Switzerland

«Zum Shoppen alleine kommt niemand mehr»

«Zum Shoppen alleine kommt niemand mehr»

Das Glatt ist das erfolgreichste Shoppingcenter der Schweiz. Trotzdem will es die Migros loswerden. Wer geht heute eigentlich noch in ein Einkaufszentrum?

Linda Koponen, Fabian Baumgartner und André Müller (Text), Annick Ramp (Bilder)

Elsbeth Kienast fährt jeden Freitag ins Glatt. Wocheneinkauf mit ihrem Partner erledigen. Gerne kommt die Rentnerin aber auch einmal am Mittwoch her. Dann trifft die frühere Modeverkäuferin Freundinnen und Bekannte auf einen Kaffee, zum gemeinsamen Tratsch oder zum Einkauf. Sie tut es immer mit dem Auto – von Volketswil, wo sie wohnt, fährt sie nach Wallisellen. «Es kostet nichts und ist bequemer», sagt sie. Alle ihre Bekannten machten es ebenso.

1975 öffnete das Glattzentrum seine Tore. Fast so lange kauft auch Elsbeth Kienast schon im umsatzstärksten Shoppingcenter der Schweiz ein. Sie ist Stammkundin, gehört also zu demjenigen Segment, auf das die stationären Modehäuser und Detailhändler heute ihre Hoffnungen setzen. Online eingekauft hat sie hingegen noch nie. «Das ist nichts für mich. Das können die Jüngeren machen.»

Das Glattzentrum, das sind 5 Etagen mit 90 Läden und 14 Gastronomiebetrieben – Jeans und T-Shirts, Krimis und Kochbücher, Sneakers und schliesslich Ghackets mit Hörnli neben dem Salatbuffet. 9,1 Millionen Kunden verbringen pro Jahr die Freizeit in dem riesigen Gebäude, rund 600 Millionen Franken beträgt der Umsatz. Heute arbeiten 2000 Menschen in dem Koloss aus Stahl und Beton. 800 weitere werden es sein, wenn die neu im Turm des Gebäudes eingemieteten Technologiefirmen alle ihre Büros bezogen haben.

Anfang Februar kam jedoch der Donnerschlag. Der Migros-Genossenschafts-Bund kündigte an, das Glatt zu verkaufen. Und seither rätselt die Branche über die Gründe. Trotz gesunkenen Umsätzen ist das Shoppingcenter in Wallisellen noch immer eine Erfolgsgeschichte. Es gibt eine Warteliste von Geschäften, die sich einmieten wollen, der Ruf strahlt weit über die Landesgrenze hinaus.

Doch die Schweizer Einkaufszentren blicken einer unsicheren Zukunft entgegen. Die Boombranche von einst plagen Zukunftsängste. Das Horrorszenario lautet «dead malls» – Geister-Einkaufszentren ohne Läden, ohne Leben.

Der Onlinehandel dagegen wächst jährlich, und der Einkaufstourismus macht der Branche zusätzlich zu schaffen. Manche spekulieren deshalb, dass die Migros das Glatt noch zu einem günstigen Zeitpunkt loswerden wolle. Die Immobilie könnte einen Erlös von mehreren hundert Millionen Franken erzielen.

Was also ist überhaupt noch der Reiz eines Einkaufszentrums? Und wer geht da hin?

«Luxury for the masses»

Der oberste Traumverkäufer ist Rageth Clavadetscher. Der Leiter des Glattzentrums eilt schnellen Schrittes durch sein Einkaufsparadies. Seit vier Jahren ist Clavadetscher Leiter des Glattzentrums. Wenn der 48-Jährige spricht, dann sprudeln die englischen Vokabeln nur so aus ihm heraus. Es geht um «emotions», «humanoiden Retail» und «luxury for the masses».

Clavadetschers Leben ist eng mit der Modebranche verwoben. Seine Lehre absolvierte er in einem Modegeschäft in Kreuzlingen, danach stieg er Schritt für Schritt die Karriereleiter empor – bis er im Glatt landete. Seinen Bart trägt Clavadetscher exakt frisiert, das Brillengestell übergross, Sakko, Einstecktuch, T-Shirt und Stoffhose schwarz und die Sneakers im Kontrast dazu weiss. Meist steht der Mann bereits frühmorgens in seinem Büro in der Mall. «Da kann ich noch Vorbereitungen treffen, nachher ist der Tag mit Meetings zugepflastert.»

Es ist 15 Uhr am Mittwochnachmittag. Im Erdgeschoss des Shoppingcenters huschen rund 20 Kinder, Jugendliche und Erwachsene über einen bunten Teppich. Über Smartphones gebeugt, den Blick starr auf den Boden gerichtet, versuchen sie beim Spiel «Happy Fishing» virtuell Fische zu fangen. Ruckartig reissen sie immer wieder ihre Hände in die Höhe, im Hintergrund klingt die Melodie eines Spielautomaten. «Ich finde keinen Fisch mehr», ruft ein Mädchen. Zwei Jugendliche schlendern derweil an der Spielfläche vorbei. «Schau mal, wie die aussehen. Wie Zombies», ätzt die junge Frau.

