Switzerland

Auf Rattenjagd in der City

Der Mann bahnt sich einen Weg durch die Eibenhecke am Utoquai – begleitet von verwunderten Blicken von Passanten. Für ein paar Sekunden verschwindet er ganz im Dickicht, dann taucht er wieder auf und hält einen schwarzen Plastikbehälter in seinen behandschuhten Händen. «Eine Köderbox für Ratten», erklärt der Mann im Unterholz. Es ist Marcus Schmidt, Projektleiter bei der städtischen Schädlingsprävention – und Zürichs «Rattenjäger» vom Dienst.

Schmidt befindet sich auf Kontrolltour an der Seepromenade. In den dortigen Hecken halten sich die Nagetiere besonders oft und gerne auf. «Es gibt weggeworfene Picknickreste in Hülle und Fülle, zudem bietet das immergrüne Gebüsch ein ideales Versteck», sagt der Agronom. Rund ein Dutzend Rattenköder-Boxen hat er derzeit entlang des Seeufers platziert.

Regelmässige Kontrolltour

Der Schädlingsexperte Schmidt unternimmt regelmässig Ratten-Kontrolltouren. Im Frühling ist er im Schnitt an zwei Tagen pro Woche in dieser Mission unterwegs. Dank regelmässiger Kontrollen könne die Rattenpopulation auf einem tiefen Niveau gehalten werden, weil eingegriffen wird, bevor sich die Tiere stark vermehren.

Zu den Ratten-Hotspots in Zürich gehören nebst dem Seeufer und dem Arboretum etwa auch der Schanzengraben und der Bürkliplatz mit seinem Wochenmarkt. Besonders wohl ist den Nagern auch dort, wo Vögel gefüttert werden, wie Schmidt sagt. Auch am Hauptbahnhof und am Stadelhofen tauchen Ratten und Mäuse zwischen den Gleisen auf. Die Stadt bekämpft die Nagetiere auf öffentlichem Grund, auf Privatgrund ist dies Sache der Grundeigentümer.

Wer Vögel füttert, füttert Ratten, heisst es. Darum versteckt Marcus Schmidt seine Köderboxen auch am Seeufer. Foto: Daniel Kellenberger

Beim Hafen Riesbach zeigt Schmidt unter dem Gebüsch am Ufer auf eine Reihe faustgrosser Erdlöcher – ein verlassener Rattenbau. Daneben ist ein kleiner Trampelpfad zu erkennen. «Ratten laufen immer den gleichen Weg», sagt er. Derzeit sind die Höhlen allerdings leer, es gibt keine frischen Laufwege, wie seine kurze Inspektion des Bodens ergibt. Weil im Winter weniger Leute am Seeufer spazieren, lockt dort auch weniger Nahrung für Ratten.

Die gefrässigen Nager sind durch den Anfang Woche bekannt gewordenen Befall im Coop im Bahnhof Stadelhofen wieder ins Bewusstsein gerückt. Coop hat nach eigenen Angaben reagiert und eine Schädlings­bekämpfungsfirma aufgeboten. Es gebe kein Hygieneproblem, betont der Grossverteiler.

Der Fall beschäftigt auch das kantonale Lebensmittelinspektorat und die städtische Schädlingsprävention, immerhin können die Nager Krankheiten übertragen. Die Bekämpfung im Stadelhofen sei komplex, sagt Marcus Schmidt. Weil man zuerst herausfinden müsse, woher genau die Ratten kommen. Im Untergrund des Bahnhofs existiere ein riesiges Labyrinth aus Kabel- und Lüftungsschächten sowie Kanalisationsrohren, in dem sich die Tiere bestens ­verstecken können. Bereits ein daumenbreites Loch genügt ­ihnen als Eintrittspforte in den Supermarkt, «ein Eldorado aus Nagetier-Sicht». Zum Trinken reicht ihnen Kondenswasser eines Kühlregals.

«Ein stiller Tod»

Wenn Marcus Schmidt auf einem Kontrollgang deutliche Rattenspuren entdeckt, platziert er in der Nähe eine Köderbox. Diese enthält einen Klotz, in den Körner mit einem Blutgerinnungshemmer eingearbeitet sind. Am Anfang meiden die vorsichtigen Ratten die Box. Doch nach ein paar Tagen verlieren sie die Scheu, es überwiegt ihr Nagetrieb. Das Tier erkundet die Box, knabbert am Giftklotz mit den Körnern und nimmt so den Blutgerinnungshemmer auf. Danach wird die Ratte immer schwächer, bis sie nach fünf bis sechs Tagen an inneren Blutungen verendet. Meist ziehe sich das geschwächte Tier zum Sterben in seinen Bau zurück, sagt Schmidt. «Es ist ein stiller Tod.»

