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Wir streiten nicht zu viel, sondern viel zu wenig – denn im Konflikt liegt eine Kraft, die uns eint

Kein Anlass für Kulturpessimismus: Wie wir in der Streitgesellschaft bestehen und dabei sogar noch gute Laune bewahren

Auch wenn es manchmal nicht so aussieht: Der Streit ist eine Kraft, die uns eint. Brexit-Gegner und -Befürworter im Januar 2019 vor dem britischen Parlament.

Auch wenn es manchmal nicht so aussieht: Der Streit ist eine Kraft, die uns eint. Brexit-Gegner und -Befürworter im Januar 2019 vor dem britischen Parlament.

Jack Taylor / Getty

Streit und Konflikt, wohin wir auch blicken! Alle liegen sich in den Haaren, nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch im Parallelleben, zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Politik. Immer öfter, immer intensiver, immer aggressiver.

Dabei spielt eine Eskalationslogik, die hinlänglich bekannt ist und uns eigentlich eines Besseren belehren sollte: Polemik, Polarisierung, Populismus und zunehmend gewalttätige Proteste. Die Proteste wiederum generieren neue Polemiken, und so verwandelt sich die Eskalation in einen Teufelskreis, der sich unablässig selber antreibt. Manche klinken sich ganz aus, weil sie die Unruhe nicht mehr spüren wollen. Andere beginnen von den guten alten Zeiten zu träumen, als Konsens herrschte statt Konflikt.

So geht ein verbreitetes, zutiefst pessimistisches Räsonnement, das auf einem radikal optimistischen Menschenbild fusst. Der Mensch war im Ursprung ein konfliktscheues Wesen, doch wurde er irgendwann verdorben – wahlweise von der Gesellschaft, der Moderne, der Macht, der Technik. Seither hat dieses Wesen seine Form nicht wiedergefunden, sondern es driftet immer weiter ab. Die Verrohung der Sitten ist nicht mehr aufzuhalten, die Vulgarisierung des menschlichen Zusammenlebens wird zum Dauerzustand.

Aber stimmt die Diagnose wirklich? Macht es sich, wer das Hohelied auf den friedlichen Naturzustand des Menschen anstimmt, nicht allzu leicht? Und deutet er die sozialen Dynamiken durch seine deterministische Sicht – aus Streit wird Gewalt – in angemessener Weise?

I. Am Ende steht der Nazi-Vergleich

Nehmen wir den Inbegriff der modernen Technik – das Internet, oder genauer: die sozialen Netzwerke. Sie gelten als Spiegel unserer streitsüchtigen Zeit, Twitter und Facebook sind demnach exemplarisch für den Zerfall der rhetorischen Sitten.

Es stimmt schon, Netz-Dispute kennen oftmals nur eine Richtung – nach unten, in der Art einer Endlosspirale. Die Mechanismen lassen sich grundsätzlich in drei Regeln zusammenfassen. Murphys Gesetz spielt im Netz so gut wie immer: Was schiefgehen kann, geht schief, oder präziser: Wer missverstanden werden kann, wird garantiert missverstanden. Sodann: Jede Diskussion im Netz mündet irgendwann in eine Wortklauberei und ist damit im besten Fall zu Ende (Laynes Gesetz, benannt nach einem Software-Entwickler). Geht der Disput dessen ungeachtet weiter (und immer weiter), wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einen Nazi-Vergleich oder alternativ in den Vorwurf der Nazi-Keule ausarten (Godwins Gesetz, benannt nach einem amerikanischen Anwalt).

Ja, diese Dynamiken spielen zunehmend auch ausserhalb der sozialen Netzwerke, und das ist nicht eben erbaulich. Dennoch ist es sinnlos, die digitale Technik für die Trivialisierung unserer Kommunikationskultur verantwortlich zu machen. Nicht die Technik verformt den Menschen, der Mensch selbst ist aus krummem Holz geschnitzt – und mobilisiert sämtliche geistigen Kräfte, um gegenüber anderen recht zu behalten. Es war der gute alte Schopenhauer, dieser ebenso mürrische wie vergnügliche Philosoph, der die Kunst der erfolgreichen brutalen Rechthaberei in einem postum veröffentlichten Essay namens «Eristische Dialektik» wunderbar beschrieb – vor beinahe zweihundert Jahren.

