Switzerland

Zu Besuch bei Wicky und Heitz in Chicago: «Haben viel Geld ausgegeben, aber wir brauchen keinen Star»

Es sind dramatische Szenen, die sich an diesem nasskalten Morgen neben dem Highway in Chicago abspielen. Polizei, Feuerwehr und Sanität umzingeln ein ausgebranntes Auto – alle zu spät –, der Leichenwagen steht schon bereit.

Das Drama ist zum Glück nur Fiktion. «Chicago Fire» dreht aufgrund der Corona-Krise die vorerst letzte Episode für die 9. Staffel der US-Hit­serie unweit der Soldier-Field-Arena, wo der gleichnamige Fussballklub zur Heimpremiere der neuen Saison erstmals im modernen Football-Stadion der Chicago Bears auflaufen wird.

«Wir haben schon über 40 000 Tickets für dieses Spiel verkauft», sagt Sportchef Georg Heitz. Wann dieser Match stattfindet, ist aufgrund des Lockdown völlig offen, klar ist für Heitz aber: «Wir müssen den Zuschauern dann ein Spektakel bieten.» Der 50-jährige Baselbieter wurde im Dezember von Joe Mansueto, einem milliardenschweren Investor, damit beauftragt, Chicago Fire an die Spitze der Major League Soccer zu führen.

Als erste Amtshandlung installierte Heitz mit dem 42-jährigen Raphael Wicky einen jungen Chefcoach, dem er nach der gemeinsamen Zeit beim FC Basel nun bei seiner dritten Trainerstation zutraut, in der sportverrückten Stadt Chicago nebst Baseball, Basketball, Eishockey und Football auch Soccer zu etablieren.

BLICK hat die zwei Schweizer nach ihren ersten beiden Spielen Mitte März in den USA besucht und das Duo erstmals für ein gemeinsames Interview an einen Tisch gesetzt. In der Zwischenzeit hat der Ausnahmezustand auch Chicago erreicht. Wicky und Heitz lieferten die Antworten zu den aktuellsten Fragen per Mail nach.

BLICK: Raphael Wicky und Georg Heitz, das Coronavirus hat nun auch die USA fest im Griff: Auch die Major League Soccer steht still. Wie gehen Sie im Klub damit um?
Raphael Wicky: Die Spieler trainieren individuell in ihren Wohnungen nach Trainingsplänen, die sie von mir und dem Trainerteam erhalten. Wir halten täglich Videokonferenzen ab – mit dem Staff, aber auch mit den Spielern.
Georg Heitz: Wir halten uns da an die Weisungen der Gesundheitsbehörden. Auch die Liga informiert uns regelmässig und unser Klubarzt steht uns mit Tipps zur Seite. Wir können es nicht ändern und versuchen, uns so gut wie möglich auf die Situation einzustellen.

Wie hat sich das Leben in Chicago seit der Ausgangssperre ver­ändert?
Heitz: Die Situation ist hier wie in der Schweiz. Wir sind angehalten, zu Hause zu bleiben und nur zum Einkaufen und Spazieren nach draussen zu gehen. So wie ich das sehe, befolgen die Leute die Anweisungen unserer Beobachtung nach sehr diszipliniert.
Wicky: Bis jetzt kommen wir mit der Situation problemlos zurecht, auch wenn wir natürlich lieber Normalbetrieb hätten. Wir sind aber immer noch privilegiert.

Wie steht es um die Ungewissheit, wann es wieder losgeht?
Heitz: Klar ist, dass sich die Situa­tion jederzeit ändern kann, wes­wegen Prognosen schwierig sind. Wir nehmen es, wie es kommt. Der Spielplan ist hier in den USA sowieso ganz anders als in Europa – auch unter normalen Umständen. Zum Saisonstart sind für uns zuerst drei Auswärtsspiele auf dem Plan.
Wicky: Je nach Geografie, Jahreszeit und Klima ist ein Verein froh, wenn er zuerst ein paar Auswärtsspiele hat, weil sonst die Fans im Stadion fehlen würden.

