Switzerland

Angela Merkel mag es aufgeräumt, Wyclef Jean legt eine Jam-Session ein: Anekdoten aus dem nicht ganz alltäglichen Hotelalltag während des WEF

Sommerreifen auf verschneiten Passstrassen und ein Zimmer, das innerhalb von eineinhalb Stunden komplett umgebaut werden musste: die Davoser Hoteliers erinnern sich an ihre speziellsten WEF-Momente.

Wer während des WEF zum Hotel Intercontinental in Davos gelangen möchte, sollte die passenden Reifen montiert haben.

Wer während des WEF zum Hotel Intercontinental in Davos gelangen möchte, sollte die passenden Reifen montiert haben.

Arnd Wiegmann / Reuters

Wer auf der Strasse nach Davos ans Weltwirtschaftsforum (WEF) reist, braucht sich eigentlich keine Gedanken über das passende Reifenmaterial machen. Dass Sommerreifen mitten im Januar in der höchstgelegenen Stadt Europas keine gute Idee sind, dürfte einleuchten. Doch was, wenn besagte Reisende aus südlichen Gefilden kommen und unter den winterlichen Verhältnissen in den Bündner Bergen nur Bahnhof verstehen?

So geschehen bei einem Lieferanten des Hotels Intercontinental in Davos. Mario Gubi, General Manager des auch als «Goldenes Ei» bekannten Hotels, erinnert sich. «Während des WEF kommen jeweils Lieferungen aus aller Welt zu uns nach Davos», erklärt er. Vor einigen Jahren sei es dann passiert, dass eine Speditionsfirma mit Sommerreifen nach Davos gefahren sei – «natürlich mit tonnenschwerer Ladung», erzählt er. Schnell war denn auch auf den verschneiten und glatten Strassen an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken. Und das für eine Veranstaltung dringend benötigte Aufbaumaterial drohte nicht rechtzeitig im Hotel anzukommen. In letzter Minute musste deshalb eine lokale Speditionsfirma aufgeboten werden. Diese lud die Ware um und konnte sie schliesslich noch rechtzeitig beim Hotel abliefern. Dort hat man aus der Geschichte inzwischen seine Lehren gezogen, wie Gubi anmerkt: «Wir informieren unsere Gäste nun immer im Voraus, dass Winterreifen am WEF empfehlenswert wären.»

Verspätete Abreise mit Folgen

Für den General Manager war dies aber nicht die einzige WEF-Geschichte, die ihm aufgrund eines Malheurs in Erinnerung geblieben ist. Vor einigen Jahren sei nämlich die Präsidenten-Suite des Hotels von zwei verschiedenen VIP-Gästen gebucht worden. Ursprünglich hätte der erste Gast aber um 17 Uhr abreisen sollen, während der zweite Gast um 21 Uhr erwartet wurde. Genug Zeit für die Hotelangestellten also, das Zimmer für den Neuankömmling vorzubereiten.

Doch es kam anders. Die Abreise des ersten VIP-Gastes verzögerte sich. Als er um 19 Uhr 30 endlich die Suite verliess, blieb dem Personal gerade noch eineinhalb Stunden Zeit, das 160 Quadratmeter grosse Zimmer den Wünschen des neuen Gastes entsprechend umzubauen, zu reinigen, vorzubereiten und zu kontrollieren. Doch die Angestellten waren vorbereitet. Sobald der Gast auf dem Weg zum Fahrstuhl um die Ecke gebogen war, betrat ein Team von 80 Personen die Präsidenten-Suite und machte sich in Windeseile ans Werk. Mit Erfolg: Um Punkt 21 Uhr konnte die Suite fertig vorbereitet dem neuen Gast übergeben werden.

Wenn plötzlich 50 Stühle fehlen

Vor ähnlichen logistischen Herausforderungen stand einst auch das «Ameron Davos Swiss Mountain Resort». Wie Geschäftsführer Ingo Schlösser erzählt, hatten dort einst rund 50 Stühle für eine WEF-Veranstaltung gefehlt. «Wir hatten damals zwei Events im Haus, die kurz nacheinander in verschiedenen Räumen stattfinden sollten.» Sobald die erste Veranstaltung zu Ende war, hätten die dortigen Stühle in den Raum des zweiten Events gebracht werden sollen. Doch der erste Veranstalter überzog die Zeit massiv, und das Hotel sollte plötzlich rund 50 zusätzliche Stühle für den zweiten Event organisieren, die es nicht hatte.

Ein paar hektische Telefonate später war Rettung aber in Sicht. Ein anderes Hotel konnte die zusätzlichen Sitzmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Da es aber in einer roten Sicherheitszone lag, musste Schlösser die Stühle in Begleitung eines Polizisten abholen. Der zweite Event habe kurz darauf mit ein wenig Verspätung dann doch noch starten können.

Eine spontane Jam-Session

Nebst stressigen Situationen sind es vor allem die Begegnungen mit Prominenten, die den Hoteliers in Erinnerung bleiben. Raphael Herzog, Gastgeber im Davoser Waldhotel, denkt beispielsweise gerne ans WEF 2019 zurück, als der Musiker Wyclef Jean in seinem Hotel zu Besuch war. «Es war eigentlich ein ganz normales Abendessen mit WEF-Gästen», erzählt Herzog.

Auch Wyclef Jean sei eingeladen gewesen. Doch der aus Haiti stammende Musiker sei plötzlich mit einer Gitarre in der Hand aufgetaucht und habe spontan eine kleine Jam-Session für die Gäste hingelegt. «Das war cool, vor allem weil er sich so nah und unkompliziert gezeigt hat», sagt Herzog.

Wie Merkel zum Running Gag wurde

Auch Tina Heide, Generaldirektorin des «Steigenberger Grandhotel Belvédère», hat mit Prominenten am WEF Bekanntschaft gemacht. Matt Damon, Leonardo DiCaprio, die niederländische Königin Máxima: Sie alle durfte die Direktorin in ihrem Hotel schon willkommen heissen.

Amüsant sei aber der WEF-Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel im letzten Jahr gewesen. «Am Tag ihrer Anreise war sehr viel los bei uns», erinnert sich Heide. Die Polizei habe deshalb kurzfristig entschieden, dass Merkel nicht über den sonst üblichen Eingang ins Hotel gelangen solle. Stattdessen wurde die Kanzlerin durch einen weiten Flur ins Hotel geschleust, der durch die Logistikzone des «Steigenberger» führte. Dort lagerten Stühle, Tische und allerlei Baumaterialien für die WEF-Veranstalter im Haus, wie Heide erklärt. «Es sah aus wie in einem Warenhaus, nur deutlich unordentlicher.» Das sei auch der ob der ungewöhnlichen Location etwas verdutzten Kanzlerin aufgefallen. Mit trockenem Humor habe Merkel zu ihr gesagt, dass man hier ruhig hätte etwas aufräumen können.

Unter den Angestellten ist der Spruch mittlerweile zu einem Running Gag geworden. Im Logistikzentrum des «Steigenberger» herrscht seither aber Ordnung, wie Heide lachend sagt: «Für den Fall, dass die Bundeskanzlerin wiederkommt.»