Switzerland

Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch erwägt erneute Schliessung von Seeanlage und Pärken: «Falls die Situation überbordet, müssten wir einschreiten»

Das Stadtleben wird erneut eingefroren. Corine Mauch begrüsst den Shutdown, macht sich aber trotz sinkenden Corona-Zahlen Sorgen.

Corona habe sie nicht zynisch gemacht, sagt Corine Mauch (sp.). Seit bald zwölf Jahren führt sie den Zürcher Stadtrat.

Corona habe sie nicht zynisch gemacht, sagt Corine Mauch (sp.). Seit bald zwölf Jahren führt sie den Zürcher Stadtrat.

Annick Ramp / NZZ

Frau Mauch, im neunköpfigen Stadtrat haben sich bereits drei Mitglieder mit dem Coronavirus angesteckt. Sind Sie zu wenig vorsichtig?

Nein, das glaube ich nicht. Wir haben ein Schutzkonzept, das mit den städtischen Gesundheitsdiensten und dem Fachstab Pandemie abgeklärt wurde. Wir haben uns bewusst für eine offene Kommunikation entschieden bei Ansteckungen, weil wir auch darauf hinweisen möchten, wie wichtig das Testen ist.

Daniel Leupi und Filippo Leutenegger mussten sich in Isolation begeben. Wie geht es den beiden?

Gut. Filippo Leutenegger ist am Donnerstag an den Arbeitsplatz zurückgekehrt. Er nahm an unserer letzten Sitzung teil. Daniel Leupi verspürt nur milde Symptome und kann seine Geschäfte von zu Hause aus erledigen.

Die Arbeit des Gremiums haben die Infektionen also nicht beeinflusst?

Nein. Bei allen, auch bei Karin Rykart im Herbst, ist die Erkrankung vergleichsweise mild verlaufen – Gott sei Dank!

Das öffentliche Leben wird nun wieder stark eingeschränkt. Was halten Sie von den drastischen Verschärfungen des Bundesrats?

Der Schritt hat uns überrascht, aber wir begrüssen ihn sehr. Wir machen uns seit einiger Zeit grosse Sorgen, vor allem wegen der mutierten Virusvariante, die viel ansteckender ist. Die exponentiell gestiegenen Infektionszahlen in Irland und Grossbritannien zeigen, wie wichtig es ist, früh zu intervenieren. Sonst ist die Gefahr gross, dass die Situation ausser Kontrolle gerät.

Sie sagen, man müsse früh intervenieren. Hat man in Zürich im Herbst also falsch gehandelt?

Im Herbst war man in der Schweiz teilweise zu zögerlich. Bei einer exponentiellen Entwicklung geht so etwas nicht. Man muss vorausschauend Massnahmen zum Schutz der vulnerablen Bevölkerungsgruppe ergreifen. Das ist auch aus wirtschaftlichen Gründen angezeigt.

Das ist auch eine Kritik am Regierungsrat, der mit seinem «Zürcher Weg» der Bevölkerung mehr Freiheiten gelassen hat als andere Kantone.

Sagen wir es so: Es hätte zwischen Bund und Kantonen besser laufen können. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer.

Die Stadt sitzt auch im kantonalen Corona-Sonderstab. Dort hätten Sie im Herbst die Möglichkeit gehabt, härtere Schritte zu verlangen.

Wir haben uns selbstverständlich eingebracht.

Besonders viele Leute sind in Zürich in den Alterszentren verstorben. Hat man beim Schutz Fehler gemacht?

Wir hatten in der ersten Welle sehr harte Massnahmen erlassen mit dem Besuchsverbot. Aber wenn das Virus einmal in den Zentren ist, wird es wirklich schwierig. Darum versuchen wir, auch mit vermehrtem Testen, es schnellstmöglich einzudämmen.

Ab Montag gilt Home-Office-Pflicht, Restaurants, Läden und Bars sind geschlossen. Die wirtschaftlichen Verwerfungen werden gross sein. Ein trostloses Bild, oder?

