Switzerland

Ziviler Ungehorsam gegen Hitler: Wie Emil und Emmie Oprecht auch Thomas Mann politisierten

Die Zürcher Verleger brachten in den dreissiger und vierziger Jahren viele Exilautoren heraus. Nun strahlt ihr Lebenswerk in neuem Licht.

Emil und Emmi Oprecht-Fehlmann: Auch beim Wintersport trug er Krawatte.

Emil und Emmi Oprecht-Fehlmann: Auch beim Wintersport trug er Krawatte.

Zentralbibliothek Zürich

Die Alte Welt war zusammengestürzt, doch in der Schweiz der dreissiger Jahre schien ein Paar wie ein Fels in der Brandung der Unbill zu widerstehen: Emil Oprecht, Buchhändler, Verleger, ein Mann der Tat im «roten Zürich». Mit ihm aktiv, leidenschaftlich, eine Humanistin: Emmie Oprecht, seine Frau. Das Engagement der beiden für Emigranten und Emigrantinnen war weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt.

Es gibt eine historische Tat, datiert auf den 10. Mai 1933, die den Geist der Oprechts auch für die Nachgeborenen anschaulich werden lässt. Im Schaufenster ihrer kleinen Buchhandlung an der Rämistrasse 5 reagierten sie auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten. Sie bauten darin eine Scheiterbeige und errichteten eine Brandfackel, die auch ein Licht werfen sollte auf das ungleich Grauenhaftere, das bereits am Horizont stand.

Schweizerische Europäer

«Emil Oprecht, Verleger der Exilautoren» heisst ganz schlicht die neue Biografie, die derzeit in den Buchhandlungen auf sich aufmerksam macht. Man kann ihr Erscheinen zu diesem Zeitpunkt kaum zufällig nennen. Ein Zitat des Verlegers von 1948 deckt sich wohl mit der Überzeugung des Biografen, Christoph Emanuel Dejung: «Die Idee eines geeinigten Europa sollte sich schnell durchsetzen, und was könnte besser dafür werben als gute Bücher.»

Dieses gute Buch ist da, und es kommt zur richtigen Zeit. Denn es leistet einen wichtigen Beitrag zur politischen Sensibilisierung der Gegenwart. Wer den Blick ins Landesinnere heute zum einzig gültigen erklärt, wird bei der Lektüre eines Besseren belehrt: Das eigene Wohlergehen wird nur aufblühen, wenn die Sorge um den anderen ähnlich gross ist wie jene um sich selbst. Emil und Emmie Oprechts Lebensleistung ist das leuchtende Beispiel.

Sie beherbergten Flüchtlinge und halfen mit Geld. Als Verleger trotzten sie den Anfeindungen des Schweizerischen Schriftstellerverbandes, der im Aufenthalt «jedes ausländischen Schriftstellers für die schweizerischen Autoren eine Konkurrenz» erkannte. Sie widersetzten sich der Fremdenpolizei und führten ihren Kampf um die Rettung von Flüchtlingen auch nach einer Demarche des Bundesrates weiter. In den Jahren 1933 bis 1945 veröffentlichten die beiden Werke von über dreihundert politisch unliebsam gewordenen Autorinnen und Autoren. Ihr «Europa-Verlag» war ein Unternehmen schweizerischer Europäer.

Ignazio Silones Roman «Fontamara», eine Anklage gegen Mussolini, konnte bei Oprecht erscheinen und genauso die Hitler-Biografie von Konrad Heiden. Schliesslich verlegte man mit «Ein Gott, der keiner war» auch das Zeugnis von Intellektuellen wie Arthur Koestler und André Gide: über ihren Weg zum und ihre Abkehr vom Kommunismus.

Wiederholt veröffentlichte der Verlag auch Bücher unter Umgehung eines expliziten Publikationsverbots, so den einst prominenten Dramatiker Georg Kaiser. Die Oprechts unterstützen ihn finanziell und in seinen Eingaben bei der Fremdenpolizei. Golo Mann wiederum, vom Schriftstellerverband als «unerwünscht» klassifiziert und von der Polizei zur Ausweisung vorgesehen, verschafften sie eine Aufenthaltserlaubnis. Immerhin bis 1939.

Erfolglos allerdings blieben ihre Bemühungen um den Autor Alfred Polgar. Der Schriftstellerverband forderte die Ablehnung seines Aufenthaltsgesuchs, und sämtliche persönlichen und juristischen Bemühungen der Oprechts und anderer Fürsprecher scheiterten.

Ein künstlerischer Diplomat 

In dieser Emigranten-feindlichen Stimmung gelang es Oprecht, so schildert es der Biograf, Thomas Mann zu einem dezidierten Bekenntnis gegen die nationalsozialistische Herrschaft zu bewegen. Der Nobelpreisträger fühlte sich zwar seinen Lesern im Reich verpflichtet, doch er hätte «ein stilles Fernbleiben von Deutschland» vorgezogen. Oprecht drängte, und der Autor ging endlich aus der Reserve. Die Ausbürgerung und der Entzug seines ersten Ehrendoktorats an der Universität Bonn im Dezember 1936 mögen zu seinem Entschluss beigetragen haben.

Mann verfasste eine Streitschrift, mit der er dem Bonner Dekan antwortete. Das Werk erwies sich als Dammbruch: An Neujahr 1936/37 schreibt er in Küsnacht zwanzig Seiten Text. Es ist eine unmissverständliche Antwort an die Nationalsozialisten. Der Briefwechsel erscheint als kleines Büchlein 1937 im Europa-Verlag. Dieser verkauft Lizenzen in vielen Sprachen, der «Briefwechsel» geht um die Welt und – getarnt als Kochbuch, Reiseführer sowie als Richard-Wagner-Libretto –, verkauft er sich zehntausendfach auch in Deutschland.

Emil Oprechts Geschick als Verhandler und Motivator sollte sich später noch einmal erkennen lassen. Er sorgte nämlich für die Rettung des Schauspielhauses Zürich, das nach der Emigration des jüdischen Direktors Ferdinand Rieser nach Amerika ohne Leitung war. Der Schriftstellerverband sowie die Stadt waren sich einig, es sollte «weder ein Jude noch ein Emigrant neuer Leiter sein». Oprecht selbst stellte sich zur Verfügung, führte das Haus interimistisch und zauberte einen Kandidaten aus dem Hut, der allen Parteien genehm war, den Schweizer in Frankfurt, Oskar Wälterlin.

Dass dieser Wälterlin die Bühne in eine Zukunft führte, die bis heute andauert – oder eben erst wieder neu begonnen hat –, steht üblicherweise im Schatten von Oprechts Verdiensten um die Literatur. Die Erinnerung daran ist auch ein Plädoyer für künstlerische Zivilcourage.

Christoph Emanuel Dejung: Emil Oprecht. Verleger der Exilautoren. Verlag Rüffer & Rub, Zürich 2020. 380 S., Fr. 38.–.