Switzerland

Akupunktur in der Architektur ist das Gegenmodell zu den chinesischen Megaprojekten

Auch im ländlichen China wird im Zug der Globalisierung rege gebaut. Doch eine jüngere Generation setzt aufs Kleine und Lokale, wie die Interventionen der Architektin Xu Tiantian im ländlichen Bezirk Songyang belegen.

Die Brown Sugar Factory im ländlichen Bezirk Songyang macht vor, wie die lokale Wirtschaft nachhaltig gefördert werden kann.

Die Brown Sugar Factory im ländlichen Bezirk Songyang macht vor, wie die lokale Wirtschaft nachhaltig gefördert werden kann.

Wang Ziling

Viel ist in den vergangenen Jahren über Chinas atemberaubende ökonomische Transformation von einer Planwirtschaft zu einer Hochburg der Globalisierung geschrieben worden. Ganze Megastädte wurden aus dem Boden gestampft und beeindruckende Investitionen in eine flächendeckende (Verkehrs-)Infrastruktur getätigt. Indes scheint die ungeteilte Euphorie für gigantomanische Prestigeprojekte in den urbanen Zentren fürs Erste und nicht erst seit Covid-19 vorüber; nicht nur, weil sich auch in China zusehends dringlich die Frage nach ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit stellt, sondern auch, weil die Regierung vermehrt eine Rückbesinnung auf eigene Werte und Traditionen fordert.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen arbeitet eine jüngere Architektengeneration seit einiger Zeit an einer ideellen Neuausrichtung der zeitgenössischen chinesischen Baukunst, die so gar nicht dem seit Jahren medial verbreiteten Bild des Landes entspricht. Statt in den Metropolen arbeiten diese Architekten bevorzugt im ländlichen Raum; und statt für das effekthaschende archi-skulpturale Objekt interessieren sie sich für kleinräumige Interventionen, die auf lokale Bautraditionen und -materialien ebenso eingehen wie auf gewachsene räumliche Strukturen.

Alternativen zum Spektakel der «starchitecture»

Quasi als Überbleibsel aus der Planwirtschaft liegt die Verantwortung für die grosse Mehrheit der Bauprojekte weiterhin in den Händen staatlicher Planungsagenturen, deren einförmige, schier endlose Stadtrandsiedlungen einem eng begrenzten, oftmals postmodern gestimmten Musterkatalog entstammen. Um seinen globalen Ansprüchen Ausdruck zu verleihen, verpflichtete das Riesenreich seit den 2000er Jahren insbesondere für prestigeträchtige Kulturbauten vermehrt auch (hauptsächlich) westliche Stararchitektinnen und -architekten, um sich dadurch erfolgreich auf der Landkarte ambitionierter zeitgenössischer Architektur zu verorten; man denke etwa an das zu Recht gefeierte Olympiastadion, das Herzog & de Meuron gemeinsam mit dem Künstler Ai Weiwei entwarfen, oder den gleichermassen spektakulären Hauptsitz des staatlichen Fernsehens CCTV von OMA / Rem Koolhaas. Vielen Architekten bot sich hier die Gelegenheit, in einem Massstab und in einer Geschwindigkeit zu bauen, die anderswo undenkbar wären; allerdings nicht durchwegs mit gleichem Erfolg.

In der jüngeren Vergangenheit ist eine neue Generation von in China geborenen Architekten herangewachsen, deren noch vergleichsweise bescheidenes Werk eine Alternative zur eingekauften «starchitecture» bildet, auch wenn viele von ihnen im Westen ausgebildet wurden und anschliessend in den Büros ebendieser Architekten erste praktische Erfahrungen gesammelt haben. Die Arbeit der in Peking ansässigen Architektin Xu Tiantian im ländlichen Bezirk Songyang bietet dafür Anschauungsunterricht, der das Potenzial hat, dereinst auch ausserhalb Chinas Schule zu machen.

Was viele dieser Vertreter einer jüngeren Generation umtreibt, ist die Frage, wie moderne Architektur im spezifischen kulturellen Kontext des Landes verankert werden kann, ohne dabei in einen historisierenden Traditionalismus zu verfallen. In vielerlei Hinsicht kann die Arbeit dieser Architekten als Fortsetzung dessen angesehen werden, was in China in den 1990er Jahren als «experimentelle Architektur» bekannt wurde, als zum ersten Mal seit der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1949 private Architekturbüros ausserhalb der staatlichen Planungsagenturen zugelassen wurden.