Wie gut kann man bei der Liga mitgestalten?
Heitz: Wir werden bei allen wichtigen Fragen involviert und können mitreden.
Wicky: Wir versuchen uns hier aber auch der Kultur anzupassen. Es ist im US-Sport vieles anders als in Europa. Es gibt zwar Sachen, die will ich so haben, wie es Europa gehalten wird, und dann gibt es typische amerikanische Gepflogenheiten, die für uns ungewöhnlich sind, aber wir sind da kulant und entspannt. Man muss immer abwägen, ob es sich wirklich lohnt, gegen etwas anzukämpfen.

Machen Sie ein Beispiel.
Wicky: Es geht dabei ums Reisen oder die Kleidung. In der NBA kommen die Spieler in ihrem privaten Look, ganz nach dem Motto: «Look good, play good». Diese Stars wollen das anziehen, was ihnen gefällt und worin ihnen wohl ist. Bei uns im Fussball sind aber alle gleich angezogen, und wenn nun einer aus dem Team wie die Basketballer rumlaufen will, dann sage ich nicht kategorisch: «Nein.» Ich überlege mir das. Im Hotel will ich aber, dass wir wie eine Mannschaft aussehen. Dann aber gibt es Momente, in denen ich lockerlasse und die Spieler sich so richtig wohlfühlen sollen. Interessant ist auch das Thema Essen im Trainingslager: In Europa kennen wir den gemein­samen Tisch mit Frühstück, Mittag, Znacht. In den USA aber gibt es oft Breakfast- oder Dinner-on- your-own. Da muss man sich anpassen und ein gutes Mittelmass finden.
Heitz: Wir bringen aber auch explizite Wünsche von uns ein. Neu treffen sich die Spieler von Chicago Fire vor den Heimspielen in einem Tageshotel. Das wird auch von der Mannschaft akzeptiert.

Welche Kräfte wirken im Verein und vonseiten der Liga?
Heitz: Die Spieler haben über ihre Gewerkschaft einige Macht. Diese ist manchmal spürbar.

Mit vielen verschiedenen Kulturen im Team.
Wicky: Ja, wir haben sehr viel verschiedene Nationalitäten hier. Es hilft, dass ich viele Sprachen kann, ich halte die Sitzungen jedoch immer in Englisch ab und sage auch den Spielern, dass sie Englisch lernen müssen. Die Neulinge unterstütze ich am Anfang selbstverständlich mit Spanisch oder so. Da bin ich nicht stur.

Verstehen die Spieler auch Ihre Spielphilosophie?
Wicky: Ja, klar. Ich habe schon am ersten Tag erklärt, was meine Ideen sind. Es geht dabei auch um den Umgang im Team, gemeinsame Werte und Regeln, die über die Philosophie auf dem Platz hinausgehen. Das machen wir Tag für Tag. Jetzt gilt es vor allem die neuen Spieler zu integrieren. Ich sehe schon sehr viele gute Sachen, aber es ist auch ein Prozess, der über das ganze Jahr geht.

Wie steht es mit der Kompetenz zwischen Coach und Sportchef?
Heitz: Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen. Das muss so sein. Der Cheftrainer ist ein unglaublich wichtiger Angestellter im Klub. Er muss Entscheidungen mittragen, sonst darf man ihn ja gar nie ent­lassen (lacht). Der Trainer muss mit­entscheiden, alles andere macht keinen Sinn. Es ist auch wichtig, dass man kontrovers diskutiert. Wenn man sich immer einig ist, kommt es nicht gut. Am Schluss gibt es einen gemeinsamen Nenner. Ich würde nie einen Spieler verpflichten, ohne dass der Cheftrainer einverstanden ist.

