich fahre nur noch vom Trainingszentrum zur Wohnung und zurück. Ich bin nur von Klub-Angestellten und von meiner Freundin umgeben.

Verrückte Zeiten ...
Ja. Und ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, dass wir die Saison weiterspielen. Aber das Konzept der Liga ist zwar extrem, jedoch wirklich gut. Und wir werden pro Woche zweimal getestet.

Wie funktioniert der Corona-Test?
Wir bekommen ein Zeitfenster, in dem wir zu unserem Arzt gehen. Dann dauert es zehn Sekunden. Mund auf, Stäbli rein, Stäbli raus.

Ihr Dortmund-Spieler habt sofort auf 20 Prozent des Gehalts verzichtet. Waren dafür lange Diskussionen nötig?
Über Zahlen sprechen wir nicht, verstehen Sie das bitte! Aber es ist richtig – wir sind nur einmal zusammengesessen und dann war klar, dass wir einen Beitrag leisten. Es war unkompliziert und einstimmig.

Wie war das erste Geisterspiel in Dortmund letzte Woche gegen Schalke?
Es war schon komisch, das erste Spiel mit dieser leeren Süd-tribüne, wo sonst 25 000 stehen. Schon das Einlaufen war kurios. Alles war so ruhig, der Schiedsrichter kam mit seinem Team als Allerletzter dazu. Du hörtest jeden Ballkontakt, auch im Spiel danach. Dann schiessen wir ein Tor – und alles bleibt ruhig. Ganz ehrlich: Es schmerzt schon sehr, ohne die Fans zu spielen. Gerade hier in Dortmund!

Hören dafür die Mitspieler Sie besser?
Das einzig Positive daran! Wenn du vor 81 000 Fans spielst, hast du keine Chance, Anweisungen ins Mittelfeld zu geben. Nun können Mats Hummels als Abwehrchef oder ich als Goalie das Mittelfeld auch mal dirigieren. Oder Spieler warnen, wenn sie einen Gegner im Rücken haben.

Fast wie früher als GC-Goalie im Letzigrund.
Da konnten wir auch besser kommunizieren als im Signal Iduna Park, das stimmt (lacht). Aber im Ernst: Mit YB hatten wir mal ein Freundschaftsspiel im leeren Stade de Suisse gegen Freiburg, die Spiele jetzt erinnern mich vor allem daran.

Auch Lucien Favre wird endlich von den Spielern gehört.
Oh ja, es ist wie im Training, jeder hört und versteht ihn. Und er nützt es auch voll aus, dass seine taktischen Anweisungen nun viel direkter ankommen.

Wie finden Sie den Distanz-Jubel?
Es sind sehr viele Sachen im Moment natürlich nicht mehr ganz nachvollziehbar, weil das Konzept inhaltlich auf der Situation im April basiert und gesellschaftlich für viele Menschen inzwischen deutlich mehr möglich ist als im Fussball, was die Regeln angeht. Zum Beispiel ist es skurril, dass man auf der Bank Masken trägt, obwohl man draussen ist und ausreichend voneinander entfernt sitzt. Aber das höchste Ziel ist es eben, die Saison zu Ende zu spielen. Dem müssen wir alles unterordnen, solange es von uns in dieser Form gefragt ist. Wir sind ganz oben mit dabei. Wir versuchen so wenig wie möglich darüber nachzudenken.

Wichtig war, dass sich keine Fussballfans vor den Stadien versammelt haben.
Ja, das war toll, gerade beim brisanten Spiel gegen Schalke. Bei unserem Champions-League-Achtelfinal in Paris standen 5000 PSG-Fans draussen, zündeten Pyros und Raketen. Das ist nicht der Sinn der Sache in dieser Situation. Kompliment an unsere Fans, wie sie das rund um das Derby lösten!

Was wurmt Sie mehr, das Aus im Champions-League-Achtelfinal gegen Paris SG oder das DFB- Pokal-Aus in Bremen?
Pokal ist Pokal, da kann alles passieren. Das Ausscheiden in der Champions League hat mich schon sehr enttäuscht. Weil ich überzeugt bin, dass wir es mit unseren lauten Fans im Stadion auswärts in den Schlussminuten noch zu unseren Gunsten hätten drehen können.

