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30 Jahre Einheit: Ostdeutsche und Westdeutsche unterscheiden sich in ihrem Verhältnis zur Demokratie

Die Charakterisierung von Massnahmen als alternativlos erinnert viele Ostdeutsche an den SED-Staat. Das führt zu Demokratiefrust. Aber ist Deutschland drei Jahrzehnte nach seiner Wiedervereinigung deshalb ein Staat mit zwei Gesellschaften?

Menschen feiern aus Anlass der Deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 in Berlin.

Menschen feiern aus Anlass der Deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 in Berlin.

Thomas Imo / Photothek.net / imago

Die DDR verabschiedete sich am 3. Oktober 1990 nach 41 Jahren von der Bühne der Geschichte. Die Bundesrepublik, die sich immer als Staat für alle Deutschen verstanden hatte, nahm auf Antrag der einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR die inzwischen formal neu gebildeten fünf Länder (und Ostberlin) in ein wiedervereinigtes Deutschland auf. Die Verfassung der Bundesrepublik, das Grundgesetz, das sich über Jahrzehnte bewährt hatte, wurde ebenso wie die politischen und gesellschaftlichen Institutionen im wiedervereinigten Deutschland beibehalten.

Die Wiedervereinigung erfolgte als freiwilliger Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, war weder eine Übernahme noch ein Anschluss oder gar eine Einverleibung. Aufgrund der unterschiedlichen politischen und ökonomischen Ausgangslagen konnte sie nicht auf Augenhöhe erfolgen. Für die meisten Westdeutschen ging das Leben, abgesehen von erheblichen finanziellen Einbussen, weiter wie zuvor, für Ostdeutsche änderte sich nahezu alles. Sie mussten ins kalte Wasser der neuen Ordnung springen.

Kampf der Systeme

Während sich in der Bundesrepublik eine «nivellierte Mittelschichtsgesellschaft» herausgebildet hatte, entstand in der DDR nach Vertreibung und Flucht grosser Teile des Bürgertums ein «Land der kleinen Leute», das mit bürgerlichen Orientierungen oft nicht viel anfangen konnte. Die neue sozialistische Elite verdankte ihren Aufstieg der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die unbedingte Loyalität und Pflichterfüllung erwartete. Die breite Masse der Bevölkerung kann wie in anderen Systemen auch als «Milieu der Mitläufer» charakterisiert werden.

Das durchschnittliche Wohlstandsniveau, ausgedrückt in Einkommen und Vermögen, klaffte zwischen Ost und West zunehmend auseinander. Erstaunlicherweise entwickelte sich aber die relative Ungleichheit auf einem ähnlichen Niveau. Bei den Einkommen war die Ungleichheit in der Bundesrepublik etwas grösser, aber bei den Geldvermögen lag sie auf einem nahezu identischen Niveau. Die obersten 10 Prozent der Bevölkerung verfügten in beiden deutschen Staaten über etwa 60 Prozent des Geldvermögens. Es gab weitere Gemeinsamkeiten wie zum Beispiel in der Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen. Anders als bis zum heutigen Tag oftmals behauptet, verdienten vollzeitbeschäftigte Frauen auch in der DDR durchschnittlich 16 Prozent weniger als Männer.

1989/90 kam es, wie es ohne den Schutz der sowjetischen Besatzungstruppen folgerichtig war: Die DDR ging unter, das westliche System hatte sich als überlegen erwiesen. Die sogenannte Magnettheorie, nach der das attraktivere System das andere überflüssig macht, bestätigte sich schliesslich. Der Wunsch einer breiten Mehrheit der Ostdeutschen nach Freiheit inklusive Reisefreiheit und Wohlstand entzog der sozialistischen Diktatur den Boden.

Der unterbelichtete Wohlstandssprung

Etwa fünf Millionen Menschen siedelten zwischen 1989 und 2018 von den neuen in die alten Bundesländer um, etwa drei Millionen gingen in die umgekehrte Richtung. Im Saldo steht insofern ein Bevölkerungsverlust in Ostdeutschland von knapp zwei Millionen. Anders als bis zum heutigen Tag immer wieder behauptet wird, zogen mehr Männer als Frauen in den Westen.