Das führt uns zum Fall Klinsmann, der als früherer US-Trainer bei Hertha Berlin schon nach ein paar Wochen wegen Streitig­keiten mit dem Sportchef das Handtuch warf.
Heitz: Für uns ist es wahnsinnig schwierig, den Fall Klinsmann aus der Ferne zu beurteilen. Es gibt in der MLS mit Kansas City und New England nur zwei Klubs, wo der Trainer auch der Sportchef ist. Ich bin ein Verfechter davon, die Sachen klar zu trennen. Raphael weiss, wie aufwändig es ist, einen Transfer zu tätigen. Diese Zeit hat der Trainer nicht. Vor allem nicht mit so einem Multikulti-Team wie bei uns, wo die Integration sehr zeitintensiv ist. Raphael hat ein komplett neues Trainerteam zusammengestellt, da gibt es einiges an Integrationsarbeit zu leisten. Raphael und sein Team arbeiten wirklich viele Stunden am Tag. Wir haben ein unglaublich fleissiges Trainerteam, sehr akribisch.
Wicky: Zu Klinsmann kann ich nicht viel sagen, aber für mich ist es immer eine Frage von Erwartungen. Georg und ich haben unsere Erwartungen klar abgesteckt. Das ist wichtig, wenn du einen Job annimmst.

Chicago Fire

Der Klub Chicago Fire wurde 1997 gegründet, spielt seit 1998 in der Major League Soccer. Seit September 2019 gehört der Klub dem amerikanischen Milliardär und Unternehmer Joe Mansueto (63). In der Qualifikation belegte Chicago Fire letzte Saison Platz 8 und verpasste damit die Playoffs um einen Rang. Bekanntester Spieler war Bastian Schweinsteiger, der nach 86 Einsätzen mit total 8 Toren im Oktober 2019 den Rücktritt erklärte. Chicago Fire hatte letzte Saison mit 12 324 Zuschauern den schlechtesten Schnitt der ganzen Liga. Fürs verschobene erste Heimspiel der neuen Saison gingen aber bereits 40 000 Tickets über den Tisch.

Welche Erwartungen hat der neue Investor Joe Mansueto?
Heitz: Natürlich will er Erfolg haben, früher oder später. Aber er sieht auch, was es dafür braucht – unter anderem etwas Zeit. Und dass wir nicht morgen den Pokal in die Höhe stemmen. Aber er ist sehr ehrgeizig und stellt uns grosszügig Mittel zur Verfügung, damit wir mittelfristig erfolgreich sein können. Wir können uns nicht beklagen, sollten auch mit Alibis vorsichtig sein. Wir wollen nicht drei Jahre warten. Wir wollen dieses Jahr in die Playoffs. Das ist unser Anspruch.
Wicky: Es wichtig, dass wir die gleichen Ziele haben, aber auch Zeit dafür bekommen. Wir haben hier in Chicago einen Neuanfang – mit ganz vielen neuen Leuten. Das soll keine Ausrede sein, das wollen wir auch dem Team nicht vermitteln. Wir sind ehrgeizig und möchten so schnell wie möglich Fortschritte erzielen, auch bei den Resultaten.
Heitz: Trainerstab, Sportchef und der technische Direktor sind alle neu hier. Der Besitzer ist erst seit September Mehrheitseigner. Die Zusammenarbeit mit ihm ist hervorragend. Er ist für uns da, lässt uns aber viel Entscheidungsfreiheit. Und wir haben ein Dutzend neue Spieler. Auch die Kabine auf der Trainingsanlage ist neu. Hier wurde alles renoviert.

Klingt nach einer perfekten Ausgangslage für einen Neuanfang.
Wicky: Dieser Wandel ist sehr positiv. Man spürt diese Vorfreude und Energie zur Veränderung. Der Be­sitzer meint es ernst. Er investiert nicht nur in Spieler, sondern auch in die Infrastruktur. Wir kriegen neue Plätze, auch Kunstrasen, und der Nachwuchs wird auch gefördert. Und Downtown haben wir neu ein beeindruckendes Büro.
Heitz: Wir haben hier eine Aufbruchstimmung, eine starke Dynamik. Das macht die Aufgabe für uns attraktiv.
Wicky: Das fängt schon beim Marketing an, da passiert unheimlich viel. Der Verein ist in Chicago in der City nicht wirklich wahrgenommen worden, aber jetzt sieht jeder unser Logo und die Werbung für unser erstes Heimspiel auf den Plakaten, in den Bussen und der Metro. Plus macht das Social-Media-Team einen tollen Job. Und es gibt neu einen Shuttle-Service für die Fans von den Bars ins Stadion. An Spiel­tagen ist die Anreise mit dem ÖV gratis. Wir haben jetzt auch Promotion über TV.

