Switzerland

«Wir haben den Anspruch, dass wir ohne Leid und praktisch ohne Todesfälle durch die Pandemie kommen. Das ist zwar verständlich, aber völlig unmöglich.»

Laut dem Basler Kantonsarzt Thomas Steffen lehrt uns die Pandemie zu akzeptieren, dass wir nicht alles in unserer Hand haben. Der bedingungslose Kampf um das Leben stimme möglicherweise nicht in jedem Fall für jede Person. Das Ende des Tunnels sieht der Kantonsarzt im kommenden Frühling.

Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen zu den Alters- und Pflegeheimen: «Indem wir alles gut machen wollen, produzieren wir möglicherweise zusätzliches Leid.»

Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen zu den Alters- und Pflegeheimen: «Indem wir alles gut machen wollen, produzieren wir möglicherweise zusätzliches Leid.»

Gaëtan Bally / Keystone

Nach einem ruhigen Sommer ist jetzt Corona wieder omnipräsent. Als Kantonsarzt sind Sie nahe an der Bevölkerung. Wie reagieren die Leute?

Sie sind aufgewühlt. Sie spüren, dass da etwas passiert. Die jüngsten Entwicklungen lösen Ängste und Verunsicherung aus. Im Sommer gab es viel Kritik an den Schutzmassnahmen. Jetzt werden wir wieder vermehrt gefragt, ob die Schweiz genug macht zur Eindämmung des Virus.

Hätte der Bundesrat und die Kantone die Bevölkerung im Sommer auf eine zweite Welle vorbereiten sollen?

Das war schon ein Thema. Wir sagten, wir müssen die Schutzmassnahmen beibehalten, sonst kommt das Virus im Herbst mit grosser Kraft zurück. Vermutlich hätten wir es noch deutlicher sagen sollen. Aber ich bezweifle, ob diese Botschaft im Sommer gehört worden wäre. Die Gesellschaft war damals nicht offen dafür. Man genoss die wiedererlangten Freiheiten.

Der Regierung wäre vorgeworfen worden, Angst und Panik zu schüren.

Für eine Balance braucht es auch diese Stimmen. Ein Chemie-Nobelpreisträger sagte mal, wer nur das Fach Chemie beherrsche, sei nicht einmal darin gut. Wir können nicht die ganze Welt aufgrund von epidemiologischen Kriterien regeln. Die reine Lehre existiert nur im eigenen Fachgebiet. Es ist deshalb wichtig, auch gesellschaftliche, psychologische und wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen. Das macht den Prozess natürlich sehr schwierig.

Gelingt es in der Schweiz, alle relevanten Aspekte einzubeziehen?

Ja. Beispiel Grossveranstaltungen: Der Bundesrat hat sie zugelassen, weil er nicht nur die epidemiologische Lage, sondern auch die Anliegen der Veranstalter und der Gesellschaft gewichtet hat. Ich kann mir in einer pluralistischen Gesellschaft gar keinen anderen Weg vorstellen. Ich bin Epidemiologe, sehe aber auch, wie stark die KMU leiden.

Die Menge an Informationen zur Pandemie ist gewaltig. Wie kommen die Leute damit zurecht?

Wir haben bald Labordaten in Echtzeit. Wir führen mit der Bevölkerung epidemiologische Diskussionen, die ich früher nur aus Masterkurs-Workshops kannte. Die Leute haben aber Mühe, sich in der Informationsflut zurechtzufinden. Sie hinterlassen beim Einzelnen ein Gefühl der Ohnmacht.

Dies macht auch Diskussionen schwierig, weil jeder seinen Standpunkt mit einer Studie oder einem Bericht untermauern kann.

