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Auto rast in Fasnachtsumzug in Deutschland – 30 Verletzte

Ein junger Deutscher fuhr in Hessen mit Absicht in die Menge und verletzte auch Kinder. Der Ministerpräsident sprach von einem Anschlag.

Der Rosenmontag ist im Rheinland und in Hessen traditionell der Höhepunkt der Fasnachtszeit. Normalerweise bringt der Tag viel Freude, vor allem für Kinder. In Volkmarsen, einem kleinen Ort 30 Kilometer von Kassel entfernt, geriet der diesjährige Rosenmontag allerdings zum Albtraum.

Ein Mann steuerte am Nachmittag, als der Fasnachtsumzug mit rund 700 Feiernden gerade zu Ende ging, seinen silbernen Mercedes Kombi mit hoher Geschwindigkeit in die Menge. Zeugen wollten laut Medienberichten gesehen haben, wie der Lenker zunächst eine Abschrankung umfuhr, dann beschleunigte und direkt auf die Menschen zuhielt. Einzelne Beobachter hatten den Eindruck, als ob er gezielt Jagd auf Kinder machen würde.

Nach etwa 30 Metern kam das Auto zum Stillstand, der Fahrer wurde von Polizisten verhaftet. Offenbar mussten die Sicherheitskräfte ihn vor wütenden Fasnachtsteilnehmern in Schutz nehmen, die mit erhobenen Fäusten auf ihn losgingen. Überall am Boden lagen Verletzte, unter ihnen viele Kinder. Viele Eltern weinten. Gegen Abend gab die Polizei die Zahl der Verletzten mit 30 an, unter ihnen sieben Schwerverletzte. Einige von ihnen schwebten offenbar in Lebensgefahr.

Bei dem Fahrer handelte es sich nach Angaben von Ermittlern um einen 29-jährigen Deutschen aus Volkmarsen. Über sein Motiv wurde vorerst nichts bekannt. Polizeisprecher vor Ort sagten, sie gingen von einer vorsätzlichen Tat aus. Hinweise auf einen Anschlag oder ein politisches Motiv lägen aber bisher nicht vor.

Polizeisprecher Henning Hinn zur Amokfahrt. Video: AP

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier nannte die Tat einen Anschlag, die Hintergründe seien aber unklar und er bitte darum, nicht über mögliche Motive zu spekulieren. Der Lenker hatte sich bei der Fahrt selbst verletzt und war vorerst nicht vernehmungsfähig. Laut der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft soll der Beschuldigte dem Ermittlungsrichter vorgeführt werden, sobald dies sein Gesundheitszustand zulässt. Ermittelt werde wegen eines versuchten Tötungsdelikts.

Zum TV-Sender RTL sagte eine Nachbarin des Fahrers: «Ich habe ihn heute wegfahren sehen, er sah aus, als stünde er unter Drogen.» Er habe gesagt: «Bald stehe ich in der Zeitung.» Der Fahrer war nach ersten Erkenntnissen den Behörden nicht als Extremist bekannt. Allerdings war er der Polizei in der Vergangenheit durch Beleidigung, Hausfriedensbruch und Nötigung aufgefallen.

Alle weiteren Rosenmontagsumzüge in Hessen wurden umgehend abgesagt, die Polizeipräsenz verstärkt. Im benachbarten Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen liefen die grossen Fasnachtsumzüge hingegen weiter. Letzten Mittwoch erst hatte im hessischen Hanau ein 43-jähriger Deutscher neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen, offenbar aus rassistischen Gründen. In Kassel hatte im vergangenen Juni ein Neonazi den CDU-Politiker Walter Lübcke getötet, aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel.

In Deutschland sind in den vergangenen drei Jahren mehrfach Autos mit Absicht in Menschenmengen gerast. An Silvester 2018/19 steuerte im Ruhrgebiet ein Rechtsradikaler sein Auto in feiernde Menschen, die er für Ausländer hielt und verletzte insgesamt 14 von ihnen. Im April 2018 fuhr ein Mann in Münster einen Campingbus in ein Strassencafé und tötete vier Menschen. Dann erschoss er sich selbst. Die Polizei stufte den Vorfall schliesslich als erweiterten Suizid ein. Im Dezember 2016 war ein islamistischer Attentäter mit einem Lastwagen in einen Berliner Weihnachtsmarkt gerast. 12 Menschen verloren ihr Leben, Dutzende wurden verletzt.

Volkmarsen ist eine Kleinstadt im nordhessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg mit rund 6800 Einwohnern. Sie ist rund 30 Kilometer von Kassel entfernt.

Vorfälle in Deutschland

Bottrop/Essen, Silvester 2018/2019:
Ein Rechtsradikaler steuert sein Auto an beiden Orten in feiernde Menschen, die er für Ausländer hält. Insgesamt gibt es 14 Verletzte. Ein Gericht wertet die Taten unter anderem als Mordversuch. Der Deutsche kommt in die geschlossene Psychiatrie.

Münster, April 2018:


Ein 48-Jähriger steuert einen Campingbus in eine Menschenmenge. Vier Passanten sterben, der Täter erschiesst sich. Nach Erkenntnissen der Polizei handelte der Mann in Selbstmordabsicht.

Cuxhaven, November 2017:


Ein Mann rast mit einem Auto in eine Menschengruppe – was anfangs an einen Terroranschlag erinnert, ist eine Trunkenheitsfahrt. Sieben Menschen werden teils schwer verletzt. Der Syrer wird zu vier Jahren Haft verurteilt.

Heidelberg, Februar 2017:


Ein Mann fährt mit einem Wagen in Passanten, es gibt einen Toten. Der vermutlich psychisch kranke Fahrer flieht, Polizisten strecken ihn mit einem Bauchschuss nieder. Der Deutsche kommt in eine Psychiatrie.

Berlin, Dezember 2016:


Mit einem gekaperten Sattelzug steuert Anis Amri in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Er tötet insgesamt zwölf Menschen und verletzt Dutzende. Der Tunesier wird auf seiner Flucht in Italien von der Polizei erschossen.

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