Die schwierigste Aufgabe scheint, die Stadt Chicago vom Fussball zu begeistern.
Heitz: Ja, da sind natürlich auch wir in der Pflicht. Zumindest für unser erstes Heimspiel im Football-Stadion Soldier Field gegen Atlanta haben wir schon über 40 000 Tickets verkauft. Aber es ist klar: Wir müssen Spektakel bieten. Dadurch, dass wir jetzt nicht mehr im alten Stadion spielen, sondern im Herzen der City, haben wir bessere Voraussetzungen. Aber wir müssen Erfolg haben, das ist weltweit überall das beste Mittel, um Leute anzulocken.
Wicky: Beim US-Fan kommt noch hinzu, dass er im Stadion einfach eine gute Zeit haben will. Da zählt nicht nur der Sieg, die Show gehört auch dazu. Als Trainer muss ich dafür sorgen, dass die Mannschaft richtig Gas gibt und dass wir hoffentlich einen attraktiven, ehrlichen und guten Fussball spielen. Am Ende muss der Fan happy sein und sagen: «Hey, das war geil hier.» Und wenn die Kinder auch noch Freude haben, dann kommt die Familie wieder.

Diese überdrehten Show-­Elemente. Wie ist das für Sie als Schweizer?
Wicky: Ich liebe dieses ganze Tamtam. Mir gefällt diese Kultur. Ich habe vor zwölf Jahren hier gespielt und das alles schon kennengelernt. Ich bin begeistert von dieser Sportkultur hier. Wie man da als Kind schon reinwächst, auch die Traditionen. Das geht schon im College los. Die Leute gehen hier zum Sport, um eine gute Zeit zu haben. Die gehen nicht, wie es teilweise in Europa oder Südamerika der Fall ist, ins Stadion, um Frust rauszulassen.

Nervt es nicht, wenn man die ganze Zeit beschallt wird und die Pause gar keine Pause mehr ist?
Heitz: Daran muss man sich gewöhnen. Wir sind Gäste in diesem Land. Wir sind nicht hier, um gewisse Gewohnheiten schlechtzureden.
Wicky: Hier ist das Social-Media-Team vor dem Spiel in der Kabine, und nach dem Spiel auch die Journalisten. Das wäre in Europa undenkbar. Da ist die Garderobe ein Heiligtum. Aber hier kann ich nicht einfach sagen: «Schmeisst alle diese Reporter raus!» Das geht nicht, da passen wir uns an.

Nach dem Karriereende von Bastian Schweinsteiger fehlt Ihnen jetzt aber noch ein Glamour-Boy im Team.
Wicky: Für mich braucht es das nicht.
Heitz: Nein, wir haben in unserer Strategie festgelegt, dass wir nicht einfach einen Star kaufen, damit wir einen grossen Namen haben. Wir möchten unsere Spieler lieber selber entwickeln. Wir haben ein attraktives Team in dieser Liga, eine gute Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern.

Heisst das, dass Chicago das von der MLS festgelegte Team-Lohnbudget von vier Millionen Dollar und den Salary Cap, die sogenannte Gehaltsobergrenze für Spieler, beim Team ausgeglichen anwendet?
Heitz: Nein, das kann man so nicht sagen. Wir haben viel Geld ausgegeben für die sogenannten Designated Player. So darf jedes Team maximal drei Stars holen, deren Lohn nur zum Teil gegen das Budget ge­rechnet wird. Allerdings wollten wir nicht alles Geld auf einen grossen Namen setzen, sondern auch in die Infrastruktur investieren. Wir konnten unser Konzept in dieser kurzen Zeit vernünftig umsetzen.

So läuft die Major League Soccer

Modus: Die 26 Teams sind in zwei Gruppen (Eastern und Western Conference) aufgeteilt. Gegen die 12 Gruppengegner gibts je ein Heim- und Auswärtsspiel. Dazu kommen 5 Heim- und 5 Auswärtsspiele gegen 10 der 13 Klubs aus der anderen Gruppe. Gegen wen, wird ausgelost. In der einmal mehr erweiterten Liga (neu mit David Beckhams Inter Miami und Nashville) treffen 2020 erstmals nicht mehr alle Teams mindestens einmal aufeinander.