Ein holistischer Ansatz zur Erhaltung ländlicher Struktur

Die Kehrseite der rapiden Urbanisierung der vergangenen Jahrzehnte war die Entvölkerung ganzer Landstriche. Erst in jüngerer Zeit haben die Behörden die Bedrohung anerkannt, die von dieser scheinbar unaufhaltsamen Dynamik nicht nur für den Erfolg des ökonomischen Modells, sondern auch für das soziale Gefüge des ganzen Landes ausgeht. Infolgedessen richten in jüngerer Zeit verschiedene Regierungsebenen – von der lokalen über die Provinzialregierung bis hin zum Zentralkomitee in Peking – vermehrt ihre Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel auf die Strukturerhaltung in ländlichen Gebieten, um die Landflucht zu verlangsamen oder sogar umzukehren.

Die Arbeit von Xu Tiantian und ihres Studios DnA – Design and Architecture befindet sich just an der Schnittstelle zwischen dieser Wiederentdeckung des ländlichen Raums und der zeitgenössischen Praxis einer jüngeren Generation, die sowohl der Moderne als auch dem spezifischen kulturellen Kontext verpflichtet ist. Xu und ihr junges Team arbeiten seit einigen Jahren eng mit der lokalen Regierung des ländlichen Landkreises Songyang in der Provinz Zhejiang zusammen, dessen atemberaubend schöne Berglandschaft sich südwestlich der küstennahen Bevölkerungszentren Schanghai und Hangzhou erstreckt.

Im Vergleich zur Arbeit vieler anderer bemerkenswerter Architekten ihrer Generation unterscheiden sich Xus punktuelle Interventionen in Songyang durch einen holistischen Ansatz: Das Ziel ihrer Entwurfsarbeit ist letztlich nicht das einzigartige architektonische Objekt, sondern die Revitalisierung von lokalen Dorfgemeinschaften und ihren auf Handwerk und traditioneller Landwirtschaft beruhenden Lebensweisen, und zwar mithilfe von kleinräumigen architektonischen Interventionen, die sie selbst als «Akupunkturen» bezeichnet.

Die Dutzende von Projekten, die Xu als Ergebnis dieser Zusammenarbeit bisher hat realisieren können, umfassen eine Vielzahl von Programmen und Typologien: von Manufakturen und Produktionshallen, die lokale handwerkliche und architektonische Traditionen wiederbeleben sollen, bis hin zu Kultur- und Gemeinschaftszentren, die zur Stärkung des Sinns für lokale Geschichte und Identität beitragen. Neben der Strukturerhaltung gegen innen zielt das Projekt dabei auf den Aufbau eines nachhaltigen Tourismussektors ab.

Das Bamboo Theatre im Dorf Hengkeng, entworfen von der Architektin Xu Tiantian, wurde gerade wegen seiner Einfachheit zur Architektursensation.

Das Bamboo Theatre im Dorf Hengkeng, entworfen von der Architektin Xu Tiantian, wurde gerade wegen seiner Einfachheit zur Architektursensation.

Wang Ziling

Keine «Arena für die Monetarisierung von Heimweh»

Xu Tiantians Engagement im ländlichen China gliedert sich im Kontext der zeitgenössischen chinesischen Architektur ein in eine Reihe vielversprechender Projekte. Zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang etwa die Renovierung des Dorfes Wencun durch Amateur Architecture Studio, das sich aus dem Pritzkerpreisträger Wang Shu und seiner Partnerin Lu Wenyu zusammensetzt, das Bamboo Craft Village von Archi-Union Architects (Philip F. Yuan) oder die Ruralation Shenaoli Library von Zhang Lei. Längst nicht alle vergleichbaren weiteren Projekte sind im selben Masse gelungen, waren viele davon doch als Gentrifizierungsprojekte angelegt und haben die Marginalisierung der ansässigen Dorfbevölkerung somit sogar noch beschleunigt. Wenn solche «Renovierungen» von Dörfern nicht wie in den hier genannten Fällen mit grösster Sorgfalt angegangen werden, mutieren sie leicht zu hübschen, aber hohlen Simulakren intakten Dorflebens, die auf das chinesische Gefühl des «xiangchou» abzielen, auf die nostalgische Sehnsucht nach einer ländlichen Heimat, die unter wohlhabenden, entwurzelten Stadtbewohnern weit verbreitet ist.

Tatsächlich leidet der ländliche Raum oftmals darunter, als «Deponie für Kapital und Arena für die Monetarisierung von Heimweh» missbraucht zu werden, um eine Formulierung von Zhang Xiaochun und Li Xiangning aufzunehmen, den Kuratoren des chinesischen Beitrags an der Architekturbiennale 2018 in Venedig, der einer Auswahl solcher ländlicher Projekte gewidmet war. Obschon der offensichtliche Erfolg Xu Tiantians in Songyang ebenfalls das Risiko birgt, das Gespenst des Massentourismus heraufzubeschwören und damit den Bezirk in einen ländlichen Themenpark zu verwandeln, ruht hier der Versuch, der ansässigen Bevölkerung eine nachhaltige Alternative zum städtischen Leben bereitzustellen, auf einer intellektuell und konzeptionell überzeugenderen Grundlage als anderswo. Und angesichts der Tatsache, dass die wirtschaftliche und soziale Neuausrichtung des Stadt-Land-Verhältnisses in vielen Industrieländern eine der grössten politischen Herausforderungen der Gegenwart darstellt, sollte Songyang als Modellfall für eine nachhaltige ländliche Entwicklung auch anderswo ernst genommen werden.

