Switzerland

«Wir machen Hitachi globaler»

Der japanische Grosskonzern Hitachi hat die Stromnetzsparte von ABB nicht nur wegen ihrer marktführenden Stellung erworben. Sie sei auch wichtig, um die Internationalisierung des gesamten Hitachi-Konzerns voranzubringen, sagt der Chef der neu gebildeten Gruppe Hitachi ABB Power Grids, Claudio Facchin.

Electrical power lines hang from a transmission pylon in Yokohama, Japan, on Saturday, Sept. 19, 2020. Japan will ease some immigration regulations imposed due to the coronavirus pandemic from Oct. 1 to allow long-term residents to enter the country. Photographer: Takaaki Iwabu/Bloomberg

Electrical power lines hang from a transmission pylon in Yokohama, Japan, on Saturday, Sept. 19, 2020. Japan will ease some immigration regulations imposed due to the coronavirus pandemic from Oct. 1 to allow long-term residents to enter the country. Photographer: Takaaki Iwabu/Bloomberg

Takaaki Iwabu / Bloomberg

Still und unspektakulär ist dieses Jahr in Zürich Oerlikon ein Industriekonzern entstanden, der in über neunzig Ländern präsent ist, rund 36 000 Mitarbeiter zählt und 115 Fabriken betreibt sowie jährlich knapp 10 Mrd. $ umsetzt. Doch es ist keineswegs eine Briefkastenfirma, die aus steuertechnischen Überlegungen den Sitz in die Schweiz verlegt hat, sondern ein Unternehmen, das mit 2900 Arbeitsplätzen und elf Standorten in der Schweiz zu den grössten industriellen Arbeitgebern des Landes gehört.

Der Hauptsitz der neu gebildeten Gruppe Hitachi ABB Power Grids befindet sich seit Anfang Juli an der Brown-Boveri-Strasse 5 in Zürich. Das ist eine äusserst passende Adresse, denn die Wurzeln des Unternehmens reichen bis zu den beiden Pionieren Charles Brown und Walter Boveri zurück, die im 19. Jahrhundert die Firma Brown Boveri & Co. (BBC) gegründet hatten, die viele Jahrzehnte später, 1986, mit dem schwedischen Konkurrenten Asea zur ABB, dem grössten Schweizer Industriekonzern, verschmolz.

Komplizierte Entflechtung

Es war ein einfacher Umzug, denn die Lokalität gehörte dem nur wenige Gehminuten entfernten Verkäufer ABB. Der Zürcher Industriekonzern hatte hier sein Hochspannungsgeschäft untergebracht. Seit einigen Monaten ist es nun der Hauptsitz von Hitachi ABB Power Grids, die ehemalige ABB-Division Stromnetze, an der die Japaner per Anfang Juli 2020 eine Beteiligung von 80,1% erwarben (erstmals bekanntgegeben hatten die beiden Parteien die Transaktion schon im Dezember 2018). Der Nettoerlös von 7,6 Mrd. $ wird gestaffelt den ABB-Aktionären ausgeschüttet. Bis nächsten März werden für 4,2 Mrd. $ eigene Aktien am Markt erworben. Die restliche Beteiligung von 19,9% kann die ABB höchstens noch drei Jahre halten, danach kann sie an die Japaner verkauft werden.

Angesichts der Grösse des verkauften Bereichs und der über die Jahre immer engeren Verflechtung innerhalb der ABB-Gruppe dauerte die Herauslösung («carve-out») lange, 18 Monate. Trotzdem zeigt sich Claudio Facchin erfreut, dass der Zeitplan trotz der Sars-CoV-2-Pandemie eingehalten werden konnte. Der ABB-Veteran ist der erste CEO des Unternehmens. Dass der Sitz in der Schweiz ist und das bisherige Management nicht ausgewechselt wird, sei Bestandteil der 11-Mrd.-$-Transaktion gewesen, erzählt der in Venezuela aufgewachsene Italiener, der schon seit einem Vierteljahrhundert für die ABB arbeitet. Rechtlich bleibt Hitachi ABB Power Grids vorerst der ABB Schweiz angehängt. Die Firma verfügt aber schon jetzt über einen eigenen Verwaltungsrat, dem u. a. der ABB-Finanzchef Timo Ihamuotila sowie das ehemalige Geschäftsleitungsmitglied Frank Duggan angehören. Organisatorisch und buchhalterisch ist das Unternehmen seit Mitte Jahr jedoch Teil der Hitachi-Konzernsparte Energie.

Hitachi ABB Power Grids bestreitet rund 70% des Spartenumsatzes. Gruppenweit dürfte das neue Geschäft etwa 10 bis 12% der konzernweiten Einnahmen ausmachen. Das zurückliegende, erstmals konsolidierte Quartal (Juli bis September) sei gut gelaufen, sagt Facchin. In dieser Periode seien Aufträge für 2,2 Mrd. $ eingegangen; Ende September belief sich der Auftragsbestand auf 11 Mrd. $. Im Vorquartal (April bis Juni) sei zwar ein «einstelliger Prozentrückgang» zu beklagen gewesen, grössere Stornierungen habe es aber nicht gegeben. Projekte seien lediglich verschoben worden, präzisiert Facchin.

Im Stromnetzgeschäft handelt es sich meist um grosse, mehrjährige Projekte. Deshalb sind die periodischen Schwankungen vergleichsweise gering, nach oben und nach unten. Für das Fiskaljahr 2020 (per Ende März 2021) rechnet Hitachi mit einem etwa 9% geringeren Umsatz von umgerechnet rund 76 Mrd. $.