Wir haben das Ganze schon einmal erlebt im Frühling. Damals war es noch härter, weil auch die Schulen geschlossen waren. Wir hätten uns gewünscht, dass das nicht nochmals nötig wird. Wir wissen nun aber zumindest, wie es läuft. Man muss sich immer bewusst sein, weshalb das nun passiert. Und wir haben jetzt höhere Infektionszahlen, als wir sie im Frühling je hatten.

Aber die Zahlen in Zürich sinken . . .

Sie sinken, aber sie sind immer noch sehr hoch. Wenn nun noch die dritte Welle kommt, hätte das verheerende Auswirkungen. Das Triemli-Spital ist bereits seit Wochen sehr stark ausgelastet. Es braucht nicht viel, und das Gesundheitssystem kollabiert. Ein massiver Anstieg der Infektionszahlen hätte auch enorme wirtschaftliche Schäden zur Folge. Wenn in den Unternehmen immer mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter krank werden, kann ein Betrieb auch nicht mehr funktionieren.

Die Zahl der Covid-19-Patienten in Zürich geht zurück

Zahl der Hospitalisierten und Beatmeten

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Die Stadt hat im letzten Jahr schon Erleichterungen für besonders betroffene Branchen, etwa für die Gastronomie, zugesagt. Reicht das?

Wir haben in der ersten Welle sehr rasch reagiert. Zum Beispiel mit Nothilfe, mit einem Gebührenerlass für indirekt Betroffene wie Taxifahrerinnen und Taxifahrer, mit Unterstützungsmassnahmen für die Kultur und Mieterlässen in Gewerbe- und Gastroliegenschaften. Wir sind nun aber sehr froh, dass der Bund weitere Kompensationsmassnahmen beschlossen hat und sich auch der Kanton dieser Lösung angeschlossen hat. Ich habe kürzlich eine bekannte Gastronomin auf der Strasse getroffen und mit ihr gesprochen. Es ist wahnsinnig, was hier passiert! Auch grosse Unternehmen wie Bindella oder Candrian haben Probleme. Wir wissen jetzt immerhin, dass die Krise dank den Impfstoffen ein Ende haben wird. Aber bis dahin müssen wir durchhalten. Wir wollen, dass in unserem Stadtleben, wo Gastronomie und Veranstaltungen eine tragende Rolle spielen, möglichst wenig Schäden zurückbleiben.

Die Kosten sind aber immens.

Wenn man die Kostenfrage stellt, muss man auch bedenken, was es kosten würde, wenn man es nicht macht, die Betriebe Konkurs gehen lässt und Strukturschäden einfach in Kauf nimmt. Das sind lange wirkende Schäden, gerade in den Städten.

Wann geht der Stadt das Geld aus?

Das Geld geht nicht so schnell aus. Wir haben in den letzten Jahren finanzpolitisch umsichtig gehandelt und sind jetzt in der Lage, Unterstützung zu leisten. Wir können froh sein, haben wir Eigenkapital in Rekordhöhe, derzeit sind es rund 1,5 Milliarden Franken. So können wir uns jetzt antizyklisch verhalten und müssen nicht primär die Sparschraube anziehen. Denn das würde die Krise noch zusätzlich verschärfen.

Machen Sie sich keine Sorgen, dass die Stadt Zürich nach der Corona-Krise nicht mehr die ist, die sie einmal war?

Die Krise wird Spuren hinterlassen. Das heisst aber nicht zwingend, dass es schlechter wird. Wenn eine Lücke entsteht, gibt es immer auch Chancen für Neues. Das zeigt sich auch jetzt: Es gibt zahlreiche Unternehmen mit neuen kreativen Ideen für pandemiekonforme Geschäftsmodelle – sei es bei der Zusammenarbeit, beim Home-Office oder im sozialen Bereich. Das darf man in dieser sehr belastenden Zeit nicht vergessen. Es hilft, diese positiven Seiten auch zu sehen, denn wir merken, dass die Gesellschaft langsam müde ist. Auch der Tourismus ändert sich, er wird nachhaltiger.

Es wird dadurch aber Verlierer geben, zum Beispiel grosse Konferenzhotels oder den Flughafen.