Unterschiedliche Standpunkte und der Austausch von Argumenten gehören zum wissenschaftlichen Diskurs. So gelangt man zu neuen Erkenntnissen. Doch die breite Bevölkerung, die Halt sucht und wissen will, wo wir stehen und wohin wir gehen, ist damit massiv überfordert. Die Maskendiskussion fand ich aus fachlicher Sicht interessant. Es gab laufend neue Studien und Fakten. Aber dies hat die Bevölkerung verwirrt und allerhand Thesen Vorschub geleistet.

Es gibt viele unterschiedliche Meinungen in der Gesellschaft zu Corona und den Einschränkungen, und auch die Sichtweise jedes Einzelnen kann hin- und her schwanken zwischen Angst und Abwehr gegen weitere Massnahmen. Passiert Ihnen das manchmal auch?

Ich versuche mich in andere Positionen hineinzudenken. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich völlig auf eine Sichtweise verengt. Wir können zwar sachlich argumentieren, es schwingen aber immer auch Emotionen mit. Wir haben Ängste, Hoffnungen und Bedürfnisse. Bei der Aids-Epidemie haben wir schnell realisiert: Wenn wir das Problem nicht ganzheitlich betrachten und nur auf die Risikogruppen fokussieren, führt dies zu gesellschaftlichen Spannungen. Wir fanden dann einen gesellschaftlichen Konsens zum Umgang mit der Krankheit.

Und bei Corona?

Da gibt es noch keine Mainstream-Sicht, mit der wir uns durch diese Geschichte hindurchkämpfen. Die Bevölkerung wäre vermutlich offen dafür. Das sehen wir beim Contact-Tracing, das überhaupt nicht funktionieren würde, wenn die Menschen nicht ihren Beitrag leisteten. Nach der Einführung der Reisequarantäne staunten wir, als wir bereits am zweiten Tag mit Meldungen überflutet wurden.

Derzeit prallen, wenn man in die sozialen Netzwerke schaut, zwei Welten aufeinander: Die einen fordern einschneidende Massnahmen, den anderen gehen bereits die bestehenden Einschränkungen zu weit.

Diese Pole wird es immer geben, und das ist auch in Ordnung. Wir müssen aber die breite Bevölkerung, welche die Massnahmen – manchmal mit Murren – mitträgt, stärker ansprechen. Sonst erhalten die extremen Meinungen zu viel Gewicht und verzerren das Bild.

Wie entsteht ein solcher gesellschaftlicher Konsens, den Sie fordern?

Es braucht klare Worte, wo wir im Moment stehen. Wir haben zu lange gedruckst, bis wir von einer zweiten Welle sprachen. Zudem benötigen wir eine Perspektive: Herbst und Winter sind schwierig, aber im nächsten Frühling wird es besser. Wenn wir uns als Gesellschaft darauf einstellen könnten, wären die kommenden Monate einfacher zu bewältigen. Sonst besteht die Gefahr, dass wir dauernd hin- und hergerissen werden zwischen «es ist nichts» und «es wird ganz schlimm» .

Im Frühling bestand ein Konsens darin, eine Überlastung des Gesundheitssystems und im Speziellen der Intensivpflegestationen zu vermeiden. Gilt das weiterhin?

Ja. Wobei eine weitere Dimension hinzukommt. Wir haben den Anspruch, dass wir ohne Leid und praktisch ohne Todesfälle durch die Pandemie kommen. Das ist zwar verständlich, aber völlig unmöglich.

Sie sprechen schwierige ethischen Fragen an. In der Schweiz haben wir grundsätzlich den Anspruch, allen Kranken die bestmögliche medizinische Behandlung zu geben. Das heisst bei Corona: keine Triage vor den Intensivstationen. Müssen wir diese Haltung überdenken?

Wir versuchen den Menschen zu sagen, dass sie in den kommenden Monaten mit solchen Fragen konfrontiert sein könnten. Idealerweise würden sich die Leute in guten Zeiten überlegen, unter welchen Umständen sie auf eine lebenserhaltende Behandlung verzichten möchten. Zahlreiche ältere Menschen haben mir glaubhaft gesagt, dass ihnen der Kontakt zu den Enkeln wichtiger ist als der Schutz des eigenen Lebens – auch im Wissen um die eigene Endlichkeit. Bei einer lebensbedrohenden Erkrankung würden sie den Platz auf der Intensivstation jemand anderem geben.

