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Satiriker Gabriel Vetter über seine Sperrung auf Social Media: «Beruhigt euch! Es ist nur Twitter»

Interview: Benno Tuchschmid

Wann hätten Sie gerne zum letzten Mal einen Tweet abgesetzt?
Vor fünf Minuten. Da fiel mir ein guter «Warum heisst es nicht ...?»-Witz ein.

Wie geht er?
Wieso heisst es Zukunftsverweigerung und nicht Neus Cancelling?

Hätte sicher ein paar Likes gegeben.
Da sind wir direkt bei der tiefgreifend philosophischen Frage: Existiert ein Witz nur noch, wenn man ihn getwittert hat?

Und?
Natürlich nicht. Ich schicke Pointen, die mir in den Sinn kommen, einfach einem Freund aus der Comedy-Szene per Whatsapp. Wenn er es lustig findet, schickt er mir ein lustiges Bild seines Kindes. Das ist quasi mein Like-Methadon. Das soll jetzt aber kein Aussteiger-Interview werden!

Ausgezeichnet lustig

Gabriel Vetter kam in Schaffhausen zur Welt und wuchs in Beggingen SH auf. Vetter brach ein Jus- und ein Studium der Theaterwissenschaften ab. Mit 21 gewann er das grösste Poetry-Slam-Festival Europas. 2006 bekam er den Salzburger Stier, den bedeutendsten Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum. Heute arbeitet er als Satiriker, Autor und Comedian. Er tritt unter anderem regelmässig in der TV-Show «Deville» (Sonntag, 22.15 Uhr auf SRF 1) auf und führt durch die Radiosendung «Vetters Töne» auf Radio SRF 1. Vetter wohnt mit seiner Partnerin und den gemeinsamen beiden Kindern in Basel.

Gabriel Vetter kam in Schaffhausen zur Welt und wuchs in Beggingen SH auf. Vetter brach ein Jus- und ein Studium der Theaterwissenschaften ab. Mit 21 gewann er das grösste Poetry-Slam-Festival Europas. 2006 bekam er den Salzburger Stier, den bedeutendsten Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum. Heute arbeitet er als Satiriker, Autor und Comedian. Er tritt unter anderem regelmässig in der TV-Show «Deville» (Sonntag, 22.15 Uhr auf SRF 1) auf und führt durch die Radiosendung «Vetters Töne» auf Radio SRF 1. Vetter wohnt mit seiner Partnerin und den gemeinsamen beiden Kindern in Basel.

Twitter hat Sie ausgeschlossen, weil Sie sich als Jürgen Klinsmann ausgaben und schrieben, Sie würden Trainer beim FC Basel. Wieso eigentlich gerade Jürgen Klinsmann?
Weil es so herrlich absurd war! Als der FCB seinen Trainer Patrick Rahmen entliess und dieser ganze David-Degen-Groove Einzug hielt, dieser Bitcoin-Jungunternehmer-Groove, wo man Polohemden mit grossen Nummern drauf trägt und in einem seelenlosen Neubau in Binningen wohnt – da dachte ich mir: Klinsi, der würde als Trainer passen.

Und dann?
Dann suchte ich ein Foto von Jürgen Klinsmann, änderte meinen Twitter-Namen in Jürgen Klinsmann und schrieb, dass ich im Europa-Park im spanischen Themenhotel wohne und mich auf die «Baseler Fans» freue.

Sie wussten, dass das Ärger gibt …
Na klar. Aber es war so lustig und auch so absurd, weil tatsächlich einige glaubten, Klinsmann sei der neue FCB-Trainer und wohne im Europa-Park. Das war offenbar zu nahe an der Realität. Dann griff irgendein Algorithmus ein, und seither bin ich gesperrt. Ich liebe alles an dieser Geschichte.

Twitter hat bald einen neuen Besitzer: Elon Musk, den reichsten Mann der Welt. Er will die Meinungsfreiheit fördern. Für Sie könnte das eine gute Nachricht sein.
Dem Musk geht es doch nicht um Meinungsfreiheit. Ich glaub nicht, dass er sehr viel davon hält.