Wird der Fussball nach der Corona-Krise ein anderer sein?
Ja, ich denke schon. Man merkt zumindest aktuell, dass die Akzeptanz bei vielen Menschen gelitten hat. Weil sich manche Fussballer – und ich betone, das ist eine Minderheit – Sachen erlaubt haben, die den Leuten nicht gefielen. Doch damals schaute man weg, weil man im Stadion alles vergessen wollte. Nun kann man nicht mehr ins Stadion. Dann will man auch nicht mehr wegschauen.

Meinen Sie Ihren Ex-Mitspieler Pierre-Emerick Aubameyang, der gefühlt jeden Monat einen neuen Lamborghini fuhr?
Nein, denn er hat immer geliefert, Tor um Tor geschossen. Oder auch mal eine Maske hervorgenommen, wenn er traf. Solchen wilden Typen, die ihren Job machen, verzeihst du mehr. Ich meine junge Spieler, die noch nicht viel geleistet haben und gerne zur Schau stellen, was sie sich leisten können. Das ist unnötig, dann entstehen Neid und der Eindruck: «Die machen viel zu wenig fürs Geld. Und ich muss acht Stunden ins Büro, um einen Bruchteil davon zu bekommen.»

Ribérys Goldsteak steht als Zeichen für die ganze Abgehobenheit.
Auch das war auf jeden Fall speziell. Aber was soll ich als Fussballer sagen? Natürlich kann ich mir ein Goldsteak leisten, das ist die Wahrheit. Aber muss ich es bestellen? Und falls ja: Muss ich es zur Schau stellen? Ich verstehe die Leute, die sich aufregen.

Glauben Sie denn, dass die Löhne sinken werden?
Das ist schwer zu sagen. Direkt nach der Krise auf jeden Fall.

Dann hätten Sie Ihren Vertrag besser schon vor der Krise verlängert.
Wir waren ja schon damals im Gespräch. Als Goalie wirst du zumindest im Regelfall nicht so gut bezahlt sein wie als Offensivspieler. Aber es wäre unanständig, wenn ich mich jetzt beklagen würde.

Gut möglich, dass einige Köpfe im Fussball starr bleiben. Eigentlich unglaublich ist auch, dass sich im Jahr 2020 immer noch kein Spieler als schwul geoutet hat.
Ja, aber ich finde es super, dass Borussia als grosser Klub immer wieder Zeichen gegen Homophobie setzt. Das ist kommunikativ ein Schwerpunkt des Klubs, neben der Arbeit gegen Antisemitismus und Rassismus.

Warum ist schwul sein im Fussball ein solches Tabu?
Weil wir sehr im Schaufenster stehen. Ich bin überzeugt: Die Mannschaften, die Klubs, die Mitspieler – sie würden einen Fussballer nach seinem Outing extrem unterstützen. Aber als Fussballer weisst du auch haargenau, wie manche Leute reagieren würden. Und damit meine ich nicht nur die Kurven, sondern auch die Menschen in Social Media, wo man unentdeckt hetzen kann. Darum ist es für mich schwer zu sagen, ob die Zeit reif ist für ein Outing. Und darum machen es die meisten wohl nach der Karriere.

Eigentlich traurig.
Ja, aber es wird immer Leute geben, die nur darauf warten zu hetzen. Anonym im Internet. Wenn sie dann vor dir stehen, bringen sie kein Wort mehr heraus.

Kennen Sie das auch?
Ja. Als es uns in einer Saison nicht lief, wurde auch ich übel beschimpft. Du probierst dein Bestes, es läuft einfach nicht – und dann wirst du mit so einem Hass konfrontiert. Das wünsche ich keinem Menschen auf der Welt. Ich habe dann auf meinem Instagram-Kanal keine Kommentare mehr zugelassen.

Samstagabend. Der BVB feiert einen 2:0-Arbeitssieg in Wolfsburg. Roman Bürki sitzt im Bus zurück nach Dortmund, knapp 250 Kilometer sind es. Natürlich ist das Gefährt in Zeiten von Corona frisch desinfiziert, entsprechend der Vorschrift der Deutschen Fussball Liga.