Auf den «Happy Fishing»-Spielteppich ist Clavadetscher besonders stolz – «eine Innovation», für die er sich Inspiration eigens aus Japan geholt hat. Zu gewinnen gibt es Glatttaler, die eigene Währung des Glattzentrums. «Zum Shoppen allein geht niemand mehr in ein Einkaufszentrum, man muss den Leuten mehr bieten», sagt er.

Rageth Clavadetscher leitet das Glattzentrum seit vier Jahren. Er will auch «trendy people» aus Zürich nach Wallisellen locken.

Rageth Clavadetscher leitet das Glattzentrum seit vier Jahren. Er will auch «trendy people» aus Zürich nach Wallisellen locken.

Die Inspiration für das «Happy Fishing» hat sich Clavadetscher aus Japan geholt. Mit Smartphones können die Teilnehmer Fische fangen und Glatttaler gewinnen.

Die Inspiration für das «Happy Fishing» hat sich Clavadetscher aus Japan geholt. Mit Smartphones können die Teilnehmer Fische fangen und Glatttaler gewinnen.

Clavadetscher, der gegen die «digitale Verwahrlosung» kämpft, setzt dabei ganz auf Digitales, auf soziale Netzwerke und Influencermarketing. Gerade durch Letzteres könne man ohne Ausgaben vermehrt auch junge Leute ansprechen und schnell grosse Reichweiten erreichen. Wie schnell, zeigte sich unfreiwillig Ende Januar: Rund 5500 Jugendliche stürmten nach Wallisellen, nachdem zwei deutsche Stars der Social-Media-Plattform Tiktok zu einem Treffen im Glatt aufgerufen hatten. Weil sie den Anlass nicht mit den Verantwortlichen des Shoppingcenters abgesprochen hatten, kam es zum Tumult. Eine junge Frau wurde leicht verletzt. Der Chef schrieb ihr persönlich eine Karte mit Genesungswünschen.

Der persönliche Kontakt, das ist Clavadetschers Mittel gegen den Absturz. Man müsse den Menschen in den Vordergrund stellen, nur so könne der stationäre Handel im Wettbewerb mit dem Internet bestehen. Die Mitarbeiter zu Stars machen, lautet sein Credo. Im Glatt gebe es denn auch keine Verkäufer, sondern nur Spezialisten. «Was die Leute suchen, sind Interaktionen, ein sozialer Marktplatz.» Er jedenfalls habe noch nie fünfzehn Freundinnen gesehen, die mit Prosecco in der Hand vor dem Computer bei Zalando Kleider bestellt hätten. 

Mit Läden wie Muji, einer japanischen Kette, die ausschliesslich markenlose Designerprodukte anbietet, oder dem chinesischen Unternehmen Xiaomi will Clavadetscher auch Leute aus der Stadt Zürich nach Wallisellen locken, «trendy people» also. Gleichzeitig soll das Glattzentrum ein Shoppingcenter für «normale Leute» bleiben – bodenständig, bezahlbar, massentauglich.

Verkauf kein Thema

Ein Sinnbild dafür ist Mode Keller. Auf 50- bis 65-jährige Kundinnen ausgerichtet, verkauft das Familienunternehmen seit 30 Jahren Damenbekleidung. Im Juli des letzten Jahres hat die Firma ihre Fläche im Glattzentrum von 250 auf 900 Quadratmeter ausgebaut – für Clavadetscher der Beweis, dass der stationäre Handel noch immer funktioniert.

Antonella D’Orsi arbeitet seit über sieben Jahren im Glattzentrum und ist stellvertretende Geschäftsführerin der Mode-Keller-Filiale. Ein dunkelblauer Blazer und dazu passende Hosen, eine Bluse mit Leopardenmuster – D’Orsi trägt, was sie verkauft. Viele ihrer Kundinnen kennt sie persönlich, die älteste ist 93 Jahre alt. Der Onlinehandel sei primär etwas für Jüngere, auch sie selbst habe noch nie Kleider im Internet bestellt, erzählt sie. In den letzten Jahren habe sich das Glattzentrum stark verändert, doch eines sei über die Zeit gleich geblieben: «Wer zu uns kommt, will persönliche Beratung.» 

Mit der Zusammensetzung der Läden habe sich auch die Kundschaft verändert. Durch Geschäfte wie Snipes oder Zara habe das ganze Glattzentrum eine Verjüngung erfahren. Davon könne auch Mode Keller profitieren – seit dem Ausbau seien vermehrt auch jüngere Marken ins Sortiment genommen worden.

Dass die Migros das Glattzentrum trotz solchen Erfolgsgeschichten loswerden will, gibt D’Orsi nicht zu denken. Weder die Mitarbeiter noch die Kundschaft beschäftige das Thema sonderlich. «Für uns ändert sich ja nichts.»