II. Idiotisierung, Demoralisierung, Pathologisierung

Schopenhauer spricht von der «geistigen Fechtkunst zum Rechtbehalten im Disputieren», was sehr edel klingt. Wie es sich für einen Ehrenmann des 18. Jahrhunderts geziemt, betont er darüber hinaus, nicht selbst zur Sophisterei anstiften, sondern bloss helfen zu wollen, die Sophisten dieser Welt zu entlarven. Aber natürlich ist sein Werk die perfekte Anleitung für alle Netz-Guerilleros, um auch heute in jedem Fight die Oberhand zu behalten – notfalls im Rückgriff auf den verbalen Zweihänder.

Nach Schopenhauer gibt es drei Formen von Argumenten, jene ad rem, ad personam und ad hominem. Die erste Kategorie ist die langweiligste, da geht’s im Wesentlichen darum, den Gegner durch Fehlschlüsse in sophistischer Manier aufs Glatteis zu führen. Die Argumente ad personam sind schon einen Tick fieser, weil sie den Kontrahenten zu verwirren trachten – sie reichen von Sprachspielereien über die willkürliche Unterbrechung des Redeflusses, Pauschalisierung und Provokation bis hin zur verbalen Zumüllung der Person, die es gewagt hat, sich auf einen Disput einzulassen.

Streit gibt es auch unter Gleichgesinnten: Zwei Unterstützer des amerikanischen Präsidenten, Donald Trump, geben sich 2017 vor der Universität Berkeley Saures.

Streit gibt es auch unter Gleichgesinnten: Zwei Unterstützer des amerikanischen Präsidenten, Donald Trump, geben sich 2017 vor der Universität Berkeley Saures.

Stephen Lam / Reuters

Richtig boshaft und erfolgversprechend ist allerdings erst Strategie Nummer drei – in Schopenhauers Worten: «Wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob.» Der Kontrahent gehört nicht nur verwirrt, sondern nach allen Regeln der Kunst verunglimpft – man appelliert an das Tier im anderen, indem man ihn genau darauf reduziert. Besonders beliebte Strategien der Entmenschlichung sind die Idiotisierung («Du bist ein Vollpflock»), die Demoralisierung («Du bist ein schlechter Mensch») oder die Pathologisierung («Du bist so was von krank») – oder alles zusammen: eben die Titulierung als Nazi-Untermensch, siehe oben.

Auch das ist nicht eben erbaulich, aber Schopenhauers pessimistisch grundierte Anthropologie erlaubt dennoch einen optimistischeren Blick auf das menschliche Treiben. Der Mensch ist nach ihm so schlecht wie eitel – und will sich vor anderen niemals eine Blösse geben. Aber dieselbe Eitelkeit kann unter anderen Umständen auch dazu führen, dass er sich bessert und wirklich streitet – ohne sophistische Tricks und persönliche Attacken. Es kommt auf das soziale Setting und die Peers an wie einst auf dem Pausenhof. Die Welt ist also für Misanthropen noch lange nicht verloren.

III. Ein neuer Begriff von Konflikt

Eines jedoch haben der heutige Zeitgeist und der gute alte Schopenhauer gemeinsam: Sie beide betrachten den Streit, den Disput, den Konflikt als ein Übel, dem man sich nach Möglichkeit entziehen sollte. Falsch!, ruft nun der Philosoph Reinhard K. Sprenger, dem breiten Publikum bekannt durch seine zahlreichen Management-Bücher. Er stellt sich in seinem neuen, höchst lesenswerten Werk «Magie des Konflikts» gegen die weitverbreitete Geringschätzung des Streits und regt an, die Sache diametral anders zu betrachten: Die meisten schreien oder schweigen heute – aber kaum mehr jemand streitet. Leider. Denn der Streit ist nicht das Problem, sondern wäre eigentlich die Lösung.

Zuerst betreibt Sprenger in einer phantastischen philosophischen Volte eine Ideologiekritik an jener Ideologiekritik, wie sie von Jürgen Habermas in den 1960er Jahren an den verzerrten Kommunikationsbedingungen moderner Gesellschaften formuliert wurde. Nach Sprenger gibt es keinen herrschaftsfreien Diskurs, in dem der zwanglose Zwang des besseren Arguments herrscht, wenn sich alle auf die eine grossgeschriebene Vernunft besinnen.

