Switzerland

YB hat seine Leichtigkeit verloren

Als es viel zu spät ist, erwachen die Young Boys in Lugano doch noch. Und beinahe sind es ihre grossen Sturmtalente, welche für ein wundersames Comeback sorgen. In der 90. Minute erzielt der eingewechselte Samuel Ballet bei seinem Debüt für YB das 1:2-Anschlusstor. Er ist 18. Und in der Nachspielzeit ist es der 19-jährige Felix Mambimbi, der auf einmal ganz allein aufs Tor laufen kann – aber an Luganos Goalie Noam Baumann scheitert.

Und so verliert YB auch das zweite Auswärtsspiel in der Rückrunde nach dem ernüchternden 0:2 in Luzern. Der Auftritt in Lugano ist noch deutlich schwächer als der zwei Wochen zuvor. Der Meister ist uninspiriert, fahrig, harmlos, er präsentiert sich ausgesprochen fehlerhaft und wie ein ganz normales Super-League-Team. Die Magie der letzten Rekordsaison ist weit weg, die Leichtigkeit sowieso, die Young Boys haben nach vielen personellen Wechseln und enormen Verletzungssorgen ihre Aura eingebüsst. In den letzten sieben Partien erzielten sie nur fünf Tore.

Endlich ein Auswärtstor

Es fehlt YB insbesondere in Auswärtspartien seit einiger Zeit an Souveränität, Stilsicherheit, Spielfreude. Bis zu Ballets Treffer schafften es die Berner in Lugano in 90 Minuten nicht ein Mal, aufs Tor zu schiessen. Und so sagt ihr Trainer Gerardo Seoane nachdenklich: «Wir wissen, dass wir uns verbessern müssen.»

Immerhin erzielen die Young Boys in Lugano endlich mal wieder einen Treffer in der Fremde. Zuvor waren sie fast 400 Minuten und während insgesamt 84 Tagen ohne Torerfolg in Auswärtsspielen geblieben. Sie trafen nicht beim schwachen Auftritt in Basel (0:3). Sie trafen nicht beim noch schwächeren, ausgesprochen energielosen Gastspiel in Lugano (0:0) kurz vor Weihnachten, als der Akku leer war. Und sie trafen nicht in Luzern.

Am Sonntag tun sie sich im Tessin mal wieder überaus schwer. Ihre Vorstellung hat trotz ihres Torschützen wenig mit Ballett, aber viel mit Krampf zu tun. In Lugano reibt man sich vor nur rund 3000 Zuschauern in stimmungsloser Ambiance mehrmals die Augen und fragt sich, ob das wirklich jener Verein ist, welcher über zwei Jahre lang spektakulär durch die Liga gerauscht ist.

84 Tage vorher hatte YB in Sion 4:3 gewonnen. Roger Assalé schoss das späte Siegtor, Jean-Pierre Nsame traf dreimal. Assalé ist mittlerweile in Spanien bei Leganés, Nsame in Lugano gesperrt. Der überragende Torschütze mit bereits 17 Saisontreffern fehlt wie der gleichfalls gesperrte Nicolas Ngamaleu in der Offensive. Guillaume Hoarau erhält zwar eine Spielgelegenheit, doch der Altmeister ist nach mal wieder längerer Verletzungspause weit von seiner Bestform entfernt und über 94 Minuten total ungefährlich.

Weil diesmal auch Christian Fassnacht enttäuscht und Marvin Spielmann erneut wie blockiert wirkt, gelingt YB offensiv bedenklich wenig. «Wir haben ihnen das Leben schwer gemacht», sagt Luganos Coach Maurizio Jacobacci. Der Stadtberner hat seine Mannschaft klug eingestellt, die Gastgeber agieren defensiv und aggressiv, solidarisch und hart.

Die krassen Abwehrfehler

YB zeigt sich überraschend früh beeindruckt vom aufsässigen Gegner. In Lugano werden selten bis nie Schönheitspreise verteilt, mit vielen Foulspielen unterbinden die Tessiner auch am Sonntag den Spielfluss. Der Rasen ist schwierig zu bespielen, was eher im Sinn der rustikalen Luganesi ist. Und zu vielen Fehlern bei den Young Boys führt. Vor der Pause ist ihr Auftritt geradezu grotesk hilflos.

Weil zudem die Defensive beim einzigen halbwegs ernsthaften Angriff Luganos freundlich zuschaut, wie Filip Holender über den halben Platz spaziert, sogar am YB-Strafraum nicht attackiert wird und mit einem präzisen Flachschuss trifft, ist das 1:0 für Lugano nach einer grausamen ersten Halbzeit verdient.

Auch nach über 70 Minuten haben die Teams – das destruktive Lugano und das verkrampfte YB – erst einen Torschuss abgegeben. Dem Favoriten gelingt wenigstens eine sanfte Leistungssteigerung, in den ersten zwanzig Minuten nach dem Seitenwechsel sind die Young Boys dank des eingewechselten Miralem Sulejmani bemühter und schwungvoller. Doch sie bleiben unentschlossen, einen Punkt verdienen sie nicht. Und vor dem 2:0 durch den früheren YB-Stürmer Alexander Gerndt fünf Minuten vor Spielende patzt auch noch Captain Fabian Lustenberger schwer.

Nach Gerndts später Gelb-Roter Karte erwacht YB endlich doch noch. Hätte der fleissige Mambimbi in der 92. Minute das 2:2 erzielt, wären die Young Boys wieder Leader. Es hätte ein sehr gutes Wochenende für sie werden können. Aber das gilt auch für die St. Galler und die Basler. Der Tabellenführer verliert 0:1 beim formstarken Luzern, der FCB 0:1 gegen das formstarke Thun – und zum vierten Mal in fünf Partien.

Am Sonntag in St. Gallen

Die Krise in Basel akzentuiert sich. Auf die gleichfalls schwächelnden Young Boys wiederum wartet in sechs Tagen das Gipfeltreffen in St.Gallen. Sie dürften dann auf einen Gegner treffen, der nicht wie Lugano nur das Spiel zerstören will. Der Plan der Tessiner am Sonntag geht erstaunlich problemlos auf. Es ist ihr erster Heimsieg gegen YB nach 18 Jahren.