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Wo sich Corona «wie ein Lauffeuer verbreiten» könnte: Weltweit leben eine Milliarde Menschen in Slums

In den informellen Siedlungen in Afrika, Asien und Lateinamerika wird es immens schwierig, die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren. Ausgangssperren sind kaum praktikabel – nicht zuletzt wegen der enormen Armut.

Kinder tragen Masken im Slum von San Juan, Luzon. Die Regierung hat die gesamte Insel abgeschottet. Aufgenommen am 23. März 2020

Kinder tragen Masken im Slum von San Juan, Luzon. Die Regierung hat die gesamte Insel abgeschottet. Aufgenommen am 23. März 2020

Ezra Acayan / Getty 

Abstand halten, Hände waschen, zu Hause bleiben: Was in hiesigen Breitengraden meist höchstens an der eigenen Disziplin zu scheitern droht, ist in anderen Weltregionen ein fast unmögliches Unterfangen. Das gilt insbesondere in den informellen Stadtsiedlungen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Weltweit leben über eine Milliarde Menschen in solchen Slums, die meisten von ihnen in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Diese Siedlungen drohen nun zu Covid-19-Brutstätten zu werden. Die üblichen Eindämmungsmassnahmen seien hier schlicht nicht umsetzbar, hielt Leilani Farha, die Uno-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen, kürzlich in einem Schreiben fest. Falls sich daran nicht rasch etwas ändere, könne sich das Virus hier «wie ein Lauffeuer verbreiten». 

Wenn das Händewaschen zur hohen Hürde wird

In vielen Slums ist die sanitäre Infrastruktur so schlecht, dass selbst das regelmässige Händewaschen zu einer Herausforderung wird. Oft teilen sich mehrere Parteien Küche, Toilette und Dusche. Vielerorts fehlt eine Kanalisation. Nicht selten muss ein Wasseranschluss reichen, um Hunderte von Personen zu versorgen. 

In den Slums von Makoko in Nigeria ist Social Distancing unpraktikabel. Kinder ziehen ein Kanu aus dem Schlamm.

In den Slums von Makoko in Nigeria ist Social Distancing unpraktikabel. Kinder ziehen ein Kanu aus dem Schlamm.

Sunday Alamba / AP

Laut der Uno sind diese Missstände in afrikanischen Slums besonders ausgeprägt. Für zwei Drittel aller Stadtbewohner des Kontinents – über 250 Millionen Menschen – ist es demnach kaum möglich, sich regelmässig die Hände zu waschen. In Lagos, der mit rund 20 Millionen Einwohnern grössten Stadt des Kontinents, zeigt sich dieser Missstand beispielhaft. Nur 16 Prozent der Einwohner verfügen über einen Wasseranschluss. Die meisten Menschen beziehen ihr Wasser an zentralen Ausgabestellen, doch auch solche fehlen in vielen Quartieren. 

Deutlich zeigt sich in den über hundert Slums der nigerianischen Riesenmetropole auch ein anderes Problem, das zum lokalen Katalysator der Corona-Krise werden könnte: die schlechte medizinische Versorgung. Viele der knapp 300 Gesundheitszentren der Stadt sind schlecht ausgestattet und chronisch unterbesetzt, oft kommt es zu Engpässen bei Medikamenten. Zudem verfügt nicht einmal jeder zehnte Nigerianer über eine Krankenkasse. Viele können sich einen Arztbesuch deshalb kaum leisten; in Lagos lebt jede dritte Person in extremer Armut.

Gänzlich unpraktikabel ist in vielen Slums der Welt die Praxis des Social Distancing. In den Bidonvilles von Abidjan, in den Favelas von Rio de Janeiro und in den Slums von Manila stehen die Häuser dicht an dicht. Nicht selten teilen sich ganze Familien nur einen Raum. Besonders eng ist es in den informellen Siedlungen Indiens. In Dharavi in Mumbai, dem grössten Slum Asiens, leben 850 000 Menschen auf nur einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Paris, der am dichtesten besiedelten Stadt Europas, sind es rund 20 000 Menschen – obwohl die Häuser hier deutlich höher sind. «Social Distancing ist eine ferne Realität in Dharavi», sagte ein indischer Arzt unlängst. Das Quartier, in dem in den letzten Tagen die ersten Corona-Fälle bestätigt wurden, sei eine «tickende Zeitbombe».

