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Zwischen Entwurzelung und Identitätsfindung: Diese BLICK-Leserinnen und Leser wurden adoptiert

In den vergangenen Wochen sprachen wir mit der BLICK-Community übers Kinderkriegen: Leserinnen und Leser erzählten uns, warum sie keine eigene Familie gründen möchten. Anderen wurde diese Entscheidung abgenommen und sie redeten offen über das Thema Unfruchtbarkeit. Nun wollen wir diejenigen zu Wort kommen lassen, die als Adoptivkinder ein neues Zuhause fanden.

Dabei wurden uns viele positive, leider aber auch negative Erlebnisse geschildert. Hier erzählen Gabriela, Julian, Hanna und Caroline Jacqueline ihre Geschichte.

Gabriela (49): «Ich bin ein Glückspilz»

«Meine leibliche Mutter arbeitete als Servicekraft und hatte bereits ein elf Monate altes Baby. Sie gab mich deshalb, nach einigen missratenen Abtreibungsversuchen, zur Adoption frei. Mit viereinhalb Wochen kam ich in meine Adoptivfamilie. Von Anfang an war ich ein Teil der Familie und niemand liess mich je spüren, dass ich es irgendwie nicht sei. Es gab auch kein Versteckspiel bezüglich der Adoption. Sobald ich lesen konnte, gaben mir meine Eltern die Adoptionsunterlagen zum Anschauen. Ich hatte wirklich eine tolle Kindheit und ein sehr intaktes Familienleben.

Mit 27 Jahren ging ich nach Spanien und darauf sagte mir meine Mutter, dass ich doch meine spanischen Wurzeln kennenlernen sollte. Ich habe dann die Gelben Seiten aufgeschlagen und fand meine leibliche Mutter. Meine zwei Brüder, die mich schon lange suchten, standen kurz darauf auf der Matte. Es war wirklich schön, sie kennenzulernen, denn wir hatten vieles gemeinsam. Leider sind sie eineinhalb Monate danach bei einem Schiffsbruch ums Leben gekommen. Danach besuchte ich meine leibliche Mutter. Ich weiss, dass das nicht einfach war für sie, da ich meinem älteren Bruder doch sehr ähnle.

Sie sprach niemals über meinen leiblichen Vater, aber es gelang mir, ihn via Facebook-Aufruf ausfindig zu machen. Ich habe ihn nie persönlich getroffen, doch ein Cousin hat mir Fotos zugesendet und ich muss sagen: Ich bin ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Mit meiner Mutter habe ich nur an Festtagen Kontakt, aber ich habe durch sie meine jüngere Halbschwester getroffen, welche nun auch das Gotti meiner Tochter ist.»

Julian Schreier (36): «Das Urvertrauen kann dir niemand zurückgeben»

«Ich wurde 1984 in einem mexikanischen Kinderheim mit knapp acht Monaten von meinen Schweizer Eltern adoptiert. Der Adoptionsprozess war sehr mühsam und gelang nur dank Vitamin B seitens meiner Eltern. Ich wuchs zusammen mit meinem Adoptivbruder in der Schweiz auf. Unsere Kindheit war nicht ohne. Als ich sieben war, wurde meine Mutter schwer krank und verbrachte zehn Jahre lang in einer psychiatrischen Klinik. Mein Vater hatte ein eigenes Geschäft und versuchte, alles alleine zu stemmen. Ich ging dann in ein Internat und danach zog es mich wegen dem Studium weg von Zuhause.

Meine Eltern haben mir schon sehr früh erklärt, dass ich nicht ihr leibliches Kind bin, weil sie selbst keine Kinder kriegen konnten. Sie sagten mir: ‹Weisst du Julian, du konntest nicht in meinem Bauch wachsen. Du hast einen gesunden Bauch gebraucht.› Bis heute werde ich noch gefragt, ob ich nicht wissen möchte, wer meine leiblichen Eltern sind. Ich sage dann immer: ‹Meine leiblichen Eltern waren vielleicht gesund, aber meine Adoptiveltern wollten mich unbedingt in ihrem Leben haben.› Da es keine Papiere gibt, ist eine Nachforschung aber auch unmöglich.

Dass mein Unbehagen mit meinen Verlustängsten und dem fehlenden Urvertrauen zu tun hat, wurde mir erst vor Kurzem bewusst. Als Jugendlicher versuchte ich, die Leere, die ich verspürte, mit einem exzessiven Lebensstil und Ähnlichem zu füllen. Natürlich hat das so nicht funktioniert. Erst vor fünf Jahren stellte ich mich der Verlustangst. Durch meine eigenen Erfahrungen mit dem Gefühl der inneren Heimatlosigkeit kann ich nun anderen auf ihrem Weg helfen. Ich bin unterdessen Lehrer und werde oft mit der Thematik der ‹Heimatsuche› konfrontiert.»