Ein Kreuz aus im November 1990 gepflanzten Bäumen erinnert zwischen Thüringen und Hessen an die dortige innerdeutsche Grenze am ehemaligen Todesstreifen.

Ein Kreuz aus im November 1990 gepflanzten Bäumen erinnert zwischen Thüringen und Hessen an die dortige innerdeutsche Grenze am ehemaligen Todesstreifen.

Andreas Fischer / Imago

Binnen weniger Jahre erreichten die Haushaltseinkommen im Osten über 80 Prozent des Westniveaus. Werden regionale Kaufkraftunterschiede berücksichtigt, stehen die Haushaltseinkommen inzwischen bei knapp 94 Prozent des westlichen Durchschnitts. Der Wohlstandssprung zeigt sich noch deutlicher, wenn die historische Dimension betrachtet wird. Die ostdeutschen Haushalte starteten nach dem Mauerfall kaufkraftbereinigt etwa auf einem Niveau, das ein durchschnittlicher westdeutscher Haushalt Mitte der 1950er Jahre erreicht hatte. Mitte der 1990er Jahre waren sie ungefähr im westlichen Wohlstand Ende der 1980er Jahre angelangt. Es vollzog sich insofern in kurzer Zeit ein Wohlstandssprung von über dreissig Jahren; seither setzt sich der materielle Angleichungsprozess nur weitgehend entschleunigt fort.

Insbesondere Politiker der Linkspartei beklagen seit Jahrzehnten, dass die Armutsquote und der Niedriglohnsektor im Osten erheblich grösser seien als im Westen. Diese Annahme stimmt aber nur, wenn die Quoten am Einkommen in ganz Deutschland gemessen werden. Berücksichtigt man die kaufkraftbedingten regionalen Unterschiede, steht der Osten sowohl bei der Armutsquote als auch beim Niedriglohnsektor etwas besser als der Westen da.

Die soziale Abfederung der Umstellung von der Plan- zur Marktwirtschaft, die Sanierung von Umwelt, Infrastruktur und Städten erforderten gewaltige Transfers von West nach Ost. Sie summieren sich bis Ende 2019 nach Schätzungen auf etwa 2,1 bis 2,5 Billionen Euro. Die Bundesregierung finanziert bis heute die Kosten der Einheit durch die Inanspruchnahme der Sozialsysteme, die Einführung des Solidarzuschlages und eine massive Ausweitung der Verschuldung.

Der unterschiedliche Blick auf Politik und Gesellschaft

Ostdeutsche und Westdeutsche unterscheiden sich in ihrem Verhältnis zur praktizierten Demokratie und in ihrem Wahlverhalten. Die Demokratiezufriedenheit liegt in den neuen Ländern konstant unter 50 Prozent, in den alten schwankt sie zwischen 70 und 80 Prozent. Links- und rechtspopulistische Parteien erhalten im Osten etwa doppelt so hohe Stimmenanteile wie im Westen. Eine relevante Minderheit der Ostdeutschen misstraut demokratischen Institutionen und vor allem den Medien. Die Charakterisierung von Massnahmen als alternativlos erinnert viele Ostdeutsche an den SED-Staat.

Die Kritik an Demokratie und Medien geht einher mit antikapitalistischen Einstellungen; nur etwa ein Drittel der Ostdeutschen hat eine positive Auffassung von einer marktwirtschaftlichen Wettbewerbsordnung (West: die Hälfte). Viele Ostdeutsche halten die Verhältnisse in Deutschland für ungerecht, fühlen sich benachteiligt, gleichwohl lobt eine sehr breite Mehrheit die Lebensqualität in Deutschland.