Die publizierten Zahlen sind nur beschränkt vergleichbar, denn mit dem Besitzerwechsel hat auch die Rechnungslegung geändert. ABB wendet US GAAP an, Hitachi erhebt die Zahlen nach IFRS. Klar hingegen ist, dass das Stromnetzgeschäft schon zu ABB-Zeiten harzig verlief. Zu einer grösseren Bereinigung kam es 2016 mit dem Ausstieg aus dem defizitären Geschäft mit Offshore-Windanlagen, dessen Komplexität unterschätzt worden war. Facchin, unter dessen Leitung die damalige Umstrukturierung durchgeführt wurde, spricht von einem «harten Lernprozess».

Von 2017 bis 2019 waren der Umsatz und die Rentabilität der ABB-Stromnetzdivision rückläufig – die Ebit-Marge ging zunächst von 11,5 auf 10,2 und dann auf 7,3% zurück. Derzeit liegt sie noch tiefer, weil damals gewisse Kosten noch von der Zentrale bestritten wurden. «Die Rentabilität ist noch nicht dort, wo ich sie haben möchte», sagt Facchin. Immerhin dürfte das Geschäft nach wie vor schwarze Zahlen schreiben. Der Umsatz der gesamten Hitachi-Gruppe sank in der ersten Hälfte des Fiskaljahrs 2020 um 11% auf umgerechnet 36 Mrd. $ und die bereinigte Ebit-Marge von 7 auf 4,8%. In der Energiesparte lag die Marge im roten Bereich, bei –1,8%.

Claudio Facchin / Hitachi ABB Power Grids / B

Claudio Facchin / Hitachi ABB Power Grids / B

Antonio Mollo

An der langen Leine

In den Augen der neuen Besitzer soll das neue Geschäft indes nicht nur einen finanziellen, sondern auch einen besonderen strategischen Beitrag für den Konzern leisten. Mit einem Umsatzanteil von 49% im Heimmarkt kann sich Hitachi nur bedingt als internationaler Konzern bezeichnen. «Hitachi möchte von uns lernen, wie man das Unternehmen globaler aufstellen könnte», sagt Facchin. Das mag auch der Grund sein, weshalb Hitachi ABB Power Grids an der langen Leine geführt wird. Zu einem Kulturschock sei es nicht gekommen, vielmehr gebe es zwischen den beiden Partnern viele Gemeinsamkeiten. Beide seien von Ingenieuren geführt. «Technologie ist unsere gemeinsame Sprache», sagt Facchin, der bei der ABB von 2010 bis 2013 die Region Nordasien geleitet hatte und in dieser Zeit auch die japanische Mentalität und Kultur ein Stück weit kennenlernen konnte. Anschliessend übernahm er bei ABB die Leitung der gesamten Stromnetzsparte und gehörte bis Ende 2019 auch der Konzernleitung an.

In Japan beschäftigt Hitachi ABB Power Grids zurzeit erst etwa fünfzig Mitarbeiter. Seit September wird das japanische Stromnetzgeschäft von Hitachi integriert; Überlappungen gebe es wenig, betont Facchin. Trotz der derzeitigen Flaute – einige Mitarbeiter in der Schweiz seien nach wie vor auf Kurzarbeit gesetzt und die Kapazitäten nicht voll ausgelastet – zeigt sich der Manager mittelfristig äusserst zuversichtlich. Vor allem von den riesigen Stimulierungspaketen, die in verschiedenen Ländern geschnürt werden, verspricht er sich viel. Im Auftragseingang sei das aber noch nicht sichtbar, fügt er an.

Die Krise habe hingegen zu einer «noch nie erlebten Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Kunden und uns geführt», sagt Facchin. Projektentscheide würden nun schneller getroffen. Und das Potenzial mutet riesig an: Je nach Szenario werden in den nächsten zehn Jahren jährlich zwischen 400 Mrd. und 800 Mrd. $ in die weltweiten Stromnetze investiert. Als Weltmarktführer mit einem geschätzten Anteil von 10 bis 12% will Hitachi ABB Power Grids daran partizipieren. «Wir waren, sind und bleiben globaler Marktführer», äussert sich Facchin überzeugt.

Auf absehbare Sicht sind trotzdem kaum grosse Sprünge und riskante Transaktionen zu erwarten. Die nächsten zwei Jahre gelte es, die Organisation zu stabilisieren und den Exit der ABB vorzubereiten, erklärt Facchin die Marschrichtung. Von Hitachi verspricht er sich eine Belebung in Sachen Digitalisierung. Diese befinde sich zwar schon im Gang, aber im Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen stecke sie noch in den Anfängen. Weil Stromnetze zu den kritischen Infrastrukturen gehören, verhält sich die Branche vergleichsweise konservativ. Den Unterschied macht wohl die Tatsache, dass Hitachi jedes Jahr Milliarden in die eigene Technologielösung (Lumada) investiert, um die Steuerung von Maschinen und Anlagen (Operationale Technologie, OT) mit der Informationstechnologie (IT) zusammenzubringen. Die kleinere ABB kann laut Facchin nicht so viel Geld dafür ausgeben. Der Schweizer Industriekonzern setzt in der Technologie denn auch zunehmend auf Partnerschaften mit grossen IT-Firmen.

Aber auch die eigenen Kompetenzen baut Hitachi ABB Power Grids aus: Als erste (kleinere) Akquisition hat sie im Herbst die US-Firma Pioneer Solutions gekauft, die fürs Energiemanagement eine IT-Lösung hat. Denn mit schlüsselfertigen Stromnetzen und elektrischen Anlagen allein ist es nicht mehr getan. Zunehmend wichtiger werden das Servicegeschäft und die IT-Lösungen für die nachfragebedingte Steuerung des Stromnetzes. «Zusammen mit unseren Kunden entlang der gesamten Wertschöpfungskette wachsen» lautet Facchins Credo.

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