Hanna Meier (43): «Ich bin dankbar für mein zweites Leben!»

«Bis ich zwei Jahre alt war, lebte ich in einem indischen Kloster. Ich wurde da abgegeben, aber leider fehlen jegliche Dokumente zu meiner Geburt oder Ähnlichem. Danach kam ich in ein Heim, welches von einer Deutschen betrieben wurde. Immer, wenn potenzielle Adoptionseltern kamen, durften wir die schönsten Kleidchen anziehen und wurden herausgeputzt.

Meine Eltern waren beide Arbeitstiere, und daher war eine erneute Schwangerschaft keine Option. Sie wollten aber nochmals ein Kind und ich war die Auserwählte. Sie mussten dann fast ein Jahr auf mich warten, aber bekamen an Ostern 1982 das Telefon, dass ich einen Tag später am Flughafen Zürich ankommen würde. Mit Schöggeli und dem Bäbi meiner älteren Schwester wurde ich dann empfangen.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und war das erste dunkelhäutige Kind in diesem Dorf. Natürlich bemerkst du dann, dass du irgendwie anders bist und Kinder können auch sehr verletzend direkt sein. Aber meine Familie liess mich das nie spüren. Ich sage immer, ich habe mit ihnen den Sechser im Lotto gezogen. Zusammen mit meiner Schwester habe ich eine wunderschöne Kindheit verbracht.

In der Pubertät habe ich mich kurz mal gefragt, ob ich vielleicht Geschwister habe oder ob meine leiblichen Eltern noch leben, aber ich habe nie Nachforschungen angestellt. Es wäre aber auch fast nicht möglich, da es ja keine Papiere gibt. Ich habe nun meine eigene Familie und stelle mir natürlich auch heute ab und zu die Frage, ob es da draussen noch leibliche Verwandte gibt. In Indien war ich nur ein einziges Mal mit meiner Mutter, aber ich spüre keinen Drang, nochmals zu gehen. Mein Leben ist hier und ich bin glücklich.»

Caroline Jacqueline Schreyer (52): «Die Adoptivmutter misshandelte uns»

«Ich war sechs Monate alt, als meine Adoptiveltern mich aus dem Kinderheim in Zürich abholten. Meine frühe Kindheit habe ich als sehr harmonisch und schön in Erinnerung. Später wurde dann leider Häusliche Gewalt ein Thema. Unser Adoptivvater hatte uns selbst nie geschlagen. Aber auch wenn unsere Adoptivmutter es meistens in seiner Abwesenheit tat, wusste er, dass sie uns körperlich und seelisch misshandelte.

Ich kann nicht beschreiben, wieso, aber ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich adoptiert bin. Mit zwölf Jahren konfrontierte ich meine Adoptivmutter direkt: ‹Gäll, ich bin adoptiert?› Da die Adoption bei uns nie ein Thema war, stritt sie es zuerst ab. Doch meine Beharrlichkeit bewog sie dann trotzdem dazu, es zuzugeben. Die Voraussetzung war jedoch, dass ich meinem ebenfalls adoptierten Bruder nichts sagen würde. Wir haben unsere Adoptionspapiere später in den Dokumenten gefunden.

Ich zog mit 18 von zu Hause aus und heiratete zwei Jahre später meinen jetzigen Mann. Mit 31 Jahren suchte ich mithilfe der Adoptionsstelle meine leibliche Mutter. Diese stimmte einer Kontaktaufnahme zu und kurz darauf sprachen wir am Telefon. Es war sofort vertraut! Der Kontakt hält bis heute an und ich habe dadurch auch meine elf Jahre jüngere Halbschwester kennengelernt. Wir sehen uns total ähnlich und ticken gleich.

Heute lebe ich mit meinem Mann, fünf leiblichen, einem Adoptiv- und zwei Pflegekindern auf dem Land. Dass ich viele Kinder möchte, habe ich meinem Mann bereits früh mitgeteilt. Unsere achtjährige Adoptivtochter schaut sich jeden Abend ein Buch an, wo es ums Thema Adoption geht. Ich finde es wichtig, dass man zu den Kindern − ob leiblich oder adoptiert − ehrlich ist, auch wenn sie manchmal schwierige Fragen stellen. Das ist die Grundlage für ein Vertrauen, welches ich als Kind nicht erfahren habe. Ich glaube auch, dass die werdenden Adoptiveltern viel zu wenig auf die Aufgabe vorbereitet werden.»

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