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Der FC St.Gallen vor dem Cupfinal zwischen Euphorie und Murphys Gesetz

Alle Schweizer Cupsieger seit 1990

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Alle Schweizer Cupsieger seit 1990

quelle: keystone / peter schneider

«Hört auf, den St.Galler Dialekt zu hassen!»

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Vor einem Jahrzehnt noch in den Niederungen des englischen Fussballs verschwunden, klopft Luton Town nun plötzlich an die Tür der reichsten Liga der Welt. Ein Aufstieg der «Hatters» in die Premier League würde in der kommerzialisierten Welt des Fussballs einem Wunder gleichkommen.

Ganz Fussball-England ist von Grossklubs mit schwerreichen Investoren besetzt. Ganz England? Nein! Eine Kleinstadt rund 50 Kilometer nördlich von London hat beschlossen, den Eindringlingen zu beweisen, dass auch ohne grosse Kohle erfolgreicher und ansehnlicher Fussball gespielt werden kann.

Wird auch heute gefeiert? St.Gallens Mannschaft vor ihrer Fankurve.

Wird auch heute gefeiert? St.Gallens Mannschaft vor ihrer Fankurve.Bild: keystone

Im Berner Wankdorfstadion steigt um 14 Uhr das Highlight der Saison für die beiden beteiligten Klubs: Der FC St.Gallen bestreitet den Final des Schweizer Cups gegen den FC Lugano.

Wäre Euphorie eine Flüssigkeit, man könnte derzeit den Bodensee leeren, ihn danach mit dieser Euphorie wieder füllen und dürfte es nicht unterlassen, die Uferbewohner vor einer möglichen Überschwemmung zu warnen. So gross sind im Umfeld des FC St.Gallen die Vorfreude auf diesen Cupfinal und vor allem die Sehnsucht nach dem Titelgewinn.

22 Jahre ist es her, seit die Ostschweiz den sensationellen Meistertitel 1999/2000 feierte. Die Spieler sind heute noch Helden: Angefangen vom Torschützenkönig Charles Amoah über den grätschenden «Fussballgott» Marc Zellweger hin zum Goalie Jörg Stiel.

356 Tage ist es erst her, seit sich dem FC St.Gallen zum letzten Mal die Chance bot, einen Titel zu gewinnen. Der Cupfinal am Pfingstmontag 2021 war eine triste Angelegenheit, die ernüchternd endete: Mit einer in einem wegen der Corona-Pandemie fast menschenleeren Stadion.

Der «Geist von Spiez»

Das wird dieses Mal ganz anders sein und aus der grün-weissen Wand auf den Tribünen schöpft die Mannschaft Kraft. Sie wird sie benötigen gegen einen Gegner auf Augenhöhe, der genauso motiviert ist, einen Titel zu gewinnen. Der FC Lugano muss sogar noch länger auf einen Titel warten: 1993 war es, als die Tessiner Cupsieger wurden.

Beim FC St.Gallen hoffen sie, dass sie die richtigen Lehren aus dem letzten Jahr gezogen haben. Das Hotel wurde schon einmal gewechselt, in diesem Jahr ging es nach Spiez. Dorthin also, wo sich Deutschlands Nationalelf 1954 aufhielt, um dank dem «Geist von Spiez» das «Wunder von Bern» zu schaffen und Weltmeister zu werden. Auch St.Gallen brachte die Kleinstadt am Thunersee schon Glück: 1969, als die Ostschweizer zum bisher einzigen Mal den Schweizer Cup gewinnen konnten, bereiteten sie sich ebenfalls in Spiez auf das Endspiel vor.

Die Erinnerungen an die «Mutter aller Niederlagen»

Aber mit vergangenen Meriten wurde noch selten ein Fussballspiel gewonnen. Wenn Schiedsrichter Urs Schnyder mit seinem Pfiff um 14 Uhr den Cupfinal eröffnet, ist der Cupsieg von 1969 ebenso Nebensache wie das Trauma von 1998. Damals führte St.Gallen im Cupfinal gegen Lausanne 2:0, verschoss einen Penalty, kassierte kurz vor dem Ende den Ausgleich und verlor im Penaltyschiessen. Die Partie gilt bis heute als die Mutter aller Niederlagen der Espen.

Das ist lange her – und bei aller Euphorie ein grosser Grund dafür, dass die Fans des FC St.Gallen nebst viel Vorfreude und Zuversicht auch eine gewisse Portion Angst nach Bern mitnehmen. Die Angst davor, dass wieder etwas schief gehen wird, weil es gefühlt doch eigentlich immer so war, dass Murphys Gesetz auf den FCSG zutraf: «Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.»

Zum Glück war der namensgebende Ingenieur Edward A. Murphy ein Amerikaner. Denn weil die nichts von Fussball verstehen, greift das Gesetz in diesem Fall wohl gar nicht. Viel eher gilt ein Satz, den Sepp Herberger einst gesagt hatte, Deutschlands Weltmeistertrainer damals 1954 am gleichen Ort: «Fussball ist deshalb spannend, weil niemand weiss, wie das Spiel ausgeht.» Auf einen Final mit dieser offenen Ausgangslage trifft die Weisheit, und mag sie auch noch so alt und ausgelutscht sein, definitiv zu.