Nun, ab Samstagabend, gilt der ganze Fokus von Dortmund dem Knaller vom nächsten Dienstag. Um 18.30 Uhr kommt es zum Topspiel der Bundesliga: Borussia Dortmund gegen Bayern München. Vier Punkte beträgt der Rückstand von Bürki und Co. sieben Runden vor Schluss. Es ist für Dortmund ein kleiner Final.

Bleibt Ihr Ziel die Meisterschaft?
So haben wir es vor der Saison formuliert. Wir sind in einer guten Position. Auch wenn man sagen muss: Es gibt im Moment mit dieser Pandemie Wichtigeres, als über den Meistertitel zu reden.

Am Dienstag kommen die Bayern nach Dortmund. Was für ein Spiel erwarten Sie?
Zu Hause mit unseren Fans haben wir gegen die Bayern oft gut ausgesehen. Hoffentlich ist das auch ohne Fans so. Im Heimspiel gegen Schalke hatten wir die Situation gut im Griff. Aber es ist schwer zu sagen, was es für ein Spiel wird, weil du halt doch nicht so genau weisst, wie der andere dann drauf ist.

Einer wird Meister werden – mit dem Feiern wird es Ende Juni aber bestimmt problematisch.
Ja, das wird der Meister in Deutschland wohl verschieben müssen. Wir haben versucht, den Derbysieg mit den Fans über Zoom zu feiern. Wir bekamen eine Nachricht von einem BVB-Mitarbeiter und schalteten uns um 20 Uhr zu. Aber es waren zu viele Leute, es war ein Chaos ... Aber vielleicht gehts mit einem Moderator nächstes Mal. Die Idee ist ja toll.

Ist Bayern für Sie individuell das bessere Team oder ihr?
Wir sind sicher ebenbürtig. Der eine oder andere bei Bayern hat vielleicht mehr Erfahrung. Aber wir versuchen Jahr für Jahr, sie zu packen.

Sie bezeichnen Robert Lewandowski als besten Stürmer der Welt. Ist er das immer noch, nach dem Start von Erling Haaland?
Lewandowski ist über Jahre sehr konstant und sehr gefährlich. Gerade gegen uns ist er immer in Topform und trifft. Erling ist frisch, jung, hat einen super Lauf und ist vom Körperbau her mit Lewandowski vergleichbar. Ich bin mir sicher, dass er eine Weltkarriere machen wird.

Wie ist er als Mensch?
Sehr locker, macht auch mal ein Spässchen. Und gleichzeitig extrem fokussiert. Er hasst es zu verlieren, genau wie ich.

Was war Ihr tollstes Spiel gegen Bayern, und welches möchten Sie am liebsten vergessen?
Na ja, zu vergessen gibt es viele – gerade auswärts, da bekamen wir immer zu viele Gegentore. Das schönste Spiel war daher unser 3:2-Sieg auswärts im Jahr 2017, mit dem wir uns für den DFB-Pokalfinal qualifizierten.

Borussia bleibt nach dem Aus im Pokal und in der Champions League nur noch die Meisterschaft. Wenn man Zweiter wird: War es ein gutes, schlechtes oder durchschnittliches Jahr?
Dann müsste man nicht enttäuscht sein. Wir hatten Höhen und Tiefen. In der Champions League kamen wir weiter in einer schweren Gruppe mit Barcelona, Inter und Slavia Prag. Vor allem wird diese Saison aber als besonders schwierig in den Köpfen bleiben. Nicht wegen des Sports an sich, sondern wegen Corona.

Roman Bürki persönlich

Der gebürtige Münsinger kickt in der Jugend zunächst für seinen Heimatverein. Mit 14 Jahren absolviert er ein Probetraining beim FC Thun – und fällt durch. Sein Vater muss ihn überreden, trotzdem auch bei YB vorzuspielen. Das rettet seine Karriere. Von den Junioren schafft es Bürki über die U21 sogar zu zwei Einsätzen in der ersten Mannschaft. Der Durchbruch gelingt im zwischen 2011 und 2014 bei GC, wo er 2013 den Cupsieg feiert. Nach einem Jahr in Freiburg kommt er 2015 zu Dortmund, wird 2017 DFB-Pokalsieger. In der Nati (9 Einsätze) steht er immer im Schatten von Yann Sommer. Seit 2019 ist er für die Nati nur noch «standby».

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