Switzerland

17½ Stunden im fliegenden Kühlschrank

Vor 75 Jahren startete Siegbert Maurer auf der Passhöhe des Albis zu einem Rekordversuch im Dauersegelflug. Nach durchflogener Nacht musste der Pilot wegen beginnender Erfrierungserscheinungen in den Beinen vorzeitig landen.

Segelfliegen ist in Europa ein saisonaler Sport. Gute Thermik – erwärmte, schnell aufsteigende Luft – entsteht vor allem im Frühling und Sommer. Die Segelflieger nutzen die Thermik, um darin kreisend Höhe zu gewinnen. Aufwinde gibt es auch im Spätherbst und Winter, wenn horizontale Luftströmungen – Wind – von Hügeln oder Bergen nach oben abgelenkt werden. Die Nutzung von winterlichen Hang- und Wellenaufwinden wäre in den ungeheizten Segelflugzeugen ein kühles Vergnügen. Vor 75 Jahren liess man sich von solchen Nebensächlichkeiten nicht abhalten; es wurde auch im Winter motorlos geflogen.

Eine Schulklasse als Startmannschaft

Im Januar 1946 blieben die Temperaturen im Schweizer Mittelland während mehrerer Wochen unter dem Gefrierpunkt. Am Dienstag, 15. Januar 1946, liess eine kräftige Bise die gefühlte Temperatur noch weiter sinken. Dieser Ostwind erzeugt beim Albispass einen Hangaufwind, in welchem sich ein Segelflugpilot problemlos in der Luft halten kann. Siegbert Maurer wollte in diesem Aufwind den Schweizer Rekord im Dauersegelflug brechen.

Die Moswey III von 1943 war ein beliebtes und erfolgreiches Schweizer Segelflugzeug.

Die Moswey III von 1943 war ein beliebtes und erfolgreiches Schweizer Segelflugzeug.

Werner Rubin

Die NZZ berichtete damals über den Rekordversuch: «Der Start des Moswey-Segelflugzeuges wurde Dienstagnachmittag um 14 Uhr mit Gummiseil vollzogen und ging, dank der Mithilfe einer Schulklasse aus dem Zürcher Lavaterschulhaus, glatt vonstatten.» Der Start erfolgte beim «Hirschen» auf der Albis-Passhöhe. Der Schnee wurde auf dem Startplatz hoch in die Luft gewirbelt. Die Schüler beobachteten, wie Siegbert Maurer in seiner eleganten Moswey rasch an Höhe gewann und schon bald auf 300 Metern über Grund segelte. Die Windspitzen erreichten 70 bis 80 Kilometer pro Stunde, so dass das Segelflugzeug aus der Perspektive der Zuschauer praktisch stillstand.

Stürmisch und sehr kalt

Siegbert Maurer erreichte schon bald die Wolkenunterseite, was die NZZ anschaulich beschrieb: «Tausende von Zürcher Schülern, auch Erwachsene, die sich auf der Passhöhe dem Skivergnügen hingaben, konnten den ranken Vogel in seinem ersten Zusammenprall mit den mit grosser Geschwindigkeit nach Westen stürmenden Wolken beobachten.» Der «Zusammenprall» verlief harmlos, doch Maurer musste ausserhalb der Wolken bleiben, andernfalls hätte er innert kürzester Zeit die Orientierung verloren. Um den bestehenden Schweizer Rekord im Dauersegelflug von Fritz Glur zu brechen, musste Maurer über 28 Stunden und 7 Minuten in der Luft bleiben. Er durfte also nach durchflogener Nacht erst am nächsten Tag abends um etwa 18 Uhr 10 landen.

Die «AeroRevue» schilderte Siegbert Maurers Rekordversuch mit einer Prise Humor und Dramatik: «Für den Piloten begann ein Kampf mit ungewöhnlich harten Böen, vor allem aber mit der eisigen Kälte des Fahrtwindes, der für mehr als ausreichende ‹Luftkühlung› sorgte. Bald hatte sich die Innenseite des gewölbten Kabinendaches in eine weisse Eisgrotte verwandelt, so dass der Pilot ständig Ausgucklöcher in die zentimeterdicke Eisblumenkruste kratzen musste, um noch hinaussehen zu können.» Mit Vereisungen ist in der Fliegerei nicht zu spassen. Ein Eisansatz an Flügeln und Leitwerk kann aufgrund des Gewichts und der veränderten Aerodynamik ein Flugzeug zum Absturz bringen. Maurer spürte bei seiner Moswey, dass die Seitenruderpedale und der Steuerknüppel wegen Vereisungen sehr schwergängig zu bedienen waren, blieb aber von weiteren Komplikationen verschont.

Siegbert Maurer vor dem zweisitzigen Segelflugzeug Moswey VI, einem um 1947 gebauten Nachfolgemodell seines Rekordseglers.

Siegbert Maurer vor dem zweisitzigen Segelflugzeug Moswey VI, einem um 1947 gebauten Nachfolgemodell seines Rekordseglers.