Eine Art Stadtzentrum

Gar profitieren vom Verkauf könnte die Standortgemeinde Wallisellen. Im Kanton Zürich muss nämlich auf alle verkauften Liegenschaften eine Grundstückgewinnsteuer entrichtet werden: Sie beträgt 40 Prozent des Gewinns oberhalb einer Schwelle von 100 000 Franken und geht vollständig an die Gemeinde. Im Falle des Glatt könnte da eine ordentliche Summe zusammenkommen, wenn es tatsächlich für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag die Hand wechselt, wie manche Beobachter schätzen. Allerdings lassen sich wertvermehrende Investitionen abziehen, und bei einer langen Besitzdauer reduziert sich der Ansatz um bis zu 50 Prozent. Die beiden Rabatte dürften bei dem unlängst aufgehübschten Einkaufszentrum, das der Migros schon lange gehört, stark ins Gewicht fallen.

9,1 Millionen Menschen besuchen jährlich das Glattzentrum. Seit den 70er-Jahren ist das Shoppingcenter ein Treffpunkt für viele aus der Region.

9,1 Millionen Menschen besuchen jährlich das Glattzentrum. Seit den 70er-Jahren ist das Shoppingcenter ein Treffpunkt für viele aus der Region.

Wie sich der Verkauf steuerlich für Wallisellen auswirkt, ist deshalb noch nicht klar. Der Gemeindepräsident Peter Spörri sagt: «Das hängt vom Verkaufspreis ab.» So oder so: Das Walliseller Gemeindebudget bewegt sich seit Jahren zwischen 75 und 100 Millionen Franken, da dürfte der Steuerertrag durch den Glatt-Verkauf schon etwas ausmachen.

«Falls eine Grundstückgewinnsteuer entrichtet wird, nehmen wir diese natürlich gerne», sagt Spörri. Wallisellen sei in den letzten Jahren stark gewachsen und habe deswegen viel neue Infrastruktur bauen müssen, so etwa die Erweiterung des Gemeindehauses. Diesen steuerlichen «Ausreisser» nach oben würde man für die Finanzierung dieser Infrastruktur verwenden. Am Steuerfuss soll laut Spörri jedenfalls nicht gerüttelt werden. «Die Steuern müssen stabil und kalkulierbar bleiben, mit 97 Prozent sind wir attraktiv genug.»

Auch die regelmässigen Steuererträge, die das Einkaufszentrum für Wallisellen generiert, sind im Gemeindehaus willkommen. Doch Spörri schränkt ein: «Wir hatten eine Phase, als Wallisellen steuermässig stark von einem Unternehmen, der NCR, abhängig war. Heute sind wir viel breiter aufgestellt.»

Früher war das Glatt ein Shoppingcenter für Autofahrer. Für die Walliseller selbst lag es eher peripher. Erst die Glatttalbahn, die zusätzlichen Ortsbusse und, vor allem, der Bau des Richti-Areals liessen den Ort und das Einkaufszentrum zusammenwachsen. Heute sei der Fussgängerstreifen zwischen dem Glatt und dem Richti-Areal der wohl meistbenutzte in der ganzen Agglomeration Zürich, sagt Spörri nicht ohne Stolz. «Es macht Freude, so viele Leute auf der Strasse zu sehen.»

Das Glattzentrum habe sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Treffpunkt in Wallisellen entwickelt, das höre er auch von Firmen in der Gegend. «Im Glattzentrum gibt es heute mehr Restaurants, viele Büromitarbeiter verpflegen sich hier über Mittag.» Auch dank der Ansiedlung vieler Ärzte sei das Glatt eine Art Stadtzentrum geworden.

«Die Zeiten ändern sich»

Das ist ganz nach dem Gusto von Rageth Clavadetscher. Ein Treffpunkt, ein «social hub», solle das Glattzentrum sein. Er ist überzeugt davon, dass es Einkaufscenter immer geben werde. «Sie müssen aber die Menschen verstehen und abholen.» Dazu passen die Pläne, die er für die oberste Etage des Gebäudes hat. Statt sie als Bürofläche zu vermieten, will er die Fläche als Veranstaltungsraum nutzen. Auch Jassabende schweben ihm vor. «Die Zeiten ändern sich. Vielleicht werden aus Shoppingcentern, die nicht mehr funktionieren, irgendwann multifunktionale Altersresidenzen», sagt er. Einen Wunschkäufer für das Glattzentrum hat er indes nicht. Nur eines sei ihm wichtig: «Der Käufer muss etwas von stationärem Handel verstehen.»

Die Stammkundin Elsbeth Kienast ist im Mode Keller derweil kurz davor, einen Hosenanzug anzuprobieren. Die Modeberaterin, die neben ihr steht, kennt sie bereits seit langem. «Man freundet sich dann schon ein bisschen an», sagt Kienast. Eine Bekannte gesellt sich dazu, Küsschen auf die Wange. «Wir sehen uns nachher oben im Café.» In den siebziger Jahren sei der Gang in ein Shoppingcenter etwas Besonderes gewesen, sagt sie. Ein Treffpunkt wurde das Glattzentrum für sie und ihre Freunde. Das ist es bis heute geblieben.

Kaffee, Geschirr. Glattzentrum. Die Migros verkauft das Einkauszentrum in Wallisellen.

Kaffee, Geschirr. Glattzentrum. Die Migros verkauft das Einkauszentrum in Wallisellen.