Playoffs: Je 7 Teams pro Conference sind qualifiziert. Alle Playoff-Runden bestehen aus einzelnen Knockout-Spielen, 2019 ist der Hin- und Rückspiel-Modus ab-geschafft worden. Heimrecht geniesst der in der Regular Season besser platzierte Klub. In der ersten Runde haben die beiden Gruppensieger Freilose. Innerhalb der Conference spielen der Zweite gegen den Siebten, der Dritte gegen den Sechsten und der Vierte gegen den Fünften. Dann folgen die Conference-Halbfinals und der -Final. Die beiden Conference-Finalsieger fighten dann im grossen Endspiel um den MLS-Titel.

Wie ist das Level der Mannschaft einzuschätzen? Wäre Chicago mit YB auf Augenhöhe?
Wicky: Das ist schwierig zu sagen. Die MLS ist eine sehr schwierige Liga, sehr physisch und extrem ausgeglichen. Zu meiner Zeit als Spieler in den USA hatten wir ein grosses Gefälle bei den Spielern. Die Leistungsdichte ist heute viel grösser, weil auch mehr Geld in der Liga ist. Da die Gehaltsstruktur ausgeglichen sein muss, hast du halt nicht diese Differenzen bei den Budgets wie zum Beispiel zwischen Bayern München und Paderborn. In der MLS ist jedes Spiel extrem schwierig. Dann sind da noch die vielen Reisen zwischen zwei und fünf Stunden. Es gibt 26 Teams von Miami bis nach Vancouver in Kanada, verschiedene Klimata und Höhenlagen.
Heitz: Einen Match gegen YB müsste man tatsächlich spielen, um das herauszufinden. Fragen Sie doch YB-Sportchef Christoph Spycher, ob er Lust auf ein Testspiel hat (lacht).

Wieso nicht? Wir hatten auch schon NHL-Klubs in der Schweiz.
Heitz: Ja, im Hockey gibt es das. Wer weiss, vielleicht auch bald im Fussball. Aber es ist tatsächlich schwierig zu vergleichen. In der MLS geht es etwas wilder zu und her als in Europa. Es geht mehr hin und her, taktisch etwas weniger raffiniert. Allerdings hat es ein paar einzelne Spieler, die besser sind als in der Schweiz, weil eben die vorhin erwähnten Designated Players hohe Qualität haben.

Ist ein Schweizer Spieler auch denkbar bei Chicago Fire?
Heitz: Generell ist es schwierig, zum Beispiel einen U21-Spieler aus Europa in die USA zu locken, weil er hier nicht unbedingt die beste Perspektive sieht, was ein bisschen ein Klischee ist. Aber das wird sich hoffentlich irgendwann ändern. Für die Südamerikaner hingegen gilt das Gegenteil. Die kommen sehr gerne in die MLS, die haben einen besseren Bezug zu Nordamerika.
Wicky: Die Latinos sehen die MLS als Sprungbrett nach Europa. Das sehen die Europäer noch nicht so.

Sie kennen bestimmt den Hollywood-Film «Moneyball», der auf einer realen Geschichte basiert. Brad Pitt stellt als Baseball-Manager sein Team anhand von Statistiken zusammen und hat Erfolg.
Heitz: Wir nutzen selbstverständlich viele verschiedene Programme, aber da muss man immer aufpassen. Entscheidend sind die relevanten Daten. Es gibt so viele Produkte und Zahlen, es ist da eine parallele Industrie entstanden. Da werden Programme angeboten, die eine Zauberformel versprechen.

Der persönliche Faktor spielt eine grosse Rolle.
Heitz: Genau. Der Mensch hinter den Zahlen ist genauso entscheidend wie die Statistiken. Ein Spieler hat vielleicht oft Heimweh, ein anderer hat mit den Temperaturen zu kämpfen. Dem ist Chicago zu kalt. Wir haben das auch schon in der Schweiz erlebt. Da muss auch die Chemie zum Cheftrainer stimmen. Einer kann vielleicht nicht mit Rückschlägen umgehen. Alle diese Faktoren abzuklären, ist unmöglich.
Wicky: Der Amerikaner ist extrem besessen von Statistiken – vor allem in den anderen Sportarten. Aber Fussball ist eine der wenigen Sportarten, in der nicht unbedingt diejenige Mannschaft den Match gewinnt, die statistisch besser gespielt hat.

