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Wir alle sterben am Leben, zuerst aber müssen wir es überleben. Thomas Hürlimann hat es am eigenen Leib erfahren

Der Schriftsteller ist dem Tod mehrmals von der Schippe gesprungen. Er ging durch die harte Schule des Lebens.

«Ich habe überlebt», sagt das Kind, als es von der Mutter erfährt, dass vor ihm bereits zwei Geschwister zur Welt gekommen, aber gleich nach der Geburt gestorben waren. Das Kind hat überlebt, gewiss, aber das ist nur der eine Teil der Geschichte. Es wird von dem Tag an ein Kainsmal mit sich herumtragen, denn an seinem Überleben wäre die Mutter beinahe verblutet. Schon gab man ihr im Kindbett die Sterbesakramente, da bat der Vater, man möge das Kind doch zur sterbenden Mutter legen, damit es wenigstens einmal in ihren Armen geruht habe.

Da geschieht das Unwahrscheinliche: Der Blutfluss versiegt, die Mutter überlebt. Aber was ist mit dem Neugeborenen? Hat es die Mutter in Lebensgefahr gebracht, oder hat es ihr allein durch seine Gegenwart das Leben gerettet, und wird man ihm also auf immer und ewig dankbar sein? Oder hat es die vom Leben längst erschöpfte Mutter zurückgestossen ins Dasein und damit ahnungslos Schuld auf sich geladen? Doch was von alledem wäre leicht zu ertragen?

Erzählen heisst bei Thomas Hürlimann immer auch: Arbeit am Erlebten. Seine Geschichten verwandeln sich, sooft er sie aufzeichnet.

Erzählen heisst bei Thomas Hürlimann immer auch: Arbeit am Erlebten. Seine Geschichten verwandeln sich, sooft er sie aufzeichnet.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Thomas Hürlimann erzählt die Geschichte seiner Geburt in einem der Texte, die jüngst in dem Essayband «Abendspaziergang mit dem Kater» erschienen sind. Die kleine Episode ist in dem Buch nur eine Marginalie, und dennoch steht sie wie eine auf den Kopf gestellte Pietà sinnbildlich über allen existenziellen Gefährdungen, die in diesen Texten aufscheinen: Die sterbende Mutter kehrt in den Armen des Säuglings ins Leben zurück. Dem Kind wurde eine immense Hypothek aufgebürdet, der Tod stand ihm von Anfang an Pate.

Der Metzger mit dem Messer

Es ist kein Zufall, aber auch nicht einfach nur kühle Berechnung, sondern eine kühne poetische Komposition, dass dieser Text, «Berliner Madonna» heisst er, mit einer furchterregenden Totentanz-Szene und mit einer nun ins Tragikomische kippenden Pietà-Figur endet. Thomas Hürlimann schildert seinen Autounfall, den er wohl nur darum überlebt hat, weil ein Säugling erwacht war, der mit seinem Weinen die Mutter geweckt hatte, die mit dem Kind ans Fenster trat, eine Blutspur sah und in der Meinung, ein halbtotes Tier liege verendend vor dem Haus, ihren Mann, der Metzger war, mit einem grossen Küchenmesser hinausschickte.

Der schwerverletzte Hürlimann hatte sich, ahnungsvoll, an die Friedhofmauer gegenüber dem Haus gerettet, wo er endlich vom herbeigerufenen Notarzt «in allerletzter Sekunde» eine Bluttransfusion erhielt. Um diese blutige Pietà herum standen inzwischen der Metzger mit seinem Messer sowie ein Polizist, während wiederum von ihrem Fenster aus die Frau, ihrerseits wie eine Madonna, mit dem gestillten Säugling im Arm die Szenerie betrachtete.

