Switzerland

Zürich erhält eine feministische Buchhandlung

«Zum Beispiel bei der Fussballbuchsektion – die haben wir vollständig entfernt.» Dies ist Aulines Antwort auf die Frage, wo sich die Neuausrichtung direkt aufs Sortiment auswirke. Sie schaut Melina an, dann müssen beide lachen.

Wir sitzen schon gut eine Stunde zusammen, haben bereits über Motivation und Organisation, über Weine und Träume gesprochen – doch jetzt ist er erstmals richtig spürbar, der kecke, mutige und vor allem feministische Geist, mit dem die neuen Geschäftsführerinnen die Legende der Buchhandlung Paranoia City fortschreiben wollen.

Treff der Jugendbewegung

Deren Anfang datiert auf 1975, als sich fünf Kommunardinnen und Kommunarden in den Kopf setzten, einen anarchistischen Buchladen aufzutun. Dazu liest man auf der Website: «Nach den Grundsätzen der Selbstverwaltung – alle machen alles, keiner ist Chef – sollte Propaganda für eine Welt ohne Herren und Knechte betrieben werden.» Als Lokal diente eine Abbruchliegenschaft im Dörfli, zum Namen inspirierte die Stadt Zürich, in den Augen der Gründer damals die Paranoia City schlechthin, das Sortiment bestand aus anarchistischer Literatur, Büchern zur AKW-Bewegung, zum Feminismus und zur Kultur indigener Völker – sowie U-Comix.

Schon nach kurzer Zeit drohte dann der Abbruch, darauf folgte ein Nomadendasein, bis man 1980 an der Anwandstrasse endlich richtig sesshaft werden konnte. Bald etablierte sich die Paranoia City als Treffpunkt der Jugendbewegung, man brachte P. M.’s berühmte antikapitalistische Utopie «Bolo’bolo» heraus, das Sortiment wuchs, das Ur-Team indes schrumpfte, zuletzt blieb einzig Tomi Geiger übrig. Er führte den linken Buchladen fortan mit Gefährtinnen und Lehrlingen in die Zukunft, und 2006, beim letzten Umzug an den heutigen Standort, ergänzte er die erlesene Bücher- um eine entsprechende Weinauswahl.

Geiger ist mit am Tisch, denn er möchte offen erklären, warum er aufhört. «Man hat bei mir einen Tumor diagnostiziert, die Prognose ist schlecht. Mein grösstes Anliegen war es, den Laden in die richtigen Hände zu übergeben.» Jetzt, wo ihm das gelungen sei, sei er erleichtert, «ich habe ein Supergefühl».

Begegnungsort, der patriarchale Muster durchbricht

Diese richtigen Hände gehören neben der 23-jährigen Auline und der 25-jährigen Melina auch der 24-jährigen Margot – sie war von 2013 bis 2016 die bis dato letzte Auszubildende der Paranoia City. Kennen gelernt haben sich die drei an der Buchhändlerinnenschule. Es entstand eine harmonierende Freundschaft, die schliesslich zum Nährboden der kollektiven Idee wurde – zu dritt in Zürich eine feministisch ausgerichtete Buchhandlung zu eröffnen.

Als das Angebot kam, waren sie – Zufall oder Schicksal? – gemeinsam in Griechenland in den Ferien. Nach dem Telefonat habe es Tage und Nächte voller euphorischer Gespräche und hochtrabender Pläne gegeben, sagt Melina – «doch eigentlich war sofort klar: Das ist eine Chance, die wir packen müssen … und das sogar in dem Laden, der schon immer unser Favorit gewesen ist.»

Weil Paranoia City die Rechtsform einer Genossenschaft hat, mussten sie ihr Projekt an der Generalversammlung präsentieren. Und ihre Ideen kamen an. Eine wichtige Vereinbarung: Die Genossenschaft garantiert der Buchhandlung im ersten Jahr eine finanzielle Unterstützung, um gewissen Druck wegzunehmen. Zudem hat sich der vormalige Patron anerboten, bei Bedarf die ersten Monate als Coach zu amten. «Ich denke, speziell bei der Mehrwertsteuerabrechnung werden sie meine Hilfe am Anfang gern in Anspruch nehmen», so Geiger lachend.

Die Co-Chefinnen machen klar, dass sie ihren eigenen, unangepassten und selbstbestimmten Weg gehen werden.

Die Co-Chefinnen verhehlen nicht, dass sie froh sind um den Support. Gleichwohl machen die drei klar, dass sie ihren eigenen, unangepassten und selbstbestimmten Weg gehen und für ihre Haltung und ihre Werte kämpfen werden.

Zu diesem Weg gehört, dass sie entschieden haben, nur mit Vornamen aufzutreten – sei es gegenüber Lieferanten und Kunden, sei es in der Öffentlichkeitsarbeit, also gegenüber Medien. Dazu gehört ebenso, Bücher zu verbreiten, die patriarchale Muster und Normen in allen Lebensbereichen durchbrechen. Dazu gehört aber insbesondere, die Paranoia City als Begegnungsort zu etablieren, «wo Stimmen ihren Platz finden, die in der Mehrheitsgesellschaft untergehen» – so haben es die drei in ihrem ersten offiziellen Brief an die Kundinnen und Kunden formuliert.

Um dieses Vorhaben zu verwirklichen, werden regelmässig Veranstaltungen durchgeführt. Und die Öffnungszeiten angepasst; ab März wird der Laden von Dienstag bis Samstag ganztags bedient sein. Im Zentrum jedoch stehen die Retouchen im Sortiment, die natürlich weit über die Eliminierung des Fussballs hinausgehen. Ausgebaut wird unter anderem das Kinderbuch. Bei der Literatur wie auch bei Sachbüchern wird ein klarer feministischer Fokus erkennbar sein. Und es wird eine neue Sektion «Körper und Sexualität» eingerichtet. Aber es gibt auch viel Kontinuität, sei es bei der Anarchie, beim Dadaismus oder bei der Geschichte. Ebenso kommen weiterhin nur Kochbücher ins Regal, die auf dem Cover keinen Koch zeigen – «wer will schon Jamie Oliver essen?», fragt Geiger augenzwinkernd.

Belesen, nicht betrunken

Wäre noch der Wein. Fundierte Kenntnisse anyone? Auline räuspert sich. «Wir sind zwar sehr belesen, aber nicht so sehr betrunken.» Die Runde lacht, dann sagt sie, dass Margot – die Dritte im Bunde weilt beim Gespräch noch in den Ferien – dank ihrer Lehre im Paranoia City selbstverständlich auch im Flaschensortiment Bescheid wisse. «Vieles wird sich noch ergeben», fügt Melina hinzu, «wir sind ja immer noch in der Startphase, wir wollen jetzt einfach mal loslegen, ausprobieren, lernen.»

Paranoia City Buch & Wein, Ankerstrasse 12, 8004 Zürich. www.paranoiacity.ch