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Wissenschaftler sind skeptisch: Wie tödlich ist die Corona-Mutation? Kritik nach Johnsons Warnung

Gesundheitsexperten halten es für zu früh, um zu sagen, dass die Mutante tödlicher sei. Johnson habe voreilig informiert. Seine Berater verteidigen ihn.

Der britische Premierminister Boris Johnson warnte am Freitag vor einer erhöhten Sterblichkeit bei der britischen Corona-Mutation – Experten kritisieren ihn dafür heftig. (Leon Neal/Pool via AP)

Der britische Premierminister Boris Johnson warnte am Freitag vor einer erhöhten Sterblichkeit bei der britischen Corona-Mutation – Experten kritisieren ihn dafür heftig. (Leon Neal/Pool via AP)

Foto: Leon Neal (Keystone/AP)

Eine Mutation des Coronavirus, eine rasante Verbreitung – und nun auch eine höhere Sterblichkeit? Was wie der Alptraum jedes Virologen klingt, könnte in England derzeit wahr werden. So legen es jedenfalls Aussagen des britischen Premierministers Boris Johnson nahe, denen zufolge die in Grossbritannien entdeckte Variante des Coronavirus möglicherweise tödlicher ist als die bislang vorherrschende. Die Aufregung ist gross. Denn diese Nachricht war immer befürchtet worden, seitdem ebenfalls Johnson kurz vor Weihnachten von der raschen Ausbreitung dieser Mutation berichtet hatte, die mittlerweile den Namen B.1.1.7 trägt.

«Wir wurden heute darüber informiert, dass es zusätzlich zur schnelleren Ausbreitung einige Hinweise dafür gibt, dass die neue Variante (...) mit einer höheren Sterblichkeit verbunden sein könnte», sagte Johnson am Freitag vor Journalisten. Die Botschaft sandte Schockwellen auch nach Deutschland. «Darauf hat niemand gewartet... Für heute Nacht reicht es mir jetzt», twitterte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Kritik der Wissenschaft

Doch am Samstag sah sich Johnson Kritik britischer Wissenschaftler ausgesetzt. «Ich war ehrlich gesagt ziemlich überrascht, dass die Nachricht auf einer Pressekonferenz mitgeteilt wurde», sagte Mike Tildesley, Mitglied des wissenschaftlichen Expertengremiums Sage, der BBC. «Ich mache mir Sorgen, dass wir Dinge voreilig melden, wenn die Daten noch nicht wirklich besonders aussagekräftig sind.»

Die Mutation B.1.1.7 war Ende vergangenen Jahres in der südostenglischen Grafschaft Kent aufgetaucht und hatte sich rasch in London und Teilen des Landes ausgebreitet. Die Behörden machen die Variante verantwortlich für einen starken Anstieg der Neuinfektionen um den Jahreswechsel. Noch immer werden täglich Zehntausende neue Corona-Fälle und mehr als 1000 Tote gemeldet, Krankenhäuser und Pflegepersonal arbeiten am Anschlag.

Bei Viren treten stetig zufällige Veränderungen im Erbgut auf, Mutationen genannt. Manche verschaffen dem Erreger Vorteile – etwa, indem sie ihn leichter übertragbar machen. Die in Grossbritannien aufgetretene Variante ist nach Ansicht britischer Experten 30 bis 70 Prozent leichter übertragbar als die bislang vorherrschende.

Reichen die Daten aus?

Keinen Zweifel gibt es daran, dass Wissenschaftler tatsächlich eine Steigerung der Sterblichkeit durch B.1.1.7 nachgewiesen haben. Sterben bei der bisherigen Form 10 von 1000 Männer in ihren 60er Jahren, sind es bei der Variante etwa 13 oder 14. Die Frage ist aber: Wie valide, wie aussagekräftig sind die Daten? Reichen die bisher bekannten Informationen aus, um eine solch brisante Nachricht zu dieser Zeit an die Öffentlichkeit zu geben?

Und genau in diesem Punkt sind Experten skeptisch. «Ich würde gerne noch ein oder zwei Wochen warten und ein bisschen analysieren, bevor wir wirklich starke Schlussfolgerungen ziehen», sagte Tildesley. Bisher sei die genutzte Datenmenge eher klein.

Ähnlich äusserte sich die medizinische Direktorin der Gesundheitsbehörde Public Health England, Yvonne Doyle. Es sei «nicht vollständig klar», dass die Mutante tödlicher sei, sagte Doyle dem Sender BBC Radio 4. «Es ist zu früh, das zu sagen.» Bereits auf derselben Pressekonferenz Johnsons hatte sein wissenschaftlicher Top-Berater Patrick Vallance gesagt, es sei noch sehr unsicher, ob und wie viel tödlicher die neue Variante ist.

«Falls wir den Menschen nichts davon sagten, würde uns vorgeworfen, es vertuscht zu haben.»

Peter Horby, Chef einer wissenschaftlichen Beratergruppe der Regierung

Andere Wissenschaftler verteidigten Johnson. «Wir müssen transparent sein», sagte Peter Horby, Chef einer wissenschaftlichen Beratergruppe der Regierung, der BBC. «Falls wir den Menschen nichts davon sagten, würde uns vorgeworfen, es vertuscht zu haben.» Wichtig sei, die Neuigkeit einzuordnen. «Dies ist ein Risiko für eine bestimmte Altersgruppe und dieses Risiko hat sich erhöht», sagte Horby. «Aber für die meisten Menschen ist es noch immer keine gefährliche Krankheit.»

Entscheidend sei vor allem, dass die bisher eingesetzten Impfstoffe allem Anschein nach auch gegen B.1.1.7 wirken. Bisher wurden in Grossbritannien mehr als fünf Millionen Menschen geimpft.

Johnsons Gespür für den rechten Zeitpunkt

Doch es ist nicht das erste Mal, dass Johnson mit einem nicht abgestimmt wirkenden Vorstoss in der Corona-Pandemie für Verwirrung sorgt. Kurz vor Weihnachten hatte er gesagt, dass die Mutation bis zu 70 Prozent schneller übertragen werde. Damit rechtfertigte Johnson einen neuen nationalen Lockdown mit weitreichenden Ausgangs- und Reisebeschränkungen. Doch damit löste er auch überstürzte Grenzschliessungen und Flugverbote der EU-Staaten aus. Tagelang stauten sich Tausende Lastwagen in Südengland, weil Frankreich den Fährverkehr und den Eurotunnel dicht machte.

Schon häufiger wurde dem Populisten Johnson vorgeworfen, er habe in der Corona-Krise sein Gespür für den rechten Zeitpunkt verloren. So hat der Premier bereits mehrfach selbst gesetzte Fristen gerissen, wann das Land aus dem Gröbsten heraus ist. Derzeit ist der Stand von Johnson und seinen Mitstreitern: zu Ostern. Gesundheitsminister Matt Hancock etwa lässt keine Gelegenheit aus mitzuteilen, dass er sich für die Sommerferien bereits ein Cottage in Cornwall gemietet habe.

Johnson informiert die Öffentlichkeit und sorgt damit einmal mehr auch für Verwirrung.

Johnson informiert die Öffentlichkeit und sorgt damit einmal mehr auch für Verwirrung.

Foto: Leon Neal (Keystone/AP)

SDA/anf

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