Eine solche Habermassche Übungsanlage führte im Gegenteil bloss zu neuen Konflikten, weil die Vernunft stets im Dienste der zunehmend heterogenen Lebensformen und Lebensentwürfe der Vernunftträger steht. In jeder Situation treffen nicht nur unterschiedliche Geltungs-, sondern auch unvereinbare Erfahrungsansprüche aufeinander. Das Ziel kann deshalb nach Sprenger keine «multikulturelle, konflikt- und abwertungsfreie one world» sein, sondern gerade umgekehrt: Das Ziel muss darin bestehen, unter Gleichwertigen, aber Grundverschiedenen ebenso lustvoll wie fruchtbar zu streiten.

Damit dies möglich ist, braucht es einen neuen Blick auf den Streit als Normalfall des menschlichen Lebens, oder in Sprengers Worten: einen neuen Begriff des Konflikts. Er nimmt Ausgang von einem Befund, den alle Ehepartner kennen: Solange man streitet, ist man gemeinsam unterwegs – wobei die Beziehung genau in dem Moment zu Ende geht, in dem der Streit erlischt und man sich peinlich anschweigt.

Zunächst: Wer streitet, will streiten – denn niemand hat ihn dazu gezwungen. Diese Feststellung hat ein paar interessante Implikationen. Wer sich auf einen Streit einlässt, anerkennt den anderen tatsächlich als satisfaktionsfähig; er hat «skin in the game», also etwas zu gewinnen oder auch zu verlieren; er legt ein genuines Interesse und Engagement an den Tag. Dann, ganz wichtig: Wer streitet, hat zumindest ein gemeinsames Problem, also eine gemeinsame Basis, und vor allem: Wer streitet, glaubt implizit an eine gemeinsame Zukunft der Kontrahenten, in der Beziehung, in der Freundschaft, im Beruf. Der Streit stiftet also ein soziales Band, das es ohne ihn nicht gäbe. Die entscheidende Frage ist darum stets – was ist das Gemeinsame, was uns trennt?

IV. Konfliktfähigkeit heisst die neue Tugend

Zugleich sollten wir uns nach Sprenger keine Illusionen machen. Verstehen unter Menschen heisst im besten Fall oftmals nur: mit dem Unverstandenen einverstanden sein. Ähnlich verhält es sich mit dem Konflikt. Streiten kann heissen: sich auf das Streitbare verständigen, es vertiefen, es weiterdrehen.

Der streitbare Mensch lässt die Vernunft nicht fahren – aber er stellt zugleich «die Einzigrichtigkeit der eigenen Erkenntnisfähigkeit» infrage. Er unterscheidet sich sowohl vom Nihilisten, der im Menschen ein tragisches, stets irrendes Wesen erkennt, als auch vom Relativisten, der an keine Wahrheit mehr glaubt. Der Unterschied scheint klein und ist doch immens: Der streitbare Mensch weiss, dass er im Unwahren lebt – er strebt danach, es zu minimieren, ohne sich selbst absolut zu setzen. Er nimmt sich, wie er ist – weder Engel noch Tier. Und er arbeitet Tag für Tag an der eigenen Vernünftigkeit, so gut es eben geht.

Dabei meint Vernünftigkeit letztlich nichts anderes als: «Konfliktfähigkeit», Sprengers neues Zauberwort. Das Annehmen, das Aushalten, das Akzentuieren der Spannung. Wer sich darauf einlässt, lernt eine Menge über die anderen, die Welt, sich selbst. Das ist nicht viel, muss aber genügen für ein Wesen, das oft mit sich selbst hadert. Der Befund ist so ernüchternd wie ermutigend: Konfliktfähigkeit ist die neue Tugendhaftigkeit. Gefragt sind – in Sprengers Diktion – unerschrockene «Konfliktkünstler» mit trainierter eigener Urteilskraft. Wohlan, das lebenslange Üben im Streiten hat eben begonnen!

Reinhard K. Sprenger: Magie des Konflikts. Warum ihn jeder braucht und wie er uns weiterbringt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020. 320 S.

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