So war das im zweiten Saisonspiel gegen New England. Chicago Fire hatte die besseren Werte, am Ende resultierte ein 1:1.
Wicky: Ja, richtig. Auch im ersten Spiel, das wir gegen Seattle mit 1:2 verloren, war unsere Statistik teilweise besser. Das nützt aber nichts, wenn du den entscheidenden Zweikampf in der 93. Minute verlierst. In vielen anderen Sportarten stehst du meist als Sieger da, wenn du die bessere Statistik hast. Wir haben das ja in der Champions League mit Basel erlebt, da waren wir oft schlechter, konnten aber immer wieder einen Lucky Punch landen.
Heitz: Das ist genau die Faszination im Fussball. Und davon wollen wir die Leute in Chicago überzeugen.

Wie sieht das persönliche Verhältnis Wicky/Heitz aus? Gemeinsam ins Restaurant oder ins Kino?
Wicky: Also ins Kino sind wir noch nicht zusammen (beide lachen). Aber wir hatten auch noch gar keine Zeit dazu. Wir haben vor sechs Wochen offiziell angefangen und davon fünf Wochen im Trainingslager verbracht. Wir waren also noch gar nichts so richtig hier in Chicago. Aber wir werden sicher mal alle zusammen mit der Familie essen gehen.
Heitz: Klar machen wir das. Wir wollen keine künstliche Distanz, da bin ich entschieden dagegen. Dieses Projekt ist langfristig. Er geniesst vom Besitzer und von meiner Seite sehr viel Vertrauen. Raphael passt perfekt ins Konzept, weil er kein Schwätzer, sondern ein hoch kompetenter Schaffer ist, der auch mal einen Scherz macht.

Sie haben beide eine Vergangenheit beim FC Basel.
Heitz: Ja, aber das hat überhaupt nichts damit zu tun, wie ich zu Raphael stehe. Auch nicht, dass wir beide Schweizer sind. Die einzige Frage, die sich zu diesem Thema stellt, ist: Passt er zu diesem Klub und der Philosophie? Und er tut das voll und ganz.

Abgesehen vom Klub ist auch die Stadt sehr reizvoll.
Wicky: Absolut. Chicago ist eine wunderschöne Stadt und hat unglaublich viel zu bieten. Man sagt auch, es sei das saubere New York. Ich bin seit fast einem Jahr hier, da ich ja vorher schon für den Verband als U17-Trainer der Nationalmannschaft hier tätig war. Vor allem im Sommer ist Chicago ein Traum. Es ist schön warm, und am Sandstrand des Lake Michigan sieht es aus wie am Meer. Chicago ist zwar eine Grossstadt, aber trotzdem kompakt. Downtown gibt es schöne Quartiere, wo man mit dem Velo rumfahren kann. Und natürlich ist Chicago auch eine unglaubliche Sportstadt mit Baseball, Basketball, Eishockey und Football.

Ab dieser Saison zurück in alter Heimat

Für die neue Saison 2020 kehrt Chicago Fire ins Soldier Field im Stadtzentrum zurück. Im Heimstadion des Football Club Chicago Bears jagte man schon von 1998 bis 2001 und zwischen 2003 und 2005 nach Punkten. 2002 wurde die Arena für 365 Millionen Dollar umgebaut, bietet 61 500 Zuschauern Platz. Zum Vergleich: Das knapp 20 km ausserhalb des Zentrums gelegene SeatGeek, das Heimstadion der letzten Saison, hat eine Kapazität von 20 000 Zuschauer.

Das ist für Sie nicht unbedingt ein Vorteil. Der Fussball steht hinten an.
Heitz: Die Stadt ist so gross, dass wir fest daran glauben, dass wir auch für den Fussball viele Leute mobilisieren können. Und das Stadion ist sicher ein Magnet, eine tolle moderne Arena umhüllt von den historischen Mauern.