Thomas Hürlimann hat diesen Selbstunfall mehrfach dargestellt in essayistischen wie literarischen Texten, zuletzt stand er auch als zentrales Ereignis im Mittelpunkt seines Romans «Heimkehr». Als eine zweite Geburt und als zweites Nahtodereignis nach der Errettung der Mutter gehört der Unfall zu den elementarsten Grenzerfahrungen im Leben des Schriftstellers, vergleichbar nur noch mit dem Tod des an Krebs erkrankten Bruders sowie der eigenen Krebserkrankung, die ihn mehrmals in die Todeszonen gebracht hatte. Auch davon berichtet Thomas Hürlimann in diesem Essay-Band wiederholt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Erzählen aber heisst bei diesem Denker und Schriftsteller immer auch: Arbeit am Erlebten. Die Geschichten sind darum nie auserzählt, sooft Hürlimann sie auch wiederholt, sie geben stets mehr und anderes preis, weil sie immer neue Denkwege eröffnen. Hier führen die Wege, wie könnte es anders sein bei so vielen Madonnen, mitten ins Herz des religiösen Empfindens. Was wiederum im 21. Jahrhundert nicht weniger heisst als: mitten in die Krise einer fast allem Religiösen entfremdeten Gesellschaft, die das Heilsgeschehen gerade dort noch duldet, wo es das Leben verlängert: im Medizinischen nämlich.

Thomas Hürlimann zeigt nicht mit dem Finger auf die närrisch gewordene Gegenwart, sondern sieht an sich selbst, wie schnell wir uns in unauflösbare Widersprüche verstricken. Dass «der Wunsch nach Unsterblichkeit mehr und mehr vom Religiösen ins Medizinische verlegt» wird, diagnostiziert er nüchtern und luzid. Aber er verschweigt auch nicht, dass er im Augenblick, da er mit dem Krebsbefund konfrontiert worden sei, alle Fortschrittsskepsis zur Hölle habe fahren lassen und Erlösung von der Hochtechnologiemedizin vielleicht nicht gefordert, aber jedenfalls erhofft habe.

Holzwege und Heimwege

In dem von Jesus von den Toten auferweckten Lazarus sieht er darum nicht nur eine tragische Nebenfigur der Bibelgeschichte: «Lazarus ist der Hund, der ewig leben muss.» Er verkörpere vielmehr geradezu den Zeitgeist unserer Gegenwart, «die alle Grenzen verwischt, die Grenze zwischen Jugend und Alter, zwischen Leben und Tod». Hürlimann sagt es nicht, aber wir dürfen es vermuten. Er hat in dem Heiligen auch eine Art Bruderfigur erkannt. Denn wie oft ist Hürlimann dem Tod von der Schippe gesprungen, und hat er nicht als Säugling, kaum auf der Welt, auch die Mutter zu einem Lazarus-Leben gezwungen?

Jede Wiedergeburt ist eine Häutung, und mit jeder Auferstehung – und sei sie so profan wie jene, die der Notarzt an der Friedhofmauer herbeiführt – beginnt das alte Leben neu und ein neues von vorne. Über solche Verwandlungen und Aufbrüche denkt Thomas Hürlimann in den Essays nach, mit Scharfsinn und Witz, freilich mit dem klaren Bewusstsein dessen, der weiss, dass alle Lebenswege sowohl Holzwege wie zugleich immer Heimwege sind. Und darum ist auch Hürlimanns Romantitel «Heimkehr» ganz wörtlich zu nehmen und die Probe aufs Exempel dieser Reflexionen, die beharrlich an jene Orte zurückkehren, wo das Leben und das Denken in lose Enden auszufransen drohte.

Es ist nicht besonders erstaunlich, dass der pubertierende Jugendliche in der Klosterschule zu den Gründungsmitgliedern eines Atheistenklubs gehörte. Etwas Vorwitz und Phantasie reichten dazu aus, beides wird Hürlimann als natürliche Gabe mitgebracht haben. Als Mutprobe für die Aufnahme in den Klub mussten die rebellischen Geister während des sonntäglichen Hochamtes einen Papierflieger mit einer gotteslästerlichen Botschaft von der Kuppel ins Kirchenschiff segeln lassen. Hürlimann liess seinen Flieger mit einem saftigen Nietzsche-Zitat in die Tiefe stürzen: «Religion ist der Wille zum Winterschlaf.»