Noch stehen die meisten Slums am Anfang der Epidemie. Erfahrungswerte über die effektive Ausbreitung des Coronavirus gibt es bis jetzt kaum. Dass die Armensiedlungen für Viren ideale Brutstätten sind, hat sich in der Vergangenheit aber immer wieder gezeigt. Eine Studie kam vor einigen Jahren beispielsweise zum Schluss, dass sich die Grippe in den Slums von Delhi wesentlich schneller und stärker ausbreitete als in wohlhabenderen Quartieren der indischen Hauptstadt.

Experten raten, sich regelmässig die Hände zu waschen. Ob diese Frau dem Rat nachgehen kann, sei dahingestellt.

Experten raten, sich regelmässig die Hände zu waschen. Ob diese Frau dem Rat nachgehen kann, sei dahingestellt.

Altaf Qadri / AP

«Wir haben schlicht nicht die Mittel»

Dass die in den meisten europäischen Staaten verhängten Ausgangssperren in informellen Siedlungen schwer durchsetzbar sind, hat noch einen weiteren Grund: Viele Bewohner von Slums können es sich schlicht nicht leisten, wochenlang zu Hause zu bleiben. 

«Eine strikte Isolation führt hier nicht nur zu einer Einschränkung der Lebensqualität», sagt Annie Wilkinson, Gesundheitsexpertin des britischen Institute of Development Studies. «Sie führt dazu, dass Leute Hunger leiden.»

In vielen Slums verdient die Mehrheit der Bewohner den Lebensunterhalt im informellen Sektor, also etwa mit Gelegenheitsjobs oder mit dem Betrieb eines kleinen Marktstands. Diese Menschen leben oft ohne jede soziale Absicherung und verdienen gerade so viel, dass sie das Allernötigste beschaffen können. Fällt das Einkommen aus, geraten sie bereits nach wenigen Tagen in existenzielle Schwierigkeiten.

«Wir haben schlicht nicht die Mittel, um die Kosten einer Ausgangssperre abzufedern», sagte Patrice Talon, der Präsident des westafrikanischen Kleinstaats Benin, vergangene Woche. «Wir sind nicht in der gleichen Situation wie die USA oder Europa», gab jüngst auch Pakistans Ministerpräsident Imran Khan zu bedenken. Er drückte das Dilemma, in dem sich viele arme Länder befinden, wie folgt aus: «Wenn wir in unseren Städten die Menschen einsperren, retten wir sie vor dem Corona-Virus, lassen sie aber gleichzeitig verhungern.»

In Städten mit grossen Slums ist die Aufgabe, eine Balance zu finden zwischen Eindämmungsmassnahmen und wirtschaftlicher Verhältnismässigkeit, deshalb von buchstäblich existenzieller Bedeutung. Wer dies nicht schafft, verursacht nicht nur grosse Not, sondern löst womöglich auch erheblichen Widerstand in der Bevölkerung aus. In einem Slum der liberianischen Hauptstadt Monrovia etwa kam es 2014 während der Ebola-Epidemie zu schweren Ausschreitungen, nachdem das gesamte Quartier unter Quarantäne gestellt worden war. Viele Bewohner hatten dadurch ihr Einkommen verloren und gingen – oft mit leerem Magen – wütend auf die Strasse. 

Was getan werden müsste

Leilani Farha, die Uno-Sonderberichterstatterin, hat jüngst dargelegt, was in informellen Siedlungen getan werden müsste, um in der Corona-Krise das Schlimmste zu verhindern. Einige der Forderungen lassen sich relativ problemlos umsetzen, auch kurzfristig: Es soll keine Vertreibungen geben, Aufklärungskampagnen müssen lanciert werden, und Strom und Wasser sollen auch dann weiterfliessen, wenn Bezüger die letzten Rechnungen nicht bezahlt haben. 

Andere Punkte auf der Massnahmenliste muten derweil eher an wie ambitionierte Fernziele grosser Entwicklungsprojekte: Alle Bewohner sollen einen einfachen und bezahlbaren Zugang haben zu Toiletten, Duschen, Wasser, Desinfektionsmitteln und Schutzmasken – immer unter Einhaltung des Social Distancing. Und: Alle sollen Zugang haben zu einer Gesundheitsversorgung.

Solche Massnahmen wären zweifellos dringend angezeigt – auch ohne akute Gesundheitskrise. Nun aber sind sie in nötiger Frist in den meisten Fällen schlicht nicht mehr umsetzbar.

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