Ja, sie müssen ihre Geschäftsmodelle anpassen. Aber damit sind derzeit sowieso viele Unternehmen beschäftigt. Es gibt zum Beispiel Hotels, die ihre Zimmer für Leute im Home-Office zur Verfügung stellen.

Was ist mit Grossanlässen wie der Street Parade oder dem Sechseläuten?

Das Sechseläuten wird sicher wieder stattfinden. Keine Sorge (lacht). Alle werden sich freuen, solche Volksfeste wieder zu erleben. Es fehlt uns doch, unbeschwert zusammen zu sein. Ich wünsche mir sehr, dass das bald wieder möglich wird. Corona hat in einem unglaublichen Tempo in unser Leben eingegriffen.

Sie haben das Thema Home-Office erwähnt. Kommen die städtischen Mitarbeiter nach der Krise überhaupt noch alle an den Arbeitsplatz zurück?

Da arbeiten wir jetzt dran. Home-Office ist etwa beim Brechen der Verkehrsspitzen oder bei Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Thema. Wir wollen das generell erleichtern.

Braucht es dann noch grosse Verwaltungsgebäude wie etwa das Airgate?

Das müssen wir überdenken. Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermehrt im Home-Office sind, heisst das auch, dass wir nicht mehr jeder und jedem einen eigenen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen müssen.

Das unbeschwerte Treffen, gerade von Jugendlichen, wird ab Montag noch stärker eingeschränkt. Am Utoquai und an anderen Orte finden Freiluftpartys statt. Wie wollen Sie das unterbinden?

Zuerst einmal muss ich betonen, dass ich grosses Verständnis für die Jungen habe. Sie trifft die Krise besonders stark. Nicht nur im Sozialen, sondern auch wenn es um die Berufsaussichten geht, bei den Lehrstellen zum Beispiel. Insgesamt erlebe ich die Jugendlichen als solidarisch. Natürlich gibt es auch Unvernünftige – das ist bei den Erwachsenen aber nicht anders. Falls die Situation überbordet – eben zum Beispiel am Utoquai –, müssen wir natürlich einschreiten. Wir müssen die Vorschriften des Bundes durchsetzen.

Beim ersten Shutdown hat die Stadt Zürich mehrere Pärke und auch die Seeanlagen abgesperrt. Ist das erneut eine Option?

Wir bereiten uns auf alles vor und beobachten die Situation genau. Das Versammlungsverbot ab fünf Personen gilt. Wir auf der kommunalen Ebene müssen die Bundesregeln letztlich umsetzen. Darum wäre es auch so wichtig, dass die Städte und Gemeinden besser in die Entscheidungen in Bern einbezogen würden. Leider beissen wir da ziemlich auf Granit.

Trotzdem: Die Seeanlagen wieder schliessen? Das ist eine extrem unpopuläre Massnahme.

Es ist eine harte Massnahme. Das ist mir bewusst, und ich wünsche sie mir nicht. Aber wir müssen die Option auf dem Tisch lassen, falls es nicht anders gehen sollte. Die Situation darf uns nicht entgleiten. Wir müssen vorausschauend agieren und in Szenarien denken. Jetzt wollen wir den Leuten aber zuerst einmal eine Chance geben. Die Eigenverantwortung steht nun wieder einmal auf dem Prüfstand.

Weiter offen bleiben die Schulen. Ein richtiger Entscheid?

Schulschliessungen schaden den Kindern am meisten, die sonst schon stark benachteiligt sind. Also Kindern, die zum Beispiel keine grosse Unterstützung zu Hause haben. Darum gehe ich mit Bund und Kanton einig, dass die Schulen möglichst lange offen bleiben sollten. Die Schutzkonzepte in den Unterstufen funktionieren gut; allenfalls Probleme gibt es auf der Sekundarstufe. Das muss man gut beobachten.

Sollen Lehrerinnen und Lehrer nur noch FFP2-Masken im Unterricht tragen?

Ich bin keine Maskenexpertin. Wir sind aber – Stand jetzt – der Meinung, dass die chirurgischen Masken, die im Umlauf sind, genügend Schutz bieten. Der Zusatznutzen der FFP2-Masken hält sich anscheinend in Grenzen, wenn man sie nicht richtig zu nutzen weiss.

