Switzerland

Bombardier verkauft das Eisenbahngeschäft an die TGV-Herstellerin und Konkurrentin Alstom

Nach dem Rückzug von den restlichen Verpflichtungen mit Airbus kommt es voraussichtlich zum Verkauf des zweiten Standbeines von Bombardier: der Zugsparte mit Sitz in Berlin. Auch das reicht indessen nicht aus, um den Schuldenberg zu eliminieren.

Eine Dosto-Doppelstock-Komposition der SBB, hergestellt von Bombardier. Der Zug ist bekannt für seine Störungsanfälligkeit.

Eine Dosto-Doppelstock-Komposition der SBB, hergestellt von Bombardier. Der Zug ist bekannt für seine Störungsanfälligkeit. 

Arnd Wiegmann / Reuters

Im internationalen Eisenbahngeschäft kommt es zu einer tiefgreifenden Umwälzung, die auch für die kanadische Wirtschaft Folgen haben wird. Die französische TGV-Herstellerin Alstom erwirbt die Zugsparte der kanadischen Produzentin und bisherigen Rivalin Bombardier. Bombardier ist seit einiger Zeit in Bedrängnis, weil sich die Firma mit ihrem Flugzeugprogramm übernommen hat.

Beide Firmen bestätigten am Montag eine entsprechende Absichtserklärung. Der Kaufpreis soll demgemäss zwischen 5,8 und 6,2 Mrd. € liegen und teils in Aktien, teils aber auch in bar erlegt werden. Der genaue Preis soll erst nach erfolgter Transaktion festgesetzt werden, die sich im ersten Halbjahr des nächsten Jahres abspielen wird.

Zugsysteme sind das Herzstück

Die Zugsparte zählt unbestritten zu den wertvollsten Bestandteilen von Bombardier. Das gilt, obwohl die Firma mit ihren Lieferungen in vielen Fällen – unter anderem auch in der Schweiz – mit Schwierigkeiten kämpft.

Hersteller der Dosto-Doppelstockzüge der SBB

tsf. Bombardier ist die Herstellerin der neuen Schweizer Dosto-Doppelstockzüge der SBB, deren Einführung wegen technischer Probleme immer wieder verzögert wurde. 

Ärger gab es zuletzt auch in Deutschland mit den neuen Intercity-Zügen von Bombardier. Die Deutsche Bahn gab Ende Januar bekannt, dass sie 25 Exemplare wegen technischer Mängel nicht abnehmen werde. Offensichtlich gibt es Probleme mit der Software des Zugbetriebssystems. Auch beim Flaggschiff ICE 4, bei dem Bombardier mit Siemens zusammenarbeitet, gab es Produktionsmängel. 

Der kanadische Konzern ist ferner mit seinen Zefiro-Hochgeschwindigkeitszügen in China und Italien im Geschäft. 

Zum Verkauf der Sparte mit Hauptsitz in Berlin ist es indessen gekommen, weil sich das Unternehmen mit der Entwicklung eines neuen Flugzeuges, der sogenannten C-Serie, übernommen hat. Dabei stand nie die Qualität des Flugzeuges zur Diskussion, sondern der Umstand, dass die Lancierung der Serie wiederholt verschoben werden musste. Insgesamt hat die Entwicklung der C-Serie mehr als 6 Mrd. $ gekostet, womit der Konzern in eine bedenkliche Schieflage gerutscht ist. Da die USA in der Folge damit drohten, das Flugzeug aus kanadischer Produktion mit massiven Zöllen zu belegen, hat Bombardier die Flucht nach vorne angetreten und ist bei Airbus vorstellig geworden.

Airbus hat sodann die C-Serie, die im Übrigen auch von der Swiss eingesetzt wird, unter ihre Fittiche genommen. Die Maschine trägt nunmehr die Bezeichnung A220. Bombardier hat sich im Zuge ihrer finanziellen Neuorientierung schon in der Vorwoche gänzlich vom Projekt gelöst, da der Vertrag mit Airbus weitere Verpflichtungen nach sich gezogen hätte. Der Erlös ist jedoch verhältnismässig gering, so dass sich Bombardier gezwungen sah, entweder die Zugsparte oder aber das Geschäft mit Business-Flugzeugen zu verkaufen. Dem Vernehmen nach war Bombardier mit amerikanischen Interessenten für das Geschäft mit Businessjets in Kontakt. Vorderhand ist unklar, ob sich die Situation des Konzerns derart stabilisiert hat, dass ein Verkauf unterbleiben kann. Bombardier selber gibt zu verstehen, dass man das Geschäft weiterführen will.

Der Kauf von Bombardier Transportation durch Alstom dürfte eine Verdoppelung der französischen Kapazität mit sich bringen. Gleichzeitig rückt Alstom damit auf Platz zwei der internationalen Rangliste vor, hinter der chinesischen CRRC, welche sich nicht zuletzt dank günstigen Preisen und der angebotenen Finanzierung stets weiter vorarbeitet und erst vor kurzem offeriert hat, das britische Eisenbahnsystem auf Vordermann zu bringen. Selbstverständlich wird aber auch Brüssel ein Wort zur beabsichtigten Integration von Bombardier in Alstom mitzureden haben. Beobachter räumen dieser Transaktion aber mehr Chancen ein als der im Vorjahr vorgeschlagenen Vereinigung von Alstom mit Siemens, welche von Brüssel abgelehnt worden ist. Dem Vernehmen nach finden Gespräche zwischen Alstom und den EU-Wettbewerbsbehörden in Brüssel unter der Leitung von Margrethe Vestager bereits am Dienstag statt.

9 Milliarden Dollar Schulden

Mit dem Verkauf der Bombardier-Zugssparte wird die Quebecer Pensionskasse Caisse de depot et placement, welche sich bis anhin als Finanzquelle für Bombardier bewährt hatte, unvermittelt zu einem der grössten Aktionäre von Alstom. Die Caisse hatte nämlich im Zuge des stets grösser werdenden Finanzbedarfs von Bombardier zuletzt einen Anteil von 32,5% an Bombardier Transportation. Bei der Beurteilung des gesamten Verkaufspreises gilt es deshalb zu berücksichtigen, dass derselbe Prozentanteil nicht an Bombardier geht, sondern an die Pensionskasse.

Man rechnet damit, dass Bombardier selber zwischen 4,2 und 4,5 Mrd. $ für sich beanspruchen kann. Im Blick auf die gesamte Verschuldung von mehr als 9 Mrd. $ ist dies zweifellos ein willkommener Zustupf. Ob Bombardier bzw. Bombardier Aviation – so heisst die Abteilung der Businessjets – damit leben kann, wird sich weisen müssen.