Erinnerungen an die Klosterschule

rbl. · Thomas Hürlimann hat schon bei vielen Gelegenheiten Anekdoten aus seiner Schulzeit im Kloster Einsiedeln erzählt, darunter gehört die Papierflieger-Episode mit dem provokativen Nietzsche-Zitat zu den bekanntesten. Nun hat ihn Joachim Leser dazu gebracht, seine Erinnerungen einmal im Zusammenhang wiederzugeben. Daraus ist ein ebenso bemerkenswertes wie vergnügliches Hörbuch entstanden, in dem der heute in Walchwil am Zugersee lebende Schriftsteller während zweier Stunden Geschichten aus der Kindheit und der Zeit im Kloster zum Besten gibt. Dabei erinnern die Erzählungen aus dem Internat an eine Epoche starrer Traditionen und pädagogischer Repressionen, die gerade in den Jahren, die Hürlimann erlebt und mitgeprägt hatte, in den Strudel des 68er-Aufbruchs gerieten und zum grösseren Teil hinweggefegt wurden. Zum anderen aber berichtet Hürlimann auch aus dem Schulalltag, der wiederum von herausragenden Lehrern geprägt war. «Der Philosophie-Unterricht im letzten Schuljahr», so erzählt Hürlimann, «gehört zu den grössten Geschenken meines Lebens.»

Einsiedeln. Thomas Hürlimann erzählt seine Kindheit und Jugend im Kloster. Hörbuch-Verlag Supposé, 2 CD, 129 Minuten, Booklet, 16 S., Fr. 41.90.

In all dem Weihrauch und zwischen den vielen aufgeschreckten Mönchen muss die halbstarke Pose des Atheisten ein dankbares Vergnügen gewesen sein. Aber was war das für ein böses Erwachen, als der junge Student keine zehn Jahre später nach Berlin kam und nun seinerseits erschrocken feststellte: «Gott, Metaphysik, Transzendenz: lauter alte Hüte.» Die 68er hatten ganze Arbeit geleistet. Aus dem lustigen Spiel der Provokationen unter der Kirchenkuppel war längst bitterer, schlimmer noch: humorloser Ernst geworden.

Gott ist tot

Glücklich habe ihn dieser Aufbruch nicht gemacht, schreibt Hürlimann, im Gegenteil: «Ich hatte Heimweh nach den verlorenen Ober- und Überwelten, meine metaphysischen Antennen zappelten ins Leere.» So begann bereits in Berlin die lange Heimkehr eines ernüchterten jungen Mannes, der sein Obdach mutwillig preisgegeben hatte: um alsbald festzustellen, dass diese religiöse Obhut auch da, wo er herkam, inzwischen gründlich in Stücke gehauen war. Dass Gott tot sei und dass auch er nur mehr auf die Auferstehung hoffen könne, ist eine etwas maliziöse Pointe von Hürlimanns eigener Bekehrungsgeschichte.

Die erstaunlichere, die eigentliche Pointe ergibt sich freilich aus der Parallele mit dem Essay «Der doppelte Gottfried», in dem Hürlimann über den atheistischen Ausbruchsversuch Gottfried Kellers schreibt. Denn auch Keller musste, so Hürlimann, nach Berlin gehen, um seine innere Kompassnadel wieder in zweifacher Hinsicht auszurichten: in der Vertikalen einerseits, da Gott in seine Vorstellungswelt zurückkehrte, in der Horizontalen anderseits, die das Dasein nicht allein in den Horizont der Zukunft, aber vor allem in jenen der Herkunft rückte. Auch Keller kam wie Hürlimann doppelt geläutert und halbwegs versöhnt mit sich aus Berlin zurück.

Wenn die Kunst des Essays darin besteht, besonnen über das Leben nachzudenken und diese glänzenden Reflexionen überdies in sich gegenseitig erleuchtende Konstellationen zu stellen: dann ist Thomas Hürlimann mit diesem Band ein meisterliches Werk gelungen.

Thomas Hürlimann: Abendspaziergang mit dem Kater. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2020. 303 S., Fr. 33.90.

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