Das Hakka Indenture Museum im Dorf Shicang ist mit den ständig wechselnden Lichteindrücken und ihren Reflexionen im Wasser einprägsam und respektvoll zugleich.

Das Hakka Indenture Museum im Dorf Shicang ist mit den ständig wechselnden Lichteindrücken und ihren Reflexionen im Wasser einprägsam und respektvoll zugleich.

Wang Ziling

Lokale Interventionen im Gegenstrom der Globalisierung

Die spezifische architektonische Qualität von Xu Tiantians «Akupunkturen» in Songyang manifestiert sich in relativ bescheidenen Bauten, die auf grosser Sparsamkeit im Einsatz der Mittel beruhen. Über die ganze Region verteilt, decken sie eine Vielzahl von Bedürfnissen und Programmen ab. Die Brown Sugar Factory im Dorf Xing etwa dient als Ort für die traditionelle Herstellung eines lokalen landwirtschaftlichen Produkts, bietet den Dorfbewohnern darüber hinaus aber auch Gemeinschaftsräume für eine Vielzahl von kulturellen Nutzungen. Das Gebäude besteht aus einem vorgefertigten Stahlrahmensystem, verwendet jedoch auch traditionelle Materialien wie Bambus, etwa für die Überdachung und Beschattung der Korridore, die rund um die zentralen Produktionsräume angelegt sind. Damit beruft sich das Gebäude zugleich auf die Realität einer globalisierten Bauwirtschaft und auf althergebrachte Konstruktionstechniken und -materialien, ohne dabei in die Nostalgiefalle einer angeblich heilen Vergangenheit zu tappen. Mit ihrer klaren räumlichen Organisation ist die Brown Sugar Factory ein beherztes Statement dafür, dass Modernität und Tradition in ein produktives Gespräch gebracht werden können.

Andere Projekte wie die Wang Jing Memorial Hall im Dorf Wang oder das Hakka Indenture Museum repräsentieren Orte des Gedenkens und des kulturellen Gedächtnisses. Insbesondere das Hakka Indenture Museum im Bergdorf Shicang ist eine einprägsame, aber zugleich respektvolle architektonische Geste am Rand der fragilen Dorfstruktur. Die zentrale Halle des Museums besteht aus einem gekrümmten Längsraum, der von einem Wasserkanal durchquert wird. Er wird von einer Reihe von Nebenräumen gesäumt, in denen historische Dokumente zur ansässigen Hakka-Bevölkerung präsentiert werden; einem Volksstamm, der diese Bergregionen vor Jahrhunderten erstmals besiedelte. Für diesen Gedenkraum wählte die Architektin massive Steinmauern und lokale Konstruktionstechniken, wie sie traditionell in Häusern und Brücken verwendet werden. Ihr gekonnter Umgang mit den natürlichen Elementen Licht und Wasser verleiht dem Hauptraum ein Gefühl feierlicher Würde und erzeugt im Laufe des Tages ständig wechselnde atmosphärische Eindrücke.

Die vielleicht poetischste von Xus Interventionen in Songyang ist das Bamboo Theatre auf einer Waldlichtung in der Nähe des Bergdorfes Hengkeng. Hier interpretierte die Architektin ihre Aufgabe, eine Open-Air-Bühne für Tanzvorführungen zu schaffen, indem sie eine Reihe von Bambussprossen kreisförmig anordnete und sie mithilfe von Seilen so zurechtbog, dass sie eine natürlich gewachsene Freiluftkuppel bilden. Das Projekt ist radikal: Es erinnert uns mittels eines starken architektonischen Bildes nicht nur daran, dass die Begrenzung von Raum einen elementaren architektonischen Akt darstellt. Vielmehr fordert es auch dazu auf, eine Architektur zu denken, die vollständig aus nachwachsenden natürlichen Ressourcen besteht. Das Bamboo Theatre ist somit nicht nur ein Kommentar zu den mythischen Anfängen der Architektur, sondern zugleich ein Vektor in eine ressourcenschonende Zukunft, in der sie sich stets von selbst erneuert.

Martino Stierli ist Philip Johnson Chief Curator of Architecture and Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Bis 2016 war er SNF-Förderungsprofessor am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich.
Der vorliegende Text ist eine gekürzte und überarbeitete Übersetzung eines einführenden Essays zu «The Songyang Story. Architectural Acupuncture as Driver for Revitalisation in Rural China», hg. von Kristin Feireiss und Hans-Jürgen Commerell (Park Books, Zürich 2020).

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