Archiv Lukas Schaub

Siegbert Maurer flog in Richtung Üetliberg Kulm und fand Anschluss an Wellenaufwinde. Das sind Luftströmungen, welche von Hügeln oder Bergen aufgeschaukelt werden und so in grosse Höhen aufsteigen können. «Beim Zunachten», schrieb die NZZ, die immer noch vor Ort war, «sahen wir den Vogel zum letzten Mal genau über der Stadt in etwa 2000 Meter Höhe majestätisch dahinschweben.» Als Orientierungshilfe für den Piloten wurden in der Kantine Brunau, auf der Annaburg und auf dem Üetlibergturm Lichter angezündet, welche die ganze Nacht hindurch brannten. Maurer stieg vorerst auf 1800 und später auf 3300 Meter über Meer. Die «AeroRevue» schrieb: «Die Moswey geisterte von der Erde unsichtbar im Raum, der durch das fahle Mondlicht erhellt wurde. Als Maurer das eingefrorene Kabinenfensterchen einmal öffnen konnte, bot sich ihm ein überwältigender Anblick, lag doch der ganze Alpenkranz unter einer Schneedecke erstarrt unter dem schillernden Mosweyflügel im reliefspendenden Lichte unseres Erdtrabanten.»

Kein hinkender Rekordmann

Maurer fror jämmerlich. Da entdeckte er im Limmattal einen Grossbrand, an welchem er sich «optisch» aufzuwärmen versuchte, indem er an die herrliche Wärme dieser Feuersbrunst dachte. Doch es nützte wenig, er verlor in seinem linken Bein jedes Empfindungsvermögen. Um eine Erfrierung zu vermeiden, entschloss sich der Pilot am Mittwochmorgen, 16. Januar 1946, schweren Herzens zur Landung. Er setzte sein Segelflugzeug um 7 Uhr 30 in der Zürcher Allmend sanft ins Gras. Die «AeroRevue» lobte diesen Entscheid: «Siegbert Maurer hätte beim Flug bis zum Abend den Rekord erzwingen können, dafür den Preis schwerer Gesundheitsschäden bezahlen müssen. Der vernünftige Verzicht zur rechten Zeit ehrt unseren fliegenden Wettkämpfer mehr, als ein hinkender Rekordmann der Sache genützt hätte. Und schliesslich ist ein 17½stündiger Aufenthalt in einem engen ‹segelnden Kühlschrank› bei –30 Grad Aussentemperatur auch ein Schweizer Rekord, besonders wenn dabei die mitten in der Nacht erzielte Startüberhöhung von 2500 Metern (Albisrekord) in Rechnung gezogen wird!»

Der erfahrene Pilot der Moswey III HB-474 an einem Flugtag 1952 in Deutschland.

Der erfahrene Pilot der Moswey III HB-474 an einem Flugtag 1952 in Deutschland.

Archiv Kurt Stapfer

Siegbert Maurer war bereits ein Rekordmann, denn er hatte am 28. August 1945 mit einem Zielflug von Samaden nach Zürich einen Schweizer Segelflugrekord aufgestellt. Am 21. April 1948 überflog Maurer als erster Segelflugpilot die Alpenkette von Süd nach Nord. Er liess sich in Magadino bei Lugano auf 1200 Meter schleppen und kämpfte sich in 5 Stunden bis nach Basel vor, wo er mit einem Freudenlooping seine Alpenquerung feierte. An der Segelflug-Weltmeisterschaft in Samaden stellte Maurer am 22. Juli 1948 einen Geschwindigkeitsweltrekord auf. Einen Dreieckskurs über 100 Kilometer absolvierte er mit seiner Moswey in 1 Stunde und 26 Minuten, was eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 70 km/h ergibt. Das schnelle Abfliegen einer Strecke wird noch heute als Leistungsausweis eines Segelflugpiloten registriert und aufgezeichnet. Dagegen sind Dauersegelflüge schon in den 1950er Jahren als ungesunder Unsinn erkannt und von den Rekordlisten gestrichen worden.

Siegbert Maurer flog damals ein Segelflugzeug vom Typ Moswey III. Die Anwendung des Begriffs «Moswey» ist gemäss Schweizer Idiotikon nicht eindeutig. Die Bezeichnung wird in Zürich auf die Gabelweihe oder den Rotmilan, den Mäusebussard, oft sogar auf alle möglichen grossen Raubvögel angewendet. Das Leistungssegelflugzeug Moswey III wurde 1942/43 vom Zürcher Ingenieur Georg Müller konstruiert. Ein klassischer Holzbau, der filigraner und aufwendiger als andere Segelflugzeuge ausgeführt ist. Auch technisch war die Moswey III ausgereift, und der Vergleich mit einer präzisen Schweizer Uhr machte schon bald die Runde. Die Knickflügel verleihen dem Segelflugzeug ein vogelähnliches Aussehen, das noch heute gefällt.

Leitwerk einer Moswey III während der Restauration.

Leitwerk einer Moswey III während der Restauration.

Daniel Steffen

Die Schreinerei von Walter Hegetschweiler in Horgen baute von 1943 bis 1945 eine Serie von elf Moswey III (HB-370 bis HB-380). Insgesamt entstanden 14 Exemplare. Davon sind nach über 75 Jahren weltweit noch rund die Hälfte flugtüchtig, was Rückschlüsse auf die Qualität und Beliebtheit der Moswey III zulässt. Die von Siegbert Maurer über dem Albispass pilotierte Moswey III HB-474 wurde 1979 nach England verkauft und fliegt heute im West Country.

Segelflugzeuge werden heute nicht mehr mittels Gummiseil gestartet, sondern mit Motorflugzeugen oder Seilwinden in die Luft geschleppt. Die Stiftung Segel-Flug-Geschichte plant jedoch, am 26./27. Juni 2021 auf der Rigi Kulm Oldtimer-Segelflugzeuge mit einem Gummiseil in die Luft zu katapultieren.

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