Die Impfungen sind ein Lichtblick. In der Stadt Zürich soll das erste grosse Impfzentrum entstehen. Beteiligt sich die Stadt am Betrieb?

Das Stadtspital Waid und Triemli ist in der Lage, sehr bald ein grösseres Impfzentrum zu betreiben – jedoch nicht im Ausmass der erfolgten Ausschreibung des Kantons. Es hat der Gesundheitsdirektion eine Offerte entsprechend seinen Möglichkeiten eingereicht. Der Kanton wird nun einen Entscheid fällen.

Wo wird sich das Zentrum befinden?

Auf dem Areal des Triemli-Spitals. Wir verlegen dafür einen Teil der Testkapazitäten auf das Kasernenareal. Für uns war es wichtig, schnell etwas anzubieten. Es ist kein Riesen-Impfzentrum. Die Zulassung für den zweiten Impfstoff ist jetzt da. Es kann also sein, dass plötzlich sehr viel Vakzine vorhanden sind. Dann muss man rasch reagieren können, um mit der Impfstrategie voranzukommen.

Bisher stand das Messezentrum im Vordergrund. Was passiert damit?

Das müssen Sie den Kanton fragen. Er plant die grossen Impfzentren.

Die Impfzentren-Strategie des Kantons kommt ziemlich spät.

Ja, wir waren selbst überrascht über die späten Ausschreibungen. Sie laufen jetzt, und wir hoffen, dass der Kanton einen kompetenten Partner findet, der die grossen Zentren schnell umsetzen kann.

Einen negative Seite hat die Impfperspektive derzeit: Sie lässt die Testbereitschaft sinken.

Das ist schlecht. Darum der Aufruf an die Bevölkerung: Lassen Sie sich testen, auch wenn sie nur leichte Symptome haben. Das ist gerade bei der mutierten Variante des Virus enorm wichtig, um die weitere Ausbreitung des Virus stoppen zu können. Die Testbereitschaft darf nicht nachlassen. Wir haben freie Kapazitäten.

Ist es denn genug einfach, um sich testen lassen zu können?

Es ist alles sehr gut organisiert.

Aber nur wenn man Symptome hat, kann man gratis testen.

Über die Anreize könnte man sowieso sprechen. Die heutige Quarantäneregel sollte man ernsthaft überdenken. Wenn jemand fünf Tage nach Symptomen ein negatives Testresultat erhält, dann sollte man die Quarantäne aufheben oder erleichtern können. Darum gehen manche Leute erst gar nicht testen. Das sollte korrigiert werden.

In einem Jahr sind in der Stadt Wahlen. Sie sind dann zwölf Jahre im Amt. Angela Merkel hört nächstes Jahr nach 16 Jahren auf. Wollen Sie sie noch einholen?

(lacht) Das ist nicht meine Motivation. Der Entscheid, ob ich nochmals kandidiere, ist ein persönlicher. Ich habe mir immer gesagt, dass ich aufhöre, wenn mir das Amt keine Freude mehr machen oder ich zynisch werden würde.

Und?

Bis jetzt ist das nicht der Fall. Ich werde meinen Entscheid, ob ich nochmals antrete, aber irgendwann im Frühling fällen.

Corona hat Sie nicht zynisch gemacht?

Nein, es war ein hoch anspruchsvolles, aber auch spannendes Jahr. Wenn man solche Herausforderungen nicht will, braucht man auch nicht Stadtpräsidentin zu werden. Und: Ich hatte wenigstens eine Aufgabe. Wenn ich mich mit anderen Leuten vergleiche, die den Job verloren haben oder zu Hause bleiben mussten, weil sie in Kurzarbeit geschickt wurden, dann befinde ich mich in einer privilegierten Situation. Ich bin froh, kann ich in der Krise einen Beitrag zum Wohl der Stadt leisten.

Wenn Sie der 13 Jahre jüngeren Corine Mauch einen Tipp geben könnten. Würden Sie ihr dann nochmals raten, Stadtpräsidentin zu werden?

Auf jeden Fall.

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