Gift und Gerinnungshemmer bringen den Tod. Foto: Daniel Kellenberger

Wie grausam ist die Methode? «Ich will es nicht beschönigen», sagt Schmidt. Allerdings hätten Laboruntersuchungen gezeigt, dass die Giftködermethode für das Tier «kaum schmerzhaft» sei. Zudem gibt der Experte zu bedenken: «Grausam ist in meinen Augen, wenn eine Katze eine Maus fängt und noch stundenlang mit dem schwer verletzten Tier spielt. Oder wenn eine Ratte nach Einnahme von Akutgift wie Strychnin minutenlang Todesqualen erdulden muss.»

«Früher brauchten wir 150 Kilogramm ­Rattengift pro Jahr, heute 10 bis 20.»Marcus Schmidt, «Rattenjäger»

Der Einsatz von Akutgift hat noch einen weiteren Nachteil. «Ratten sind sehr misstrauisch und sehr schlau», sagt Schmidt. Wenn ein Tier sieht, wie ein Artgenosse an einem Frassköder stirbt, macht es danach einen weiten Bogen um den Köder. Ähnlich bei einer Schlagfalle. Sieht eine Ratte, wie eine andere in der Falle verendet, meidet sie diese. Inzwischen sind auf dem Markt auch Hightech-Rattenfallen erhältlich: elektronische Geräte, die Ratten mit ­chemischen Stoffen in eine Box locken. Sobald sie diese betreten, lösen sie einen Sensor aus, und ein Aufzug befördert das Tier nach oben, wo es durch einen elektrischen Schlag getötet wird. Darauf kippt der Aufzug den ­Nager in einen Behälter, kehrt in die Startposition zurück und ist für den nächsten Fang bereit. Doch solche Geräte sind laut Schmidt teuer und für den Einsatz im öffentlichen Raum wie am Seeufer wenig geeignet.

Rattenplage? Nein

Aufgrund des aktuellen Falls im Coop Stadelhofen könne keinesfalls auf ein Rattenproblem oder gar eine Rattenplage in Zürich geschlossen werden, betont Schmidt. Zwar seien auch hier wie in jeder anderen Stadt Ratten unterwegs. Über deren Zahl liessen sich aber keine verlässlichen Angaben machen. Die oft gehörte Faustregel, dass in Grossstädten eine Ratte pro Person lebe, entbehre einer wissenschaftlichen Grundlage. Weil keine ­Meldepflicht besteht, wisse man auch nicht, wie viele Häuser in Zürich pro Jahr von Rattenbefall betroffen sind.

Auf eine Zunahme der Rattenpopulation in Zürich deutet derzeit wenig hin. Pro Jahr erhält der städtische Umwelt- und Gesundheitsschutz zwischen 50 und 60 Meldungen wegen Ratten­befall, die Zahl ist seit Jahren ­stabil. Aufschlussreich ist laut Schmidt noch etwas anderes: «Wir brauchen pro Jahr lediglich 10 bis 20 Kilogramm Rattengift, Ende der 1990er-Jahre waren es noch 150 Kilogramm.» Solche Mengen seien «ein Klacks» im Vergleich zu den Giftmengen, die Städte wie Paris, Hamburg oder Berlin im Kampf gegen die Rattenplage einsetzen müssen.

Überraschung im WC

Allerdings sind auch Zürcher Haushalte nicht vor unangenehmen Überraschungen gefeit. So erhält die Schädlingsprävention praktisch jedes Jahr einmal die Meldung, dass es eine Ratte bis hinauf in die Toilettenschüssel einer Wohnung geschafft habe. «Da erschrickt man schon», sagt Schmidt. Der ungebetene Gast im Klo sei oft eine Folge davon, dass jemand dauernd Lebensmittel im WC herunterspült. Wer Ratten bei sich zu Hause feststellt, hat laut Schmidt in der Regel ein Problem mit der Kanalisation, was den Beizug einer Schädlingsbekämpfungsfirma unausweichlich macht.