Der Saisonstart mit einem Punkt aus zwei Spielen ist aber eine Enttäuschung.
Wicky: Nein, ich bin nicht enttäuscht. Klar bin ich mit dem Resultat nicht zufrieden, aber enttäuscht bin ich nicht. Die Art und Weise, wie wir aufgetreten sind, hat mir sehr gefallen. Wir haben gegen den Titelverteidiger aus Seattle überzeugt, und das hat uns Vertrauen gegeben. Und das zweite Spiel war auch auswärts in New England mit einem verdienten Punkt. Und man darf auch nicht vergessen, dass uns ein halbes Dutzend Spieler gefehlt haben. Die Verstärkungen sind jetzt da und können beim nächsten Spiel auflaufen.
Heitz: Von einer Enttäuschung möchte ich auf keinen Fall reden. Da muss ich mich wehren. Wir hatten nur knapp zwei Monate Zeit, um das Team zusammenstellen und uns auf den Saisonstart vorzubereiten. Wir werden bald besser.

Was vermissen Sie aus der Schweiz?
Wicky: Ich vermisse vor allem Familie und Freunde. Das Essen ist für mich kein Problem, das schmeckt hier sehr gut, und Schweizer Schokolade findet man hier überall.
Heitz: Bei mir ist das ähnlich. Die Distanz zur Schweiz ist leider so gross, dass man nicht einfach schnell nach Hause kann. Was mir auch noch fehlt, ist ein kleiner Schweizer Käseladen. Hier in der USA gibt es maximal Emmentaler und Gruyère. Mir fehlt die grosse Auswahl in der Schweiz.

Die Frage, ob Sie die Super League vermissen, lassen wir sein. Aber bitte noch ein Wort zum Leader FC St. Gallen.
Heitz: Absolut beeindruckend, wie die jedes Spiel Gas geben. Es ist toll, dass es in der Schweiz eine spannende Meisterschaft gibt. Leider können wir die Spiele nicht live sehen. Aber der FCSG hat ein Konzept und zieht es durch. Ich hoffe einfach, dass sich die Medien und auch die Fans immer bewusst sind, dass es sehr schwierig ist, dieses Level zu halten. Im Sommer kommen dann ungewollt Veränderungen und Begehrlichkeiten.
Wicky: Dass sie dem FCB und YB die Stirn bieten können, hat mich überrascht. Aber es erstaunt mich nicht, dass in St. Gallen gut gearbeitet wird. Ich kenne Sportchef Alain Sutter schon lange, mit Präsident Matthias Hüppi habe ich beim SRF zusammengearbeitet. Und mit Stefan Wolf, der im Verwaltungsrat sitzt, bin ich befreundet. Das sind gute Leute mit guten Werten, und ich bin überzeugt, dass sie auch im Erfolg weiterhin gut arbeiten werden.

Raphael Wicky

Raphael Wicky wächst im 1350-Seelen-Dörfli Steg VS auf. Beim FC Sion debütiert er mit 16 in der ersten Mannschaft, wird 1997 Meister und holt dreimal den Cup. Via Bremen, Atletico Madrid und Hamburg kehrt der Walliser 2007 für kurze Zeit nach Sion zurück, ehe er seine Karriere in den USA ausklingen lässt. Für die Nati spielt Wicky 75-mal. Nach seiner Karriere beginnt er als Trainer im Juniorenbereich, arbeitet auch als TV-Experte. 2017 wird er Coach der FCB-Profis (bis Sommer 2018). Danach trainiert er die U17-Nati der USA, ehe er Ende 2019 in Chicago anheuert.

Georg Heitz

Der Mann aus Therwil BL ist von 2009 bis 2017 Sportchef beim FC Basel, währenddessen holt der Verein achtmal in Folge den Meistertitel und kann auch auf europäischem Parkett grosse Erfolge feiern. Danach arbeitet Georg Heitz, früher einst Sportjournalist und Angestellter in der Fifa-Medienabteilung, bei der Beratungsfirma HWH – zusammen mit seinen ehemaligen FCB-Führungskollegen Bernhard Heusler und Stephan Werthmüller. Die Firma hat er Ende Dezember 2019 verlassen, um Sportdirektor bei Chicago Fire zu werden.

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