Für den Demokratiefrust der Ostdeutschen, der sich in den letzten dreissig Jahren eher verfestigt als verflüchtigt hat und bei vielen mit einem milden Blick auf die DDR einhergeht, lassen sich vier zentrale Gründe festhalten: Durch die Geheimhaltungspolitik der SED und der von ihr gelenkten Medien wurden viele Missstände nicht bekannt. Die Verlusterfahrung, die aus dem Verschwinden der DDR resultiert und zu einer Umwertung nahezu aller Werte führte, und die Massenarbeitslosigkeit wirken bis heute bei vielen Ostdeutschen nach. Ostdeutsche Milieus und Familien geben vielerorts frühere sozialistische Prägungen an jüngere Generationen weiter. Viele Ostdeutsche sehen zudem den Wohlstandssprung nach der Wiedervereinigung nicht als Ergebnis eigener Leistungen an, sondern als Geschenk des Westens.

Auch die Globalisierung zeitigt Folgen

Das neue Deutschland veränderte sich nicht nur wegen des Vereinigungsprozesses, sondern auch wegen der Entwicklungen in einer globalisierten Welt, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges und nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums neu strukturierte, in den letzten dreissig Jahren stärker, als es den meisten bewusst ist. Die Folgen zeigen sich in der Politik ebenso wie im alltäglichen Leben und in den Einstellungen.

Dabei ist das vereinte Deutschland nicht westlicher, sondern eher östlicher, eher linker als rechter, eher sozialdemokratischer als liberal-konservativer, eher staats- als marktbezogener geworden. Die ostdeutsche Siedlungsstruktur ist weiterhin ländlicher, die Bevölkerung älter und anfälliger für linken und rechten Populismus.

Wechselseitige Vorurteile sind immer noch gang und gäbe. Westdeutsche halten Ostdeutsche für unzufrieden, misstrauisch, ängstlich und zurückhaltend, aber zunehmend auch für demokratiefeindlich und Nazi-affin. Die in einschlägigen linken Kreisen übliche Charakterisierung Ostdeutschlands als «Dunkeldeutschland» bringt diese Stereotype auf den Punkt. Ostdeutsche wiederum halten Westdeutsche vielfach für arrogant, geldgierig, oberflächlich und selbstbewusst. Erstaunlicherweise finden sich diese wechselseitigen Vorurteile auch in der jungen Generation.

Trotz allem eine Erfolgsgeschichte

Es waren historisch einzigartige und schwierige Ausgangsbedingungen: die katastrophale ökonomische, infrastrukturelle und ökologische Schlussbilanz der DDR, ihr zum damaligen Zeitpunkt unerwarteter Zusammenbruch, nicht vorhandene historische Vorbilder für den Systemwechsel, das Fehlen einer etablierten Gegenelite im SED-Staat, unterschiedliche, ja gegensätzliche Sozialisationen und Lebenserfahrungen in Ost und West.

Berücksichtigt man all das, hellt sich das Bild deutlich auf. Dann erscheint die deutsche Wiedervereinigung trotz allen Widrigkeiten und Problemen unter dem Strich als eine Erfolgsgeschichte, auf die man in Deutschland stolz sein darf. Die weiterhin vorhandenen Unterschiede zwischen Ost und West sollten, sofern sie auf der politischen Ebene die Verfassungsordnung nicht infrage stellen, als Bereicherung für eine lebendige Demokratie angesehen werden. Und: Die letzten drei Jahrzehnte – das muss mitbedacht werden – können ohne die Hypotheken aus den Jahrzehnten der Teilung nicht angemessen charakterisiert und eingeordnet werden. Teilung und Wiedervereinigung sind zwei Seiten derselben Medaille.

Vor dem Reichstag während der offiziellen Feierlichkeiten der Deutschen Wiedervereinigung: Norbert Blüm, Oskar Lafontaine, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Helmut und Hannelore Kohl, Richard von Weizsäcker.

Vor dem Reichstag während der offiziellen Feierlichkeiten der Deutschen Wiedervereinigung: Norbert Blüm, Oskar Lafontaine, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Helmut und Hannelore Kohl, Richard von Weizsäcker.

Thomas Imo / Photothek.net / imago

Klaus Schroeder lehrt Politikwissenschaft und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin und leitet dort den Forschungsverbund SED-Staat. In diesen Tagen erscheint sein neues Buch «Kampf der Systeme. Das geteilte und wiedervereinigte Deutschland», in der Olzog-Edition, Reinbek 2020. 388 S., Fr. 49.90.

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