Donald Trump ist auf Twitter gesperrt. Für viele ist das Cancel-Culture.
Quatsch. Wenn jemand Tuba spielend in einen Lesesaal kommt und einfach nicht aufhört, Tuba zu tröten, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt ihm die Tuba weg – oder man gibt allen anderen auch eine Tuba. Musk will offenbar Letzteres. Ich denke aber, ein Lesesaal voller Tubas ist für einen Diskurs irgendwie suboptimal.

Worum geht es denn Musk, wenn nicht um Meinungsfreiheit?
Seine erste Ankündigung war, dass Twitter für Privatpersonen gratis bleibt, er für Unternehmen und Behörden aber eine Gebühr einführen wird. Da machte für mich plötzlich alles Sinn.

Wieso?
Für einen rechtslibertären Typen aus dem Lehrbuch wie Elon Musk ist es doch der feuchte Traum, dass er bald bei allen Regierungen dieser Welt eine Twitter-Steuer einziehen kann. Musk macht ein Privat-Serafe für die ganze Welt! Er weiss natürlich: Behörden und Unternehmen können heute nicht mehr nicht auf Twitter sein.

In vielen Staaten auf der Welt mag das stimmen, aber stimmt es auch für die Schweiz? Ist Twitter hierzulande wichtig?
Es ist eine Plattform, auf der ganz viele Journalisten Themen, Meinungen und Menschen finden und diese multiplizieren. Das ist eine Tatsache. Und deshalb ist Twitter auch hierzulande wichtig. Vor allem aber ist Twitter nicht nur eine Diskussionsmaschine. Es ist ja quasi eine direkte Pipeline in unser Hirn.

Wie meinen Sie das?
Ein Lokiführer muss alle 30 Sekunden ein Pedal drücken, um zu beweisen, dass er noch bei Bewusstsein ist. Sonst stoppt der Zug. Genau so funktioniert Social Media. Man muss regelmässig ein Signal senden, um sich und der Welt zu beweisen, dass man noch da ist.

Haben Sie ein Beispiel?
Ich kenne ein, zwei ziemlich berühmte Schweizer Politiker oder Kulturschaffende, bei denen man zuverlässig voraussagen kann, wann sie auf Twitter einen raushauen.

Wann?
Ein Politiker zum Beispiel twittert schön regelmässig vor Champions-League-Spielen zwischen 20 Uhr und Anpfiff um 21 Uhr. Dann lässt er seinen Synapsen quasi freien Lauf. Die Gedanken sind frei, heisst es. Na ja: Musk hat sich gerade den Zugang zu den Synapsen der halben Menschheit gekauft. Zugriff auf die Hirne ganz vieler Menschen, die sich nichts anderes als Bestätigung und etwas weniger Einsamkeit wünschen. Wenn man sich das überlegt, ist der Kaufpreis von 44 Milliarden Dollar vielleicht gar nicht mehr so übertrieben hoch.

Haben Sie eigentlich nie versucht, Ihren Account wieder freizuschalten?
Ich habe ein Formular ausgefüllt. Da musste ich beschreiben, was passiert ist. Auch das war eine grossartig absurde Situation. «Hello! Ich bin ein mehr oder weniger bekannter Satiriker aus der Schweiz …» – und irgendein indischer IT-Mensch in Bombay liest dann das (lacht). Dann musste ich auch noch erklären, was der FCB ist und der Europa-Park und Jürgen Klinsmann ... Irgendwann brach ich das Prozedere ab.

Sie könnten ja auch einen Anwalt nehmen.
Beruhigen Sie sich. Es ist nur Twitter. Ich bin keine Sahara-Geisel, die man zurückholen muss.

Was mögen Sie an Twitter?
Die Unberechenbarkeit. Der Witz ist nicht fertig, wenn man ihn rauslässt. Das ist ein Risiko, aber eben auch unterhaltsam.

