Switzerland

Australian Open: Stan Wawrinka läuft heiss und ist plötzlich ein Titelanwärter

Der Romand zeigt im Achtelfinal gegen Daniil Medwedew den bisher besten Match seit seiner Knieoperation im Herbst 2017. 

 Stan Wawrinka überzeugt im Achtelfinal gegen den Russen Daniil Medwedew.

Stan Wawrinka überzeugt im Achtelfinal gegen den Russen Daniil Medwedew.

Michael Dodge / Imago

Es hat vor dem Beginn des Australian Open einige Favoriten gegeben für das Männerturnier: Novak Djokovic natürlich, den siebenfachen Sieger und Titelverteidiger; Rafael Nadal, seinen momentan härtesten Konkurrenten. Roger Federer wird wohl ein Titelanwärter bleiben, solange er spielt – und sei es auch nur, weil man einen wie ihn nicht loslassen möchte.

Stan Wawrinka gehörte nicht dazu. Seit seiner schweren Knieoperation im Herbst 2017 hatte der Romand an den Major-Turnieren noch zwei Viertelfinals erreicht. In Melbourne scheiterte er zuletzt zweimal in der zweiten Runde.

Doch Wawrinka ist auch Wawrinka, weil man bei ihm nie richtig weiss, was als Nächstes kommt. Am dümmsten wäre es, ihn vorschnell abzuschreiben. Nach seinem Fünfsatzsieg gegen Daniil Medwedew ist er plötzlich mittendrin im Kreis der Titelanwärter. Der Russe war von vielen als heimlicher Turnierfavorit bezeichnet worden. Nun sass er am Montag vor den Medien und sagte: «Ich habe schon viele Partien verloren, nach denen ich mich ärgerte, weil ich nicht mein bestes Tennis gespielt hatte. Doch diesmal gibt es keinen Grund dafür. Stan war besser.»

Wawrinka war gut, ganz zu Beginn der Partie und später auch im fünften Satz sogar sehr gut. Er drosch auf die Bälle und zeigte jene urwüchsige Kraft, die ihn in seinen besten Jahren ausgezeichnet und für jeden zum schwer zu stoppenden Gegner gemacht hatte. Mehr als einmal riss er mit seinen Schlägen das Publikum von den Sitzen. Die Atmosphäre in der Margaret Court Arena war elektrisierend. Am Ende sagte Wawrinka, dieser Meister des Understatements: «Ich glaube, so gut habe ich zuletzt vor meiner Operation gespielt.»

Der Satz war Versprechen und Drohung zugleich. Er signalisiert, dass sich Wawrinka der alten Form nähert. Und das muss jedem Gegner zu denken geben. Ihn selber überrascht das nicht. «Ich habe in den vergangenen Wochen viel in das Training investiert – in Bezug auf mein Tennis, aber auch physisch. Ich fühlte mich auf dem Platz hervorragend. Ich hatte gegen Medwedew einen harten Match erwartet. Er ist nach der letzten Saison voller Selbstvertrauen. Doch wann immer ich den Platz betrete, dann tue ich das, um zu gewinnen.»

Genau so trat Wawrinka auch auf. Er servierte hervorragend, suchte aus dem Spiel heraus die Winner und nahm dabei in Kauf, dass er das Feld zuweilen auch verpasste. Nach dem verwandelten Matchball hob er seinen Zeigfinger zur Stirn und signalisierte damit: «Seht her, ich habe eine Lösung gefunden.» Wawrinka lief im Match gegen Medwedew nicht einfach durch. Dazu ist der Russe ein zu guter Spieler. Im zweiten und dritten Satz drohte dem Waadtländer der Match zu entgleiten. Doch er arbeitete sich zurück und biss sich am Gegner fest. Oder wie Wawrinka das jeweils im englischen Teil der Medienkonferenz auszudrücken pflegt: «I found solutions.»

Auf Französisch erzählte er, wie er in der Winterpause mit seinem Coach Magnus Norman über die neue Saison gesprochen habe. Welche Ziele er genau hat, sagte er nicht. Doch offensichtlich forderte ihn der Schwede auf, sich wieder verstärkt auf das Wesentliche zu konzentrieren. Norman hatte bei früher Gelegenheit angedeutet, dass er sich zuweilen schwertue mit den emotionalen Schwankungen Wawrinkas. Sie trugen dazu bei, dass er sich vorübergehend als Coach zurückgezogen hatte.

Phasenweise erinnerte Wawrinka an seine beste Zeit auf der Tennis-Tour.

Phasenweise erinnerte Wawrinka an seine beste Zeit auf der Tennis-Tour.

Edgar Su / X90125

Im April wird Wawrinka 35 Jahre alt. Er hat zuletzt wiederholt gesagt, allzu viel Zeit bleibe ihm nicht mehr. Doch er ist entschlossen, aus der Zeit, die er noch hat, das Beste zu machen. «Es ist ein Privileg, auf der Tour zu sein. Es ist meine Passion. Ich liebe die Reisen, ich liebe es, vor Zuschauern zu spielen. All das erfüllt mich mit Emotionen. Es gibt sehr vieles, was ich enorm geniesse.»

Diese Leidenschaft zeigt sich auf dem Platz, wenn er seinen zurückhaltenden Charakter ablegt und seine Gefühle ungeschminkt zeigt. Stan Wawrinka ist als Aussenseiter ins Australian Open gestartet. Ein Grippevirus hätte ihn in der ersten Woche beinahe scheitern lassen. Er lehnte sich auf, kämpfte in der zweiten Runde gegen den Italiener Andreas Seppi über fünf Sätze lang. Nun ist er heiss gelaufen – wie 2014, als er in Melbourne den ersten seiner drei Major-Titel gewann. Sein nächster Gegner ist Alexander Zverev. Der Deutsche hat am Turnier noch keinen Satz abgegeben. Doch er muss sich vorsehen.