Der Tod kommt durch die Pandemie wieder näher an die Gesellschaft heran.

Heute existieren Leiden und Tod fast nicht. Wir kämpfen gegen den Krebs bis zur letzten Minute – und dann verlieren wir halt. Aber da fehlt etwas dazwischen. Tod und Sterben sind Teil des Lebens. Weil wir diesem Thema zu wenig Gewicht geben, sind solche Situationen wie jetzt sehr schwierig. Wir kämpfen meist um jeden Preis um das Leben. Möglicherweise stimmt das nicht in jedem Fall für jede Person. Das heisst nicht, dass wir unsere Leben nicht maximal schützen sollten. Aber maximal heisst für den Einzelnen das, was er braucht und will.

Sehr bedrohlich ist das Virus in Alters- und Pflegeheimen. Wie sollen diese damit umgehen?

Mit steigenden Fallzahlen gibt es mehr Ansteckungen in Alters- und Pflegeheimen und dadurch auch Todesfälle. Dann wird jeweils reflexartig ein Schuldiger gesucht. Weil es in Pandemien viele Zufälligkeiten gibt, führen Schuldzuweisungen nirgends hin. Todesfälle in Heimen werden wir leider nicht absolut verhindern können. Aber jede Verschärfung bedeutet auch eine Belastung für den einzelnen Menschen, die Gesellschaft und die Wirtschaft, welche im Auge behalten werden muss. Selbst Bewohner von Heimen haben sich im Frühling gewehrt, «eingesperrt» zu sein. Indem wir alles gut machen wollen, produzieren wir möglicherweise zusätzliches Leid. Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht alles in unserer Hand haben und auf dieser Basis mit dem Wohl der Menschen vor Augen die nötigen Massnahmen treffen.

Sie sagen, im nächsten Frühling sehen wir das Ende des Tunnels. Was heisst das?

Wir werden im Frühling hoffentlich wieder zumindest schrittweise in ein ähnliches Leben zurückkehren, wie wir es kennen. Gleich wird es nicht mehr sein, das zeigen frühere Pandemien. Entweder wir verfügen dann über eine Impfung, oder wir haben noch besser gelernt, mit dem Virus zu leben, und können die Krankheit erfolgreicher behandeln.

Thomas Steffen, Kantonsarzt Basel-Stadt, an einem «point de presse» zur Coronavirus-Lage vor wenigen Tagen in Bern.

Thomas Steffen, Kantonsarzt Basel-Stadt, an einem «point de presse» zur Coronavirus-Lage vor wenigen Tagen in Bern.

Peter Schneider / Keystone

Welche Veränderungen haben frühere Pandemien gebracht?

Die Cholera-Epidemie im 19. Jahrhundert hat dazu geführt, dass die Basler Innenstadt weniger dicht bebaut wurde. Damals gab es die – sehr umstrittene – Luft- und Lichttheorie: Wenn die Städte zu eng bebaut sind, hat die Cholera leichteres Spiel. Basel begann deshalb, Häuser abzureissen. Ich bin aber zuversichtlich, dass Pandemie-bedingte Verhaltensweisen wie das grosse Abstandhalten und die Skepsis gegenüber anderen verschwinden werden. Das war bei der Spanischen Grippe auch so.

Sie sind Epidemiologe: Verläuft die gegenwärtige Pandemie nach Lehrbuch?

Wir haben Glück, dass Corona junge Menschen nur sehr selten schwer trifft. In den Pandemieplänen gingen wir von anderen Szenarien aus. Tückisch ist, dass viele Infizierte keine Symptome zeigen, aber das Virus dennoch weiterverbreiten können. Das ist bei der Grippe anders.

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