Aber das führt doch eben zu Selbstzensur. Weil ein Comedian immer Angst vor einem Shitstorm haben muss.
Ich find das Wort «Selbstzensur» so blöd. Jeder Comedian weiss, dass man sich überlegen muss, was man sagt und weshalb. Sonst bist du einfach ein schlechter Comedian.

Aber die Rahmenbedingungen für Humor sind doch ganz klar schwieriger geworden sind?
Das ist doch auch so eine These, die nicht stimmt. Mich regt einfach auf, dass jedes Wort ohne Kontext auf die Goldwaage gelegt wird. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Witz über die Bombardierung von Kiew und der Bombardierung von Kiew.

Humor ist halt Geschmackssache.
Ist es nicht. Man kann ziemlich genau erklären, was guter Humor ist. Es ist einfach enorm langweilig und dauert lange.

Wieso streiten eigentlich die Menschen auf Social Media dauernd?
Jeder, der auf dieser Plattform ist, hat eine Vorstellung davon, wie man dort miteinander interagieren soll. Der eine meint, man sei in einer Bibliothek, wo man still sein muss. Andere glauben, sie seien auf einer Drogenparty. Wiederum andere halten Twitter für einen Fussballmatch, wo man rumschreit. Jeder hat seine eigene Verhaltens-Scharia und verlangt von allen rundherum, dass sie sich nach dieser richten. Da kommen natürlich schöne Missverständnisse auf. Für Satire ist das grossartig.

Sie hatten ja auch schon öffentliche Auseinandersetzungen. Beni Huggel hat sich mal auf Twitter fürchterlich über Sie aufgeregt.
Ach. Diese Geschichte ist doch kalter Kaffee. Es fing mit diesen Bildern an, die die Social-Media-Abteilung des FC Basel verschickte: übergrosse FCB-Spieler neben auf Miniaturgrösse geschrumpften Gegnern. Mein Schnellurteil als Humorarbeiter war: Das ist keine gute Idee. Das äusserte ich auf Twitter. Da platzte Huggel der Kragen. Sinngemäss sagte er: Jetzt kommt auch noch Gabriel Vetter, ausgerechnet der urteilt über Humor; sollte sich lieber mal bei mir entschuldigen für diese beleidigende Kolumne aus dem Jahr 2005.

Was hatten Sie denn bis dahin für ein Verhältnis zu Beni Huggel?
Ich war und bin Fan. Er ist eine FCB-Legende und ein schlauer Typ. Als junger Kolumnist hatte ich vor fast 20 Jahren nach dem Skandalspiel in Istanbul gegen die Türkei einen Text geschrieben. Als ich die Kolumne jetzt nochmals las, dachte ich bei ein paar Passagen: Hm, okay, Huggel hat recht, so würd ich das heute nicht mehr schreiben.

Sie entschuldigten sich öffentlich.
Ehrensache. Man lernt ja nie aus. Was ich aus dieser Episode mitgenommen hab: Nur weil jemand in der Öffentlichkeit steht, perlen Dinge nicht einfach ab. Huggel hat diese Kolumne 15 Jahre mit sich rumgeschleppt – und wohl jedesmal, wenn ich irgendwo auftauchte, gedacht: Vetter, dieser Wixer!

Sie sind ja nicht nur FC-Basel-Fan. Ihr erster Verein seit früher Kindheit ist der FC Schaffhausen. Die Erleben grad tolle Zeiten.
Ja, und das, obwohl man dort, neben dem Platz, fast alles falsch macht, was man falsch machen kann. Aber beim Fussball gehts eben um mehr als um Fussball.

Wie meinen Sie das?
In einem guten Stadion kommen Menschen zusammen und diskutieren – egal, ob es grad um den Aufstieg geht oder nicht. Wie im Aarauer Brügglifeld oder auf der Schützenwiese in Winterthur. Das sind echte soziale Plattformen. Wenn man allerdings Stadien baut, die den Charme eines Ausschaffungsgefängnisses versprühen, dann kommen die Leute höchstens, wenn es um die Wurst geht. Aber auch da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren.